Max Verstappen - GP Brasilien 2018 Red Bull
Verstappen - Ocon - GP Brasilien 2018 - Rennen
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Start - GP Brasilien 2018 - Rennen 63 Bilder

Taktik-Check GP Brasilien 2018

Der weggeworfene Sieg

Eine Kollision entschied den GP Brasilien. Red Bull stellte am Sonntag wieder einmal das schnellste Auto. Weil momentan keiner so gut die Reifen nutzt wie die zwei RB14. In unserem Taktik-Check werfen wir noch einmal einen genaueren Blick auf das Sao-Paulo-Rennen.

In Brasilien wiederholte sich das Muster der Rennen zuvor. Die Reifen machen die Musik. Alles hängt davon ab, wie die Autos mit den heiklen Pirelli-Sohlen zurechtkommen. Red Bull nutzte die Reifen am Renntag von Austin, Mexico-City und Sao Paulo besser als die Konkurrenz. Ferrari war in den USA und Mexiko noch auf Ballhöhe, in Brasilien schon nicht mehr. Mercedes hatte in allen drei Rennen Reifenprobleme. Alle unterschiedlicher Natur. Dazu kam noch Ärger mit dem Motor.

Trotzdem feierte Lewis Hamilton in Brasilien seinen zehnten Saisonsieg. Max Verstappen stolperte auf dem Weg zum Sieg über den überrundeten Esteban Ocon. Der Holländer war an diesem Tag der schnellste Mann auf der Strecke. Auch mit einem beschädigten Auto. Die Kollision mit Ocon hatte ein großes Stück aus der rechten Bodenplatte gerissen. Dem Red Bull fehlten 10 Prozent Abtrieb.

Hamilton fehlten dagegen schätzungsweise 50 PS Motorleistung. Der spätere Sieger musste wegen eines gebrochenen Auspuffs und viel zu hoher Motortemperaturen die Leistung reduzieren. Das kostete mindestens vier Zehntel pro Runde.

Hätte Daniel Ricciardo wegen einer weiteren Motorenstrafe nicht von Platz 11 starten müssen, wäre auch er angesichts der angeschlagenen Autos vor ihm noch ein Siegkandidat gewesen. Doch der Australier rannte sich zum Schluss am Ferrari von Kimi Räikkönen fest.

Der Finne erreichte Normalform. Er kam nur 4,7 Sekunden hinter dem Sieger ins Ziel. Sebastian Vettel spielte keine Rolle. Bei ihm blieben die Reifen zu kalt, egal welche Sorte. Ein defekter Sensor zwang den WM-Zweiten zu Einstellungen am Lenkrad, die das Auto aus der Balance brachten.

Ferrari-Reifenvorteil nur auf dem Papier

Dabei war die Ausgangslage für die Ferrari ideal. Vettel und Räikkönen gingen auf Soft-Reifen ins Rennen und hatten damit taktisch eine Trumpfkarte in der Hand, weil sie den Zeitpunkt des ersten Boxenstopps flexibler gestalten konnten. „Ich wünschte, wir hätten diesen Luxus gehabt“, gaben die Mercedes-Strategen zu. „Aber es im Q2 bei unsicherer Wetterlage mit Soft-Reifen zu probieren, war ein zu hohes Risiko für uns.“

Ocon vs. Perez - Formel 1 - GP Brasilien 2018
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Ferrari erlebte jedoch schon in der Anfangsphase eine böse Überraschung. In Vettels Auto gab ein Sensor falsche Signale ab. Vettel musste am Lenkrad Korrekturen anbringen, die sich nachteilig auf die Straßenlage auswirkten. „Wir wussten da schon, dass es schwer für Seb werden würde“, erklärte Teamchef Maurizio Arrivabene.

Was genau Vettel verstellen musste, blieb geheim. Es muss sich im Bereich Fahrwerk, Differenzial, Bremsbalance oder Motorbremse gehandelt haben, da die aerodynamische Abstimmung mit dem Start feststeht. Für Vettel kam noch ein weiteres Problem hinzu. „Ich habe mir in der ersten Kurve links vorne den Reifen eckig gebremst, weil Lewis so früh in die Eisen gestiegen ist.“

Spätestens nach Hamiltons Boxenstopp merkten die Ferrari-Piloten, dass der vermeintliche Reifenvorteil beim Start keiner war. „Die Supersoft-Reifen waren schneller und sie haben länger gehalten“, wunderte sich Vettel. Räikkönen biss sich an Bottas fest. „Darunter haben die Reifen gelitten, und der Vorteil war dahin.“

Red Bull fuhr auf den Supersoft-Reifen, als hätten sie eine Garnitur Soft aufgeschnallt. Verstappen schaffte es bis Runde 35, Ricciardo sogar noch vier Runden weiter. Die Silberpfeile standen schon in den Runden 18 und 19 an der Box. Beide mit Blasen auf den Hinterreifen.

Die Angst vor dem Undercut

Doch die malträtierten Reifen waren nicht der Startschuss für die Boxenstopps von Hamilton und Bottas. Eher die Furcht vor einem Undercut der Konkurrenz. Dabei gab es Anzeichen, dass Red Bull gar nicht auf den Vorteil des frühen Boxenstopps aus war. Ricciardo hätte die Ferrari so aus der Reserve locken können, verzichtete aber darauf. „Das war ein gewisses Indiz dafür, dass Red Bull unter allen Umständen einen langen ersten Stint geplant hatte, um im zweiten Stint mit Soft statt Medium-Reifen fahren zu können“, blicken die Mercedes-Ingenieure zurück.

Trotzdem wollte man bei Mercedes sichergehen. Bottas sollte gegen die Ferrari in seinem Getriebe geschützt werden und Hamilton gegen Verstappen. So wie Verstappen aus dem Boxenstopp-Fenster zu Kevin Magnussen kam, holte Mercedes seinen Weltmeister an die Box.

Max Verstappen - Esteban Ocon - GP Brasilien 2018
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Red Bull war es egal. „Verstappen hatte nichts zu verlieren. Er war so viel schneller als alle anderen, egal auf welcher Reifenmischung, dass er auch auf den Undercut verzichten konnte, weil er wusste, dass er später mit den Soft-Reifen alles niederrennt”, waren sich die Männer am Mercedes-Kommandostand bewusst.

Das Renntempo der Red Bull war ihnen ein Rätsel. “Wir konnten mit einem frischen Satz eine schnelle Runde fahren, fielen dann aber für sechs bis sieben Runden in ein Loch, bis sich der Reifen wieder erholte. Verstappen hatte dieses Loch nicht, und das war allein fünf bis sechs Sekunden an Rennzeit wert. Hätten wir so Tempo gemacht wie Max, wären uns die Reifen eingegangen wie in Austin.„

Red Bull-Motorsportchef Helmut Marko glaubt, dass der Temperaturanstieg um acht Grad am Sonntag den eigenen Autos in die Hände gespielt hat. “Wir haben die Reifen besser in Schuss gehalten als Ferrari und Mercedes.„ Vettel verzweifelte mit zu kalten Reifen: “Für uns war es nicht warm genug.„

Verstappen-Mitschuld an Kollision

Hamilton war auf der Medium-Garnitur immerhin schnell genug, um Verstappen nicht weiter als 20 Sekunden davonfahren zu lassen. Der Holländer hätte einen Vorsprung von 22 Sekunden gebraucht, um nach seinem Boxenstopp in Führung zu bleiben. So aber kam er wieder hinter Hamilton auf die Strecke. Was aber kein Problem war. Innerhalb von vier Runden fertigte Verstappen den Champion ab.

Der Brite musste den Motor immer weiter runterdrehen und war am Ende auf der Gerade um 17 km/h langsamer. Verstappen fuhr an dem Mercedes auf der Zielgerade vorbei, als würde der parken. Ricciardo brauchte mit Bottas etwas länger. Der Finne erreichte Normal-Speed auf der Geraden, doch am Ende war auch er machtlos. “Wir sind viel besser aus der letzten Kurve gekommen. Die gute Traktion hat beim Überholen auf der Zielgerade viel geholfen„, erklärte Marko.

Esteban Ocon - Formel 1 - GP Brasilien 2018
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Verstappen hätte es sich locker leisten können, Ocon vorbeifahren zu lassen.

Vor all diesem Hintergrund trifft Verstappen an seiner Kollision mit Ocon eine gewisse Mitschuld. Er und sein Team mussten wissen, dass Mercedes der Konstrukteurs-Titel wichtiger sein würde als der Tagessieg. Und dass man das eindeutig schnellere Auto hatte. “Verstappen war nicht unser Feind. Es ging darum die Autos vor Ferrari ins Ziel zu bringen„, gab Mercedes-Teamchef Toto Wolff zu.

Umso unverständlicher ist, warum sich der Spitzenreiter dann auf Teufel komm raus mit Ocon angelegt hat. Er hätte ihn eine Runde später sowieso wieder völlig gefahrlos überholt, weil Ocons Reifenvorteil dann verschwunden wäre.

Es mag ein Trost für Verstappen sein, dass Hamilton 2013 der gleichen Fehleinschätzung aufgesessen ist. Der Engländer wollte unter allen Umständen verhindern, dass sich der damalige Williams-Pilot Bottas zurückrundet. Doch der Vorteil frischer Reifen ist in Interlagos so gewaltig, dass selbst chancenlose Autos zum Gegner werden.

Dazu ein Auszug der Rundenzeiten in Runde 43, dem Umlauf vor dem Crash: Ocon fuhr 1.12,876 Minuten auf frischen Supersoft, Verstappen 1.13,116 Minuten auf acht Runden alten Soft-Gummis und Hamilton 1.13,451 Minuten auf 24 Runden alten Medium-Sohlen.

Blasen auf den Vorderreifen kein Problem

Bei Hamilton war im Finale links vorne eine riesige schwarze Spur nahe der Außenschulter zu sehen. Doch die Blasen drückten nicht auf die Rundenzeiten. “Wenn es hinten passiert, ist es problematisch„, erklären die Ingenieure. “Deshalb haben unsere Fahrer alles versucht, mehr die Vorderreifen zu belasten. Und so kamen die Blasen im zweiten Stint auf die Vorderreifen.„

Für Mercedes gibt es jetzt noch einmal ein Rätsel zu lösen. Warum gab es in den letzten drei Rennen jeweils Probleme mit den Reifen? Und warum waren die Gründe und Auswirkungen jedes Mal unterschiedlich? “In Interlagos waren wir nicht viel schlechter als Ferrari. Wir sind immerhin 52 Runden auf dem Medium-Reifen gefahren„, wehrten die Techniker die Schwarzmaler ab.

Valtteri Bottas - GP Brasilien 2018
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Bottas legte wie Vettel einen zweiten Sicherheitsstopp ein.

So waren die zweiten Boxenstopps von Vettel und Bottas nicht die Folge von Reifenproblemen, sondern einfach eine Absicherung und der Versuch, etwas anders zu machen. Auch mit der leisen Hoffnung, ein Safety-Car könnte sie vielleicht doch noch zurück ins Rennen bringen. Beide hatten nichts zu verlieren, weil die Lücke nach hinten groß genug war.

Vettel wusste, dass er mit Supersoft-Reifen leichtes Spiel gegen Charles Leclerc haben würde. Und Bottas wusste, dass er vor Vettel bleiben würde, wenn er rechtzeitig reagiert. In der 59. Runde betrug sein Vorsprung auf den Ferrari beruhigende 26 Sekunden.

Im Mittelfeld blieb das Rennen diesmal stabil. Mit kluger Taktik war weder etwas zu gewinnen noch zu verlieren. Dazu waren diesmal die Speed-Unterschiede zu groß. Charles Leclerc war von Anfang bis Ende der beste Fahrer hinter den Top 6. Romain Grosjean hatte im Schnitt immer 7 Sekunden Rückstand auf den Sauber. Dass er nicht aufschließen konnte, war eigene Schuld. Grosjean legte sich in der Startrunde mit Marcus Ericsson an. Wieder mal ein HaasF1 gegen einen Sauber.

Danach fehlten Teile am Auto mit der Startnummer 8. Der andere HaasF1-Pilot musste erst verlorene Plätze beim Start gutmachen, bis er freie Sicht nach vorne hatte. Zu spät. Der Zug nach vorne war bereits abgefahren. Erst in der Schlussphase schloss Kevin Magnussen zu Grosjean auf. Force India war chancenlos. Auf die HaasF1 fehlten über 20 Sekunden. Wenigstens war der Vorsprung auf die Toro Rosso beruhigend. Die fuhren 50 Sekunden hinter Sergio Perez.

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Max Verstappen fuhr dem dritten Saisonsieg entgegen.

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