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Lewis Hamilton - GP Brasilien 2019
Max Verstappen - Formel 1 - GP Brasilien 2019
Pierre Gasly - Formel 1 - GP Brasilien 2019
Carlos Sainz - Formel 1 - GP Brasilien 2019 22 Bilder

Taktikcheck GP Brasilien 2019

Mercedes wollte den Sieg zu sehr

Im Taktikpoker zwischen Red Bull und Mercedes entschied der letzte Boxenstopp. Es war aus Sicht von Mercedes einer zu viel. Doch Lewis Hamilton wollte unbedingt gewinnen. Das langsamere Auto zwang den Weltmeister zum Risiko. Nur wer mit Platz 2 oder 3 zufrieden ist, wäre auf der Strecke geblieben.

Bis zur 54. Runde war der GP Brasilien ein überschaubares Rennen. Für 15 von 20 Fahrern war die Frage, ob ein oder zwei Stopps, zu dem Zeitpunkt bereits beantwortet. Zwei Reifenwechsel waren für die Top Teams die bessere Strategie. Weil man nur dann Tempo machen konnte, ohne sich Sorgen um den Verschleiß zu machen. Ein Stopp machte nur für Fahrer wie Carlos Sainz oder Charles Leclerc Sinn. Sie mussten wegen ihrer schlechten Startplätze gegen den Strom schwimmen. Ferrari disponierte in der SafetyCar-Phase noch auf zwei Stopps um. Nur Sainz hielt mit einem Stopp bis zum bitteren Ende durch. Was ihm schließlich den dritten Platz einbrachte.

An der Spitze sah es einen Stint lang so aus, als könnte sich ein Stopp lohnen. Max Verstappen und Lewis Hamilton schlugen lange Zeit ein gemächliches Tempo an, um ihre Reifen zu schonen. Das zeigt sich schon daran, dass Pierre Gasly nach 19 Runden nur 28 Sekunden Rückstand hatte. Ungewöhnlich wenig für einen Fahrer aus dem Mittelfeld. Die Mercedes-Strategen räumten ein: „Vor dem Start war es zu 90 Prozent ein Zweistopp-Rennen. Im ersten Stint war die Reifenabnutzung aber so gering, dass sich das auf 60 Prozent reduzierte. Erst im zweiten Stint haben wir gemerkt, dass ein Stopp nicht funktioniert. Vor allem bei Bottas, bei dem der harte Reifen massiv abgebaut hat.“

Max Verstappen - GP Brasilien 2019
Wilhelm
Max Verstappen behauptete sich im schnellen Red Bull gegen Hamilton.

Red Bull zwei Zehntel schneller

Herzstück des Rennens war das Duell zwischen Max Verstappen und Lewis Hamilton. Der Red Bull-Honda war an diesem Tag mit kleinem Vorsprung das schnellere Paket. Das zeigt der Vergleich der schnellsten Rennrunden. Verstappen gewinnt ihn mit 1.10,862 zu 1.11,082 Sekunden. In 58 vergleichbaren Runden war Verstappen 34 Mal schneller, Hamilton 24 Mal. Verstappen überholte Hamilton zwei Mal auf der Strecke. Hamilton startete nur einen Angriff auf den Holländer, blitzte aber ab. Damit war für Mercedes klar: Verstappen ist nur über die bessere Strategie zu schlagen. Nach zwei Boxenstopps stand es unentschieden. Der erste Undercut funktionierte, der zweite nicht.

Mercedes handelte getreu ihrem Werbeslogan: „Das Beste, oder nichts“. Jetzt, wo beide WM-Titel gewonnen waren, ging es nur um den Sieg. Ein zweiter Platz war so gut wie ein siebter. Deshalb waren Team und Fahrer gezwungen, in allen Bereichen ins Risiko zu gehen: „Wir haben alle Karten ausgespielt, die wir hatten. Unter dem Strich hatte Red Bull das schnellere Auto. Selbst wenn Lewis die zwei Angriffe von Verstappen hätte abwehren können, wäre er früher oder später in seine Hände gefallen.“

Schauen wir uns die beiden Undercut-Versuche genau an. Beim ersten kam Hamilton mit 1,5 Sekunden Rückstand in Runde 20 zum Service. Eine extrem schnelle Runde in die Box und eine Beinahe-Kollision zwischen Verstappen und Robert Kubica in der Boxengasse brachten Hamilton in Führung.

Doch zu einem hohen Preis. Der Engländer hatte in den beiden Runden vor und nach dem Boxenstopp seinen kompletten Batterievorrat verballert. Er hätte ihn in Runde 22 zum Teil wieder aufladen können, doch Hamilton war so darauf versessen, in Führung zu bleiben, dass er darauf verzichtete. Außerdem musste er so schnell wie möglich am Ferrari von Charles Leclerc vorbei. Als Verstappen mit voller Batterie-Power auf der Zielgeraden angriff, war der Mercedes-Pilot wehrlos. Die Ingenieure räumten eine Teilschuld ein: „Wir hätten Lewis da besser führen sollen.“

Den zweiten Undercut-Versuch in den Runden 43/44 wehrte Red Bull ab. Hamiltons Rückstand war mit 2,9 Sekunden eigentlich schon zu groß. Dann legte Red Bull mit 1,9 Sekunden auch noch einen Boxenstopp in Rekordzeit aufs Parkett. Mercedes war 0,4 Sekunden langsamer. Verstappen ging mit 1,6 Sekunden Vorsprung wieder ins Rennen zurück.

2019 Brazilian GP
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Mercedes versuchte zwei Mal, über einen früheren Boxenstopp an Verstappen vorbeizukommen. Beim ersten Mal klappte es.

Die mutige Entscheidung von Red Bull

Mit der ersten SafetyCar-Phase ging der Zweikampf der beiden Hauptdarsteller in seine zweite Runde. Jetzt pokerte auch Red Bull. Und zog im Vergleich zu Mercedes die Trumpfkarte. Und dann auch noch von der schlechteren Ausgangsposition. Red Bull wusste: Was immer wir tun, Mercedes würde das Gegenteil machen. Chefstrategin Hannah Schmitz traf die mutigste Entscheidung, die man treffen konnte. Sie holte Verstappen für eine Garnitur gebrauchte Soft-Reifen an die Box. Jetzt hatte der Holländer zwar die weicheren Reifen, aber Hamilton die Führung. Mercedes musste das Gegenteil machen. Bei einem gleichzeitigen Boxenstopp hätte sich nichts an der Reihenfolge geändert.

Beim Re-Start unterlief Hamilton der zweite kleine Fehler. Er setzte zum Beschleunigen an, brach kurz ab, um dann doch viel zu früh Gas zu geben. Er hätte theoretisch bis zum Zielstrich warten können. Dann hätte sein Verfolger nur noch 195 Meter Platz gehabt, um ein Überholmanöver zu starten. Die Ingenieure erklären: „Das Problem beim ersten Re-Start war nicht Verstappens Vorteil der weicheren Reifen. Der Medium-Reifen hatte in der ersten Runde nur einen minimalen Nachteil, sagen wir drei Zehntel. Lewis hat sich aber schon in Kurve 11 falsch positioniert. Dadurch konnte sich Max praktisch neben ihn setzen. Von dem Moment, an dem Lewis Gas gegeben hat, war er in der schlechteren Position. Am Ende hat es keine Rolle gespielt. Verstappen hätte ihn mit seinem Speed-Vorteil in den nächsten zwei Runden sowieso überholt.“

Charles Leclerc - GP Brasilien 2019
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Noch einmal spielte das Renngeschehen Hamilton eine Chance zu. Das zweite Safety Car nach dem Ferrari-Crash lud dazu ein, wie Verstappen auf weiche Reifen zu gehen. Der Schachzug hatte nur einen Nachteil. Hamilton würde zwei Positionen verlieren. Alexander Albon lag in Runde 65 nur 1,3 Sekunden hinter dem Mercedes, Pierre Gasly 8,3 Sekunden. Nur die Lücke zu Carlos Sainz war mit 13,8 Sekunden groß genug. Mercedes entschied sich für einen Boxenstopp. Technikchef James Allison sprach später von einem „Anfängerfehler“, auch weil der Platzverlust Hamilton bei nur noch zwei Runden unter Grün in die Ungeduld trieb. Seine Gegner waren nicht Albon und Gasly. „Ich war voll auf Verstappen fokussiert und wollte so schnell wie möglich an den Autos dazwischen vorbei.“

Mit Rücksicht auf Absicherung eines Podiums hat Allison Recht. Aber Hamilton wollte unbedingt gewinnen. Und er drohte noch einen Platz gegen Albon zu verlieren, der ebenfalls auf Soft-Reifen unterwegs war und im Rückspiegel immer größer wurde. Das größte Risiko für Mercedes aber war, dass die Gelbphase bis zum Ziel gar nicht mehr aufgehoben würde. Es lagen so viele Trümmer auf der Bahn, dass es normalerweise mindestens fünf Runden in Anspruch genommen hätte, sie alle zu beseitigen. Dann wäre Hamilton mit weichen Reifen auf dem vierten Platz festbetoniert gewesen. Aus der Sicht der Platzsicherung sprach alles gegen einen dritten Boxenstopp.

Die Strategen nahmen den Risiko-Stopp auf ihre Kappe, auch wenn sie vom Fahrer eingefordert wurde: „Wir haben uns in eine überhastete Entscheidung treiben lassen. Mit zehn Sekunden mehr Zeit hätten wir anders gehandelt. Es war schon ein Fehler, Lewis die Wahl zu lassen. Er hat geklagt, dass die Reifen über den Berg sind, dass er noch eine Position verlieren wird. Wir haben ihm nicht die entscheidende Information gegeben, dass er mit seinen Reifen immer noch Platz zwei hätte verteidigen können. Das geht eigentlich gegen unsere Prinzipien. Bevor wir ihm sagen konnten, dass seine Medium-Reifen noch einen Re-Start vertragen, war er schon in der Boxeneinfahrt.“

Carlos Sainz - GP Brasilien 2019
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Carlos Sainz fuhr vom letzten auf den dritten Platz.

Die Glanzleistung von Carlos Sainz

Ferrari spielte in dem Rennen keine große Rolle. Sebastian Vettel lag nach 52 Runden bereits 21 Sekunden zurück und hatte seinerseits einen Vorsprung von 15 Sekunden auf Leclerc und 21 Sekunden auf Albon. Erst das Safety Car brachte ihn in eine missliche Lage. Albon und Leclerc schlossen auf. Der Teamkollege hatte obendrein dank des Boxenstopps in der Safety Car-Phase frische Soft-Reifen am Auto. Ferraris Super-GAU begann damit, dass Albon beim Re-Start Vettel überrumpelte. Damit kam es erst zum internen Duell, das dann schließlich in einer Kollision endete.

Die beiden Safety Car-Phasen waren für alle die Einladung, entweder alles richtig oder alles falsch zu machen. Sieben Fahrer nutzten die erste Neutralisation zu einem Gratis-Boxenstopp: Max Verstappen, Charles Leclerc, Lando Norris, Lance Stroll, Kevin Magnussen, Nico Hülkenberg und Robert Kubica. Er zahlte sich nur für Verstappen und Norris wirklich aus. Der eine sicherte seine Siegansprüche ab, der andere gewann unter dem Strich eine Position. Draußenbleiben war also die bessere Option. Vor allem für jene, die zwischen den Runden 41 und 50 ihren zweiten Boxenstopp absolviert hatten. In dem eng gestaffelten Mittelfeld zählte die Position im Feld mehr als ein frischer Reifensatz.

Das sagte sich auch McLaren mit Carlos Sainz. Für den Spanier war es die heikelste Entscheidung. Er hatte bereits in Runde 29 auf Medium-Reifen gewechselt. Doch Sainz überstand nicht nur alle Re-Starts, er machte trotz seiner zum Schluss 42 Runden alten Reifen auch noch zwei Positionen gegen Lando Norris und Romain Grosjean gut. Für Grosjean war es möglicherweise die falsche Entscheidung. Die Haas-Piloten haben von allen die größten Probleme, die Reifen für den Re-Start aufzuwärmen. Dazu kam noch ein Problem mit der MGU-K. So rutschte Grosjean beim Re-Start von Platz 7 auf Rang 11. Der Traum von Punkten war ausgeträumt.

Die zweite Safety Car-Phase nutzten nur noch vier Piloten zum Reifenwechsel. Hamilton, weil er darin seine einzige Siegchance sah. Die Williams-Piloten, weil es für sie keinen Unterschied machte. Grosjean aus Verzweiflung. Das Feld lag nach nur sechs Runden im Renntempo noch zu eng zusammen und die Restzeit bis zur Zielflagge war zu knapp, damit sich der Poker mit frischen Reifen auszahlen würde. Im Ziel lagen zwischen Platz 3 und Rang 14 lediglich 6,1 Sekunden. Es waren alles kleine Fotofinishs. Kein Abstand war größer als 0,8 Sekunden.

Motorsport Aktuell Lewis Hamilton - GP Brasilien 2019 Rennanalyse GP Brasilien 2019 Mercedes mit Anfängerfehler

Nach dem verrückten Rennen von Sao Paulo gab es viel zu analysieren.

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