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Lewis Hamilton - Formel 1 - GP Brasilien 2021
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Taktik-Check GP Brasilien 2021

Taktik-Check GP Brasilien 2021 Verstappen in Reifen-Misere gehetzt

Der GP Brasilien wurde im direkten Duell auf der Rennstrecke entschieden. Davor sorgte Mercedes dafür, dass Max Verstappen mit frühen Boxenstopps seine Reifen ruinierte. Wir haben die unterschiedlichen Strategie-Optionen im Taktik-Check analysiert.

Der GP Brasilien war ein Zweistopprennen. Aus den Top Ten haben es nur die Alpine-Piloten mit einem einzigen Reifenwechsel versucht. Das war nur möglich, weil die Rundenzeiten im Mittelfeld im Schnitt um 1,3 Sekunden pro Runde langsamer waren als an der Spitze. "Das Tempo vorne war viel zu hoch. Selbst bei einem Zweistopprennen musste man bis mindestens Runde 40 kommen, damit einem hinten raus nicht die Reifen einbrechen", erzählten die Mercedes-Ingenieure.

Interlagos geht auf die Reifen. Das liegt am Layout der Strecke, wie Aston Martin-Chefingenieur Tom McCollough erklärt: "Die Strecke besteht aus zwei Teilen. Die beiden Geraden und das Infield. Ab dem Ende der Gegengerade folgt eine Kurve der anderen. Der Reifen hat nie Zeit zu verschnaufen und abzukühlen. Er heizt sich in den Kurvenfolgen immer stärker auf, und wenn du in Kurve 12 ankommst, ist er schon ziemlich heiß. Das ist die Kurve vor der langen Zielgerade, und exakt da brauchst du optimale Traktion."

Hamilton mit der besten Traktion

Genau darin lag auch das Geheimnis von Lewis Hamiltons Überholmanöver. Der Engländer kam am besten aus den zwei Kurven, die in die langen Geraden führten. Besonders kritisch für die Reifen waren die schnellen Kurven 6 und 7. "Da war Red Bull deutlich schneller als wir. Und genau da haben sie ihre Reifen hingerichtet", verraten die Mercedes-Ingenieure. Red Bull-Technikchef Adrian Newey verteidigt sich: "Wir mussten im zweiten Sektor aggressiv fahren, um den Nachteil gegenüber Mercedes auf den Geraden wettzumachen."

Mercedes merkte früh, dass Red Bull über die Distanz immer mehr Probleme mit den Reifentemperaturen bekam. Damit lag die Taktik auf der Hand. Man musste sie in frühe Boxenstopps treiben, damit der Schluss-Stint möglichst lang ausfällt. Dann würde die Reifennutzung irgendwann so groß werden, dass sich Verstappen gegen Hamilton und Perez gegen Bottas nicht mehr wehren konnten.

Das Undercut-Fenster schwankte je nach Reifentyp. Beim ersten Wechsel von Medium auf Hart musste der Verfolger mindestens bis auf drei Sekunden dran sein, um eine Chance zu haben, den Gegner mit dem früheren Boxenstopp zu überholen. Beim zweiten Stopp von Hart auf Hart schrumpfte der erforderliche Undercut-Abstand auf 1,5 Sekunden.

Max Verstappen - Lewis Hamilton - GP Brasilien 2021 - Sao Paulo - Rennen
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Max Verstappen wurde von Mercedes gehetzt, damit er früh zum Boxenstopp abbiegen musste.

Red Bulls Angst vor dem Undercut

Als Lewis Hamilton in der 26. Runde zum ersten Mal in die Boxengasse abbog, betrug sein Rückstand auf Max Verstappen 3,7 Sekunden. Es reichte bei identischen Boxenstopp-Zeiten nicht ganz zu einem Überholmanöver. Nach dem Reifenwechsel der beiden Superstars war der Abstand aber auf 1,6 Sekunden geschrumpft.

Doch Mercedes hatte sein Ziel erreicht. Hamilton lag jetzt konstant im Undercut-Fenster seines Gegners, und Red Bull musste jederzeit damit rechnen, dass es Mercedes ein zweites Mal mit dem früheren Boxenstopp versucht.

Der Abstand der beiden WM-Kandidaten schwankte zwischen 0,9 und 1,4 Sekunden. Doch Verstappens Boxenstopp-Optionen waren mehr eingeschränkt als die von Hamilton. Valtteri Bottas lag immer nur rund sechs Sekunden hinter den beiden Spitzenreitern und konnte jederzeit als Helfer für seinen Teamkapitän eingesetzt werden. Ein Boxenstopp unter VSC hatte dem Finnen sieben Sekunden geschenkt und ihn ohne Zweikampf auf der Strecke an Sergio Perez vorbeigebracht.

Der Druck auf Red Bull stieg so stark, dass man bei Verstappen in Runde 40 die Reißleine zog. Charles Leclerc lag schon seit drei Runden aus Hamiltons Boxenstopp-Fenster. Red Bull musste jederzeit mit einem Undercut des Weltmeisters rechnen. Doch das hatte Mercedes gar nicht vor. Obwohl der Reifenverschleiß am Mercedes besser war als der am Red Bull, war jeder Boxenstopp vor Runde 40 tabu.

Auch ein Wechsel auf den Medium-Gummi, von dem das Spitzenquartett jeweils noch eine frische Garnitur in der Hinterhand hatte. Hamilton hatte sich den weicheren Reifentyp für den zweiten Stopp gewünscht. "Der Medium hätte es bei dem Tempo nie bis zum Ende geschafft", winken sie bei Mercedes ab.

Genauso verfehlt war die Kritik von Bottas, der von einem verschenkten Doppelsieg sprach, als man ihn das zweite Mal an die Box holte. "Die Fahrer können am Beginn des Stints nicht einschätzen, wie lange ein Reifen hält. Wir haben die Daten und können die Lebensdauer hochrechnen", widersprachen die Strategen

Lewis Hamilton - Mercedes - GP Brasilien 2021 - Sao Paulo - Rennen
Motorsport Images
Hamilton zog im zweiten Anlauf an Verstappen vorbei und anschließend an der Spitze weg.

Hamilton sollte bis Runde 52 fahren

Als Red Bull einem Undercut von Hamilton zuvorkam, wollte Mercedes seinen Starpiloten zunächst bis Runde 52 fahren lassen, um das Reifen-Delta so groß wie möglich ausfallen zu lassen. Hamilton kam dann doch nur drei Runden nach Verstappen an die Box. "Lewis lief auf ein paar Hinterbänkler auf. Da wir wussten, dass unsere Reifenabnutzung besser war als die von Red Bull, reichte auch ein Delta von drei Runden."

Tatsächlich startete Hamilton schon in Runde 48 seinen Angriff in Kurve 4. Verstappen wehrte ihn mit rabiaten Methoden ab. Auch die zweite Attacke in Runde 57 verpuffte. Diesmal verteidigte sich der WM-Spitzenreiter fair. Doch zwei Runden später war er fällig.

Die Angriffe von Hamilton auf der Gegengerade liefen alle nach dem gleichen Muster ab. Der Mercedes lag beim Beschleunigen aus dem Senna-S wie ein Brett. Verstappen wischte immer das Heck weg. Mit einem um 15 km/h besseren Top-Speed war es nur eine Frage der Zeit, wann Hamilton die Führung übernehmen würde. Er fuhr seinem Widersacher bis ins Ziel noch um 10,4 Sekunden davon.

Bottas Sieger im Duell der Schattenmänner

Auch das Duell der Schattenmänner ging an Mercedes. Dabei hatte Perez die bessere erste Rennhälfte. Der Mexikaner hatte nach einem zögerlichen Sprint im Heck eines Ferrari vom Team vor dem Rennen den Auftrag bekommen, im Zweikampf aggressiver zu fahren. Prompt kämpfte sich Perez im Verlauf der ersten Runde von Platz vier auf zwei vor.

Als ihn Hamilton in der 18. Runde am Ende der Zielgerade ausbremste, konterte Red Bulls Nummer zwei auf der Gegengerade. Hamilton schaffte den Platztausch erst im zweiten Anlauf. Immerhin verhalf Perez dem Chefpiloten zur Flucht. Als Hamilton auf Platz zwei auftauchte, hatte Verstappen ein Polster von 3,8 Sekunden.

Hamilton - Bottas - GP Brasilien 2021 - Sao Paulo - Rennen
Wilhelm
Bottas gewann das Duell gegen Perez auch dank Hilfe des virtuellen Safety-Cars.

Weil Bottas in Runde 27 nur noch 1,5 Sekunden hinter Perez lag, antizipierte Red Bull den Undercut. Das hätte auch Erfolg gehabt, wäre in Runde 30 nicht eine VSC-Phase ausgerufen worden. Valtteri Bottas, Daniel Ricciardo und Esteban Ocon nutzten sie zu einem halb geschenkten Boxenstopp. "Man muss auch mal Glück haben dürfen", entschuldigte sich Bottas.

Perez hatte danach nur noch zwei Aufgaben. Seine Präsenz sollte verhindern, dass Bottas als Blocker gegen Verstappen eingesetzt wird. Deshalb bekam der Finne nur eine Runde nach Verstappen seinen dritten Reifensatz. Hätte er den Boxenstopp hinausgezögert um auf den Holländer zu warten, wäre ihm Perez zuvorgekommen.

Hier ging es auch um Konstrukteurs-Punkte. Da Perez genug Abstand zu den Ferrari hatte, holte ihn Red Bull zwei Runden vor Schluss an die Box. Er sollte auf weichen Reifen Hamilton die schnellste Runde abjagen. Der WM-Vierte erfüllte seinen Auftrag.

Ferrari Sieger der zweiten Liga

Ferraris Sieg in der zweiten Liga geriet nie in Gefahr. Das Schreckgespenst Pierre Gasly verlor das Rennen gegen die Ferrari in der Startrunde. Da fiel der Alpha-Tauri-Pilot hinter Sebastian Vettel. Bis er nach 18 Runden vorbei war, fehlten Gasly 2,5 Sekunden auf Carlos Sainz und 3,7 Sekunden auf Charles Leclerc. Durchaus aufholbar, doch an diesem Tag war der Alpha Tauri nicht das schnellere Auto.

Red Bulls Schwesterteam versuchte sein Glück mit einem frühen ersten Boxenstopp in Runde 25 und einen späten zweiten in Runde 51. Der erste Schachzug stellte sicher, dass Gasly vor Daniel Ricciardo blieb, der durchaus eine Bedrohung war. Am Ende sollte Gasly mit frischen Reifen Jagd auf die Ferrari machen, doch da standen ihm die Alpine-Piloten im Weg, die wider Erwarten auf Einstopp-Rennen gesetzt hatten. "Es war unsere einzige Chance vor Gasly zu landen. Auf der Strecke fehlte uns der Speed", hieß es bei den Franzosen.

Charles Leclerc - Ferrari - GP Brasilien 2021 - Sao Paulo - Rennen
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Ferrari fuhr hinter den Top-Teams relativ unbehelligt.

Alpines Teamplay gegen Gasly

Fernando Alonso und Esteban Ocon spielten dabei den perfekten Doppelpass. Nachdem Ocon in der ersten Rennhälfte das Kommando im Team übernahm, drehte Alonso immer mehr auf, je länger das Rennen dauerte. Als er mit vier Runden frischeren Reifen eine halbe Sekunde pro Runde schneller war als sein Teamkollege, winkte der Kommandostand den Spanier in der 51. Runde an Ocon vorbei. Zu dem Zeitpunkt hatte Gasly noch 3,6 Sekunden Rückstand auf die blauen Autos.

Alonso hätte flüchten können, doch bei Alpine entschied man sich für Teamplay. Alonso sollte Ocon Windschatten spenden, damit der Franzose sich mit DRS gegen Gasly wehren konnte. Das Spiel ging nur sieben Runden lang gut.

Dann flog Gasly dank 16 Runden frischerer Reifen innerhalb von zwei Runden an Ocon und Alonso vorbei. Alonso fuhr Ocon noch um sieben Sekunden davon, nahm aber dann in der letzten Runde demonstrativ den Fuß vom Gas. Jeder sollte sehen, dass er sich zum guten Teamplayer gewandelt hat.

Sebastian Vettel verfolgte mit seinem späten zweiten Boxenstopp in Runde 55 eine ähnliche Taktik wie Gasly. Sein Reifensatz war damit 19 Runden frischer als der von Lando Norris und eine Gummimischung weicher. Es reichte nicht ganz. Vettel fehlten im Ziel 1,2 Sekunden auf einen WM-Punkt.

Der Ex-Champion hatte sich für das Rennen ausschließlich gebrauchte Reifen reserviert. Er hatte sie angefahren, um das Überhitzen gering zu halten. "Es half nichts", bedauerte McCollough: "Wir waren auf dieser Strecke einfach nicht schnell genug." Vettel beharrte: "Die VSC-Phase hat Ocon eine Position geschenkt. Wäre ich nicht hinter ihn gefallen, hätte es zu Punkten gereicht."

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