Taktik-Check GP China

Haben Red Bull-Gegner geschlafen?

Safety-Car - GP China 2018 Foto: sutton-images.com 65 Bilder

Wie die ersten beiden Saisonrennen wurde auch der GP China wurde über die Taktik entschieden. Red Bull nutzte eine Safety-Car-Phase zu einem Reifenwechsel. Mercedes und Ferrari hätten nachziehen können, taten es aber nicht. Ein Fehler?

Diese Weltmeisterschaft entwickelt sich auch zu einem Wettbewerb der Kommandostände. Jeder der drei Grands Prix wurde über die Taktik und unerwartete Ereignisse entschieden. In Australien löste ein liegengebliebener HaasF1 ein virtuelles Safety-Car aus. Ferrari profitierte, weil sich in das Strategieprogramm von Mercedes ein Eingabefehler eingeschlichen hatte.

In Bahrain änderte Mercedes die Taktik und setzte Ferrari unter Druck. Ein missglückter Boxenstopp bei Ferrari zwang Ferrari dazu, sein Rennen dem Mercedes-Plan anzupassen. Am Ende fehlte Mercedes eine Runde, um das Rennen zu gewinnen.

Der GP China passte sich in das Muster der ersten beiden Rennen ein. Alle Teams mit Ausnahme von Renault und Force India planten mit einem Stopp. Der war angesichts der des wärmeren Wetters und Asphalttemperaturen bis 37 Grad ungefähr gleich schnell wie die Zweistopp-Variante, barg aber weniger Risiken. Weil man nicht Positionen verschenkte und zum Überholen gezwungen war.

Dann aber stellte ein Safety-Car in der 31. Runde die Situation auf den Kopf. Valtteri Bottas und Sebastian Vettel konnten nicht reagieren. Sie waren schon an der Boxeneinfahrt vorbeigefahren. Red Bull brachte beide Autos gleichzeitig an die Box und gab ihnen frische Soft-Reifen mit auf die restlichen 25 Runden.

Die Strategen von Red Bull hatten exakt 5 Sekunden Zeit, den Befehl an die Fahrer weiterzugeben. Eine heikle Nummer, weil das Team wie schon in der 17. Runde zu einem Doppelstopp gezwungen war. Beim ersten Mal mit 6,2 Sekunden Verschnaufpause dazwischen, beim zweiten Mal mit 6,5 Sekunden.

Mercedes und Ferrari hatten mit Lewis Hamilton und Kimi Räikkönen den Luxus von mehr Zeit und der Red Bull-Entscheidung. Trotzdem hielt man beide Autos auf der Strecke. Ein entscheidender Fehler, meinten viele im Eifer des Gefechts

Zu viele Unsicherheitsfaktoren für Hamilton

Lewis Hamilton - Formel 1 - GP China 2018 Foto: Wilhelm
Hamilton hatte keine frischen Soft-Reifen für einen möglichen zweiten Stopp mehr übrig.

War es das wirklich? Bei Ferrari ja, bei Mercedes nur halb. Ferrari hatte mit Räikkönen nichts zu verlieren. Der Finne lag nur an sechster Stelle, mit genügend Luft nach hinten und noch einem frischen Satz Soft-Reifen in der Hinterhand. Da hätte man nicht viel falsch gemacht, ihm auch Soft-Reifen auf das Auto zu schnallen.

Bei Hamilton lag der Fall ein bisschen anders. Er hätte auf eine gebrauchte Garnitur Soft wechseln müssen. Die Mercedes zeigten erneut Tendenzen, ihre Reifen zu überhitzen. Das wäre mit angefahrenen Soft-Reifen schlimmer als mit dem Medium-Gummi geworden.

Ein Hamilton außer Form machte nicht den Eindruck, verlorene Positionen wieder gutzumachen. „Die ganze erste Rennhälfte wurde nicht überholt. Warum sollte es in der zweiten anders sein“, nahm Mercedes-Teamchef Toto Wolff seine Strategen in Schutz. „Nachher ist man natürlich immer schlauer.“

Hamilton wäre bei einem Boxenstopp auf jeden Fall hinter Verstappen geblieben, möglicherweise auch hinter Räikkönen gefallen, wenn der auf der Strecke geblieben wäre. Bei Ricciardo war der zweite Stopp für einen Fall wie diesen fix eingeplant.

Gegen die Red Bull auf Soft-Reifen hätte auch ein Mercedes auf Soft-Reifen keine Chance gehabt. „Wir wären niemals deren Rundenzeiten gefahren“, gaben die Ingenieure zu. „Und wir hätten uns auch gegen Kimi schwer getan. Seine Medium-Reifen waren die frischesten. Bis wir ihn wieder eingeholt hätten, hätten unsere Soft-Reifen vielleicht schon wieder abgebaut.“

So blieb man lieber auf dem Medium-Reifen, dem man vertraute. „Der hatte zu dem Zeitpunkt zehn Runden abgespult, und wir waren uns auch sicher, dass er halten würde.“

Die Red Bull waren nach dem Boxenstopp nicht zu halten. Sie hatten bereits im direkten Vergleich mit dem Medium-Reifen gezeigt, dass der RB14 das schnellste Auto im Feld war. Auf weicheren Reifen erst recht. Daniel Ricciardo überrannte seine Gegner in nur 9 Runden.

Max Verstappen wäre bei etwas mehr Geduld das gleiche gelungen. Der Holländer verschenkte mit seinem Ausrutscher im Kampf gegen Hamilton, der Kollision mit Vettel und der Strafe mindestens 8 Punkte.

Wer hat wie viel verschenkt?

Kimi Räikkönen - Ferrari - Formel 1 - GP China - Shanghai - 14. April 2018 Foto: Wilhelm
Kimi Räikkönen hatte Glück, dass er auch ohne den zweiten Stopp aufs Podium fuhr.

Doch was haben die anderen hergeschenkt? Valtteri Bottas nichts. Der Finne konnte wie Vettel auf das Safety-Car nicht reagieren. Er war schon an der Boxeneinfahrt vorbei. Ricciardo konnte er nicht halten. Gegen alle anderen verteidigte er sich bravourös. Zuerst gegen Vettel, zum Schluss gegen Räikkönen. Sebastian Vettel hat am meisten verloren. Welcher Teufel hat Ferrari geritten, den WM-Spitzenreiter so lange auf der Strecke zu lassen? Der Undercut von Bottas kam mit Ansage. Schon als Esteban Ocon neue Reifen bekam, deutete sich der Grip-Vorteil frischer Sohlen an. Der Force India-Pilot fuhr sofort Bestzeit im zweiten Sektor.

Spätestens aber als die Red Bull-Piloten von Ultrasoft auf Medium wechselten, hätte an Ferraris Kommandostand der Groschen fallen müssen. Es passierte drei Runden lang nichts. Räikkönen ließ man sogar bis Runde 27 verhungern. Als Bottas in der 19.Runde zum Boxenstopp abbog, da lag der Mercedes-Pilot 3,4 Sekunden hinter Vettel. Zu wenig, wie sich zeigen sollte. Mercedes legte den besten Boxenstopp des Tages hin mit 1,8 Sekunden bis zum Grünlicht, und Bottas fuhr eine phänomenale erste Runde.

Ferrari gelang mit Vettel nur ein mittelmäßiger Stopp, was aber angesichts des Unfalls eine Woche zuvor verständlich ist. Das hätte aber auch Ferrari wissen müssen. Vettel verlor im Stand eine Sekunde und dann noch einmal drei auf der Strecke. „Nicht ganz ideal“, gab der Deutsche hinterher zu. „Wir wussten, dass es knapp wird, dachten aber nicht so knapp.“

Toto Wolff erkannte in Ferraris Taktik den gleichen Fehler, der Mercedes eine Woche zuvor unterlaufen war. „Sie haben zu sehr Sebastians Tempo gemanagt. Ich bin mir sicher, dass er schneller hätte fahren können und nur den Abstand zu Valtteri kontrolliert hat. 3,4 Sekunden sind in so einem Fall einfach ein zu geringes Polster.“

Vettel hätte am Ende immer noch Dritter werden können. Der Rempler von Verstappen beschädigte seinen Ferrari so nachhaltig, dass Vettel sich nicht einmal mehr gegen Nico Hülkenberg und Fernando Alonso verteidigen konnte.

Hamilton war mit Platz 4 gut bedient. Er schimpfte dauernd auf die Reifen und fühlte sich mit seinem Auto nicht wohl. Vielleicht hätte er mit Soft-Reifen Räikkönen und Bottas noch überholt, doch das ist graue Theorie. Für die Red Bull hätte es sicher nicht gereicht. Wäre er nicht im Weg gewesen, wäre Verstappen der erste Fehler nicht passiert und vielleicht auch nicht der zweite.

Räikkönen schnitt am Ende noch besser ab, als es 20 Runden vor Schluss aussah. Er hatte im Finale die frischesten Medium-Reifen. Vermutlich wäre er auch mit einem Reifenwechsel Dritter geworden. Er wäre dann erst später auf Bottas aufgelaufen, hätte aber mit dem Reifenvorteil eine gute Chance gehabt, den Landsmann zu überholen.

Zehn Fahrer mit Soft-Medium Strategie

Nico Hülkenberg - Formel 1 - GP China 2018 Foto: sutton-images.com
Die Haas-Piloten verloren in der zweiten Rennhälfte.

Genug der Hypothesen. Es gab zwar sieben unterschiedliche Strategien, aber nur zwei haben wirklich Sinn gemacht. Zehn Fahrer vertrauten einem Stopp mit der Reifenfolge Soft-Medium. Sie brachte sechs Autos in die Top Ten, zwei aufs Podium, aber nicht den Sieg. Die beiden Red Bull und die beiden Renault verwendeten im Rennen alle drei Reifensorten im Angebot: Ultrasoft-Medium-Soft. Für Renault stand das von Anfang an fest. Die Reifenabnutzung bei den gelben Autos ist zu hoch, um bei den hohen Temperaturen auf einer Strecke mit so schnellen Kurven lange Stints zu riskieren.

Renault bekam den zweiten Boxenstopp quasi geschenkt. Das brachte die Plätze 6 und 9. Auch Force India profitierte vom Safety-Car, doch das Geschenk brachte keine WM-Punkte. Esteban Ocon und Sergio Perez fielen bei ihren Stopps immer unglücklich ins Feld zurück. Nicht einmal der Schachzug, Ocon mit Ultrasoft-Reifen auszustatten, half das Blatt noch zu wenden. Der Franzose kam zwar noch an Stoffel Vandoorne und Romain Grosjean vorbei, doch zu Platz 10 reichte es nicht mehr. HaasF1 wäre vielleicht besser beraten gewesen, mit einem Auto von vornherein zwei Stopps einzuplanen. Der zweite Reifenwechsel für Grosjean in Runde 45 war eine Verlegenheitslösung.

Alonso hingegen hatte Glück. Sein später erster Stopp warf ihn nur auf Platz 13 zurück. Die zweiten Reifenwechsel seiner Gegner spülten den Spanier wieder in die Top Ten. Da er erst in Runde 29 seinen Satz Medium bekommen hatte, war er für die zweite Rennhälfte gut gerüstet. Carlos Sainz und Kevin Magnussen konnten ihm nichts anhaben. Und die Force India waren viel zu weit weg.

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