Leclerc vs. Vettel - GP China 2019 Motorsport Images

Taktik-Check GP China 2019

Ferraris halbherzige Stallregie

Mercedes hatte den GP China im voll Griff. Nur beim Doppelstopp von Lewis Hamilton und Valtteri Bottas hielt die Mercedes-Box kurz den Atem an. Ferrari verschenkte mit einer halbherzigen Stallregie einen vierten Platz von Charles Leclerc.

Der 1000. Grand Prix der Geschichte war eine überschaubare Angelegenheit. Mercedes hatte seine Gegner voll im Griff. Das Rennen wurde bereits beim Start entschieden. Der Trainingsschnellste Valtteri Bottas stand der Ziellinie am nächsten, und der weiße Strich wurde ihm zum Verhängnis.

„Ich hatte bereits beim Probestart in die Formationsrunde zu viel Schlupf, hoffte aber, dass es mit heißen Reifen besser wird. Dann habe ich da trotzdem zu viel Drehmoment verloren“, erklärte der unglückliche Finne.

Mercedes konnte es recht sein. Lewis Hamilton war der schnellere Mann. Wäre Bottas in Führung gegangen, hätte vielleicht auch Mercedes vor der Entscheidung gestanden, in das interne Duell einzugreifen. Mit den gleichen Befindlichkeiten wie auch Ferrari.

So konnte Hamilton an der Spitze bequem auf und davon fahren. Und der Mercedes-Kommandostand hatte nur die Aufgabe, Bottas vor den Ferrari zu schützen. Es war ein Luxus in einem Rennen, bei dem vor dem Start keiner wusste, ob ein oder zwei Stopps besser sein würden.

Fünf Fahrer mit einem Stopp

Nur fünf Fahrer kamen am Ende mit einem Reifenwechsel über die Distanz. Vier davon landeten auf den Plätzen 7 bis 10. Die Taktik war rückblickend also gar nicht so schlecht. „Wir hätten es vermutlich auch gerade so geschafft“, blicken die Mercedes-Ingenieure zurück. „Aber es wäre eine haarige Angelegenheit geworden. In Shanghai können die Reifen am Ende böse einbrechen.“

Mercedes kam in den Runden 21 und 22 zum ersten Boxenstopp. Der erste Reifenwechsel wurde Mercedes aufgezwungen, obwohl Bottas in Runde 17 bereits 8,2 Sekunden Vorsprung auf Sebastian Vettel hatte. Ferrari wäre wohl ebenfalls länger auf der Strecke geblieben, musste aber auf Max Verstappen reagieren.

Red Bull hatte sich mit einem Stopp in der 17. Runde klar für ein Zweistopp-Rennen entschieden. Ferrari musste eine Runde später mit Vettel nachziehen. Und Mercedes drei Runden später mit Bottas. „Vettel hat auf den frischen Reifen massiv aufgeholt und kam unserem Boxenstopp-Fenster bedrohlich nahe. Deshalb haben wir die Reihenfolge umgedreht und Bottas als ersten abgefertigt“, hieß es aus dem Mercedes-Lager.

Hamilton war erst in Runde 22 dran. Die späten Stopps ließen die Abstände an der Spitze schrumpfen. Hamilton lag plötzlich nur noch 1,9 Sekunden vor Bottas und 7,4 Sekunden vor Vettel. Der Weltmeister fragte genervt am Funk, warum Bottas als erster zum Reifenwechsel durfte. Antwort der Strategen: „Weil wir Bottas vor Vettel schützen mussten und Hamiltons zweitem Satz Reifen ein möglichst kurzes Leben geben wollten.“

Im Gegensatz zu allen anderen Fahrern im Spitzenpulk hatte Hamilton nur noch einen gebrauchten Satz Medium in der Hinterhand. Da zählte jede Runde, die man ihm sparte. Und dann gilt noch die goldene Taktik-Regel: „Du willst deinem führenden Auto immer die frischesten Reifen für das Finale geben, auch wenn es Lewis in dem Fall vielleicht zwei Sekunden an Rennzeit gekostet hat. Aber du musst auch immer mit der Möglichkeit eines Safety-Cars rechnen.“

Max Verstappen - Boxenstopp - GP China 2019
Red Bull
Red Bull löste mit dem frühen Verstappen-Stopp eine Kettenreaktion aus.

Red Bull zwingt Mercedes zum Doppel-Stopp

Red Bull eröffnete auch die Serie der zweiten Boxenstopps. Und zog in einer Art Ziehharmonika-Effekt wieder alle mit. Zuerst Vettel, dann die Mercedes-Piloten. Mercedes entschloss sich trotz eines Vorsprungs von 13,1 Sekunden (Hamilton) und 7,0 Sekunden (Bottas) zu einer ungewöhnlichen Maßnahme. Hamilton und Bottas wurden zum Doppel-Stopp an die Boxen gerufen.

Die Ingenieure erklären warum: „Wir hätten Valtteri zuerst reinholen können, denn Lewis lag 5,5 Sekunden vor ihm. Aber das hätte Lewis mehr unter Druck gesetzt als nötig. Hätte er eine Runde länger warten müssen, wäre Valtteri direkt hinten dran gewesen. So war der Doppel-Stopp die bessere Alternative.“

Der Mindestabstand zwischen zwei Autos für so eine Übung beträgt fünf Sekunden. „Sechs wären besser, weil sonst der Hintermann ein Problem hat, wenn vorne etwas schiefgeht.“ Mercedes musste dann tatsächlich ein Mal kurz die Luft anhalten. Der linke Hinterreifen hakte beim Draufstecken. Hamilton brauste gerade so davon, als Bottas auf die Parkposition zu fuhr.

Das Risiko bei einem Doppel-Stopp: „Du musst zwei Garnituren Reifen vorbereiten und kannst sie verwechseln. Und der Mann am hinteren Wagenheber muss schnell aus dem Weg. Er ist bei allen Teams meistens der größte und kräftigste, weil er die meiste Kraft aufwenden muss. Für ihn ist es deshalb am schwierigsten, sich für den zweiten Stopp neu zu positionieren“, erzählt uns Mercedes-Teammanager Ron Meadows.

Junger Löwe gegen alten Platzhirsch

Ferrari kam mit Vettel 13,7 Sekunden hinter dem Sieger ins Ziel. Die Niederlage fiel nicht so schlimm aus wie in Melbourne, doch sie war schlimm genug. Wenn der WM-Gegner mit drei Doppelsiegen in die Saison startet, ist man gleich massiv in der Defensive.

Zusätzlich zu einem Auto, das schwer zu verstehen ist, hat Ferrari auch ein teaminternes menschliches Problem. Das Duell des jungen Löwen Charles Leclerc gegen den alten Platzhirschen Sebastian Vettel wird mit immer härteren Bandagen gefochten.

Zum dritten Mal im dritten Rennen war Ferrari gezwungen, von der Boxenmauer aus einzugreifen. Und zum ersten Mal hatte man das Gefühl, dass die Piloten nur widerwillig auf die Befehle vom Kommandostand reagierten und sie in ihrem Timing auch nicht verstanden.

Nach fünf Runden war klar, dass Vettel der schnellere Mann im roten Auto war. Es dauerte aber bis zur 11. Runde, bis endlich die klare Ansage kam, die Reihenfolge zu tauschen. In der Zwischenzeiten hatten Vettels Reifen schon so gelitten, dass er sich schwer tat, Leclerc davonzufahren.

Leclerc vs. Vettel - GP China 2019
Motorsport Images
Erst in Runde 11 wurde Vettel an Leclerc vorbeigelotst.

„Ich habe danach für ein paar Runden meinen Rhythmus verloren“, klagte der Heppenheimer. In diesen Runden stand Leclerc hinter Vettel an und ruinierte sich seinerseits die Reifen.

Mercedes machte das Zögern bei Ferrari die Arbeit leichter. Man hätte Vettel viel früher an Leclerc vorbeilotsen und ihm ein klares Ziel setzten sollen, empfahl die Konkurrenz: „Wenn du Leclerc in drei Runden nicht wegfährst, drehen wir die Reihenfolge um.“

Ferrari-Teamchef Mattia Binotto verteidigte sich: „Es ist immer eine schwere Entscheidung. Die Fahrer wollen auf der Strecke frei fahren und gegeneinander kämpfen. Aber irgendwann gehen die Team-Interessen vor.“

Halbherzige Strategie für Leclerc

Da Ferrari auf Verstappens Boxenstopp zuerst mit Vettel reagieren musste, war aus Sicht von Leclerc klar, dass er hinter den Red Bull fallen würde. Deshalb entschloss sich Ferrari zu Plan B. Leclerc sollte ein Einstopp-Rennen versuchen.

Dann wurde der Monegasse aber doch schon zusammen mit Hamilton in Runde 22 an die Box geholt. Dabei hätte es noch genug Luft nach hinten gegeben, um Leclerc noch ein paar Runden länger auf dem ersten Satz weiterfahren zu lassen, um den zweiten Stint auf den harten Reifen zu verkürzen.

Als dann Verstappen in Runde 34 zum zweiten Mal einen Satz Medium bekam, war das Rennen um Platz vier für Leclerc bereits verloren. Seine harten Reifen waren schon wieder so alt, dass der Ferrari mit der Startnummer 16 zwei Sekunden pro Runde auf den Red Bull verlor. Der Vorsprung von 12,1 Sekunden 15 Runden vor Schluss hätte nicht gereicht.

So musste auch Leclerc ein zweites Mal an die Box. Die Entscheidung dazu fiel aber erst in der 43. Runde. Und das brachte ihm einen Rückstand von 14,6 Sekunden auf Verstappen ein. Das war in 13 Runden nicht mehr aufzuholen.

Fazit: Ferrari hätte sich mit Leclerc entweder konsequent auf ein Einstopp-Rennen einlassen sollen, oder Verstappen jeweils mit zwei Runden Verzögerung zu folgen, in der Hoffnung, den Holländer auf der Strecke zu überholen. Den Speed hatte Ferrari. Leclercs schnellste Runde war um 1,3 Sekunden besser als die von Verstappen.

Daniel Ricciardo - GP China 2019
xpb
Im Mittelfeld setzte sich Daniel Ricciardo früh durch.

Startrunde entschied Kampf um Platz 7

Im Mittelfeld entschied die Startrunde über die Position. Nach einer Runde lag Daniel Ricciardo vor Sergio Perez, Nico Hülkenberg, Romain Grosjean, Kevin Magnussen und Kimi Räikkönen auf Platz 7. Hülkenberg fiel aus, die beiden Haas-Piloten marschierten wie in Bahrain weg zu hoher Oberflächentemperaturen auf den Reifen rückwärts.

Ab Runde 28 fuhren Ricciardo, Perez und Räikkönen dann im Pulk. Dabei blieb es. Überholen war in diesem Jahr schwieriger als im letzten. „Die Reifen haben zu wenig stark abgebaut“, lamentierte Nico Hülkenberg.

Den größten Sprung im Feld schaffte Alexander Albon. Der Toro-Rosso-Pilot holte nach einem Start aus der Boxengasse noch einen WM-Punkt. Zuerst half ihm das Handgemenge zwischen Teamkollege Daniil Kvyat und den McLaren-Piloten. Damit waren schon mal drei Autos aus dem Weg. An den beiden Williams war Albon nach vier Runden vorbei.

Der Boxenstopp in Runde 19 war für ein Einstopp-Rennen relativ früh getimt. Nach der Serie der ersten Reifenwechsel lag Albon erst auf Rang 14. Dann überholte der Thailänder Antonio Giovinazzi und die beiden Haas. Kvyat fiel mit dem zweiten Boxenstopp nach hinten. Erst in den letzten Runden wurde es wieder eng. Romain Grosjean holte wieder auf. Die Reifen des Franzosen waren 16 Runden jünger und eine Stufe weicher. Albon verteidigte den einen Punkt meisterlich.

Fahrer-Noten GP China 2019: Die 20 Piloten in der Einzelkritik

Fahrer - Startaufstellung - GP China 2019 - Shanghai
Motorsport Images 1/21 GP China: 4/10 - Der 500. Grand Prix 1990 in Adelaide hätte für uns die Note 9 bekommen. Da konnte das 1.000. Rennen nicht mithalten. Der GP China war eine laue Nummer mit weniger Überholmanövern als gedacht, mit einem klaren Doppelsieg für Mercedes und auch sonst wenig Bewegung im Feld. Einziger Aufreger war der Versuch einer Stallregie von Ferrari, der für Charles Leclerc in die Hosen ging.
Fahrer - Startaufstellung - GP China 2019 - Shanghai Lewis Hamilton - Mercedes - GP China 2019 - Shanghai Valtteri Bottas - Mercedes - GP China 2019 - Shanghai Max Verstappen - Sebastian Vettel - GP China 2019 - Shanghai Max Verstappen - Red Bull - GP China 2019 - Shanghai Charles Leclerc - Ferrari - GP China 2019 - Shanghai Pierre Gasly - Red Bull - GP China 2019 - Shanghai Daniel Ricciardo - Renault - GP China 2019 - Shanghai Sergio Perez - Racing Point - GP China 2019 - Shanghai Kimi Räikkönen - Alfa-Sauber - GP China 2019 - Shanghai Alexander Albon - Toro Rosso - GP China 2019 - Shanghai Romain Grosjean - Haas - GP China 2019 - Shanghai Lance Stroll - Racing Point - GP China 2019 - Shanghai Kevin Magnussen - Haas - GP China 2019 - Shanghai Carlos Sainz - McLaren - GP China 2019 - Shanghai Antonio Giovinazzi - Alfa-Sauber - GP China 2019 - Shanghai George Russell - Williams - GP China 2019 - Shanghai Robert Kubica - Williams - GP China 2019 - Shanghai Lando Norris - McLaren - GP China 2019 - Shanghai Daniil Kvyat - Toro Rosso - GP China 2019 - Shanghai Nico Hülkenberg - Renault - GP China 2019 - Shanghai
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