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Sebastian Vettel - Ferrari - GP Deutschland 2018 - Rennen
Sebastian Vettel - Ferrari - GP Deutschland 2018 - Rennen
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Taktik-Check GP Deutschland 2018

Dank Chaos zum Sieg

Der GP Deutschland war kein Rennen, das man planen konnte. Als der Regen einsetzte, waren alle Strategien Makulatur. Die kühlen Rechner am Kommandostand mussten sich auf ihr Gefühl verlassen. Wir blicken hinter die Entscheidungen.

Wie schon so oft in dieser Saison war auch der GP Deutschland ein Rennen in zwei Teilen. 42 Runden lang passierte nicht viel. Dann ging es drunter und drüber. Der Regen setzte perfider Weise nicht den ganzen Kurs unter Wasser, sondern sorgte nur partiell für nasse Stellen auf der Straße. Was bei einer nur 4,574 Kilometer langen Strecke gar nicht so einfach ist.

Sämtliche Strategien wurden über den Haufen geworfen. Kaum ein Team kam in der Hektik ohne Fehlentscheidungen am Kommandostand oder Pannen in der Boxengasse über die Distanz. Auch Sieger Mercedes nicht.

Mit insgesamt 40 Boxenstopps war der GP Deutschland mal wieder ein Rennen, das in der Boxengasse mitentschieden wurde. 18 Reifenwechsel waren ein Poker, der sich als Eigentor erwies. Wer auf Intermediates gesetzt hatte, musste spätestens sechs Runden später seine Wahl korrigieren. Immerhin kamen drei Fahrer trotz dieses Fehlers in die Punkteränge.

Die erfolgreichste Taktik war ein Einstopp-Rennen. Das gelang aber nur Lewis Hamilton, Sergio Perez, Esteban Ocon und Marcus Ericsson. Auch hier zeigt sich kein einheitliches Bild. Hamilton und Ericsson ließen sich mit ihren Boxenstopps lange Zeit. Die Force India-Piloten standen früh an der Box. Es zahlte sich für alle aus.

Der ganz große Gewinner hätte Daniel Ricciardo sein können. Mit seinen Medium-Reifen war er in der Lage seinen Reifenwechsel so zu timen, dass er optimal auf den Regen hätte reagieren können. Die Technik war dagegen. Im Renault-Motor fiel ein Zylinder aus.

Zur besseren Auflösung der dramatischen Ereignisse haben wir diesmal den Taktik-Check in Fragen unterteilt. In Summe ergeben die Einzelschicksale ein passendes Bild.

Wie wäre das Rennen ohne Regen ausgegangen?

Sebastian Vettel hätte vor Valtteri Bottas, Max Verstappen, Kimi Räikkönen und Lewis Hamilton gewonnen. Mit seinem frühen Boxenstopp in Runde 14 hätte Räikkönen ein zweites Mal stoppen müssen, oder die Soft-Reifen wären am Ende so stark eingebrochen, dass er für Bottas und Verstappen zur leichten Beute geworden wäre.

Mercedes hat sich bewusst nicht auf Ferraris Finte eingelassen, Bottas zur Abwehr eines Undercuts gleich nach Räikkönen an die Box zu holen. „Wir wollten unser Einstopp-Rennen durchziehen und Vettels Rennen fahren. Für uns war klar, dass Kimi ein zweites Mal stoppen muss. Es hat uns nicht gestört, dass er zwischenzeitlich eine Position auf Valtteri gewonnen hat“, erklären die Mercedes-Strategen.

Stallregie oder pure Notwendigkeit?

Ferrari und Mercedes haben ihre Nummer 2-Piloten zurückgepfiffen. In beiden Fällen völlig zurecht. Die Ferrari-Piloten fuhren mit unterschiedlichen Strategien. Vettels Reifen waren 11 Runden frischer. Wenn man Ferrari einen Vorwurf machen will, dann den, dass man Vettel viel früher hätte vorbeilotsen müssen. Das Abwarten hat den Deutschen fünf Sekunden gekostet.

Sebastian Vettel - Ferrari - GP Deutschland 2018 - Rennen
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Räikkönen kostete Vettel zu viel Zeit.

Diese fünf Sekunden wären später ein zusätzliches Polster auf Hamilton gewesen, der im Regen mit seinen Ultrasoft-Reifen Kreise um die Konkurrenz fuhr. Mit 17 statt 12 Sekunden Vorsprung wäre der Druck auf Vettel, auf den Soft-Reifen ans Limit zu gehen auch nicht so groß gewesen. „Wir haben ihn in einen Fehler getrieben“, ist Mercedes-Teamchef Toto Wolff überzeugt.

Auch Mercedes hat alles richtig gemacht, als man Hamilton und Bottas anwies Position zu halten. Wenn man nach Vettels Ausfall beide Autos riskiert hätte, wäre man noch viel mehr in der Kritik gestanden. Hamilton und Bottas hatten eine Runde lang ihren Spaß. Das musste reichen.

Man könnte Mercedes höchstens dafür kritisieren, dass man beide Fahrer beim Re-Start von der Kette ließ. Bottas hatte die frischeren Ultrasoft-Reifen. Es war abzusehen, dass er in der ersten Runde besseren Grip als Hamilton haben würde. Laut Wolff hätte man die Reihenfolge übrigens auch eingefroren, wenn Bottas in Führung gelegen wäre.

Hätte Hamilton ohne Vettels Fehler gewinnen können?

Auf jeden Fall. Und Vettel wusste das. Er war darüber informiert, dass Hamilton pro Runde zwei bis drei Sekunden aufholt. Auf feuchter Fahrbahn mit Slicks ist der im Vorteil, der mehr Hitze in die Reifen bringt. Hamiltons Ultrasoft-Sohlen waren mit Beginn des Regens zwei Runden alt. Vettels Soft-Gummi hatte schon 19 Runden auf der Lauffläche, der von Bottas 16, der von Räikkönen 30.

Deshalb ist Vettel in den letzten beiden Runden vor dem Crash auch wie von Teufeln gehetzt gefahren. In den Runden 50 und 51 konnte er seinen Vorsprung konstant bei 12,1 Sekunden halten. Da hatte sich der Regen mal ein bisschen verzogen. Das gab ihm Luft. In Runde 52 ging es aber wieder so richtig los. Spätestens da wären Hamiltons Gegner auf verlorenen Posten gestanden.

Warum wurde Hamiltons Reifenwechsel nicht rausgezögert?

Der Reifensatz hätte auf trockener Fahrbahn noch zwei Runden länger gehalten, also bis Runde 44. Doch das Risiko zu warten war Mercedes zu hoch. Wenn der Fahrer mit abgefahrenen Reifen vom Regen überrascht wird, ist ein Abflug programmiert. Da sichert man sich lieber mit frischen Ultrasofts ab und wechselt später auf Regenreifen, wenn nötig.

Da das Wetterradar den Regen nur an einigen Stellen des Kurses vorhergesagt hat, war der weichste Slick im Pirelli-Angebot die absolut richtige Wahl. Erinnern Sie sich an das Rennen im Jahr 2000? Als es im Motodrom regnete und im Wald trocken blieb. Rubens Barrichello vertraute auf Trockenreifen, Mika Häkkinen wechselte auf Intermediates. Barrichello gewann.

Warum brach in der Mercedes-Box Chaos aus?

Als FIA-Rennleiter Charlie Whiting das Safety-Car auf die Strecke schickte, rief Mercedes beide Fahrer an die Box. Bottas und Hamilton lagen zu dem Zeitpunkt drei Sekunden auseinander. Da ein Boxenstopp hinter dem Safety-Car gratis ist, konnte man das Risiko eingehen, Hamilton hinter Bottas ein bisschen warten zu lassen.

Valtteri Bottas - GP Deutschland 2018
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Beim zweiten Boxenstopp von Valtteri Bottas lief nicht alles nach Plan.

„Selbst wenn Kimi komplett draußen geblieben wäre, hätten wir ihn beim Re-Start verblasen. Er hätte mit seinen alten Soft-Reifen gegen frische Ultrasoft-Gummis auf feuchter und ausgekühlter Strecke null Chancen gehabt. Deshalb waren wir uns sicher, dass er irgendwann an die Box kommen und sich die alte Reihenfolge wieder herstellen würde“, erzählen die Mercedes-Ingenieure. Max Verstappen war längst keine Gefahr mehr. Der hatte nach seinem Wechsel auf Intermediates und zurück 70 Sekunden Rückstand.

Als Bottas die Box ansteuert, liegt bei Mercedes der Standard-Reifen bereit. Eine Garnitur Soft. Teammanager Ron Meadows sieht auf dem TV-Schirm gerade Vettels Unfall und denkt instinktiv, dass es draußen auf der Strecke stärker regnen muss. Deshalb empfiehlt er Intermediates. Sekunden später korrigieren die Strategen an der Boxenmauer die Wahl auf Ultrasoft-Reifen. Bis die falschen Reifen weggeräumt sind und die richtigen ans Auto kommen, verrinnen 17 Sekunden.

Wäre Hamilton seinem Teamkollegen gefolgt, hätte er noch mehr Zeit verloren. Dass er auf der Strecke blieb, war eine Mischung aus einem Missverständnis, dem guten Riecher und einer schnellen Reaktion am Kommandostand. Hamilton erkennt auf dem Weg in die Box, dass der vor ihm liegende Räikkönen in Kurve 17 weit ausholt und schließt daraus, dass der Finne auf der Strecke bleibt.

Er informiert die Box mit der Warnung an Renningenieur Pete Bonnington: „Kimi stays out.“ Der versteht in der Hektik den Funkspruch nicht ganz und stellt eine Gegenfrage: „Stays out?“ Was Hamilton so interpretiert, dass er weiterfahren soll. Mittlerweile insistieren auch die Strategen: „Out, out, out.“ Hamiltons Gefühl sagt ihm, dass es besser ist, Position zu halten.

Teamchef Toto Wolff findet im Rückblick, dass sich das Chaos zu einer guten Sache entwickelt hat: „So waren wir mit einer gesplitteten Strategie doppelt abgesichert.“ Räikkönen kam eine Runde später tatsächlich noch an die Box um sich mit Ultrasoft-Reifen für das Finale einzudecken. „Hätten wir notfalls auch machen können, wenn wir das Gefühl gehabt hätten, dass es ein Fehler war, Lewis draußen zu lassen“, sagen die Mercedes-Ingenieure.

Warum sind 10 Fahrer auf Intermediates gegangen?

Es gab zwei Regenwellen. Die erste brach Ende Runde 43, Anfang 44 in Kurve 6 über den Hockenheimring herein. Die zweite marschierte ab Runde 52 von den Kurven 1 und 2 Richtung Motodrom. Viele Teams rechneten mit stärkeren Schauern. Nicht alle haben eigene Meteorologen, sondern verlassen sich auf den Wetterdienst der FOM.

Pierre Gasly - GP Deutschland 2018
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Pierre Gasly wurde mit Heavy-Wet-Regenreifen auf die trockene Bahn geschickt.

In der ersten Welle kamen Charles Leclerc (Runde 43), Fernando Alonso (43), Pierre Gasly (43) und Max Verstappen (46) an die Box. Toro Rosso gab Gasly sogar Regenreifen mit. „Wir haben mit schwerem Regen gerechnet. Er kam leider nicht“, entschuldigte sich Teamchef Franz Tost.

Sauber spielte zwei Karten: Leclerc auf Intermediates, Ericsson auf Slicks. „Wir wussten, dass wir mit einem Auto richtig liegen würden“, erklärte Teamchef Frédéric Vasseur. Red Bull konnte ohne Risiko alles auf eine Karte setzen. Der Abstand zu Platz 5 war so groß, dass Verstappen selbst mit zwei Boxenstopps seine Position gehalten hätte. „Es war es wert, es versucht zu haben. Hätte es funktioniert, wären wir die Könige gewesen“, erklärte Verstappen.

Nicht ganz so klar war, warum McLaren sich zu der Verzweiflungstat hinreißen ließ. Man hätte besser auf Alonso gehört, wie der Mitschnitt des Funkverkehrs zwischen Box und Fahrer zeigt. Wir haben ihn hier bewusst in englischer Sprache gelassen, um einmal zu zeigen, dass Alonso wieder einmal das Rennen besser lesen konnte als seine Ingenieure.

Team: „Box now, box, box. Stay right of the bollard“

Alonso: „Box now?”

Team: “Yes, box now.”

Alonso: „Okay, I box. For what?”

Team: “We are boxing for inters.”

Alonso: „Inters? It’s way too early. They will be destroyed on the dry part.”

Team: “Entry 10.” (Anm. der Red.: Motormodus)

Alonso: „Bad luck for inters, man. I tell you when to pit.”

Alonso hatte Recht. Leclerc und Gasly korrigierten in Runde 46 ihre Wahl, Alonso in Runde 47 und Verstappen in Runde 48. Drei Runden auf einer zu zwei Drittel trockenen Strecke hatten ausgereicht, um die Mischreifen zu zerstören.

Wie konnte Hülkenberg Platz 5 halten?

In der zweiten Regenphase entschieden sich beide Renault, beide HaasF1 und beide Williams für Intermediates. Es regnete stärker und flächenendeckender als beim ersten Mal. Warum aber keines der Teams die Taktik gesplittet und wenigstens einen Blick darauf riskiert hat, was die Top-Teams treiben, ist fast schon fahrlässig.

Nico Hülkenberg und Romain Grosjean kamen mit einem blauen Auge davon. Dabei hätten sie eigentlich weit ins Feld zurückfallen müssen. Hülkenberg hatte Glück. Das Safety-Car ging direkt vor ihm auf die Strecke und suchte noch den Führenden. Da Hülkenberg gerade noch in der gleichen Runde wie Spitzenreiter Bottas war, durfte er sofort an Bernd Mayländers Mercedes vorbeifahren. Das verschaffte ihm genug Luft ohne Platzverlust seinen Reifenwechsel zurück zu Ultrasoft-Reifen durchzuziehen.

Das Schicksal meinte es auch mit Grosjean gut. Kevin Magnussen hatte kurz vor dem Wechsel auf Intermediates nach einem Ausritt seinen Platz an seinen Teamkollegen abgetreten. Damit musste er bei den Boxenstopps immer hinter Grosjean anstehen und verlor so noch mehr Zeit.

Grosjean lag beim Re-Start auf Platz 11. Der Franzose hatte die besten Reifen am Auto. Frische Ultrasofts. Brendon Hartleys Ultrasoft waren drei Runden älter, die von Marcus Ericsson 17 Runden. Sergio Perez und Esteban Ocon fuhren seit den Runden 22 und 25 mit ausgelutschten Soft-Reifen. So hatte Grosjean leichtes Spiel, noch bis auf Platz 6 nach vorne zu fahren.

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