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Hamilton & Räikkönen - GP England 2007
Kimi Räikkönen - GP England 2007
Lewis Hamilton - GP England 2017
Sebastian Vettel - GP England 2017 23 Bilder

Taktik-Check GP England 2017

Wer war schuld an Reifenschäden?

Die breiten Pirelli-Reifen haben den GP England zu einem Einstopp-Rennen gemacht. Doch für die Ferrari war ein Stopp an der Grenze. Wir analysieren, warum sich ausgerechnet bei Vettel und Räikkönen die Reifen auflösten.

Silverstone hat elf Kurven mit Geschwindigkeiten jenseits von 200 km/h. Sechs davon rechts, fünf links herum. Die Kurvenradien sind mit einer Ausnahme alle lang. Das geht auf die Reifen. Vor allem links vorne, weil Abbey, Woodcote, Copse, Maggotts, Becketts und Stowe endlos lang Druck aufbauen.

Noch nie waren die Rundenzeiten ist Silverstone so schnell. Lewis Hamilton stellte mit 1.26,600 Minuten (244,891 km/h) einen neuen Trainingsrekord auf. Und er unterbot im Rennen mit 1.30,621 Minuten (234,025 km/h) den sieben Jahre alten Rundenrekord von Fernando Alonso um zwei Zehntel. Pirelli verzichtete erstmals auf die härteste Reifenmischung und brachte die Kombination Super-soft-Soft-Medium nach England. Nur Pascal Wehrlein wählte am Sonntag den Medium-Reifen. Für exakt eine Runde aus taktischen Gründen.

War Pirelli mit dem Radsturz zu generös?

Trotzdem war Silverstone ein Einstopp-Rennen. Zum ersten Mal überhaupt. Sechs Fahrer wählten die Variante Supersoft-Soft, vier Piloten die umgekehrte Reifenfolge. Vier weitere Fahrer hatten das gleiche vor, doch für sie endete die Reise ein zweites Mal in der Boxengasse. Romain Grosjeans später Wechsel auf Supersoft-Reifen war eine Verzweiflungstat. Die Ferrari-Piloten wurden durch Reifenschäden zu ihren zweiten Boxenstopps gezwungen. Red Bull wollte genau das verhindern und holte Max Verstappen sicherheitshalber an die Box.

Sebastian Vettel - GP England 2017
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Welche Rolle spielte das aggressive Ferrari-Setup?

Das Ferrari-Drama am Ende des Rennens wirft die Frage auf: Hat Pirelli oder Ferrari zu hoch gepokert? Pirelli trifft nur bedingt eine Schuld. Die Entscheidung für die weicheren Gummimischungen hatte nichts mit den Schäden zu tun. Die Probleme traten ausnahmslos auf Soft-Reifen auf. Der wäre so oder so am Start gewesen. Der standhafteste Soft-Reifen schaffte auf Kevin Magnussens HaasF1 37 Runden, der beste Supersoft am Red Bull von Daniel Ricciardo 32 Runden.

Auch mit den Reifendrücken war Pirelli relativ konservativ: 22,5 PSI vorne, 20,5 PSI hinten. Das war zuletzt schon mal weniger. Vielleicht war der maximal erlaubte Radsturz von 3,5 Grad an der Vorderachse etwas mutig. Doch viele Teams haben ihn gar nicht bis an die Grenze genutzt, obwohl viel Sturz vorne in den schnellen Kurven helfen würde. Hätte aber auch seine Nachteile, weil die Reifen dann auf den Geraden zu lange auf der Innenschulter laufen. Nicht nur die Ferrari kämpften mit Blasen nahe der Innenschulter der Vorderreifen.

Ferrari musste extrem hohes Tempo fahren

Die Frage, warum ausgerechnet Ferrari und auch Max Verstappen die größten Reifenprobleme hatten, die Mercedes dagegen nicht, ist leicht beantwortet. Weil Ferrari sein Auto generell mehr auf der Vorderachse fährt als andere. Es zählt zu den Qualitäten des SF70H, dass er sich aggressiv in die Kurven einlenken lässt.

Außerdem verbrachten die Mercedes-Fahrer einen relativ geruhsamen Nachmittag. Lewis Hamilton musste nie ans Limit. Er sollte in Runde 19 an die Box, doch er blieb bis zur 25. Runde draußen. „Sein Reifenabbau war geringer als erwartet, sein Vorsprung klarer. Da Kimi nicht an die Box kommen wollte, haben wir auch gewartet“, erklären die Strategen. In der 23. Runde betrug Hamiltons Vorsprung auf Räikkönen 10,6 Sekunden. Er musste keinen Undercut fürchten und konnte auch in den ersten Runden nach dem Boxenstopp auf die Reifen aufpassen.

Vettel & Räikkönen - GP England 2017
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Die Ferrari-Piloten mussten die Reifen während des Rennens härter ran nehmen als ihre Mercedes-Kollegen.

Auch Valtteri Bottas musste seinen Reifen nicht allzu viel zumuten. Obwohl er vom 9. Startplatz auf Rang 2 nach vorne fuhr und den ersten Stint auf Soft-Reifen bis Runde 32 hinauszögerte. Entscheidend sind immer die ersten Runden auf einem Reifensatz. Das waren beim Start-Turn für Bottas erst einmal drei Safety-Car-Runden. Das hohe Spritgewicht spielt in seinem Fall nur eine untergeordnete Rolle. Schnelle Rundenzeiten stressen die Reifen mehr als eine große vertikale Last.

Bottas fuhr in den Runden 5 bis 20 im Schnitt tiefe 1,34er Zeiten. Sebastian Vettel war zwischen Runde 20 und 40 um gut 2 Sekunden pro Runde schneller. Außerdem musste Vettel seinen zweiten Reifensatz ohne Rücksicht auf Verluste anfahren, damit der Undercut gegen Verstappen funktioniert. Auch Kimi Räikkönen war genötigt, Gas zu geben. Er wurde im Finale von Bottas unter Druck gesetzt. Der Finne war in einem schnelleren Auto mit weicheren und jüngeren Reifen unterwegs. Insgesamt war das Renntempo im Schnitt um 5 Sekunden pro Runde schneller als im Vorjahr.

Ricciardo musste auf der Strecke überholen

Mercedes spielte mit der Konkurrenz. Die Reifenabnutzung war deshalb viel geringer als vorausberechnet. Vor dem Start war man sich am Kommandostand noch nicht einmal sicher, ob es ein Einstopp-Rennen werden würde. „Vor dem Rennen haben wir den Fahrer gesagt, dass wir mit einem Einstopp-Rennen rechnen, aber Red Bull und Ferrari könnten zwei Mal stoppen und uns auch dazu zwingen. Der Plan Richtung ein Stopp wurde durch das Safety-Car abgesichert. Drei Runden langsame Fahrt haben das Leben der Reifen verlängert.“

Für die überraschend geringe Abnutzung gab es zwei Gründe „Die Fahrer haben bei den Longruns am Freitag viel gelernt. Sie haben ihren Fahrstil zum Sonntag hin entsprechend geändert.“ Und Mercedes war in Silverstone einfach zu überlegen. Das Setup war mehr auf Reifenschonen als auf den ultimativen Speed ausgelegt.

Zwei Aufholjagden würzten den Grand Prix. Mercedes setzte Bottas dafür nach dem Vorbild von Hamilton in Österreich gegen den Trend zuerst auf die härteren Reifen. Und warum machte Bottas in Silverstone 7 Plätze gut und Hamilton in Spielberg nur 4? Einfache Antwort: „Weil unser Auto in Silverstone überlegener war. Unsere Strategieprogramme hatten schon vor dem Start ein Podium vorhergesagt. Der zweite Platz wurde uns geschenkt. Kimi hätten wir nicht mehr gekriegt.“

Red Bull schickte Daniel Ricciardo aus der letzten Startreihe mit der Standardtaktik ins Rennen. Beim Start Supersoft-Reifen, zum Schluss Soft. Der Australier blieb bis zur 32. Runde auf der Strecke. In Runde 20 lag Ricciardo noch auf dem 10. Platz. Der späte Stopp brachte den Australier an keinem seiner Konkurrenten vorbei. Höchstens näher dran. Ricciardo musste alle auf der Strecke überholen. 14 an der Zahl.

Motorsport Aktuell Sebastian Vettel - GP England 2017 Crazy Stats GP England Vettels Silverstone-Fluch

Für Sebastian Vettel lohnte sich die Reise nach England nicht.

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