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Taktik-Check GP England

Ferraris Risiko-Taktik geht auf

Bottas & Vettel - GP England 2018 Foto: sutton-images.com 69 Bilder

Der GP England war ein Rennen in zwei Teilen. Vor und nach dem Safety-Car. Die Neutralisation hat nicht nur Lewis Hamilton geholfen. Auch Ferrari profitierte. Die Roten gingen wieder mit ihrer Risiko-Strategie ins Rennen, um Mercedes aus der Reserve zu locken.

11.07.2018 Michael Schmidt

Normalerweise geht der Ferrari schonender mit den Reifen um als der Mercedes. Doch das ist nicht immer der Fall. Bei den Rennen, die der Papierform nach für Mercedes sprechen, setzt Ferrari seine Risiko-Taktik dagegen. In Bahrain, Spanien und jetzt auch in England. Dann ist ein Platz in der ersten Startreihe, und ein schnelles Auto auf frischen Reifen wichtiger als ein langer Atem im Rennen. Dementsprechend wird das Auto dann auch abgestimmt. In diesen Rennen kehrt sich die Regel um: Dann hält der Mercedes besser seine Reifen in Schuss.

So auch in Silverstone: 14 Runden lang machte Sebastian Vettel Tempo an der Spitze. Sein Vorsprung auf Valtteri Bottas wuchs auf 6,060 Sekunden an. Danach knabberte Bottas kontinuierlich Rückstand auf den Ferrari ab. Bevor Vettel in Runde 20 an die Box kam waren es noch 4,495 Sekunden. Die Mercedes-Strategen erkennen eine gewisse Methode: „Vettel flüchtet an der Spitze so weit, dass wir taktisch mit dem ersten Boxenstopp nichts machen können. Bei dem Abstand geht kein Undercut. Bevor es gefährlich wird, kommt er an die Box.“

Im zweiten Stint wiederholte sich das Spiel. Vettel legte los, Bottas legte nach. Der Vorsprung des Ferrari-Piloten wuchs erst auf 3,855 Sekunden an, dann schrumpfte er wieder auf 2,069 Sekunden. Der Ferrari fraß den linken Vorderreifen. Auch links hinten zeigten sich Abnutzungserscheinungen. Die Silberpfeile bekamen die zweite Luft, je länger sie auf ihren Reifen fuhren. Mercedes-Teamchef Toto Wolff ist überzeugt: „Ohne das Safety-Car hätten wir Vettel noch eingeholt.“

Ferraris Poker geht nur mit Top-Auto gut

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Ferrari agiert wie ein Zocker, der mit geliehenem Geld auf fallende Zinsen setzt. Im Fall Silverstone ging es gut. Auch weil das Safety-Car all denen einen Gratis-Boxenstopp schenkte, die vor Runde 24 ihre Reifen gewechselt hatten. Man muss aber auch dazu sagen, dass Ferraris Poker nur dann gut gehen kann, wenn man ein exzellentes Auto hat.

Bei Mercedes ist man mittlerweile überzeugt: „Ferrari hat den besseren Motor. Beim Beschleunigen und beim Top-Speed. Der Motor geht auf den Geraden weniger ins De-Rating und liefert damit länger elektrische Power.“ Das jüngste Aero-Upgrade von Ferrari hat den Nachteil in den schnellen Kurven zu Mercedes geschlossen.

Der GP England wäre wahrscheinlich auch ohne die zwei Safety-Cars ein spannendes Rennen geworden. Valtteri Bottas holte auf Vettel auf. Lewis Hamilton auf Kimi Räikkönen und die beiden Red Bull. Die wollten sich mit einer Doppel-Strategie gegen den näherrückenden Mercedes absichern. Hamilton fehlten nur noch 7,7 Sekunden auf das Trio. Deshalb splittete Red Bull die Taktik. Max Verstappen sollte mit einem Stopp durchfahren, Ricciardo mit einem frischen Satz Soft noch einmal angreifen. Hätte Ricciardo nur zwei Runden gewartet, hätte er seinen Boxenstopp quasi gratis bekommen. Bei Räikkönen passte es.

Marcus Erícsson löste das Safety-Car mit seinem Crash in der 32. Runde aus. Gut für die Fahrer, die wie Vettel, Räikkönen oder Verstappen unter Druck standen. Gut für Fernando Alonso, der nach seinem Stopp in Runde 13 ohnehin noch einmal stoppen musste und beim zweiten Reifenwechsel hinter dem Safety-Car nur eine Position verlor. Gut für Hamilton, der nicht nur Zeit geschenkt bekam, sondern auch zwei Plätze. Schlecht für alle jene die zu knapp vor dem Safety-Car an der Box waren. Ein weiterer Wechsel lohnte sich nicht mehr. Daniel Ricciardo zählte genauso dazu wie Nico Hülkenberg, Esteban Ocon oder Kevin Magnussen.

Hülkenberg als Lokomotive mit sechs Wagons

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Valtteri Bottas war ein Grenzfall. Der Finne hatte in der 21. Runde von Soft auf Medium gewechselt. Aus Sicht der Reifen hätte sich ein Wechsel genauso gelohnt wie bei Vettel, der eine Runde vor ihm Medium-Gummis abgeholt hatte. Doch Ferrari hatte noch je einen frischen Satz Soft in der Hinterhand. Genauso wie Red Bull. Mercedes hatte nur noch gebrauchte Soft-Gummis im Lager. „Ferrari und Red Bull haben wohl von vornherein auf ein Safety-Car spekuliert. Für uns war der Medium der bessere Rennreifen für die zweite Rennhälfte. Ein gebrauchter Soft hätte bei der kurzen Restdistanz auch keine großen Nachteile gebracht“, hieß es bei Mercedes.

Mercedes entschied sich dennoch dafür Bottas auf der Strecke zu lassen. Das brachte dem Finnen die Führung und eine 30-prozentige Siegchance. „Wir mussten aggressiv handeln“, nahm Toto Wolff die Strategen in Schutz. „Hätten wir mit Bottas gewechselt, wäre er Zweiter geworden. So gab es für uns wenigstens noch eine Chance das Rennen zu gewinnen.“ Niki Lauda pflichtete bei: „Die absolut richtige Entscheidung.“ Aus Sicht der Techniker hört sich das technisch an. „Es geht hier darum, potenziell 7 Punkte zu haben oder nicht. Das sind 14 Punkte in der Differenz. Wenn du als Team eine Chance zum Gewinnen hast, musst du sie ergreifen.“

Bottas wehrte sich mit Händen und Füßen gegen Vettel. Doch nach sechs fliegenden Runden nach dem Re-Start brachen die Hinterreifen am Mercedes ein. „Es waren alles Qualifikationsrunden. Ich verlor am Ende immer mehr Traktion. Aus den langsamen Kurven raus war ich verwundbar. Deshalb hat es Vettel immer vor Kurve 6 probiert“, erklärte Vettel.

Ein ähnliches Szenario ergab sich im Kampf um Platz 6. Nico Hülkenberg war mit seinen harten Reifen die Lokomotive in dem Zug, der noch sechs Wagons hinter sich herzog. „Alle bis auf Hülkenberg hatten DRS. Der war zu schnell auf der Geraden. Wir hatten mit den Soft-Reifen absolut richtig gepokert. Ich war um Meilen schneller als der Rest, aber ich bin ewig nicht an Magnussen vorbeigekommen. Wäre es mir früher gelungen, wäre ich easy Sechster geworden“, zog Alonso Bilanz.

Hülkenberg freute sich, dass die Taktik mit den harten Reifen aufging. Renault war das einzige Team, das sich an die Betonreifen herantraute. Man hatte schon am Freitag Longruns damit probiert. „Mit Soft und Medium hätten wir kein Einstopp-Rennen geschafft“, ist Hülkenberg überzeugt.

Neuester Kommentar

Ähm, 3 Punkte natürlich.

Proesterchen 11. Juli 2018, 11:11 Uhr
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