Safety-Car - GP England 2019 Motorsport Images

Taktik-Check GP England 2019

Safety-Car als Spannungskiller

Das Safety-Car in der 20. Runde änderte für viele Fahrer das Rennen. Es gab Profiteure und Opfer. Doch ohne die Neutralisation wäre der GP England noch spannender geworden.

Der GP England war ein Rennen in zwei Teilen. Vor und nach dem Safety-Car. Die Neutralisation warf viele Strategien über den Haufen, forderte ihre Opfer und hatte ihre Nutznießer. Man konnte sich über Action in diesem Rennen wirklich nicht beklagen, doch ohne das Safety-Car wäre der zehnte WM-Lauf noch spannender geworden. Es hat Lewis Hamilton die Führung geschenkt, das Duell Max Verstappen gegen Charles Leclerc entschieden und die Gruppe im Kampf um Platz 6 gesplittet.

Fangen wir von vorne an. Mercedes war von dem Safety-Car am meisten betroffen. Es änderte nichts an der Überlegenheit der Silberpfeile, aber an der Reihenfolge. Als Lewis Hamilton einmal in Führung lag, war klar, dass er sie bis zum Schluss auch behalten würde.

Er war an diesem Tag der schnellere Mann und auch der Fahrer mit dem besseren Reifenmanagement. Hätte Valtteri Bottas nach dem ersten Boxenstopp die Führung behalten, hätten wir uns bis zum Schluss auf die Fortsetzung des Duells freuen können, das uns die Mercedes-Piloten in den ersten Runden geboten haben.

Mercedes plante mit zwei Stopps

Nach den Erfahrungen vom Freitag stand bei Mercedes die Taktik fest. Die Titelverteidiger planten mit zwei Stopps, aus Angst der linke Vorderreifen könnte wieder in die Knie gehen. Was dann bei Bottas prompt passierte. Der Finne musste in Runde 16 an die Box. Links vorne war auf einem Streifen von fünf Zentimetern kein Gummi mehr übrig.

Die zweite Garnitur sah nach 29 Runden nicht viel besser aus. Vibrationen kündigten das Ende des Reifens an. Bottas und Hamilton wurden bereits vor dem Rennen darüber instruiert, was nach dem Rennen viele Fragen aufwarf und von manchem als versteckte Stallregie interpretiert wurde.

Boxenstopp - Valtteri Bottas - GP England 2019
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Valtteri Bottas kam zwei Mal an die Box, während Teamkollege Lewis Hamilton nur ein Mal stoppte.

Der Chefstratege des Teams erklärte das Prozedere: „Wir haben den beiden Fahrern gesagt, dass derjenige die besseren Siegchancen haben würde, der es schafft den ersten Satz Reifen länger am Leben zu halten. Es war von Anfang an so geplant, dem führenden Auto beim ersten Stopp einen zweiten Satz Medium zu geben und dem zweiten Auto den harten Reifen. Andersherum hätte es keinen Sinn gemacht, weil das nachfolgende Auto dann den schnelleren, aber kurzlebigeren Reifen hat. Es würde das Speed-Delta nicht nutzen können und hätte noch dazu den kürzeren Stint.“

„So haben wir eine Situation kreiert wie vor ein paar Jahren in Bahrain. Es wäre zum Schluss zu einem Duell auf der Strecke gekommen. Valtteri hätte die Führung bis zum letzten Stint behalten, hätte sie dann aber gegen Lewis auf den weicheren Reifen verteidigen müssen. So gut wie Lewis den ersten Reifensatz geschont hat, hätte er einen Vorteil von neun Runden frischeren und dazu noch weicheren Reifen gehabt.“

Was im Endeffekt kein Geschenk der Taktik gewesen wäre, sondern das Verdienst des Fahrers. „Der erste Reifensatz von Lewis war in einem deutlich besseren Zustand als der von Valtteri.“ Das war angesichts der harten Gangart zu Beginn des Rennens erstaunlich und unterstreicht noch einmal die Qualitäten des Weltmeisters. Im Reifenmanagement macht Hamilton keiner etwas vor. An dieser Stärke wird Bottas wohl zerbrechen.

Ohne Safety-Car wäre Bottas vorne geblieben

Die Frage, warum Mercedes seine Fahrer nicht mit gleicher Taktik ins Rennen geschickt hat, ist berechtigt. Zwei identische Reifenfolgen hätten das Team zu stark eingeschränkt. Mit unterschiedlichen Taktiken sicherte sich Mercedes besser gegen mögliche Safety-Car-Phasen ab.

Außerdem hatte Bottas im Gegensatz zu Hamilton eine frische Garnitur Medium in der Hinterhand. Die bot sich geradezu an. Dass vier Runden nach dem Stopp von Bottas ein Safety-Car kommt, konnte keiner ahnen. So wurde dem Finnen das Privileg des früheren Boxenstopps zum Verhängnis. Bottas hätte die Führung auch so verloren, hätte er im zweiten Stint den gleichen Reifentyp gefahren wie Hamilton.

Lewis Hamilton - Mercedes - GP England 2019 - Silverstone - Rennen
xpb
Ohne Verkehr zeigte Hamilton seinen Speed. Obwohl er schnell war, schonte er noch die Reifen.

Ohne das Safety-Car hätte Bottas die Führung behalten. Hamilton legte zwar los wie die Feuerwehr, als er endlich freie Fahrt hatte, doch das hielt nicht lange an. „Valtteri war mit den frischen Reifen schneller. Ich bin schon wieder zwei Sekunden aus seinem Boxenstoppfenster rausgefallen, als das Safety-Car kam“, gab Hamilton zu.

Das Schicksal wollte es so, dass Bottas mit zwei Medium-Reifen in Folge zu einem zweiten Boxenstopp gezwungen war. Hamilton hatte die Wahl, was im Nachhinein wie eine Bevorzugung des Lokalhelden aussah.

Obwohl die Strategen merkten, dass sie in ihrer Sorge um die Reifen übervorsichtig waren und am Ende acht Fahrer komfortabel mit einem Stopp über die Distanz kamen, entschied sich Mercedes, die ursprünglich geplante Zweistopp-Strategie mit beiden Fahrern durchzuziehen.

„Bei so viel Vorsprung wäre es naiv gewesen, ein Risiko mit den Reifen einzugehen. Leclerc hat am Freitag gezeigt, wie sich der linke Vorderreifen auflösen kann. Nach dem Crash zwischen Vettel und Verstappen hatten wir genug Luft für einen Sicherheitsstopp.“

Hamilton wurde an die Box gerufen, aber er kam nicht. Auch als der Engländer rapportierte, er würde Blasen auf dem linken Vorderreifen erkennen. „Man muss Lewis verstehen, dass er nicht mehr an die Box kommen wollte. Ein schlechter Stopp, und er hätte seinen Sieg weggeworfen.“

Als Hamilton dann mit 32 Runden alten Reifen im letzten Umlauf die schnellste Rennrunde auf den Asphalt zauberte, verstummten auch alle Bottas-Fans. Hamilton hatte den Sieg verdient. Er war der eindeutig schnellere Mann auf der Strecke. Basta.

Sebastian Vettel - GP England 2019
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Nach seinem Crash mit Max Verstappen musste Vettel ein zweites Mal an die Box, um sich einen neuen Frontflügel abzuholen.

Ferrari in der Defensive

Für das Duell Max Verstappen gegen Charles Leclerc hätte man sich kein Safety-Car gewünscht. Ab der 8. Runde nahm Verstappen den Ferrari unter Beschuss. Leclerc wehrte jeden Angriff ab, auch als Verstappen nach dem gemeinsamen Boxenstopp in der 13. Runde kurz die Nase vorne hatte.

Die Feindseligkeiten wären wohl noch ewig so weiter gegangen, hätte nicht Antonio Giovinazzi seinen Sauber im Kiesbett von Kurve 16 versenkt. Red Bull reagierte sofort und wickelte nur sieben Runden nach dem ersten Boxenstopp den zweiten ab. Mit den harten Reifen war klar: Verstappen fährt durch.

Ferrari zögerte eine Runde zu lang. So fiel Leclerc hinter Verstappen, und er hatte auch noch das Pech, dass vor ihnen Pierre Gasly fuhr, der von Red Bull als Puffer eingesetzt wurde. Es dauerte dann aber noch drei Runden, bis Gasly für Verstappen die Spur freimachte. Er musste per Funkspruch von Teamchef Christian Horner dazu gezwungen werden.

Der Hinweis, dass der Teamkollege auf einer anderen Strategie fahre, war so etwas wie die ultimative Warnung an Gasly. Danach machte Red Bulls Nummer zwei seine Sache gut. Er hielt Leclerc für weitere zehn Runden auf. Was Verstappen einen Vorsprung von 4,7 Sekunden verschaffte.

Ferrari verteidigte sich für den verspäteten zweiten Stopp von Leclerc mit dem Argument: „Wenn wir Charles sofort reinholen, bleiben die anderen draußen und wir verlieren zu viele Positionen. Als Spitzenreiter der Liga hinter Mercedes waren wir gezwungen zu reagieren. Wir waren da in der Defensive“, erklärte Teamchef Mattia Binotto.

Mercedes musste sich fragen lassen, warum man Bottas gar nicht an die Box geholt hat, als es einen Gratis-Stopp gab. „Er wäre dann hinter Vettel gefallen, mit harten Reifen, die gleich alt gewesen wären. Es wäre schwer für Valtteri gewesen, an Vettel auf der Strecke vorbeizugehen.“

Bottas wäre bei seinem Stopp in Runde 45 ohne Vettels Unfall vermutlich auch hinter den Ferrari gefallen und hinter Verstappen dazu, aber dann hätte er am Ende die deutlich frischeren und weicheren Reifen gehabt.

Doch selbst da wäre Bottas nicht so einfach vorbeigekommen. Verstappen hatte den Speed des zweiten Mercedes-Piloten. Bottas war Vettel und Verstappen in den Runden 24 bis 36 nur bis auf 10,0 Sekunden davongefahren. Er hätte das Doppelte gebraucht, um den zweiten Platz zu halten. Im Rückblick hat die Kollision Verstappen und Vettel jeweils ein Podium gekostet.

Alexander Albon - Toro Rosso - GP England 2019 - Silverstone
Wilhelm
Alex Albon konnte nicht zum zweiten Boxenstopp abbiegen und flog am Ende aus den Punkten.

Vier Fahrer mit perfektem Timing

Nur vier Fahrer im Feld hatten das perfekte Timing. Sie wechselten nur ein Mal Reifen, und das exakt in der Safety-Car-Phase. So wurden Lewis Hamilton, Sebastian Vettel, Carlos Sainz und Robert Kubica zu den Nutznießern der Neutralisation. Es war einerseits ein Geschenk, andererseits der Lohn reifenschonender Fahrweise.

Vettel hatte mit dem Soft-Reifen die schwierigste Aufgabe. Der Ferrari-Pilot fuhr in den letzten vier Runden vor dem Stopp jeweils 1.31er Zeiten. Er war damit genauso schnell wie Verstappen und Gasly auf neuen Medium-Gummis. Umso unverständlicher, dass er in der Qualifikation sechs Zehntel auf den Teamkollegen verlor.

Max Verstappen, Charles Leclerc, Daniel Ricciardo und Daniil Kvyat gehörten zu der Gruppe, die das Safety-Car zu ihrem zweiten Boxenstopp genutzt haben, um von Medium auf Hart zu tauschen und sicher zu Ende zu fahren. Ein kluger Schachzug: Alle vier landeten in den Punkterängen.

Valtteri Bottas und Lando Norris spulten beide Reifenwechsel unter Renntempo ab. Mit einem Mercedes wird man dafür nicht bestraft, mit einem McLaren schon noch. Norris fiel weit ins Feld. Er konnte das Risiko nicht eingehen, wie Pierre Gasly, Nico Hülkenberg und Kimi Räikkönen durchzufahren. Norris bekam beim Boxenstopp Medium-Reifen. Seine Gegner im Kampf um WM-Punkte waren mit den harten Reifen für den langen zweiten Stint besser gerüstet.

Am Beispiel von Alexander Albon konnte Norris sehen, was mit ihm passiert wäre, hätte er sich bis zum Ende durchgekämpft. Albon tauschte wie Norris in Runde 13 von Soft auf Medium. Bis zur 50. Runde war der Thailänder noch Zehnter. Dann brachen die Reifen komplett ein, und er wurde noch von Hülkenberg und Norris geschnappt.

Toro Rosso hatte eine ungewöhnliche Entschuldigung, warum Albon keinen zweiten Boxenstopp eingelegt hat. Motorenlieferant Honda hatte aus Sicherheitsgründen davon abgeraten. Wegen eines Problems im Stromkreislauf des Antriebs stand das Auto unter Spannung. Es wäre für die Mechaniker zu gefährlich gewesen, es beim Boxenstopp zu berühren.

GP England 2019: Die Rennhighlights in Bildern

Vettel - Verstappen - GP England 2019 - Silverstone - Rennen
Vettel - Verstappen - GP England 2019 - Silverstone - Rennen Lewis Hamilton - Mercedes - GP England 2019 - Silverstone - Rennen Vettel - Verstappen - GP England 2019 - Silverstone - Rennen Vettel - Verstappen - GP England 2019 - Silverstone - Rennen 58 Bilder
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