Lewis Hamilton - GP Frankreich 2019 Wilhelm

Taktik-Check GP Frankreich

Mercedes-Rätsel um Reifen-Blasen

Mercedes war beim GP Frankreich haushoch überlegen, Ferrari stärker als Red Bull. Bleiben da noch Fragen? Ja, zum Beispiel warum Mercedes beide Fahrer früh zum Reifenwechsel holte und warum der Start auf harten Reifen eine gute Idee war.

Es war wieder so ein Rennen, in dem Mercedes freie Hand hatte. Die Silberpfeile hätten in Paul Ricard mit jeder Taktik gewonnen. Selbst die Strategen mussten zugeben, dass es auch am Kommandostand das bislang langweiligste Rennen des Jahres war. Kleine Einschränkung: „Wenn ihr hören könntet, was sich am Funk abspielt und mit wie viel kleinen Problemen wir uns Runde für Runde herumschlagen müssen, dann wäre es auch interessanter für euch.“

Dinge wie die Schaltpunkte, die bei Lewis Hamilton anfangs nicht passten und das Energiemanagement beeinträchtigten. Oder der gebrochene Sitz. Oder Blasen auf den Vorderreifen. Sagen wir es so: Das war Jammern auf hohem Niveau.

Valtteri Bottas hatte in der Schlussphase mit größeren Problemen zu kämpfen. Bei ihm verursachten die Blasen auf den Vorderreifen größere Krater auf der Lauffläche als bei Hamilton. Das Überhitzen startete mit dem Versuch von Bottas, auf den harten Reifen die gleichen Rundenzeiten zu fahren wie sein Teamkollege.

Teamchef Toto Wolff meinte: „Wenn Valtteri von Lewis etwas lernen kann, dann ist es das Reifenmanagement.“ Mercedes machte zum ersten Mal in dieser Saison Bekanntschaft mit einem altbekannten Problem. Was die Ingenieure verwunderte: „Blasen auf den harten Reifen, das ist ungewöhnlich. Wir wissen auch noch nicht, was der Grund dafür war.“

Fehlzündungen und Reifenprobleme für Bottas

Sieben Runden vor Schluss kamen im Auto mit der Startnummer 77 auch noch Fehlzündungen hinzu. Man sah es am Abstand zu Charles Leclerc. Der betrug maximal 8,5 Sekunden in Runde 44, schrumpfte dann aber in Portionen zwischen 1,1 und 1,5 Sekunden pro Runde.

Das VSC-Signal kam dann auch noch zur falschen Zeit. „Bottas bekam zwar die Information, dass die Neutralisation nur kurz dauern würde, doch irgendwie hat der Finne den Hinweis falsch interpretiert. Vielleicht haben wir uns auch nicht genau ausgedrückt. Valtteri war jedenfalls super vorsichtig mit seiner Delta-Zeit.“

Damit blieben dem Finnen kaum noch Möglichkeiten, den Zeitverlust vom Beginn der kurzen Schleichfahrt wieder ins Lot zu bekommen. Das grüne Licht kam schneller als erwartet. Und da befand sich Bottas auch noch in einer Kurvenkombination, in der er nicht sofort Gas geben konnte. Leclerc erwischte es besser und machte in einer Runde 1,7 Sekunden auf den Mercedes gut. Im Ziel lag der Ferrari-Pilot auf Schlagdistanz.

Lewis Hamilton - GP Frankreich 2019
Motorsport Images
Mercedes holte seine Fahrer schon relativ früh an die Box.

Obwohl Mercedes von Anfang an für klare Verhältnisse sorgte und sich die beiden Fahrer schnell vom Feld absetzten, wurden sie verhältnismäßig früh an die Box geholt. Die Gefahr eines Undercuts bestand bei 6,4 Sekunden Vorsprung auf Leclerc eigentlich nicht. Leclerc wechselte in Runde 21 von Medium auf Hart. Bottas folgte zwei, Hamilton drei Runden später.

Die Ingenieure erklären warum: „Valtteri lief auf eine Gruppe Überrundeter auf. Er hatte schon zwei Sekunden auf Leclerc verloren und hätte weitere zwei Sekunden im Verkehr eingebüßt. Wir wollten ihn aber mit einem Sicherheitsabstand von vier Sekunden vor Leclerc wieder rausbringen.“

Auch Hamilton hatte einen Pulk langsamer Fahrzeuge vor sich. Nachdem er in Runde 23 Sebastian Vettel aus seinem Boxenstopp-Fenster abgehängt hatte, war der Befehl zum Reifenwechsel logisch.

Ferrari merkwürdig schwach auf der Gerade

Die Reifenfolge stand für acht Fahrer aus den Top Ten in Stein gemeißelt: Start auf Medium, Wechsel auf Hart. So gab es auf den ersten sechs Plätzen auch kaum Bewegung. Als Vettel sich an den zwei McLaren vorbeigekämpft hatte, wurden ihm bereits 6,5 Sekunden Rückstand auf Max Verstappen angezeigt. Das ist bei nahezu gleichwertigen Autos in der modernen Formel 1 nicht mehr aufholbar.

Vettel war auf den Medium-Reifen im Schnitt 0,25 Sekunden schneller als Verstappen. Auf Teamkollege Leclerc holte er im gleichen Zeitraum über 12 Runden insgesamt eine Sekunde auf. Kaum rollte der Ferrari mit der Startnummer 5 auf den harten Reifen, ging die Schere wieder auf. Vettel fand an diesem Wochenende nur auf dem Medium-Reifen eine vernünftige Fahrzeugbalance.

Lewis Hamilton - GP Frankreich 2019
Motorsport Images
Hamilton schaute sich die Ferrari-Reifen nach dem Rennen genau an.

Die größten Probleme aber hatte der WM-Dritte auf Pirellis weichster Gummimischung. Das zeigte sich schon im Training. So ist es auch zu erklären, warum Vettel mit einem frischen Satz Soft nur 0,024 Sekunden schneller war als Hamilton auf seiner Garnitur Hart nach 27 Runden.

Dazu kam noch, dass die Batterie nicht die maximale Leistung abgab, was aber laut Vettel nur zwei bis drei Zehntel gekostet haben soll. Die Mercedes-Ingenieure wurden dennoch aus dem Speed-Profil der beiden Ferrari nicht schlau. „Bis zum Q2 waren sie wie üblich auf den Geraden viel schneller als wir. Danach haben sie auf den Geraden nichts mehr gutgemacht. Vettel war in seiner schnellsten Rennrunde merkwürdig schwach im Top-Speed.“

Hülkenbergs Bremse hieß Räikkönen

Der einzige Aufreger in einem recht übersichtlichen Rennen war der Kampf um Platz 7. Er braute sich nur deshalb zusammen, weil Lando Norris mit Hydraulikproblemen kämpfte. Zuerst meldete sich DRS ab, dann die Servolenkung, dann das Getriebe und zum Schluss machten auch noch die Bremsen Ärger.

Obwohl Norris mit dem Rücken zur Wand fuhr, wehrte er sich tapfer gegen seine Verfolger. Daniel Ricciardo, Kimi Räikkönen und Nico Hülkenberg blieb aber nur diese eine Runde am Schluss, ihr wehrloses Opfer einzufangen. Ricciardo gewann den Vierkampf auf der Strecke und verlor ihm am grünen Tisch. Wir werden an anderer Stelle auf den Regulierungswahnsinn der Sportkommissare und Regelhüter eingehen.

Lando Norris - GP Frankreich 2019
Motorsport Images
Die Probleme von Lando Norris sorgten in den Schlussrunden für Action.

Zwei Fahrer aus dieser Gruppe hatten am Start freie Reifenwahl und sind alternativ mit harten Sohlen gestartet. Für Räikkönen und Hülkenberg zahlte sich das lange Warten aus. Sie konnten bei freier Fahrt genug Zeit gutmachen, um Pierre Gasly abzuhängen. Für Hülkenberg hätte es sogar noch weiter nach vorne reichen können, doch er kam nicht an Räikkönen vorbei. Der alte Fuchs im Alfa Romeo machte nicht einen Fehler.

„Als Kimi weg war, bin ich auf meinen alten Reifen sofort eine Sekunde schneller gefahren. Im Vergleich zu Kimi war ich vielleicht zwei Zehntel pro Runde schneller. Leider hat es mit dem Overcut nicht ganz gereicht“, rapportierte Hülkenberg. Ein Grund dafür war, dass er allein 0,9 Sekunden auf seinen Gegner bei Boxenstopp verlor. Hätte Hülkenberg freie Fahrt gehabt, wäre er nach Abschluss aller Boxenstopps sogar vor Ricciardo gelandet.

Für Lance Stroll zahlte sich die Taktik mit der Reifenfolge Hart-Medium im Gegensatz zu Kanada nicht ganz aus. Dem Kanadier fehlte ein bisschen der Speed, um die nötige Zeitgutschrift einzufahren. Und Racing Point holte ihn auch ein paar Runden zu spät an die Box.

Sergio Perez wurde erneut mit der schlechteren Taktik ins Rennen geschickt. Der Mexikaner startete auf Medium. Er wäre aber von seinem Speed her eher in der Lage gewesen Räikkönen und Hülkenberg zu folgen. Doch mit dem Medium-Gummi musste er schon nach 18 Runden an die Box. So fiel er hinter Gasly und war damit chancenlos.

Perez sollte in Zukunft darauf bestehen, mit den gleichen Reifen zu starten wie Stroll. Bei Racing Point heißt es dazu: „Mit unseren schlechten Startplätzen müssen wir zwei Risiko-Karten spielen. Die eine spekuliert auf ein frühes, die andere auf ein spätes Safety-Car.“

GP Frankreich 2019: Die Bilder des Rennens in Le Castellet

Lewis Hamilton - Formel 1 - GP Frankreich 2019
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