Lando Norris & Lewis Hamilton - GP Imola 2021 xpb
Valtteri Bottas - Imola - Formel 1 - GP Emilia Romagna - 2021
Mick Schumacher - Imola - Formel 1 - GP Emilia Romagna - 2021
Kimi Räikkönen - Imola - Formel 1 - GP Emilia Romagna - 2021
Carlos Sainz - Imola - Formel 1 - GP Emilia Romagna - 2021 68 Bilder

Taktik-Check Imola: Falscher Start für Soft-Reifen

F1 Taktik-Check Imola Falscher Start für Soft-Reifen

Der zweite WM-Lauf wurde mehr auf der Rennstrecke als durch die Taktik entschieden. Der einzige Boxenstopp brachte nur einen Positionswechsel. Vom Poker mit Soft-Reifen in das zweite Rennen zu starten, profitierte nur Lando Norris. Aber auch nur so halb.

Normalerweise sind solche Rennen ein Fest für die Strategen. Wenn das Wetter Chaos liefert können sie glänzen. Doch beim fünften Regenrennen in Imola seit 1980 war entscheidend, was auf der Rennstrecke passierte. Es wurden die Fahrer belohnt, die bei den tückischen Bedingungen die wenigsten Fehler machten. Selbst die Superstars Max Verstappen und Lewis Hamilton zeigten, dass schon ein kleiner Fehltritt gereicht hätte, mit null Punkten nach Hause zu fahren.

Es gehört zu der Klasse der beiden Hauptdarsteller, dass sie sich aus misslichen Lagen meistens selbst befreien. Max Verstappen fing seinen Red Bull meisterhaft wieder ein, als er vor dem Neustart seine Reifen aufwärmte, in der ersten Rivazza-Kurve kurz querstand und dabei nach innen abbog. Für eine Sekunde hatte der Red Bull mit allen vier Rädern die Strecke verlassen. Zu kurz für Charles Leclerc, um da die Entscheidung zu treffen an Verstappen vorbeizufahren oder nicht.

Hamilton leistete sich gleich zwei kleine Blackouts. Zuerst geriet er beim Überrunden von George Russell auf die nasse Spur und damit ins Kiesbett der Tosa-Kurve. Dann versuchte er auf dem kurzen Asphaltstück mit einem Burnout das Auto um 90 Grad zu drehen, krachte dabei aber in die Bande.

Trotzdem behielt der Weltmeister kühlen Kopf. Er wusste, dass er durch dieses Kiesbett noch einmal durch musste, um auf die Strecke zurückzukehren. Und er wusste, dass dies am besten per Frontantrieb geht, wenn man nicht steckenbleiben wollte. Das war ein Fall für den Rückwärtsgang. Die meiste Zeit verlor Hamilton damit, das Getriebe zur Umkehr der Fahrtrichtung zu überreden. "Ich drückte den Knopf, aber es dauerte eine Ewigkeit, bis er endlich drin war."

Lewis Hamilton - Imola - Formel 1 - GP Emilia Romagna - 2021
xpb
Hamilton musste den Rückwärtsgang einlegen, um aus dem Kiesbett der Tosa-Kurve herauszukommen.

Vettel traute sich als erster

Der GP Emilia Romagna wäre wahrscheinlich auch bei trockener Strecke ein Knüller geworden. Dafür sprach schon die Ausgangsstellung mit Hamilton gegen zwei Red Bull, die am Start auch noch mit unterschiedlichen Reifen bestückt gewesen wären. Der Regen, der eine Stunde vor dem Start die Strecke einseifte, machte alle geplanten und nicht geplanten Taktikspielchen zur Makulatur.

Danach ging es auf abtrocknender Strecke nur noch um eine Frage: Wer traut sich als erster auf Slicks? Sebastian Vettel opferte sich in der 20. Runde und ließ sich einen Satz Medium geben, um das Rennen damit zu beenden. Verstappen meinte noch Runden später, dass die Nummer riskant sei. Aus Vettels Sicht machte sie Sinn. Er lag auf Platz 16 und hatte nichts zu verlieren.

Pech, dass er zwei Runden später eine Zehnsekunden-Strafe absitzen musste, weil das Team vor dem Start zu spät die Intermediates aufgezogen hatte. So verzögerte sich auch für alle anderen die Information, ob Slicks nun schon schneller sind als abgefahrene Intermediates. In der 25. Runde war es klar. Vettel drehte mit 1.27,106 Minuten eine Runde, die um 2,5 Sekunden schneller war als alle seine Runden davor. Gebracht hat es nichts. Vettel blieb auf seinem Platz sitzen.

Sebastian Vettel - GP Imola 2021
Wilhelm
Sebastian Vettel brachte der Poker mit dem frühen Wechsel auf Slicks nicht nach vorne.

Hamilton verlor 2,3 Sekunden in der Box

Der Aston Martin-Pilot lag zu weit zurück und die trockene Ideallinie war zu schmal, als dass der Rest sofort reagiert hätte. Es dauerte bis zur 27. Runde, bis Red Bull mit Verstappen die Reißleine zog. Hamilton lag mit 2.056 Sekunden Rückstand schon gefährlich nahe am Undercut-Fenster. Er hatte innerhalb von vier Runden eine Lücke fast zugefahren, die in Runde 22 mit 6,065 Sekunden ihren Höchststand erreichte.

Mercedes holte Hamilton trotzdem erst eine Runde nach Verstappen an die Box. Mit Absicht. Die erste Rennhälfte hatte Mercedes gezeigt, dass ein Undercut für ihr Auto nicht funktionieren würde. Hamilton und Bottas hatten Mühe ihre Reifen auf Temperatur zu bringen. Dafür lief es umso besser, je abgefahrener die Intermediates waren. "Das gleiche Phänomen hatten wir letztes Jahr in der Türkei", berichteten die Ingenieure.

Die Sorgen um das Reifenaufwärmen bestimmten das Timing der Boxenstopps von Mercedes. Wenn überhaupt etwas als taktischer Schachzug in Frage kam, dann der Overcut. "Wir wollten, dass Max zuerst reinkommt. Aber leider war unser Boxenstopp langsam. Sonst wären wir nach dem Reifenwechsel dichter an ihm dran gewesen. Hätten wir vor ihm gestoppt, hätten wir wegen der Warmup-Probleme den Vorteil des Slicks nicht sofort nicht nutzen können."

Hamiltons Standzeit von vier Sekunden hatte zwei Gründe. Vorne links ließ sich das Klebeband auf der Bremsbelüftung nur mühsam abziehen. Rechts vorne gab es ein Problem mit dem Schlagschrauber. Im direkten Vergleich verlor Hamilton 2,304 Sekunden in der Boxengasse. "Das können wir uns bei dem engen Duell mit Red Bull nicht mehr leisten", hieß es im Lager des Weltmeisters. "Wenn wir die WM gewinnen wollen, müssen wir auch bei den Boxenstopps mit Red Bull mithalten."

Max Verstappen - Imola - Formel 1 - GP Emilia Romagna - 2021
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Verstappen verbrachte zwei Sekunden weniger in der Box als Hamilton und verteidigte seine Führung locker.

Nur der Overcut von Bottas funktionierte

Dass der Overcut eine Überlegung wert war, demonstrierte Mercedes mit Valtteri Bottas. Der Finne kam eine Runde nach Lance Stroll an die Box und fuhr vor ihm wieder raus. Es war der einzige Positionswechsel, den die Boxenstopps hervorbrachten. Lando Norris kam zwar auch an Sergio Perez vorbei, doch beide stoppten in der gleichen Runde, und Perez verlor wegen einer Strafe für Überholen unter dem Safety-Car noch zusätzlich zehn Sekunden.

Der Unfall zwischen Valtteri Bottas und George Russell stellte alle Uhren auf Null. Damit bekamen alle Überrundeten ihre Runde zurück und eine zweite Chance. Auch Lewis Hamilton, Lance Stroll, Kimi Räikkönen, Yuki Tsunoda, Esteban Ocon, Fernando Alonso, Pierre Gasly und Antonio Giovinazzi. Hamilton profitierte im doppelten Sinn. Das Team konnte in der Pause die Nase mit dem beim Start beschädigten Frontflügel wechseln. Die abgerissene Bodenplatte des Frontflügels kostete Hamilton laut Teamchef Toto Wolff zwei Zehntel pro Runde.

Fünf der Beschenkten landeten noch in den Punkterängen, Hamilton sogar auf dem Podium. Ohne das Geschenk wäre der Weltmeister bestenfalls auf Platz 7 ins Ziel gekommen. Man mag darüber streiten, dass diese Regel ungerecht ist, doch für das Rennen selbst war sie gut. Sie hat Imola ein tolles Finale und elf Überholmanöver geschenkt.

Safety-Car - Imola - Formel 1 - GP Emilia Romagna - 2021
Motorsport Images
Der Abbruch stellte die Uhren in Imola wieder auf Null. Überrundete Fahrer bekamen einen Umlauf geschenkt.

Das Glück von Verstappen

Der Neustart warf noch eine Frage auf, die angesichts ihrer Brisanz etwas unterging. Was wäre passiert, wenn Charles Leclerc den Red Bull von Verstappen nach dessen Ausrutscher in der Formationsrunde zum Neustart überholt hätte? Die Antwort ist kniffliger als man denkt, was das Beispiel von Kimi Räikkönen in einem ähnlich gelagerten Fall zeigt.

Leclerc hätte Verstappen überholen dürfen, weil der Holländer in Rivazza für eine Sekunde mit allen vier Rädern neben der Strecke war. Der Platztausch ist in dem Fall aufgehoben, da man in einem solchen Fall nicht von Überholen sprechen kann. Die Fahrer dahinter können ja nicht anhalten und warten bis der Vordermann wieder auf die Strecke zurückfindet.

Verstappen wiederum hätte Leclerc nach Artikel 42.12 nicht zurücküberholen dürfen, weil das Safety-Car die Lichter schon ausgeschaltet hatte und der Neustart damit offiziell angekündigt wurde. Damit war es amtlich. Verstappen hätte nach Artikel 42.6. sogar in die Boxengasse abbiegen müssen, weil er nicht in der Lage gewesen wäre, die ursprüngliche Reihenfolge herzustellen und seine Position vor der SC1-Linie am Boxeneingang wieder einzunehmen.

Der spätere Sieger kann von Glück reden, dass sein Ausrutscher in Rivazza so minimal war, dass keiner der nachfolgenden Kollegen reagieren konnte. Und dass Leclerc nicht einmal wusste, dass fliegend gestartet wird. Bei Ferrari war der Funk ausgefallen. Leclerc war so überrascht, dass ihm im Beschleunigungsduell Richtung Tamburello Lando Norris durchrutschte.

Norris hätte als Zweiter die Situation mit Verstappen übrigens ausgenutzt, wäre der Holländer ein bisschen länger durch die Botanik gefahren. "Ich müsste erst beim Team nachfragen, wie die Regel genau lautet. Aber so etwas kann dir das Rennen gewinnen."

Max Verstappen - Imola - Formel 1 - GP Emilia Romagna - 2021
xpb
Verstappen rutscht kurz vor dem Restart mit allen vier Rädern in die Wiese, hat aber Glück, dass keiner seiner Verfolger die Situation ausnutzt.

Norris fährt unfreiwillig für Hamilton

Die Reifenwahl für die restlichen 30 Runden war nicht so einfach wie sie aussah. Keiner im Feld wusste vor Beginn der Formationsrunde nach 28 Minuten Unterbrechung, ob der Grand Prix mit einem stehenden oder rollenden Start wieder aufgenommen wird. FIA-Rennleiter Michael Masi entschied sich erst für einen Indianapolis-Start als das Feld schon in Kurve 7 war. Die Strecke war neben der Ideallinie einfach noch zu nass für einen Start aus dem Stand.

Da Bernd Mayländer in Kurve 10 das Licht an seinem Safety-Car ausschaltete, war es ab dem Moment auch verboten, verlorene Plätze im Pulk gutzumachen. Das traf Kimi Räikkönen, der sich in Tamburello verabschiedet hatte, es aber nicht schaffte, sich bis Kurve 10 wieder auf Platz acht einzuordnen. Der Finne lag zu dem Zeitpunkt auf Platz zehn. Damit verletzte er Artikel 42.6 des Sportgesetzes, was zwingend einen Start aus der Boxengasse vorgeschrieben hätte.

Fünf Fahrer gingen ganz offensichtlich von einem stehenden Start aus. Lando Norris, Daniel Ricciardo, Sergio Perez, Yuki Tsunoda und Sebastian Vettel erhofften sich mit der Wahl des Soft-Reifens einen Vorteil beim 605 Meter langen Spurt in die erste Kurve. Der war natürlich aufgefressen, als entschieden wurde, das Feld fliegend auf die Reise zu schicken. Die Risikospieler hatten danach noch rund 15 Runden Zeit den besseren Grip der weichen Reifen zu nutzen. "Ich wusste, dass ich danach leiden werde", berichtete Norris.

Charles Leclerc - Imola - Formel 1 - GP Emilia Romagna - 2021
xpb
Als Leclerc für einen Moment aus dem DRS-Fenster von Norris fiel, machte Hamilton kurzen Prozess.

Hamilton konnte sich bei dem McLaren-Fahrer bedanken: "Lando hat mir die Ferrari-Fahrer in die Arme getrieben." Charles Leclerc und Carlos Sainz bissen sich an Norris die Zähne aus, weil der McLaren auf den Geraden überragend schnell war. Bei freier Fahrt hätten sie mit ihren Medium-Gummis ihren Vorsprung auf den Mercedes besser konservieren können. Dann hätte Hamilton nicht eine Sekunde pro Runde auf die roten Autos gut gemacht.

Als er mal in ihrem Windschatten war, hielten die Ferrari den Weltmeister auch nicht lange auf. Leclerc und Sainz fehlten ohne DRS 8 bis 13 km/h auf der Zielgerade. "Wir hatten das Auto mit Blickrichtung Reifenschonen auf zu viel Abtrieb eingestellt", erklärte Leclerc.

Für den McLaren auf dem zweiten Platz brauchte Hamilton fünf Runden, bis er endlich einen Weg vorbeigefunden hat. Der Schlüssel lag in den Kurven 15, 16 und 17. "Da war Lewis extrem stark. Deshalb konnte er seine Gegner auf der Zielgeraden mit Überschuss vor Kurve 2 gut angreifen. Wir wussten das. Deshalb haben wir Lewis vor dem Neustart auch einen Podiumsplatz vorhergesagt", erzählten die Ingenieure. Die positive Prognose richtete den Titelverteidiger moralisch wieder auf. "Ich brauchte etwas, um den Frust über meinen Fehler in positive Energie umzuwandeln."

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