Taktik-Check GP Italien 2018

Hätte Ferrari mit Hamilton-Taktik gewonnen?

Kimi Räikkönen - GP Italien 2018 Foto: sutton-images.com 30 Bilder

Eigentlich sollte der GP Italien taktisch wieder ein einfaches Rennen sein. Doch am Ende diskutierten sich die Experten die Köpfe heiß. Hätte Kimi Räikkönen mit der Hamilton-Strategie gewonnen? Wir geben die Antwort in unserem Taktik-Check.

Über die richtige Strategie beim GP Italien gab es kein Debattieren: Ein Stopp, Start auf Supersoft, dann weiter auf Soft. Zwölf Fahrer waren so unterwegs, davon alle in den Punkterängen bis auf Sebastian Vettel. Der Ferrari-Star wurde nach der Kollision zu der Reifenfolge Supersoft-soft-supersoft quasi gezwungen. Ein ganzes Rennen auf Soft traute nicht einmal Pirelli-Sportchef Mario Isola seinen Reifen zu. „Das wäre knapp geworden. Für Vettel war ein zweiter Stopp schneller.“

Wie immer in Monza gab es aus strategischer Sicht nur eine Frage: Wann ist der ideale Zeitpunkt zum Boxenstopp? Früher einmal galt die Regel: Je später desto besser. Diesmal war es nicht so eindeutig. Undercut und Overcut hielten sich die Waage. Als Kimi Räikkönen in der 20. Runde an die Box kam, dauerte es zwei Runden, bis er mit frischen Soft-Reifen schneller fuhr als Lewis Hamilton auf gebrauchten Supersoft-Gummis.

Die Mercedes-Strategen bestätigten, dass die Entscheidung zum Undercut aus auch ihrer Sicht eine Nummer mit Risikopotenzial gewesen wäre: „Alle unsere Werkzeuge sagten uns, dass es extrem knapp gewesen wäre, den Undercut gelingen zu lassen oder eine Runde später auf Kimi zu reagieren. Bei der Frage, ob wir Lewis sofort nach Kimi reinholen sollen, haben wir uns zum Schluss dagegen entschieden. Die Wahrscheinlichkeit eines Positionsverlusts wäre zu groß gewesen.“

Keiner wollte hinter Grosjean fallen

Ferrari und Mercedes belauerten sich gegenseitig. Die Blicke der Kommandostände richteten sich auf den Vorsprung zu Romain Grosjean. Keiner wollte nach seinem Boxenstopp hinter den HaasF1-Piloten fallen. Zwischen dem vierplatzierten Valtteri Bottas und Grosjean klaffte in der 19. Runde eine 14-Sekunden-Lücke. Dort wollte man reinfallen. In Runde 19 betrug das Delta zwischen Räikkönen und Grosjean 23,6 Sekunden. Gerade genug für Räikkönen, nicht ganz für seinen Verfolger Hamilton.

Deshalb zog Ferrari in der nächsten Runde die Reißleine. Sonst hätte es Mercedes gemacht. Mercedes-Teamchef Toto Wolff gab nach dem Rennen zu: „Wenn Ferrari draußen geblieben wäre, hätten wir gestoppt. Wir haben Lewis gesagt, dass wir das Gegenteil von Kimi machen.“

Kimi Räikkönen - GP Italien 2018 Foto: xpb
Nach dem Rennen ging der erste Blick Räikkönens auf seine Hinterreifen.

Die Mercedes-Ingenieure bestätigen: „Ferrari hat alles richtig gemacht. Wir hätten in ihrer Situation genauso gehandelt.“ Für Hamilton gab es in diesem Augenblick nur noch eine Option. Deutlich länger als Räikkönen fahren, darauf warten bis sich neue Möglichkeiten ergeben und dann im zweiten Teil des Rennens mit frischeren Reifen Attacke machen.

Die Möglichkeit ergab sich ab der 28. Runde. Das war der Moment, in dem Räikkönen auf den anderen Mercedes mit Valtteri Bottas auflief. Bottas hatte den Befehl Räikkönen aufzuhalten. Und Hamilton bekam die Order an die Box zu kommen. Als er wieder ins Rennen zurückkehrte, hatte er 5,3 Sekunden Rückstand auf den Ferrari. Die verdampften innerhalb von vier Runden.

Hätte Räikkönen seines finnischen Landsmann sofort überholt, wäre es für Hamilton trotz der frischeren Reifen schwer geworden. So gesehen hat Bottas ganze Arbeit für seinen Teamkapitän geleistet.

Bottas-Bremsklotz mit Doppeleffekt

Räikkönens Reifenprobleme waren unvermeidlich. Er musste aus der Box heraus sofort Vollgas geben, weil er ja nicht wissen konnte, ob Hamilton nicht sofort in der nächsten Runde stoppt. Dann wäre die OUT-Runde der entscheidende Faktor gewesen. Hamilton wiederum konnte seine Reifen schonender einfahren, weil er wusste, dass Bottas seinen Gegner im Kampf um den Sieg blockieren würde. Bottas war ein Bremsklotz mit Doppeleffekt. Räikkönen verlor hinter ihm nicht nur Zeit. Er machte sich die Reifen noch mehr kaputt.

Formel Schmidt - GP Italien 2018 - Teaser
Muss Kimi jetzt für Vettel fahren? 14:38 Min.

Da der Reifenverschleiß in Monza extrem gering ist, bleibt relativ lange viel Gummiauflage auf den Reifen. Das heißt: Der Gummi bewegt sich mehr. Mit den härteren Soft-Reifen und weniger Abtrieb im Windschatten von Bottas war die Tendenz zum Rutschen noch größer. „Dieser Mix aus zu schnellem Anfahren der Reifen und dem Hinterherfahren im Windschatten eines anderen Autos hat die Blasenbildung begünstigt“, gibt auch Pirelli-Mann Isola zu.

Hat sich Bottas für Hamilton geopfert? Mercedes sagt nein. Die Taktik, lange draußen zu bleiben, hätte ihm im Duell mit Max Verstappen die frischeren Reifen beschert. Doch sind wir mal ehrlich. Bottas wäre bis zum Sanktnimmerleinstag nicht an Verstappen vorbeigekommen. Er hatte nur das Glück, dass sich Mad Max mal wieder zu einer Attacke hinreißen ließ, die von den Sportkommissaren dankbar bestraft wurde. Bottas überholte Verstappen nur am grünen Tisch, nie auf der Strecke. Da fehlt ihm einfach das Überhol-Gen eines Hamilton.

Ferrari hat Fahrer, keine Butler

Die Frage aller Fragen lautet, ob Räikkönen mit der Hamilton-Taktik gewonnen hätte. Wenn Ferrari dem Mercedes-Piloten den Vortritt gelassen und bis Runde 30 mit dem Boxenstopp gewartet hätte, dann wäre der Finne mit rund 6 Sekunden Rückstand wieder ins Rennen gegangen. Dann natürlich mit den besseren Reifen und ohne Bottas vor der Nase.

Räikkönen hätte die Lücke vermutlich schließen können, doch es muss gezweifelt werden, dass er jemals an Hamilton vorbeigekommen wäre. Es hat ein Mal geklappt beim Re-Start. Aber ein Hamilton lässt sich nicht zwei Mal austricksen. So wäre das Rennen aber wenigstens bis zur letzten Runde spannend geblieben. Tatsächlich war es ab der 45.Runde gelaufen. Als Hamilton einmal in Führung lag, war er nicht mehr zu halten.

Kimi Räikkönen - GP Italien 2018 Foto: sutton-images.com
Aus der Lauffläche des linken Hinterreifens von Räikkönen waren große Gummifetzen rausgerissen.

Ferraris Versäumnis lag darin, im Gegensatz zu Mercedes keine Absprachen für das Rennen getroffen zu haben. Räikkönen und Vettel durften frei fahren. „Ich habe Fahrer, keine Butler“, erklärte Teamchef Maurizio Arrivabene in italienischen Medien. Das ist aus Sicht der Fans löblich, mit Blickpunkt WM-Titel aber gefährlich. Vettel geriet in der Roggia-Schikane in die Bredouille, weil sein Teamkollege die Führung verteidigte, als ginge es um Leben und Tod. Dabei hat er Hamilton mehr geholfen als Vettel.

Für Vettel war das Rennen nach vier Kurven eigentlich gelaufen. Trotz starker Beschädigungen an seinem Ferrari schaffte es der WM-Zweite noch auf Platz 4. Am Ende der ersten fliegenden Runde nach dem Re-Start hatte der Deutsche einen Rückstand von 13,072 Sekunden auf die Spitze. Im Ziel waren es 16,151 Sekunden. Dazwischen lagen viele Zweikämpfe und 15 Überholmanövern, die ordentlich Zeit gekostet haben.

Immerhin gewann Vettel 21 Runden im direkten Vergleich mit Hamilton. Und er drehte die zweitschnellste Rennrunde, nur 0,008 Sekunden langsamer als Hamiltons Bestwert. Deshalb wollten die Mercedes-Ingenieure den Sieg auch nicht überbewerten: „Bei allem Respekt für Kimi. Wir haben den wahren Vettel heute nicht gesehen. Er ist normalerweise ein bisschen schneller.“ Ferrari wiederum hat bei der Reifenzusammenstellung den Fehler von Mercedes in Montreal wiederholt. Für Vettel wurde nur eine Garnitur Soft-Reifen reserviert. Den brauchte er für das Rennen. So konnte nur Räikkönen den Soft-Reifen am Freitag testen.

Verstappen im Rennen nur 2 Zehntel langsamer

Weiter hinten im Feld ging es ruhiger zu. Daniel Ricciardos Aufholjagd endete mit einem Kupplungsschaden. Der Australier kam in einem intakten Red Bull nicht so gut durchs Felds wie Vettel in einem gerupften Ferrari. Dabei lag Ricciardos Top-Speed mit 350,9 km/h nur knapp unter Vettels 353,7 km/h. Das sagt viel über die Qualitäten der beiden Autos aus.

Andererseits war Max Verstappen im Rennen überraschend schnell unterwegs. Im Training fehlten ihm 1,496 Sekunden hinter der Spitze. Im Rennen waren es im Schnitt nur 0,249 Sekunden. Was wieder einmal zeigt, dass der Red Bull ein besseres Rennauto ist.

Im Mittelfeld versuchten es die Teams mit unterschiedlichen Boxenstopp-Timings. HaasF1 holte Romain Grosjean schon in Runde 23 an die Box. Damit war für Force India und Renault klar: Lang fahren und auf ein Safety-Car oder eine VSC-Phase warten. Weder das eine, noch das andere trat ein. Damit war Grosjean sicher.

Die Force India-Piloten stoppten erst in den Runden 38 und 39. Perez verlor wieder mal in den Boxen Zeit. Der Reifenwechsel dauerte 3,7 Sekunden. Auch mit einem perfekten Stopp wäre der Mexikaner nicht an seinem Teamkollegen vorbeigekommen. Der Abstand zwischen den beiden Force India-Fahrer betrug vor den Boxenstopps drei Sekunden.

Neuester Kommentar

Zitat Mercedes: "darauf warten bis sich neue Möglichkeiten ergeben" ... damit geben Sie es ja zu ... Sie entscheiden und warten auf den nächsten Glücksfall. Und wenn "Schweinchen Glück" im Cockpit sitzt ... tritt dieser Umstand natürlich ein ... gar keine Frage ...

Dieses Rennen hat endlich die Frage beantwortet: Kann Kimi schneller fahren wenn Ferrari ihn lässt ?
Die ganzen Aluhuträger wird das aber wenig interessieren ...

donstephan 7. September 2018, 08:17 Uhr
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