Daniel Ricciardo - GP Italien - Monza - 2021 xpb
Verstappen vs. Hamilton - GP Italien - Monza - 2021
Verstappen vs. Hamilton - GP Italien - Monza - 2021
Vettel vs. Ocon - GP Italien - Monza - 2021
Antonio Giovinazzi - GP Italien - Monza - 2021 61 Bilder

Taktik-Check GP Italien: Sieg aus eigener Kraft?

Taktik-Check GP Italien 2021 Sieg aus eigener Kraft?

Die Kollision zwischen Lewis Hamilton und Max Verstappen öffnete McLaren die Tür zum Doppelsieg. Doch hätte Daniel Ricciardo auch gewonnen, wenn die beiden WM-Kontrahenten im Rennen geblieben wären? Im Taktik-Check blicken wir hinter die Zahlen des Italien-GPs.

Der GP Italien lebte von zwei Geschichten. Der Kollision zwischen Lewis Hamilton und Max Verstappen und dem Doppelsieg von McLaren. Daraus ergibt sich die Frage, was passiert wäre, wenn es nicht zu der Karambolage gekommen wäre. Daniel Ricciardo hätte wahrscheinlich immer noch gewonnen. Aber Lando Norris wäre nicht Zweiter geworden. Wenn Ricciardo von einem Sieg aus eigener Kraft spricht, liegt er also richtig.

Eigentlich war alles ganz anders geplant. Lewis Hamilton sollte mit seinen harten Reifen bis zur 39. Runde durchhalten. Dann hätte er die Option zwischen einem frischen Satz Medium und zwei Garnituren neuer Soft-Reifen gehabt. Um diese Taktik durchzuziehen, hätte Hamilton Tempo machen müssen, nachdem Ricciardo und Verstappen vor ihm in die Boxengasse abgebogen wären. Norris holte er sich erst in der 24. Runde auf der Strecke.

Hamilton hätte also 15 Runden Zeit gehabt bei freier Sicht nach vorne einen Vorsprung von 24 Sekunden auf Ricciardo und Verstappen herauszufahren, um nach seinem eigenen Boxenstopp vor den beiden oder wenigstens vor einem der beiden wieder auf die Strecke zu kommen.

Das wäre keine leichte Aufgabe gewesen. Als Ricciardo an die Boxen abbog, hatte Hamilton 5,7 Sekunden Rückstand auf den Australier und 4,4 Sekunden auf Verstappen. Seine erste freie Runde ohne Norris vor der Nase war mit 1.26,586 Minuten so schnell wie Ricciardos erste fliegenden Runden auf den harten Reifen. Schwer vorstellbar, dass es für den nötigen Vorsprung gereicht hätte.

Max Verstappen - GP Italien - Monza - 2021
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Der schlechte Boxenstopp von Verstappen ließ Mercedes die Strategie ändern.

Goldene Chance ändert Mercedes-Plan

Der schlechte Boxenstopp von Verstappen änderte alle Pläne. "Wir mussten sofort kontern, um die goldene Gelegenheit wahrzunehmen an Max und Lando vorbeizukommen. Der Boxenstopp von Stroll hat uns gleichzeitig ein Fenster hinter den Ferrari aufgemacht", erklärten die Mercedes-Strategen. Da konnte noch keiner ahnen, dass zwei schlechte Boxenstopps die beiden Kontrahenten in dem Augenblick zusammenführen würden, in dem Hamilton aus den Boxen kam.

Hören wir uns erst die Meinung zum Crash von Verstappen und Red Bull an. Beide plädierten auf Rennunfall. "Wir haben um die Position gekämpft. Dazu gehören immer zwei. Lewis hat nicht aufgehört mich in der ersten Kurve nach außen zu drücken, bis kein Platz mehr für zwei Autos da war. Ich musste auf den grün angemalten Teil der Strecke ausweichen, aber ich sah immer noch Platz, um außen an ihm vorbeizugehen, bis er mich auf den orangen Kerb gedrückt hat. Ich habe es hart, aber fair versucht."

Die Analyse aus dem Mercedes-Lager hörte sich naturgemäß ganz anders an. "Immer wenn die beiden nebeneinander durch eine Kurve fahren und Lewis außen ist, zieht er zurück. Verstappen lässt es dagegen auf eine Kollision ankommen. Er geht jedes Mal mit zu viel Speed in die Kurve und setzt darauf, dass der andere verschwindet."

Die Schuldfrage sei deshalb klar: "In diesem speziellen Fall gehörte Lewis die Kurve. Er war beim Einlenken vorne. Jeder andere wäre an der Stelle von Max nach links ausgewichen. Er wusste, dass er den Platz verlieren würde, wenn er nach links in den Notausgang geht. Er wusste auch, dass er ihn nicht mehr zurückkriegen würde. Seine einzige Chance war es über den Randstein zu versuchen. Sicher nicht in der Absicht beide Autos abzuschießen. Das wäre dumm. Er hat wohl gehofft, dass er bei einem Kontakt durchkommt."

Verstappen vs. Hamilton - GP Italien - Monza - 2021
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Durch den schlechten Stopp von Hamilton, hatte Verstappen den Mercedes direkt im Visier.

Poker mit harten Reifen

Wären die beiden Streithähne heil durch die Kurve gekommen, hätten die WM-Gegner durch ihre schlechten Stopps hinter den McLaren gelegen. Mit Verstappen auf Rang drei wäre das Rennen in dieser Konstellation zu Ende gegangen. Ricciardo ließ ihm schon im ersten Stint keine Chance. Mit Norris vor seiner Nase wäre das auch nicht anders gewesen. Die McLaren waren auf den Geraden um neun km/h schneller als die Red Bull.

Der Mercedes war auf den Geraden eine größere Gefahr, doch Hamilton gelang das Überholmanöver gegen Norris erst, als das Reifen-Delta groß genug war. Die Reifensituation war aber im zweiten Stint genau seitenverkehrt. "Lewis hätte mit dem besseren Grip der Medium-Reifen direkt in den ersten sechs Runden nach dem Boxenstopp überholen müssen. Danach wäre wieder der harte Reifen im Vorteil gewesen", rechnete der Kommandostand aus.

Hamilton wie Verstappen hätten bei einem Angriff auf Norris den jeweiligen Gegner im DRS-Fenster gehabt. Wenn bei dem Angriff auf den McLaren etwas schiefgegangen wäre, hätte man unter Umständen gleich doppelt verloren.

McLaren - Siegerfoto - GP Italien 2021
McLaren
Der McLaren-Sieg war auf jeden Fall verdient. Daniel Ricciardo geriet in Monza nie in Gefahr überholt zu werden.

Mercedes bestückte beide Autos beim Start mit den harten Reifen. Zu diesem Schachzug griffen sonst nur Robert Kubica und Pierre Gasly. Die hatten nichts zu verlieren. Valtteri Bottas vom letzten Startplatz auch nicht. Bei ihm lag eine alternative Strategie auf der Hand. Der Trainingsschnellste hatte den Speed. Er brauchte genug Flexibilität für seinen Boxenstopp um durch das Feld zu stürmen und dann den richtigen Zeitpunkt für den Boxenstopp zu wählen.

Hamiltons Wahl war eine Überraschung. Man spekulierte eher mit einem Start auf Soft-Reifen, von denen sich Mercedes als einziges Team zwei frische Garnituren aufgehoben hatte. Die Strategen gaben zu, dass es ein Pokerspiel war. "Wir gingen davon aus, dass jeder auf Medium starten würde. Nicht auf dem Soft. Der reicht gerade so für den Sprint. Wenn deine Startposition schlechter ist als der Speed deines Autos, nimmst du lieber den harten Reifen und versuchst lange draußen zu bleiben."

Ohne Safety-Car auf Platz 7

Bottas profitierte vom Crash und der Safety-Car-Phase weil sie ihm 20 Sekunden und zwei Positionen schenkten. Sonst wäre er nach Berechnungen des Teams bestenfalls auf Platz 7 gelandet. Ein bisschen Glück hatte sich der Finne verdient. Er war der schnellere Mercedes-Fahrer in Monza und hatte souverän den Sprint gewonnen. Zu seinem Pech entdeckten die Techniker am Ende des freien Trainings an seinem Motor verdächtige Daten.

Valteri Bottas & Daniel Ricciardo - Formel 1 - GP Italien - Monza - 10. September 2021
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Nur Bottas hätte Ricciardo in Monza aufhalten können. Doch der Motorwechsel ließ den Traum vom Italien-Sieg zerplatzen.

Die Ingenieure erklärten den Tausch auf die vierte Antriebseinheit. "Das heißt nicht, dass dieser Motor hinüber ist, aber um damit weiterzufahren musste erst das Problem erkannt sein. Dazu war keine Zeit. Zwischen dem ersten Training und der Qualifikation reicht es gerade so für einen Motorwechsel ist. Deshalb haben wir die Gelegenheit genutzt, den vierten Motor in den Pool zu bringen. Wir brauchen ihn irgendwann in der Saison sowieso noch. Und Monza ist eine Strecke, wo es Sinn macht. Wenn Bottas kein Problem gehabt hätte, hätten wir nicht den Motor gewechselt."

Opfer der Safety-Car-Phase

Das Safety-Car in der 26. Runde beendete alle Taktikspielchen. Alle, die noch nicht Reifen gewechselt hatten, nahmen das Geschenk des freien Boxenstopps dankbar an. Die McLaren-Piloten waren eigentlich angeschmiert, weil sie schon vorher ihre harten Reifen in der Box abgeholt hatten. Doch der Vorsprung auf das Mittelfeld war schon so groß, dass Ricciardo und Norris direkt hinter den Ferrari ins Rennen zurückkehrten. Die räumten das Feld, als das Safety-Car auf die Strecke ging.

Sebastian Vettel und Nicholas Latifi traf das falsche Timing härter. Es warf sie aus dem Kampf um die Punkteränge. Esteban Ocon zählte auch zu den Opfern. Er stoppte zwar genau richtig, musste dann aber seine Fünfsekunden-Strafe absitzen, die er für die Kollision mit Vettel in der Roggia-Schikane bekam. So zogen die Williams-Piloten an ihm vorbei. Der Franzose ist überzeugt: "Das hat mich den siebten Platz gekostet."

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Hamilton hat Verstappen neben die Strecke gedrückt. Wenn eine Strafe, dann für ihn.
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