Taktik-Check GP Japan 2018

Wo wäre Vettel ohne Crash gelandet?

Sebastian Vettel - GP Japan 2018 Foto: Ferrari 29 Bilder

Für Mercedes war der GP Japan ein Rennen nach Lehrbuch. Sebastian Vettel musste sich am Ende die Frage stellen, wo er ohne die Kollision mit Max Verstappen gelandet wäre. Unser Taktik-Check gibt die Antwort!

Der GP Japan war eine Demonstration der Stärke. Mercedes hielt alle Trümpfe in der Hand, hatte das schnellste Auto im Feld, die optimalen Reifen am Start und Gegner, die über ihre eigenen Füße stolperten. Ferrari hatte sich schon durch schlechte Startplätze geschwächt. Den Rest erledigte Max Verstappen. Erst boxte er Kimi Räikkönen von der Strecke, dann ließ er Sebastian Vettel in die Falle laufen. Das Resultat waren zwei beschädigte Ferrari und Vettel am Ende des Feldes. Das verschaffte Mercedes einen ruhigen Nachmittag am Kommandostand.

Nach acht Runden gab es keine Gegner mehr für die Silberpfeile. Verstappen konnte Valtteri Bottas einigermaßen folgen, doch er fuhr mit der Hypothek einer Fünfsekunden-Strafe. Damit bestand für Bottas keine Undercut-Gefahr. Als Verstappen in Runde 21 seine Supersoft-Reifen gegen Soft-Gummis eintauschte, lag er auf der Strecke schon 4,2 Sekunden zurück. In Summe also über 9 Sekunden. Mercedes konnte sich den Luxus erlauben, mit dem Stopp von Bottas weitere zwei Runden zu warten. Der Vorsprung von Bottas wuchs danach netto sogar noch um 1,1 Sekunden auf 10,3 Sekunden an.

Ferrari war nach den Begegnungen mit Verstappen mit stark zerfledderten Autos unterwegs. Bei Räikkönen fehlten links diverse Leitbleche zwischen Vorderrad und Seitenkasten, bei Vettel rechts. Den Rundenzeiten nach zu urteilen verlor Räikkönen danach eine Sekunde pro Runde. Weniger Abtrieb an der Vorderachse zerstörte die Vorderreifen. Räikkönen musste in der 17. Runde an die Box, weil die Reifen am Ende waren. Das warf ihn in den Verkehr hinter die beiden Force India.

Vettel büßte durch die Verwundungen an seinem Auto in der Theorie eine halbe Sekunde pro Runde ein. Umso erstaunlicher sein Speed und die geringe Reifenabnutzung. Ferrari muss sich im Rückblick eingestehen. Bei normalen Startplätzen und einem normalen Rennen hätte man Mercedes ärgern können. Wie schon in Sotschi schrumpfte das Delta zu den Mercedes im Renntrimm deutlich.

Alles oder Nichts für Vettel

Vettel war nach dem Rennen der Meinung, dass er ohne den Crash mit Verstappen mindestens einen der beiden Mercedes hätte schlagen können. Verstappen sowieso: „Ich war schneller als er.“ Das wirft die Frage auf, ob er nicht doch besser hätte warten sollen.

Wenn er Verstappen später nicht auf der Strecke überholt hätte, wäre er beim Boxenstopp ohne Risiko vorbeigekommen. Selbst ohne Undercut. Verstappen musste ja noch seine Strafe absitzen. Vettel hätte in der zweiten Rennhälfte gegenüber den Mercedes den Vorteil des Soft-Reifens gehabt. Der war im Longrun ein ganzes Stück schneller als die Medium-Gummis von Lewis Hamilton und Valtteri Bottas.

Vettel & Hamilton - GP Russland 2018 Hamilton kritisiert Presse „Mehr Respekt für Sebastian“

Schauen wir uns deshalb ein paar Runden von Vettel nach seinem Boxenstopp an. Er steckte zwar sofort wieder im Verkehr, hatte aber in den Runden 31, 33, und 35 freie Fahrt. In all diesen Runden machte er trotz seines demolierten Autos auf die Mercedes mindestens eine Sekunde gut. Selbst dann, wenn er schon wieder die Turbulenzen der Autos vor ihm spürte, war er noch um rund 3 Zehntel schneller als Hamilton und Bottas.

Okay, Hamilton konnte an der Spitze in Ruhe seine Reifen schonen. Bottas aber musste aufs Tempo drücken. Es war schnell klar, dass Verstappen für ihn am Ende des Rennens zum Problem werden würde. Fazit: Selbst wenn Vettel 20 Runden lang hinter Verstappen hätte anstehen müssen, hätte es sich für ihn lohnen können. Platz 2 war realistisch.

Doch Vettel wollte den Sieg, und mit Blickrichtung WM brauchte er ihn auch. Deshalb ist seine Eile aus gewisser Sicht auch verständlich. Mika Häkkinen bestätigte: „Aus Vettels Sicht gab es nur noch Alles oder Nichts.“ Mit Verstappen als Sparringspartner allerdings eine riskante Taktik.

Bottas sollte 2,5 Sekunden hinter Hamilton bleiben

Mercedes konnte an der Spitze nicht viel falsch machen. Beide Piloten fuhren auf Soft-Reifen los. Das war angesichts der um 14 Grad gestiegenen Asphalttemperaturen eine bessere Versicherung gegen Blasenbildung als die Supersoft-Gummis der Konkurrenz. Die Ingenieure gaben zu: „Wir hatten dennoch bei beiden Autos Blasen auf den Hinterreifen. Trotz des kleinen Nachteils der Soft-Reifen beim Start und in den ersten Runden war uns wohler, auf den Soft-Reifen zu fahren. Der Reifentyp ist gegen Überhitzung einfach widerstandsfähiger.“

Bottas wurde von Beginn an aufgefordert, einen Mindestabstand von 2,5 Sekunden zu Hamilton zu halten. „Das garantiert, dass er einigermaßen von den Turbulenzen des vorausfahrenden Autos verschont bleibt. Und das wiederum hilft den Reifen“, erklärten die Strategen.

Wie kritisch es für Mercedes im Verkehr wurde, merkte Bottas im zweiten Teil des Rennens. Er büßte inmitten der überrundeten Autos deutlich mehr Tempo ein als Verstappen. Besonders der linke Vorderreifen ließ Bottas im Stich. Das führte zu zwei Verbremsern. In der 48. Runde musste Bottas in der Schikane durch den Notausgang. Er hatte Glück, dass die Rennleitung ein Auge zudrückte. Exakt in dieser Runde nahm der Finne seinem Verfolger 6 Zehntel ab und verschaffte sich wieder etwas Luft.

Crazy Stats GP Japan
Vettel schlechter als im Vorjahr

Die Boxenstopps der beiden Mercedes verliefen nach Lehrbuch. Man ließ die Dinge einfach auf sich zukommen. Räikkönens früher Stopp diktierte Red Bull die Taktik mit Verstappen. Der Holländer musste vier Runden länger fahren, um genug Vorsprung für die Strafe einzufahren.

Daniel Ricciardo blieb noch einmal zwei Runden länger auf der Strecke. Der Australier war mit Soft-Reifen gestartet und hatte sich von Startplatz 15 innerhalb von 13 Runden durch das Feld gekämpft. Auch bei ihm reichte der Overcut, um an Räikkönen vorbeizugehen.

Als Verstappen an die Boxen abgebogen war und Mercedes das Tempo von Ricciardo bei freier Bahn abschätzen konnte, war es Zeit für Bottas. Bei 5 Sekunden Vorsprung auf den Teamkollegen musste sich Hamilton nicht sorgen, seine Führung durch den späteren Reifenwechsel zu verlieren.

Perez gewann die Formel 1B

In der zweiten Rennhälfte waren die Positionen bezogen. Verstappen machte 10 Sekunden auf Bottas gut, kam dann aber trotz der weicheren Reifen nicht an dem Mercedes vorbei. „Ich konnte nur auf einen Fehler von Valtteri hoffen.“ Ricciardos Red Bull wurde beim Boxenstopp auf Medium-Reifen gestellt. Supersoft wäre über eine Restdistanz von 30 Runden zu riskant gewesen. „Unser Gegner hieß Kimi. Wir lagen schon vor ihm und mussten uns nur gegen ihn absichern“, erklärte der Australier.

Vettels Rennen war in dem Augenblick vorbei, als er sich ein zweites Mal durch das Feld gekämpft hatte und auf Platz 6 einen Rückstand von 40 Sekunden auf Räikkönen angezeigt bekam. Zum Schluss erlaubte er sich wenigstens noch den Spaß, Hamilton wieder die schnellste Rennrunde abzujagen.

Die Tatsache, dass Vettel trotz Schäden an seinem Ferrari 16 Kollegen überholte, dass Ricciardo in 13 Runden 8 Konkurrenten aufschnupfte und dass Räikkönen mit einem noch stärker zerrupften Ferrari 28 Sekunden vor dem besten Mittelfeld-Auto ins Ziel kam, zeigt, dass an diesem Sport etwas nicht stimmt. Selten war der Klassenunterschied zwischen den drei Top-Teams und dem Rest so eklatant.

Kevin Magnussen - GP Japan 2018 HaasF1 nähert sich Renault Telemetrie-Ausfall bei Grosjean

Sergio Perez gewann das Rennen der Formel 1B. Die Force India hatten am Sonntag den besten Speed. HaasF1 half nicht einmal der Vorteil der besseren Strategie. Romain Grosjean war wie die Mercedes-Fahrer auf Soft-Reifen gestartet. Der Franzose kam zwar 5 Runden später als Perez an die Box, aber er konnte in der Phase nicht genug Zeit gutmachen.

Jetzt saß ihm Perez mit einem Reifenvorteil im Genick. Die Force India-Piloten wechselten von Supersoft auf Soft, Grosjean von Soft notgedrungen auf Medium. Die Restdistanz war zu groß für den Supersoft-Gummi.

Perez überholte Grosjean auf der Strecke. Der HaasF1-Pilot beschwerte sich, Perez hätte unter gelber Flagge und in der VSC-Phase die entscheidende Zeit auf ihn gut gemacht, doch die Daten zeigten genau das Gegenteil. Dort, wo die gelben Flaggen geschwenkt wurden, war Grosjean 3 Zehntel schneller als Perez. Und in der VSC-Phase verbummelte er 2 Sekunden. „Er hätte diese 2 Sekunden schneller fahren dürfen“, erklärte FIA-Rennleiter Charlie Whiting.

Suzuka überrascht mit 57 Überholmanövern

Toro Rosso schlug sich mit viel zu späten Boxenstopps selbst. Pierre Gasly verlor 5 Plätze. Perez, Ocon, Vettel, Leclerc und Ericsson kamen durch den Undercut vorbei. Es hätte immer noch für einen WM-Punkt für Honda reichen können, doch am Schluss brachen Gaslys Zeiten wegen Blasenbildung auf den Reifen dramatisch ein. Carlos Sainz war mit seinen Medium-Reifen im Vorteil. Der Spanier hatte noch 3 Runden später als die Toro-Rosso-Piloten gestoppt.

Suzuka zählt eigentlich zu den Rennstrecken, auf denen Überholen ein Kraftakt ist. Doch mit 57 Überholmanövern liegt der GP Japan im Spitzenfeld der Überhol-Statistik von 2018. Das lag trotz Rückenwind auf der Zielgerade an einem überraschend geringen Überholdelta von knapp über einer Sekunde, und daran, dass mit Vettel und Ricciardo zwei Fahrer aus dem Spitzenpulk gezwungen waren, von hinten durch das Feld zu fahren.

Ein weiterer Faktor war, dass viele Fahrer mit unterschiedlichen Reifentypen mit unterschiedlicher Laufleistung unterwegs waren. Der GP Japan war zwar mit Ausnahme von den Williams-Piloten ein Einstopp-Rennen, doch die regulären Boxenstopps erstreckten sich dennoch über eine Spanne von 15 Runden. Es begann mit Räikkönen in Runde 17 und endete mit Sainz in Runde 32.

Neues Heft
Top Aktuell Hamilton vs. Räikkönen - Formel 1 - GP USA - Austin - 2018 Rennanalyse GP USA Mercedes-Poker geht nicht auf
Beliebte Artikel Hamilton- & Vettel-Fan - GP Japan 2018 Crazy Stats GP Japan Vettel schlechter als im Vorjahr Vettel & Hamilton - GP Russland 2018 Hamilton kritisiert Presse „Mehr Respekt für Sebastian“
Anzeige
Sportwagen Aston Martin Project 003 Aston Martin Project 003 für 2021 Mittelmotor-Sportler namens Valhalla? BMW i8, Exterieur BMW i8 im Dauertest 55.000 km im Hybrid-Sportwagen
Allrad Mitsubishi L200 2019 Teaser Mitsubishi L200 Facelift 2019 Neuer Style für Japan-Pickup Rolls-Royce Cullinan (2018) Rolls-Royce Cullinan Fahrbericht So fährt das Luxus-SUV
Oldtimer & Youngtimer Oldtimer Galerie Toffen 20.10.2018 Auktion Oldtimer Auktion Toffen 2018 Schwache Herbst-Versteigerung Opel Kapitän, Modell 1956, Frontansicht 80 Jahre Opel Kapitän Der große Opel