Mercedes - GP Japan 2019 Wilhelm
Start - GP Japan 2019
Valtteri Bottas - Formel 1  - GP Japan 2019
Sebastian Vettel - Formel 1  - GP Japan 2019
Lewis Hamilton - Formel 1  - GP Japan 2019 22 Bilder

Taktik-Check GP Japan 2019

Hamilton einfach nicht schnell genug

Die Story kennen wir schon. Ferrari hatte das schnellere Auto auf eine Runde, Mercedes im Rennen. Beim neuen und alten Teamweltmeister wollte Lewis Hamilton nicht wahrhaben, dass er keine Chance hatte, das Rennen zu gewinnen.

Dieses Rennen hatte eine Vorgeschichte: Suzuka ist Mercedes-Land. Zumindest auf dem Papier. Das Freitagstraining schien alle Prognosen zu bestätigten. Die beiden Silberpfeile dominierten auf eine Runde und über die Distanz. Bei den Ferrari brachen die Reifen ein.

Doch diesmal gab der Taifun allen Teams einen Tag extra Zeit über die Abstimmung ihrer Autos nachzudenken. Und Ferrari dachte besonders gut nach. Am Sonntag waren die roten Autos wie verwandelt. „Wir haben die Anstellung des Heckflügels etwas gesenkt und bekamen dafür eine besser balancierte Vorderachse“, verriet Teamchef Mattia Binotto. Sebastian Vettel und Charles Leclerc stellten ihre roten Raketen in die erste Startreihe. Was bei Ferrari Erstaunen, bei Mercedes ernste Mienen auslöste.

Wenn dieser Ferrari jetzt schon in Suzuka zuschlägt, wo sollte er dann noch zu schlagen sein? Die letzten fünf Pole Positions gingen alle nach Maranello. Die Mercedes-Ingenieure setzten ihre Hoffnungen wieder in die Taktik, die geringere Reifenabnutzung und den besseren Rennspeed. Doch konnte man sich darauf immer verlassen?

Die Frage war nach 500 Metern beantwortet. Zwei schlechte Starts der Ferrari-Fahrer und eine Kollision zwischen Charles Leclerc und Max Verstappen brachten Valtteri Bottas die Führung und Lewis Hamilton Platz drei. Dazwischen im Sandwich Sebastian Vettel. Dabei blieb es bis zum Ende. Eigentlich wenig spannend. Und doch gab es viel Gesprächsstoff. Und viele Fragen. Zum Beispiel die: Warum war Ferrari am Freitag so langsam, in der Qualifikation so schnell und im Rennen eigentlich chancenlos?

Sebastian Vettel - GP Japan 2019
Wilhelm
Mit der Ferrari-Power auf den Geraden konnte Mercedes wieder nicht mithalten.

Mercedes verlor sechs Zehntel auf den Geraden

Binotto erklärte das Bild am Freitag damit, dass die Teams im Freien Training mit unterschiedlichen Programmen unterwegs sind. Mercedes wollte auf alle Fälle die erste Startreihe okkupieren, für den Fall, dass der Taifun länger bleibt und am Sonntagmorgen die Strecke noch nicht befahrbar gewesen wäre. Für dieses Szenario wäre das Resultat des zweiten Trainings die Startaufstellung gewesen.

Deshalb ging Mercedes mit weniger Sprit und mehr Motorleistung als üblich in diesen Freitagnachmittag. Man wunderte sich schon, dass Ferrari auf den Geraden keinerlei Boden gutmachte und schloss daraus, dass der Gegner mit einem Serie 1-Motor unterwegs sein musste.

Am Sonntagmorgen war er wieder da, der unheimliche Bumms aus Ferraris Motorenküche. Mercedes verlor sechs Zehntel auf den Geraden, Red Bull sogar acht. „Das schlimme ist“, gab ein Ingenieur zu, „dass Ferrari jetzt nicht mehr viel Zeit in den Kurven verliert. Wir waren praktisch nur noch in der Schikane deutlich schneller.“

Auch im Rennen waren die Ferrari auf den Geraden eine Macht. Das rettete Vettel vor Hamilton. „Wir waren trotz Windschatten, trotz DRS und voller Leistung nur 2,5 km/h schneller“, verzweifelte man am silbernen Kommandostand.

Mercedes Meisterfeier - GP Japan 2019
Aktuell

Dafür stimmten jetzt die Rundenzeiten. Bottas nahm Vettel mit Hamilton im Schlepptau in 16 Runden 8,3 Sekunden ab. „Valtteri war schneller als wir, und Lewis hat auf mich aufgeholt, speziell zum Ende des Stints hin“, gab Vettel zu. Die Soft-Reifen zeigten am Ferrari fünf Runden früher Auflösungserscheinungen. Deshalb war am Ferrari-Regiepult schnell klar, dass es auf ein Zweistopprennen hinauslaufen wird. Als Vettel von Soft auf Soft wechselte, wusste es auch jeder draußen.

Mercedes wählte den Medium-Reifen für den Mittelstint. „Wenn du abwechselst bekommst du früher mehr Informationen über die beiden Reifentypen und den Speed des Autos auf ihnen. Außerdem ist der Undercut am Ende des Rennens stärker als am Anfang“, begründeten die silbernen Taktikfüchse.

Ferrari entschied sich anders, um sicherzustellen, dass Vettel im zweiten Stint genug Zeit gutmacht, für den Fall, dass Hamilton nur ein Mal die Reifen wechselt. Am Freitag deutete sich noch ein Einstopp-Rennen an. „Der Wind und die grüne Strecke nach dem Regen haben einen Stopp schwieriger gemacht“, bilanzierte Pirelli-Sportchef Mario Isola.

Er war aber nicht unmöglich. Carlos Sainz, Daniel Ricciardo, Pierre Gasly und Nico Hülkenberg fuhren damit sogar in die Punkteränge. Die Top-Teams dagegen wählten zwei Stopps, in der Regel mit der Reifenfolge Soft-Medium-Soft.

Valtteri Bottas - GP Japan 2019
Motorpsort Images
Hamilton blieb im Ziel nur die Gratulation an den Teamkollegen.

Hamilton hätte mit einem Stopp nicht gewonnen

Vettels Boxenstopp zog Bottas zur Absicherung mit. Mercedes ging mit einer offenen Strategie ins Rennen. Doch als bei Hamilton die Rundenzeiten ab Runde 19 rapide anstiegen, ahnte man bereits, dass es auf zwei Stopps hinauslaufen würde. „Unsere Verschleißberechnungen besagten, dass es am Ende ganz knapp geworden wäre.“

Damit ist auch die Frage beantwortet, ob Hamilton das Rennen gewonnen hätte, wenn er im Gegensatz zu Bottas und Vettel auf einen zweiten Stopp verzichtet hätte. „Valtteri hätte ihn mit den frischeren Reifen zerstört, wenn er Druck gemacht hätte. Seb vielleicht nicht. Aber es wäre auf jeden Fall schwierig geworden. Lewis hätte nach unseren Berechnungen am Ende drei Sekunden pro Runde verloren“, so die Kalkulation der Ingenieure.

So versuchte Mercedes wenigstens Hamilton im ersten Stint so lange wie möglich auf der Strecke zu halten, um ihm am Schluss einen möglichst großen Reifenvorteil auf Vettel zu geben. Er betrug fünf Runden.

Doch als Hamilton nach seinem Stopp in Runde 21 wieder auf die Strecke ging, stellte er zu seinem Erstaunen fest, dass der Rückstand auf Bottas auf 21,4 Sekunden gewachsen war und er immer noch hinter Vettel lag. Mit mehr Rückstand als vorher. Daraus entspann sich eine lebhafte Diskussion mit Renningenieur Pete Bonnington über Anweisungen am Funk.

Hamilton hatte im Cockpit das Gefühl, dass er fehlgeleitet wurde. „Mit besseren Informationen hätte ich ein Einstopp-Rennen schaffen können. Sie haben mir immer wieder gesagt, dass ich die Lücke zu Seb schließen soll. Doch dadurch habe ich jedes Mal meine Reifen ausgepresst. Es war mit diesen Instruktionen also gar nicht möglich, ein Einstopp-Rennen zu fahren. Der Reifenabbau musste viel zu hoch dafür sein. Hätte ich mich von Anfang an auf ein Einstopp-Rennen konzentriert, wäre ich anders gefahren und ich hätte es vielleicht schaffen können.“

Valtteri Bottas - GP Japan 2019
Aktuell

Als der Weltmeister über Funk fragte, warum man ihm nicht den harten Reifen mit auf die Reise gegeben hätte, bedauerte Bonnington: „Weil wir zu wenig Informationen darüber hatten.“ Teamchef Toto Wolff kreidete seinem Piloten die interne Manöverkritik nicht an. „Das zeigt, wie groß sein Siegeswille ist. Es wäre nicht Lewis, wenn er anders ticken würde. Aber er hat aus dem Auto heraus halt auch nicht den Überblick, den die Ingenieure haben.“

Die Strategen nahmen einen Teil der Schuld auf sich: „Wir hätten den ganzen Plan mit einem Stopp vergessen und Lewis vor Vettel reinholen sollen. Er bot uns das Fenster vor den ersten Stopp an und wir haben es nicht genommen. Wir hätten Vettel zum ersten Stopp an die Boxen zwingen sollen, nicht er uns.“

Es wäre auch unfair gegenüber Valtteri Bottas gewesen, Hamilton einen Stopp zu ersparen. Der Finne war an diesem Tag der bessere Mercedes-Pilot. Er war schneller und hielt seine Reifen besser in Schuss. „Deshalb haben wir ihm ab einem bestimmten Punkt gesagt, er soll den Motor schonen und Fahrt rausnehmen. Hätte es ein echtes Rennen mit Lewis gegeben, hätten wir ihm gesagt, dass er Gas geben soll. Valtteri hielt sich an alle Absprachen. Es machte mehr Sinn die Weltmeisterschaft abzusichern als ein unsinniges Rennen zwischen unseren Fahrern zu veranstalten.“

Mercedes ahnte schon vor dem Rennen, dass die direkte Konkurrenz sich für zwei Stopps entscheiden würde. Ferrari und Red Bull hatten je einen frischen Satz Soft für das Rennen reserviert. „Wer Startpositionen für einen Extrasatz Reifen riskiert, der hat einen Plan“, hieß es bei Mercedes.

Daniel Ricciardo - GP Japan 2019
ams
Ricciardo musste seine Qualitäten als Überholer zeigen.

Ricciardo gegen eine Gruppe von vier Fahrern

Alex Albon und Carlos Sainz fuhren ihr eigenes Rennen, das durch die Strategie entschieden wurde. Albon landete beim Start hinter Sainz und weil er nicht vorbeikam, holte ihn Red Bull früh aus dem Verkehr. Sainz fiel erst nach seinem einzigen Stopp hinter den Thailänder. Dort blieb er auch, als Albon von Medium auf Soft zurückwechselte.

Albons Vorsprung in Runde 35 betrug bereits 24,5 Sekunden. Er hatte ihn in der Zeit herausgefahren, in der Sainz auf alten Reifen unterwegs war. Auch auf frischen Sohlen konnte der McLaren-Pilot die Lücke zu Albon nie auf die nötigen 21 Sekunden schließen, um nach dessen zweiten Stopp vor den Red Bull zu kommen.

Taktisch interessant war es noch ein Tick weiter hinten im Mittelfeld. Man könnte den Kampf um Platz sieben als vier gegen einen beschreiben. In Namen ausgedrückt: Daniel Ricciardo gegen eine Gruppe mit Pierre Gasly, Sergio Perez, Nico Hülkenberg und Lance Stroll. Die beiden Parteien trennte die Reifenfolge. Ricciardo startete auf Medium-Reifen, seine Gegner allesamt auf Soft-Gummis.

Damit war klar, dass Ricciardo nach den Boxenstopps der Soft-Starter in Führung gehen würde, dann aber nach seinem Reifenwechsel wieder eine zweite Aufholjagd starten müsste. Der Australier musste die Sache auf der Strecke regeln. Auf Reifen, die weicher und um mindestens 11 Runden frischer waren.

Gasly und Stroll tauschten in Runde 18 Soft gegen Medium. Hülkenberg und Perez eine Runde später. Ricciardo hielt bis Runde 29 durch. Etwas länger als geplant. Renaults Kommandostand wollte dem zweiten Reifensatz möglichst wenig Runden zugestehen, damit Ricciardo voll attackieren konnte.

Valtteri Bottas - GP Japan 2019
Motorpsort Images
Die Piloten sahen die Zielflagge zwei Mal. Gewertet wurde aber nur die erste.

Der Australier ging mit 10,7 Sekunden Rückstand in seine zweite Rennhälfte. Dabei kam ihm zugute, dass Gasly den Pulk vor ihm mächtig einbremste. Der Toro-Rosso-Pilot bekam Probleme mit dem linken Vorderreifen und der Hinterradaufhängung. Guter Top-Speed rettete ihn. Nur gegen Ricciardo fand der Franzose kein Gegenmittel. Der Renault-Pilot brauchte lediglich acht Runden, um sich durch die Gruppe zu kämpfen.

Racing Point merkte ein bisschen zu spät, dass Renault mit seiner Taktik richtig lag und holte Perez 12 Runden vor Schluss für einen frischen Satz Soft an die Box. Die Lücke zu Lando Norris war groß genug. Der Reifenwechsel kostete den Mexikaner keinen Platz, doch er hatte jetzt die große Aufgabe, eine Lücke von 17 Sekunden zu schließen. Trotzdem hätte es noch gereicht. In der letzten Runde ging Perez an Gasly vorbei, wurde aber von dem Toro Rosso direkt danach von der Strecke gerammt.

Auch ohne Strafe für Gasly fügte sich für Perez alles zum Guten. Ein Fehler in der Zeitnahme beendete das Rennen eine Runde früher. Seit 2018 zählt nicht mehr die manuell geschwungene Zielflagge, sondern die elektronische aus dem Computer. Perez baute seinen Unfall technisch betrachtet also zu einem Zeitpunkt, an dem das Rennen bereits beendet war.

Motorsport Aktuell Valtteri Bottas - GP Japan 2019 F1 Fahrer-Noten GP Japan 2019 Nur Bottas macht alles richtig

Valtteri Bottas fuhr ein Rennen wie Lewis Hamilton an seinen besten Tagen.

Mehr zum Thema GP Japan (Formel 1)
Renault - Screenshot - Onboard - Shakedown - Barcelona - 2019
Aktuell
Renault - GP Japan 2019
Aktuell
Pierre Gasly - GP Japan 2019
Aktuell