Taktik-Check GP Kanada 2018

Spannung für den Fan nicht sichtbar

Sebastian Vettel - Formel 1 - GP Kanada 2018 Foto: xpb 55 Bilder

Spannung gab beim GP Kanada nur an den Kommandoständen. Für die Zuschauer war sie unsichtbar. Die Autos fuhren in der Reihenfolge hintereinander her, in der sie aus der Startrunde zurückkamen.

Man musste kein Strategie-Genie sein, um beim GP Kanada das richtige zu tun. Das Gros der 20 Fahrer kam mit zwei unterschiedlichen Strategien ins Ziel: Hypersoft-supersoft oder ultrasoft-supersoft. Die eine Variante war so gut wie die andere.

Red Bull kam mit seiner Risiko-Variante durch. „Für uns war der Start auf Hypersoft-Reifen richtig. So haben wir mit Ricciardo wenigstens einen Platz beim Start gewonnen. Und Max hätte es fast an Bottas vorbei geschafft“, blickte Red Bull-Motorsportdirektor Helmut Marko zurück.

Der weichere Reifen brachte bei dem 362 Meter-Spurt in die erste Kurve auf dem Papier einen Vorteil von 8 Metern. Im Sinne eines spannenden Rennens hoffte man umsonst, dass die Hypersoft-Gummis einen großen Unterschied ausmachen, egal in welche Richtung.

Sie lieferten denen, die auf Pirellis weichster Mischung gestartet waren, in den ersten Runden nicht den erhofften Grip-Vorteil und sie brachen auch nach 10 Runden nicht so stark ein, dass die Ultrasoft-Starter davon entscheidend profitiert hätten. Schuld daran war vermutlich auch das frühe SafetyCar, das die Fahrer vier Runden lang ztu gemächlicher Fahrt zwang.

Sergio Perez kam als erster aus der Hypersoft-Fraktion in Runde 9 an die Box, zwei Runden später gefolgt von Teamkollege Esteban Ocon. Nicht, weil sie der Zustand ihrer Reifen dazu zwangen. „Wir wollten mit frühen Stopps Perez an Gasly vorbei bringen und bei Esteban einen Undercut der Renault verhindern“, erklärte Sportdirektor Otmar Szafnauer.

Der Schuss ging nach hinten los, weil Ocons Auto beim ersten Versuch vom hinteren Wagenheber rutschte. Das kostete zwei Sekunden. Nico Hülkenberg und Carlos Sainz gelang der Overcut.

Hamilton wurde der Boxenstopp aufgezwungen

Lewis  Hamilton - Formel 1 - GP Kanada 2018 Foto: sutton-images.com
Hamilton kam nicht freiwillig so früh an die Box.

Die Red-Bull-Piloten wurden ihre Hypersoft-Reifen in den Runden 16 und 17 los. Pierre Gasly hielt sogar bis Runde 23 durch, was erneut für das reifenschonende Chassis des Toro Rosso spricht. Die Ultrasoft-Starter wechselten ihre Reifen zwischen den Runden 16 und 48.

Lewis Hamilton wurde der frühe Boxenstopp in Runde 16 aufgezwungen. Sein Motor lief zu heiß. Deshalb durfte er den ersten Teil des Rennens nur im niedrigeren Rennmodus fahren. Beim Boxenstopp wurden die Abreißfolien an den Kühlöffnungen neben dem Fahrerkopf entfernt. Danach war das Problem weitgehend im Griff.

Mercedes wollte aus der Not eine Tugend machen und Hamilton mit einem Undercut an Max Verstappen vorbeibringen und anderseits einen Undercut von Daniel Ricciardo abwehren. Entscheidend war der Abstand zu Charles Leclerc. Keiner wollte hinter den Sauber fallen, der mit Ultrasoft-Reifen gestartet war und möglicherweise lange auf der Strecke bleiben würde.

In der 15. Runde hatte Ricciardo als der Letzte im Pulk einen Vorsprung von 16 Sekunden auf Leclerc. „Das war kurz vor der kritischen Grenze, bei der Red Bull Ricciardo vor dem Sauber wieder auf die Strecke bringen konnte“, hieß es bei Mercedes.

Der Plan Hamilton eine Position zu schenken misslang, weil Red Bull Verstappen in der gleichen Runde an die Box beorderte. Schlimmer noch: Hamilton verlor einen Platz an Daniel Ricciardo, der eine Runde später an der Box stand. Es ging um Zehntel.

Auf der Runde in die Box war Ricciardo 1,1 Sekunden schneller, auf der Runde raus um 0,6 Sekunden. Hamilton setzte beim Rausbeschleunigen aus Kurve 2 das linke Hinterrad in den Sand. Die frische Garnitur Supersoft war noch kalt.

Räikkönens Kampf mit dem Boxenstopp-Fenster

Kimi Räikkönen & Lewis Hamilton - GP Kanada 2018 Foto: sutton-images.com
Räikkönen kam nach seinem Stopp knapp hinter Hamilton auf die Strecke.

Ferrari hatte einen geruhsamen Nachmittag am Kommandostand. Sebastian Vettel hatte immer Reserven in den Reifen und genügend Vorsprung auf Valtteri Bottas, um den Boxenstopp des zweiten Mercedes-Fahrers abzuwarten. Bei einem Polster von 6,3 Sekunden in Runde 35 bestand keine Undercut-Gefahr.

Aufregender war der Fall bei Kimi Räikkönen. Nachdem Hamilton und die Red Bull-Piloten mit ihren frühen Boxenstopps Räikkönen die Chance zum Undercut genommen hatten, ließ Ferrari den Finnen auf der Strecke, in der Hoffnung, das Boxenstopp-Fenster zu seinen direkten Gegnern möge einmal größer als 18 Sekunden sein. Oder ein Safety-Car hätte Räikkönen die Chance gegeben, Verstappen, Ricciardo und Hamilton gleich im Dreierpack zu überholen.

Die Situation sorgte an der Boxenmauer für Spannung. Für den Zuschauer blieb sie unsichtbar. In der 18. Runde lag Räikkönen 16,7 Sekunden vor Hamilton. Mercedes trieb den Weltmeister zur Eile. Der aber hatte Ricciardos Red Bull vor der Nase und war vom Tempo des Australiers abhängig.

In den folgenden Runden pendelte der Abstand zwischen Hamilton und Räikkönen immer um die magische Grenze herum. 16,5 – 16,6 – 16,3 – 16,1 – 16,6 – 17,3 – 17,5 – 17,5 – 17,6 – 18,0 – 18,1 – 18,3 – 18,0 Sekunden. In Runde 32 zog Ferrari die Reißleine. Es reichte ganz knapp nicht. Räikkönens Runde in die Box war eine Sekunde zu langsam.

Während sich für Räikkönen der späte Boxenstopp nicht lohnte, profitierte Romain Grosjean davon. Der Mann vom letzten Startplatz kam, erst in Runde 48 an die Box. Vor dem ersten Boxenstopp lag der HaasF1-Pilot noch auf Rang 15. Als Grosjean seinen Reifenwechsel abgewickelt hatte, war er Zwölfter.

Bottas musste in der zweiten Halbzeit Sprit sparen

Valtteri Bottas - Formel 1 - GP Kanada 2018 Foto: sutton-images.com
Bottas fuhr nach 70 Runden nur eine Zehntel vor Verstappen über die Linie.

Nach den Boxenstopps waren die Positionen bezogen. In den letzten 22 Runden gab es keinen einzigen Platztausch mehr. Auch da war es in den Cockpits wieder spannender als auf den Tribünen und am Fernsehschirm. Montreal zählt zu den Strecken mit dem höchsten Benzinverbrauch. Und ausgerechnet ein Mercedes-Pilot hatte am meisten damit zu kämpfen.

In der 39. Runde lag Bottas mit 5,7 Sekunden Vorsprung noch komfortabel vor Verstappen. Die Zieldurchfahrt in Runde 70 war ein Foto-Finish. Bottas kam buchstäblich mit dem letzten Benzintropfen ins Ziel. „Ich bin vor der Ziellinie voll vom Gas, damit ich es noch drüber schaffe.“

Der Finne wäre auch Zweiter geworden, wenn ihn Verstappen noch überholt hätte. Weil das Rennen eine Runde zu früh abgewinkt wurde, galt der Stand von Runde 68. Da lag Bottas noch 0,9 Sekunden vor seinem Gegner.

Während Vettel an der Spitze unbedrängt das ganze Rennen über Benzin sparen konnte, entschied Mercedes bei Bottas, das auf die zweite Rennhälfte zu verlegen. Es war wichtiger in Vettels Nähe zu bleiben, um eventuell einen schlechten Boxenstopp oder ein Safety-Car zum günstigen Moment zu nutzen.

Bottas musste nach dem Boxenstopp zwar mehr vom Gas als der Rest, doch was Mercedes am meisten umtrieb war, dass Ferrari auch vor dem Boxenstopp, als Bottas noch ohne Rücksicht auf den Verbrauch fuhr, klar schneller war. Und Verstappen nicht langsamer. „Sie haben uns in unserer Domäne eingeholt und überholt. Beim Spritverbrauch waren wir bis jetzt immer die Besten“, stellte Niki Lauda fest.

Neues Heft
Top Aktuell Mercedes - Formel 1 - GP USA - Austin  - 17. Oktober 2018 Fotos GP USA - Mittwoch Unterkühlter Empfang in Austin
Beliebte Artikel Lewis Hamilton - GP Kanada 2018 Crazy Stats GP Kanada 2018 Hamilton jagt Heidfeld-Rekord Valtteri Bottas - Formel 1 - GP Kanada 2018 Rennanalyse GP Kanada Warum wurde so wenig überholt?
Anzeige
WhatsApp Newsletter
WhatsApp Newsletter
Immer auf dem neuesten Stand mit unserem WhatsApp-NewsletterJetzt kostenlos anmelden
Sportwagen Lamborghini Murciélago SuperVeloce Lamborghini Murcielago-Kopie Iraner klonen Supersportwagen Porsche 911 Cabrio O.CT Tuning Porsche 911 (991.2) Tuning Wenn der Turbo nicht mehr reicht
Allrad Mitsubishi L200 2019 Teaser Mitsubishi L200 Facelift 2019 Neuer Style für Japan-Pickup Rolls-Royce Cullinan (2018) Rolls-Royce Cullinan Fahrbericht So fährt das Luxus-SUV
Oldtimer & Youngtimer Oldtimer Galerie Toffen 20.10.2018 Auktion Oldtimer Auktion Toffen 2018 Versteigerung am 20.10.2018 10/2018, Lanzante Porsche 930 mit Formel-1-Motor Porsche 930 mit Formel-1-Motor Alter 911 Turbo mit McLaren-Herz