Stroll & Perez - GP Kanada 2019 Motorsport Images

Taktik-Check GP Kanada 2019

Versteckte und offene Stallregie

Der GP Kanada war aus Strategie-Sicht ein totes Rennen. Ferrari und Mercedes haben alles richtig gemacht. Für Würze sorgten nur teamtaktische Entscheidungen an einigen Kommandoständen.

Wieder mal ein Einstopp-Rennen in der Formel 1. Doch für Strategen nicht so einfach ausrechenbar wie es zunächst den Anschein machte. Es hing von der Situation, dem Auto und der Reifenfolge ab, ob der frühere oder spätere Boxenstopp zu einem Positionswechsel führen würden.

Der Vorteil war in beiden Fällen minimal. Deshalb mussten die Piloten auf der Rennstrecke zuschlagen. Was auch nicht einfach war. In Montreal machen nicht nur die Turbulenzen dem Hintermann das Leben schwer. Wer näher als zwei Sekunden aufschließt, riskiert hohe Bremstemperaturen und einen heiß laufenden Motor.

Rückblickend hätte bei Hamilton gleich der erste Überholversuch klappen müssen. Aber es gab ihn nie. Just als Hamilton in Runde 39 zum ersten Mal im DRS-Bereich von Vettel lag, verbremste er sich in der Haarnadel. Das kostete drei Zehntel und eine gute Position zum Angriff auf der langen Geraden.

Für Lewis Hamilton war Sebastian Vettel eine unüberwindbare Hürde. „Immer wenn ich angreifen wollte, hat er am Power-Knopf gedreht. Wir haben nichts Vergleichbares. Mir hat nicht einmal DRS gegen Ferraris Party-Modus geholfen.“ Während Hamilton auf der Rennstrecke das Heck des Ferrari studierte, überlegten die Strategen von Mercedes krampfhaft, wie man den Silberpfeil an dem Ferrari vorbeibringen könnte.

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„Wir wollten Lewis vier bis fünf Runden länger draußen lassen. Vor Leclerc fühlten wir uns sicher. Er konnte nicht stoppen, solange er in Valtteris Boxenfenster lag. Wenn du den Stint verlängerst, können zwei Dinge passieren. Entweder es kommt ein Safety-Car, und du hast gewonnen. Oder du hast am Ende des zweiten Stints den frischeren Reifen, was dir vielleicht eine Überholgelegenheit eröffnet“, erklärten die Ingenieure.

Es war eine kleine Hoffnung, wie man im Lager von Mercedes einräumte. „Zum Überholen musste der Hintermann mindestens eine Sekunde pro Runde schneller sein. Das war Lewis nie. Das hat nur bei Bottas gegen Ricciardo und bei Verstappen gegen die Renault funktioniert.“

Der Plan, dass Hamilton die Zeit gutmacht, wenn Vettel mal aus dem Weg ist, erfüllte sich nicht. „Die Reifen waren schon zu alt. Lewis hatte keinen Extra-Speed mehr in der Hinterhand. Deshalb hat der Overcut nicht geklappt.“ Nach zwei Runden brach Mercedes das Experiment ab. Könnte Mercedes das Rennen noch einmal fahren, würden die Ingenieure den Undercut probieren. Auch wenn die Runde 1 nach dem Stopp in vielen Fällen um drei bis vier Zehntel zu langsam war.

Sebastian Vettel - GP Kanada 2019
Motorsport Images
Ferrari zögerte den Boxenstopp von Vettel geschickt heraus.

Was bedeutete Plan B bei Ferrari?

Die Fahrer aus der Spitzengruppe zögerten den Boxenstopp länger hinaus als ursprünglich geplant. Vor dem Rennen rechneten die Experten mit Runde 20 als optimalem Zeitpunkt. Tatsächlich eröffnete Vettel erst in der 26. Runde das Wettrennen der Boxenstopp-Crews. Das lange Warten machte trotz der Gefahr, Hamilton könnte einen Undercut riskieren, aus Ferraris Sicht Sinn.

„Sie haben die gleichen Gedanken gehabt wie wir und das Safety-Car-Risiko minimiert, so gut es ging. Hätten sie früher gestoppt, wären sie Gefahr gelaufen, dass wir sie mit einem Overcut schlagen. Dann wären die Reifen von Lewis noch in einem besseren Zustand gewesen“, erklären die Mercedes-Ingenieure.

In der 20. Runde hörten Sebastian Vettel und Charles Leclerc am Funk, dass sie ab sofort auf Plan B unterwegs waren. Mit Blick darauf, wie das Rennen gelaufen ist, war das offensichtlich die Anweisung den ersten Boxenstopp hinauszuzögern. Das macht auch dann noch Sinn, wenn Leclerc dann 7 Runden später zum Reifenwechsel kam.

Bei Mercedes hat man gelernt: „Plan B für Vettel ist nicht unbedingt identisch mit Plan B für Leclerc.“ Aus der kryptischen Anweisung an Vettel, er solle den Zahlen auf dem Lenkrad trauen und darauf entsprechend reagieren, las der Gegner: „Entweder war das der Befehl zum Spritsparen oder zum Bremsen kühlen. Da beides Lift and Coast verlangt, ist es schwer zu sagen, was es war. Sprit sparen ist aber wahrscheinlicher.“

Tatsächlich gab Vettel zu, dass er mit Rücksicht auf den Benzinverbrauch immer dann vom Gas ging, wenn er mal etwas Luft auf seinen Verfolger hatte. Montreal hat mit dem neuen Spritlimit von 110 Kilogramm aber viel von seinem Schrecken verloren. „Auf keiner Strecke ist der Benzinverbrauch höher. Aber mit der neuen Regel kommt man ganz gut durch. Wir mussten jedenfalls weniger sparen als Ferrari“, hieß es bei Mercedes.

Leclerc & Verstappen - GP Kanada 2019
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Verstappen startete auf den harten Reifen, Leclerc wechselte auf die harten Reifen. Nach dem Boxenstopp begegnete man sich kurz.

Warum wusste Leclerc nichts von der Strafe?

Für Charles Leclerc war der späte Stopp kontraproduktiv. Der Monegasse hatte vor den Boxenstopps 4,4 Sekunden Rückstand auf Vettel und Hamilton. Als Leclerc in Runde 33 mit frischen harten Reifen wieder auf die Strecke stürmte, war sein Rückstand auf 14,5 Sekunden angewachsen. Das kostete ihn am Ende den zweiten Platz. Vettels Strafe mit eingerechnet, fehlten ihm im Ziel nur 1,038 Sekunden auf den Teamkollegen.

Leclerc wurde weder von Chefstratege Inaki Rueda, noch von seinem Renningenieur Xavier Marcos Padros über Vettels Strafe informiert.Teamchef Mattia Binotto entschuldigte sich für den Fehler. „Wir waren am Kommandostand durch andere Dinge abgelenkt.“ Das ließ Raum für Zweifel. Steckte da nicht auch ein bisschen Absicht dahinter? Wollte Ferrari Vettel nicht noch weiter beschädigen, indem man den Teamkollegen auffordert, die Zeit wettzumachen?

Leclerc erzählte mit seinem besten Unschuldsgesicht, dass es keinen Unterschied ausgemacht hätte. „Ich war so oder so am Limit.“ Die letzten fünf Runden im Rennen bestätigen Leclercs Aussage. Er war mit Rundenzeiten von 1.14,494 – 1.15,559 – 1.14,840 – 1.14,860 und 1.14,818 Minuten klar der schnellste Mann auf der Strecke. Viel mehr ging da wohl nicht.

Der junge Mann weiß, was er will. Als ihm Ferrari einen zweiten Boxenstopp vorschlug, um sich den Extra-Punkt für die schnellste Runde zu holen, lehnte Leclerc ab. „Ich habe auf Seb und Lewis aufgeholt und sah da eine größere Chance für mich. Ich wollte dicht dran sein, wenn vorne etwas passiert.“

Valtteri Bottas bezahlte für ein schlechtes Trainingsergebnis und einen schlechten Start. Im ersten Stint blieb er sogar hinter Nico Hülkenberg stecken. Als Bottas merkte, dass er an den Renault nicht vorbeikommen würde, nahm er zwei Sekunden Abstand. Die Temperaturen von Motor und Bremsen bewegten sich im roten Bereich. Die Kühlung war auf das vertretbare Minimum eingestellt.

„Hätten wir gewusst, dass Valtteri im Rennen überholen muss, wären wir großzügiger mit der Kühlung gewesen. Doch das hätte ihn in der Qualifikation wieder Rundenzeit gekostet“, erkärten die Ingenieure. Es gilt die Regel: Wer die Bremsbelüftung so öffnet, dass die Temperaturen um 25 Grad sinken, opfert ein Zehntel. Erst nach seinem Boxenstopp in Runde 30 schwamm sich Bottas von den beiden Renault frei. Sie fuhren auf Reifen, die bereits 22 (Ricciardo) respektive 14 (Hülkenberg) Runden alt waren und waren damit chancenlos gegen den Mercedes.

Renault - GP Kanada 2019
xpb
Nico Hülkenberg schimpfte am Funk, dass er Teamkollege Ricciardo nicht attackieren durfte.

Nichtangriffspakt bei Renault

Renault lieferte sein bislang bestes Rennen ab. Daniel Ricciardos früher Boxenstopp in der achten Runde war die Reaktion auf den Reifenwechsel von Pierre Gasly. „Daniel hätte noch länger fahren können, aber wir wollten einen Undercut von Gasly abwehren. Der war unser Gegner. Verstappen zu schlagen war illusorisch. Er hatte harte Reifen drauf und würde so oder so lange fahren. Sein Rennen konnten wir nicht beeinflussen“, erklärte Renault-Einsatzleiter Alan Permane.

Mit Nico Hülkenberg spielte Renault eine zweite Karte. Der Deutsche hielt auf den Soft-Reifen bis zur 16. Runde durch. „Seine Rundenzeiten waren erstaunlich schnell. Wir hätten den Soft-Reifen nicht so viel zugetraut“, wunderten sich die Mercedes-Strategen. Den Reifenvorteil, den sich Hülkenberg im ersten Stint erarbeitet hatte, wollte er im zweiten nutzen. Doch der Kommandostand von Renault machte dem internen Rennen schnell ein Ende. „Wir brauchten dringend diese Punkte. Es war zuletzt zu viel schief gelaufen. Klar, dass Nico zuerst ein bisschen sauer war. Aber mit etwas Abstand hat er es verstanden. Hier ging das Team vor“, verteidigte sich Permane.

Gasly kam 10 Sekunden hinter dem Renault-Duo ins Ziel. Er bezahlte für seinen frühen Boxenstopp in der siebten Runde gleich doppelt. Erstens fiel er nach dem Reifenwechsel unglücklich hinter Antonio Giovinazzi, der ihn drei Runden lang mächtig Zeit kostete. Und am Ende waren die Reifen so platt, dass nur noch 1.16er Zeiten möglich waren. Irgendwann gaben selbst die harten Reifen auf.

Das merkte auch Carlos Sainz, dem sein Stopp in der dritten Runde aufgezwungen wurde, weil ein Abreißvisier einen Bremsschacht zukleisterte. Der Spanier fuhr bis Runde 65 auf Platz neun. Dann brachen die Reifen ein. Lance Stroll und Daniil Kvyat zogen noch vorbei.

Lance Stroll zeigte, dass langes Warten im Mittelfeld die bessere Taktik war. Racing Point stellte den Kanadier beim Start auf die harten Reifen und Sergio Perez auf die Medium-Gummis. Perez musste schon in der elften Runde an die Box, Stroll erst im 45. Umlauf. Stroll wurde Neunter, drei Positionen vor Perez.

Da darf man getrost von versteckter Stallregie für den Sohn des Firmenbesitzers sprechen. Es musste den Strategen im Team klar sein, dass der harte Reifen im ersten Stint deutliche Vorteile bringt, weil man damit antizyklisch und meistens mit freier Sicht nach vorne fahren konnte. Nicht nur Stroll hat es demonstriert. Max Verstappen fuhr mit der Reifenfolge hart-medium von Platz neun auf Rang fünf.

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