Charles Leclerc - GP Mexiko 2019 Motorsport Images
Lewis Hamilton - GP Mexiko 2019
Lewis Hamilton - GP Mexiko 2019
Lewis Hamilton - GP Mexiko 2019
Sebastian Vettel - GP Mexiko 2019 46 Bilder

Taktik-Check GP Mexiko 2019: Ferrari fehlte der Mut

Taktik-Check GP Mexiko 2019 Ferrari fehlte der Mut

Der GP Mexiko war ein Taktikpoker. Mercedes riskierte und gewann. Ferrari zögerte und verlor. Die Ferrari-Strategen waren zu sehr auf Absicherung bedacht. Der Split zwischen einem und zwei Stopps war unnötig.

Dieser Grand Prix wäre anders gelaufen, hätte es diese 4. Runde nicht gegeben, hätte Max Verstappen seine Ungeduld etwas gezügelt und sich bei einem gewagten Überholmanöver im Stadion nicht von Valtteri Bottas den Reifen aufschlitzen lassen. Der Boxenstopp nach fünf Runden warf Verstappen ans Ende des Feldes zurück. 59 Sekunden konnte auch der schnellste Mann auf dieser Strecke nicht aufholen. Nicht auf einem Reifensatz, der 66 Runden halten musste.

Verstappen hätte bei einem normalen Verlauf an der Spitze mitmischen können. Dann hätten Ferrari und Mercedes anders taktiert, als sie es später getan haben. So konnten sie sich auf ihr eigenes Duell konzentrieren.

Ferrari hielt zunächst alle Trümpfe in der Hand. Nach 10 Runden behaupteten Charles Leclerc und Sebastian Vettel eine bequeme Doppelführung mit den Mercedes auf den Plätzen 4 und 5. Alexander Albon lag noch als Puffer dazwischen. Der zweite Red Bull-Pilot sollte Ferrari mit seinem frühen Boxenstopp in Runde 14 in die erste Falle locken. Er zog Leclerc aus Sorge vor einem Undercut mit. Ohne Not. Albon war kein Gegner im Kampf um den Sieg.

Für Mercedes kam eine schnelle Reaktion auf Albons Stopp nicht in Frage. „Wir sahen, dass Albon und Leclerc einen zweiten Satz Medium genommen haben. Damit war klar, welchen Plan sie verfolgten. Wir hätten den harten Reifen nehmen müssen, weil wir nur noch gebrauchte Mediums übrig hatten. Für ein Einstopp-Rennen schien uns aber der Zeitpunkt zu früh.“

Laut Ferrari war es immer so geplant, zwei Strategien abzudecken. „Auf dem Papier sahen zwei Stopps sogar schneller aus“, meinte Vettel nach dem Rennen. Wie sich später herausstellte: Mercedes hat auch die Taktik gesplittet, nur zwischen zwei unterschiedlichen Einstopp-Rennen. Das eine riskant, das andere konservativ. Im Rückblick meinte Vettel: „Vielleicht hätten wir mit der Strategie etwas schlauer oder mutiger sein sollen.“

Daniel Ricciardo - GP Mexiko 2019
Motorsport Images
Bei Renault fuhr Ricciardo mit harten Reifen los, Hülkenberg wurde mit Mediums losgeschickt.

Ricciardo war der beste Informant

Mit schlauer war vermutlich gemeint, dass die Ferrari-Strategen das Reifenbild der Konkurrenz besser hätten studieren sollen. Die Erfahrungen vom Freitag erwiesen sich schnell als überholt. Vettel räumte ein: „Keiner von uns hat erwartet, dass die Reifen so lange halten. Am Freitag haben sie noch stark gekörnt. Es war eine große Überraschung, dass es am Sonntag nicht auch so war. Ich glaube auch für Mercedes. Sonst hätten sie Valtteri nicht lang geschickt, sondern kurz nach Hamilton reingeholt. Er ist stattdessen mir gefolgt. Wir wollten einfach nur sichergehen, dass ein Stopp funktioniert und vermeiden, dass die Reifen am Ende des zweiten Stints über die Klippe fallen.“

Es gab aber schon in Runde 15, als Ferrari auf Albons Boxenstopp reagierte, genug Anzeichen, dass die Reifen am Sonntag grundlegend anders reagierten als in den Freitags-Longruns. Daniel Ricciardo zum Beispiel war auf harten Reifen gestartet und somit der beste Informant für alle anderen, wie sich Pirellis härteste Gummimischung verhalten würde. Der Renault-Pilot war konstant mit 1,22er Zeiten unterwegs, was in seinem Umfeld Bestzeit bedeutete, wenn man mit einrechnet, dass alle anderen um ihn herum mit Medium-Gummis unterwegs waren.

Daraus ließ sich schon schließen, dass die Reifen an diesem Tag ein seltenes Verhalten zeigen würden. „Sie haben Grip geliefert, bis kein Gummi mehr da war. Der Gripverlust war praktisch gleich null. Deshalb wurden die Rundenzeiten immer schneller“, erklärten die Mercedes-Strategen.

Warum das so war, konnten auch sie nicht erklären. „Der Verdacht liegt nahe, dass es mit den deutlich höheren Asphalttemperaturen zu tun hatte.“ Die lagen um 10 Grad über denen vom Freitag.

In Runde 15 hatten auch die Mercedes-Ingenieure noch Restzweifel. In Runde 19 war man sich am Mercedes-Kommandostand sicher, dass ein Einstopp-Rennen möglich ist. Ricciardo war mit dem harten Reifen weiter konstant unterwegs, und Verstappen wurde auf dem gleichen Reifentyp immer schneller.

Jetzt stellte sich nur noch die Frage: Wann sollte man stoppen? Die Strategieprogramme von Mercedes und Ferrari kamen beinahe zu dem gleichen Ergebnis. „Nach unseren Kalkulationen musste man mindestens 30 Runden durchhalten, um einen Stopp zum Funktionieren zu bringen“, verriet Ferrari-Rennleiter Mattia Binotto. Bei Mercedes lag die Reißleine bei Runde 31.

Doch nach Leclercs frühem Boxenstopp und dessen Problemen mit dem zweiten Satz Medium hatte Mercedes strategisch hier schon einen klaren Vorteil. Vettel konnte als Spitzenreiter kein Risiko eingehen. Mercedes konnte. Weil man mit zwei Autos gegen eines fuhr.

Charles Leclerc - GP Mexiko 2019
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Ferrari hatte bis zu den ersten Boxenstopps alles im Griff.

Hätte Vettel den Undercut abgewehrt?

In Runde 23 bog der erste Mercedes überraschend an die Boxen ab. Hamilton war gerade aus dem Boxenstopp-Fenster von Albon gerückt. Selbst in der Garage von Mercedes hielt man den Atem an: „Der einzige, der daran geglaubt hat, dass die harten Reifen 47 Runden halten, war unser Chefstratege James Vowles“, lachte Teamchef Toto Wolff.

Das Risiko war kalkuliert. „Mit jeder zusätzlichen Runde gab es Anzeichen, dass es auf ein Einstopp-Rennen hinausläuft. Wir wussten, dass Ferrari als Spitzenreiter zu stark unter Druck stand, um auf Risiko zu setzen.“ Vettel unterstreicht diese Einschätzung: „Mercedes hatte nichts zu verlieren. Wenn du Dritter bist und die Wahl hast zwischen Platz 1 und 5, dann gehst du dieses Risiko eher ein als wenn du in Führung liegst.“

Vettels Renningenieur Riccardo Adami wollte seinen Fahrer sofort an die Box holen, doch der schlug vor länger, draußen zu bleiben. Und setzte sich durch. Ein Vorgang, der bei Mercedes undenkbar wäre. Vettel ließ sich nicht nur von dem Gefühl leiten, dass die Medium-Reifen immer besser wurden. Er hatte auch noch die Teambesprechung am Morgen im Kopf: „Vor dem Rennen waren wir sicher, dass wir für ein Einstopp-Rennen bis zu einer bestimmten Runde kommen mussten. Diese Runde war noch nicht erreicht, als Lewis an die Box fuhr. Wir sagten uns: Wenn schon ein Stopp, dann richtig und nicht halbherzig. Wir dachten, Lewis ist hart an der Grenze unterwegs.“

Adamis erste Reaktion war, einen Undercut von Hamilton abzuwehren. Teamchef Binotto war allerdings nicht sicher, ob das überhaupt gelungen wäre. Vettel hatte nur ein Polster von 1,6 Sekunden. Das hatte er zu Beginn der nächsten Runde fast schon wieder eingebüßt. Sie war mit 1.22,197 Minuten sechs Zehntel langsamer als die vorangegangene.

Vettel hatte offenbar ähnliche Zweifel. Er nahm lieber in Kauf, dass Hamilton durch den früheren Boxenstopp eine Position gegen ihn gewinnen würde. Ihm schien es wahrscheinlicher, am Ende mit frischeren Reifen Hamilton auf der Strecke den Platz wieder abzujagen. Sein Pech: Der Vorteil von 14 Runden frischeren Reifen spielte an diesem Tag keine Rolle.

Aus Sicht von Mercedes war es der rennentscheidende Schachzug. Man hatte zwar wieder mal am Sonntag das schnellere Auto, aber mit einem Ferrari vor der Nase gab es kein Vorbeikommen. Also zählte nur der Platzgewinn durch den Undercut. Valtteri Bottas versuchte es zwei Mal, Vettel zu knacken, kam aber nicht mal in die Nähe.

„Die Ferrari waren auf der Gerade ohne DRS so schnell wie wir mit offenem Heckflügel. Ich hätte schon in der Zielkurve in Sebs Getriebe stecken müssen, um überhaupt eine Chance zu haben.“ Länger als zwei Runden durfte sich Bottas ohnehin nicht im DRS-Bereich des Ferrari aufhalten. Im Handumdrehen stiegen die Bremstemperaturen mangels Kühlung in den roten Bereich.

Sebastian Vettel - GP Mexiko 2019
xpb
Vettel kam im Schlussspurt nicht an Hamilton vorbei, Bottas biss sich an Vettel die Zähne aus.

Runde 31 ideal für Vettels Stopp

Vettel und Bottas blieben bis zur 36. und 37. Runde auf der Strecke. „Wir haben Valtteri in dem Moment reingeholt, in dem der Medium-Reifen eingebrochen ist.“ Diesmal folgte Vettel eine Runde später. Es war eine Runde, die ihn zwei Sekunden kostete, weil vor ihm Kimi Räikkönen, Pierre Gasly und Carlos Sainz ihren eigenen Kampf um Platz 12 ausfochten.

„Vielleicht hätten wir beim zweiten Stopp eine Runde früher kommen sollen. Ich habe im Verkehr viel Zeit verloren. Es war aber auch schwer vorhersehbar, dass die zwei da so einem Zweikampf aufführen“, sah Vettel ein.

Tatsächlich aber hätte Ferrari sehr viel früher Vettels Reifenwechsel durchziehen soll. Zum Beispiel in Runde 31. Da lag Vettel noch 18,4 Sekunden vor Hamilton und locker außerhalb des Boxenstopp-Fensters von Albon. Hätte Ferrari sich für diese Runde entschieden, hätte Vettel nur 3,4 Sekunden auf Hamilton gutmachen müssen. Nach seinem Stopp in Runde 37 lag er 7,4 Sekunden zurück. Es kostete sieben Runden harte Arbeit, wieder bis auf 3,4 Sekunden aufzuschließen.

Ob Vettel dann in der Lage gewesen wäre, Hamilton zu überholen, ist ebenfalls zweifelhaft. Die Ferrari waren an diesem Tag für ihre Verhältnisse extrem langsam auf den Geraden. Bei der Top-Speed-Messung belegten Vettel und Leclerc die Plätze 18 und 19. Ihnen fehlten 9 km/h auf die Mercedes. Das hat nichts mit DRS zu tun. Beim Überrunden profitierten auch die Ferrari-Piloten vom DRS. Die Konkurrenz stellte fest, dass beide Ferrari-Piloten übermäßig viel Lift and Coast betrieben. Möglicherweise aus Gründen der Kühlung. Vom Spritverbrauch ist Mexiko eher unkritisch.

Vettel gab auch zu, dass Mercedes das schnellere Auto an diesem Tag hatte: „Sonst hätte Valtteri nicht auf mich aufschließen und mir die ganze Zeit folgen können. Lewis ist den Großteil des zweiten Stints vorsichtig gefahren. Als Valtteri und ich aufgeschlossen haben, hatte er noch genug Reifengummi übrig, um uns abzuwehren.“

Der Sieger lobte sich selbst für diese Leistung: „Am Unterboden fehlte ein großes Stück. Nach der Kollision mit Max war das Heck ziemlich instabil, speziell in den schnellen Kurven. Ich musste die Balance des Autos verändern und meinen Fahrstil umstellen. Das hat mich zwei Zehntel gekostet. Deshalb bin ich stolz, dass ich die Reifen trotzdem so gut in Schuss halten konnte.“

Alexander Albon - GP Mexiko 2019
Red Bull
Mit dem ersten Wechsel von Medium auf Medium beraubte Red Bull Alexander Albon aller Strategie-Optionen.

Zwei Stopps für Albon ein Fehler

Red Bull hatte auf seiner Paradestrecke nicht gerade das Glück oder den großen Überblick gepachtet. Max Verstappen brachte sich selbst um einen Sieg. Der Holländer fuhr mit 66 Runden auf dem harten Reifen den längsten Stint. Bei seinem Vormarsch auf Platz 6 überholte er 10 Autos. Das ist genau ein Viertel aller Überholmanöver an diesem Tag. Verstappen verlor von der 6. Runde bis ins Ziel nur 9 Sekunden auf den Sieger. Trotz eines beschädigten Autos, trotz uralter Reifen. Das wird Red Bull doppelt ärgern.

Die Zweistopp-Strategie für Alexander Albon war ein Fehler. Wenn Mercedes und Ferrari in der Lage waren mit dem Medium-Reifen 37 Runden zu überleben, dann hätte das Red Bull zwei Mal gekonnt. Kein Auto geht pfleglicher mit den Reifen um als der RB15.

Mit Albons frühem Stopp gab Red Bull nicht nur den dritten Platz auf. Man schickte den Thailänder auch noch in den Verkehr. Er musste sich eine halbe Runde hinter Carlos Sainz anstellen, bis er endlich wieder freie Fahrt hatte. Obwohl Albon und Leclerc fast zu identischen Zeiten ihre Reifen wechselten, konnte der Red Bull-Pilot das Tempo des Ferrari nicht halten. Im Ziel lag er 15 Sekunden hinter Leclerc.

Im Mittelfeld taktierten nur die McLaren und die Toro Rosso mit zwei Stopps. Der Start auf den Soft-Reifen zwang sie dazu. Carlos Sainz hielt auf den weichen Sohlen immerhin 15 Runden lang durch. Da sah alles noch nach einem weiteren Punktgewinn aus. Doch auf den harten Reifen verhungerten die McLaren. Hier holten sich die Toro Rosso-Piloten die Plätze gegen Sainz wieder zurück. Pierre Gasly schaffte es noch in die Punkteränge.

Ein Stopp war auch im Mittelfeld die bessere Strategie. Die Frage, ob es besser war mit Medium oder mit Hart loszufahren, fand keine eindeutige Antwort. Sergio Perez kam zwar mit Medium-Hart vor Daniel Ricciardo mit Hart-Medium ins Ziel, doch der Australier war eindeutig schneller. Er kam aber trotz der frischeren und weicheren Reifen auf der Gerade nicht an Perez vorbei. Der Racing Point setzte mit 359,7 km/h den Top-Speed-Tagesrekord.

So gut die Taktik für Ricciardo war, so schlecht fiel sie für Nico Hülkenberg aus. Es gab keinen Grund für einen Boxenstopp in Runde 18. Der Undercut gegen Perez funktionierte nicht. Stattdessen hatte Hülkenberg genau die Soft-Starter wieder vor der Nase, die er eigentlich loswerden wollte. Carlos Sainz und Daniil Kvyat kosteten ihn im Mittelteil des Rennens Zeit und Reifengummi. Fünf Runden vor Schluss waren die Reifen am Ende.

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