Taktik-Check GP Monaco 2018

Falsche Reifen für Monte Carlo

Lewis Hamilton - GP Monaco 2018 Foto: sutton-images.com 61 Bilder

Auch der GP Monaco war ein Einstopp-Rennen. Obwohl die Reifen schneller abbauten als erwartet. Einige pokerten mit Supersoft-Gummis und stellten mit Erstaunen fest, den besten Rennreifen gewählt zu haben.

Dieser GP Monaco war in Sachen Taktik ein übersichtliches Rennen. Auf den ersten sechs Plätzen blieben die Positionen eingefroren. Die Reihenfolge beim Start war die Reihenfolge im Ziel. Nur ab Platz 7 gab es Verschiebungen. Fernando Alonso räumte mit seinem Getriebeschaden das Feld. Sergio Perez fiel aus den Punkterängen, weil beim Reifenwechsel rechts hinten die Radmutter klemmte. Das kostete 5 Sekunden.

Pierre Gasly machte mit einem extra langen Stint auf Hypersoft-Reifen 3 Position gut. Nico Hülkenberg war der Beste mit einer alternativen Strategie. Also Start auf den härteren Ultrasoft-Reifen, dann Hypersoft-Gummis im Finale. Carlos Sainz rutschte zwei Plätze ab. Er kam zu früh an die Box. Max Verstappen sorgte für die Unterhaltung. Der Holländer verbesserte sich vom letzten Startplatz auf Rang 9. Inklusive vier Überholmanöver.

Eigentlich war die Ausgangsposition gar nicht so schlecht. Die Top Ten mussten allesamt auf Hypersoft-Reifen starten. Der im Vorfeld hochgelobte Pirelli-Superkleber konnte im Rennen die Vorschusslorbeeren nicht halten. „Sie haben wahnsinnig stark gekörnt“, beschwerten sich Lewis Hamilton und Sebastian Vettel im Gleichklang.

Die bange Frage der Spitzenreiter: Wann würde das Körnen beginnen? In Runde 10 ging es los. Dabei hielt Daniel Ricciardo an der Spitze auch schon vor seinen ERS-Problemen das Tempo niedrig. „Ich bin extrem langsam gefahren, und trotzdem sind die Vorderreifen eingebrochen“, staunte Hamilton. Der Hypersoft bescherte Monte Carlo eine neue Rekordrunde im Training. Doch dem Rennen hat er nicht gut getan.

Mercedes zog mit Hamilton die Notbremse

Die Hoffnung der Ultrasoft-Starter von den Problemen der Hypersoft-Armada zu profitieren, erfüllte sich nicht. In Monte Carlo reißen zu schnell große Lücken im Feld auf, die den Spitzenleuten frühe Stopps ohne Schaden erlauben. Mercedes zog mit Hamilton in der 12. Runde als erstes Team die Reißleine der Hypersoft-Starter. Pierre Gasly hielt mit dem Toro Rosso am längsten durch. Unglaubliche 37 Runden. Es lohnte sich.

Bei Mercedes war man erstaunt, wie lange Gasly mit einer Garnitur Hypersoft fahren konnte. Hamilton durfte keine Runde länger auf der Bahn bleiben. „Seine Reifen sind ihm um die Ohren geflogen“, erklärte Teamchef Toto Wolff. Die Strategen ergänzten: „Kimi hätte uns jede Runde mit einem Undercut überholen können.“ Da nahm Mercedes sogar das Risiko in Kauf, dass Hamilton hinter den Force India von Esteban Ocon fiel.

Mit frischen Ultrasofts brauchte der Weltmeister nur zwei Runden, um an Ocon vorbeizufliegen. Er schnappte sich den Force India vor der Hafenschikane. Die Hinterreifen des Franzosen zeigten bereits starke Abnutzungserscheinungen. Er fuhr zu dem Zeitpunkt drei Sekunden langsamer als die Spitze. Force India hatte die Autos mit einer Balance Richtung Vorderachse abgestimmt, um das Untersteuern zu kurieren. Deshalb bekam man auch mehr Probleme mit den Hinterreifen als vorne.

Supersoft war der beste Rennreifen

Valtteri Bottas - GP Monaco 2018 Foto: sutton-images.com
Die Supersoft-Reifen am Mercedes von Bottas lieferten konstant schnelle Rundenzeiten.

Hamiltons früher Stopp lockte die gesamte Spitzengruppe Schritt für Schritt an die Box. Ricciardo konnte von Glück reden, dass der Schaden an der MGU-K erst später auftrat. Danach wäre der Australier nicht mehr in der Lage gewesen, auf Undercuts der Verfolger zu reagieren. Die Boxenstopps änderten nichts an der Reihenfolge der Top 6. Entweder waren die Abstände zu groß für einen Undercut, oder der Vordermann verhinderte den Versuch dadurch, dass er zuerst an die Boxen kam.

Die beste Idee hatte Mercedes. Man gab Valtteri Bottas einen Satz Supersoft-Reifen mit auf die Reise. Hamilton hatte Pirellis härteste Mischung am Donnerstag noch als „gefährlich“ bezeichnet, weil sie so wenig Grip bot. Drei Tage später musste Bottas zugeben: „Der Supersoft war am Sonntag der beste Reifen.“

Die gleiche Erfahrung machten Fernando Alonso, Esteban Ocon und Pierre Gasly, die alle Supersoft-Reifen den Ultrasofts vorzogen. „Wir haben uns gewundert, warum es nicht noch mehr Fahrer probiert haben. Vettel hätte es ohne Risiko tun können“, wunderten sich die Mercedes-Ingenieure. Red Bull hatte keine Wahl. Der einzige Satz Supersoft, den man bestellt hatte, war bereits verbraten.

Überholen war diesmal besonders schwer

Bottas hätte pro Runde um 1,5 Sekunden schneller fahren können als die Fahrer vor ihm, doch er blickte 78 Runden lang in das Auspuffrohr von Kimi Räikkönens Ferrari. „Zwei Mal hatte ich das Gefühl, dass sich einen Angriff lohnen könnte, aber Kimi hat einfach keinen Fehler gemacht.“ Genauso wenig wie Daniel Ricciardo, Sebastian Vettel oder Lewis Hamilton.

Das Tempo war wegen Ricciardos Schwierigkeiten mit der MGU-K und den heiklen Reifen so langsam, dass die Piloten unterfordert waren. Normalerweise ist Monaco immer für Unfälle oder Fahrfehler gut. „Doch zum Schluss mussten die Fahrer auf den ausgelutschten Ultrasoft-Reifen 4 Sekunden langsamer fahren, als es möglich gewesen wäre. Das war kein Rennen, sondern ein Überlebenskampf“, sagten die Strategen.

Als Hamilton nach 20 Runden auf den Ultrasoft hörte, dass er noch 46 Runde durchhalten müsse, da war er sich sicher. „No way. Die Reifen halten nie so lange.“ Sie hielten. Die Sorge um seine Reifen bestimmte auch seinen Abstand zu Ricciardo und Vettel. In der Mitte des Grand Prix gab Hamilton Gas, weil er überzeugt war, ein zweites Mal stoppen zu müssen. Prompt schloss er zur Spitze auf. Als er realisierte, dass Überholen unmöglich war, ließ er sich wieder zurückfallen.

Es ist kein Geheimnis, dass Überholen in Monte Carlo schwierig ist. Doch die spezielle Reifensituation hat es dieses Jahr noch erschwert, verraten die Ingenieure. „Die Vorderreifen haben viel stärker abgebaut. Da straft immer den Hintermann, weil er in den Kurven nicht dranbleiben kann. Der Vordermann braucht nur eine gute Traktion, um sich zu retten. Das war kein Problem. Bei fast allen waren die Hinterreifen noch gut in Schuss.“

Déjà-vu für Ricciardo

Daniel Ricciardo - GP Monaco 2018 Foto: sutton-images.com
Kaum schloss Vettel nah auf, bauten seine Vorderreifen ab.

Manchmal ist die Logik nicht logisch. Warum hat Mercedes nicht auch Hamilton mit Supersoft-Reifen in den zweiten Stint geschickt, wenn sich der Reifen bei Bottas so bewährt hat. „Lewis brauchte wegen der Undercut-Gefahr eine schnelle Runde aus der Box raus. Mit dem Supersoft hatten wir Sorge, dass er zu lange braucht, bis er Grip aufbaut.“

Bottas hätte sich nach Gaslys Boxenstopp ohne Platzverlust einen zweiten Stopp leisten können, um mit Hypersoft-Gummis zur Attacke zu blasen. „Das haben wir uns nicht getraut. Der Hypersoft erschien uns wegen des Körnens zu kritisch. Der Ultrasoft war nicht stabil genug. Valtteri war bereits auf einem besseren Reifen als seine Vorderleute und kam trotzdem nicht vorbei. Wozu wechseln?“

Mit weniger Sprit an Bord und mehr Gummi auf der Bahn legte der Hypersoft jedoch seine schlechten Eigenschaften ab. Nico Hülkenberg und Max Verstappen fuhren die weichste Reifenmischung im zweiten Teil des Rennens, und sie waren die schnellsten Piloten im Feld. Verstappen musste 31, Hülkenberg 28 Runden lang durchhalten. Ricciardos erzwungene Bummelei an der Spitze erklärt auch die engen Abstände im Ziel. Der neuntplatzierte Verstappen lag nur 25 Sekunden hinter der Spitze. Nach 30 Runden waren es noch 50 Sekunden.

Daniel Ricciardo vollbrachte eine Meisterleistung. Der Red Bull verlor nicht nur 160 PS. Ricciardo musste den Motor schonen, die Bremsen kühlen, die Reifen anders belasten, früher hochschalten, auf den siebten Gang verzichten. „Auf jeder anderen Strecke hätten sie uns aufgeschnupft, aber hier war es möglich, mit dem Handikap zu leben“, freute sich der Australier.

Irgendwie war es ein Déjà vue für den Monaco-Sieger, fand sein Teamchef Christian Horner: „Daniel hat seinen ersten Grand Prix 2014 in Montreal gewonnen, weil den Mercedes-Piloten damals das Gleiche passiert ist wie ihm jetzt in Monaco. Die konnten sich damals aber nicht wehren.“

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