Lewis Hamilton - GP Monaco 2019 Motorsport Images

Taktik-Check GP Monaco 2019

Mercedes siegt trotz Reifen-Fauxpas

Ferrari bezahlte in Monaco für seine Fehler. Mercedes kam trotz falscher Reifenwahl mit einem blauen Auge davon. Das Safety-Car würzte das Rennen, aber es hätte noch viel mehr für Unruhe sorgen können. Der Taktik-Check.

Lewis Hamilton hat zwar gerne Rennen, bei denen er um den Sieg kämpfen muss, doch diesen Nachmittag in Monte Carlo hätte er gerne etwas ruhiger gehabt. „Ohne das Safety-Car wären wir zwischen Runde 20 und 22 an die Boxen gekommen, und wir wären danach gemütlich bis ins Ziel gerollt.“

Nach dem Safety-Car war nichts mehr mit Gemütlichkeit. Es wurde ein elend langer Grand Prix für den späteren Sieger. Mercedes hatte ihm beim Boxenstopp in Runde 11 die falschen Reifen mitgegeben. Und seine drei Mitstreiter hatten alle die richtigen Reifen am Auto.

Hamilton musste 67 Runden auf den Medium-Reifen durchstehen. Max Verstappen, Sebastian Vettel und Valtteri Bottas waren mit den harten Sohlen unterwegs. Bottas erst nach einer aufgezwungenen Korrektur von medium auf hart. Verstappen hatte den Finnen in die Boxenmauer gedrückt.

Nach einer Runde stand Bottas mit plattem rechten Vorderreifen wieder an der Box. Da er nur noch einen frischen harten Satz in der Hinterhand hatte, fiel dem Team die Wahl leicht. Wenig später wussten die Mercedes-Ingenieure, dass sie bei Hamilton falsch und bei Bottas richtig lagen.

Mercedes hatte den harten Reifen wie viele Teams nie probiert. „Wir haben bei anderen Teams beobachtet, dass es ewig dauerte, bis sich der harte Gummi aufwärmt und dass der Reifen unbeständig Grip lieferte. Wir sind den Medium-Reifen am Donnerstag gefahren und haben gute Erfahrungen damit gemacht. Er war schnell, er war besser beim Aufwärmen, bei leichtem Regen und mit einem bisschen Management sollte er auch über die restlichen 67 Runden zu bringen sein“, erklärten die Strategen. Teamchef Toto Wolff gab zu: „Wir haben geglaubt, dass wir ab Runde 15/16 mit dem Medium-Reifen durchfahren konnten.“

Für Hamilton galt: Crash oder Sieg

Die Ingenieure gaben den Soft-Reifen 30 bis 35 und den Medium-Reifen 40 bis 45 Runden. „Am Ende waren beide Reifen langlebiger. Was für uns unerwartet kam war, dass es beim Medium-Reifen links vorne so stark den Gummi von der Lauffläche zog. Entweder hatten Red Bull und Ferrari bessere Erkenntnisse über die Reifen gemacht, oder sie haben instinktiv zum harten Reifen gegriffen, weil sie am Donnerstag weder die eine noch die andere Option probiert hatten und instinktiv davon ausgingen, dass die Mischung hart länger hält als die Mischung medium.“

Im Rückblick räumten die Mercedes-Ingenieure ihren Fehler ein: „Könnten wir die Entscheidung noch einmal treffen, würden wir den harten Reifen nehmen.“ Lewis Hamilton hielt seiner Crew schon ziemlich bald vor, was er von dem Medium-Reifen hielt: „Es war ein schlechter Reifen. Am Ende des Rennens war er so kaputt wie meine Reifen 2007 in China, als mich McLaren zu lange auf der Strecke fahren ließ.“

Obwohl sich der Medium-Gummi schon nach 20 Runden links vorne von der Lauffläche schälte, wäre Hamilton um keinen Preis an die Box gekommen: „Ich hätte lieber in Kauf genommen, dass mir der Reifen um die Ohren fliegt. In Monte Carlo gibst du deine Position nicht auf. Ich bin hier schon einmal unnötig an die Box gekommen und habe das Rennen verloren.“

Restart - Formel 1 - GP Monaco - 26. Mai 2019
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Hamilton musste auf seinen Medium-Reifen bis zum bitteren Ende durchhalten.

Hamiltons Hinterreifen in 1A-Zustand

Hamilton vermittelte den Eindruck, dass es seine Entscheidung war, bis zum bitteren Ende durchzuhalten. Die Strategen widersprechen: „Wir hätten Lewis auf jeden Fall auf der Strecke gehalten. Für ihn fühlte sich das Untersteuern schrecklich an. Wir aber wussten, dass Verstappen nie vorbeigekommen wäre. Ricciardo hat letztes Jahr den Grand Prix gewonnen, obwohl die Vorderreifen gekörnt haben und die MGU-K keine Leistung mehr abgab. Das Schlimmste, was hätte passieren können, wäre gewesen, dass sich Verstappen in den letzten Runden vorbeimogelt. Dann hätte er erst einmal fünf Sekunden gewinnen müssen. Und das mit einigen überrundeten Autos vor seiner Nase.“

Die Gefahr, dass der Reifen platzen könnte, sahen die Ingenieure als gering an: „Es war zwar fast nichts mehr übrig, aber aufgrund der TV-Bilder und der Reifentemperaturen konnten wir errechnen, dass Lewis noch auf der sicheren Seite war.“ Hamiltons Glück war, dass sich die Hinterreifen am Mercedes noch in einem 1A-Zustand befanden. „Die Traktion war überall gut. Alle Stellen, wo uns Verstappen hätte gefährlich werden können, hatten wir eine starke Waffe als Gegenwehr.

Der GP Monaco vermittelte den Eindruck, dass die Konkurrenz näher gekommen wäre. Das könnte ein Trugschluss sein. Verstappen und Vettel konnten dem führenden Mercedes nur folgen, weil Hamilton auf den falschen Reifen fuhr. “Ich war in den Kurven 1, 4, 5, 6, 7 und 8 super langsam, egal was ich gemacht habe: Bremsbalance nach hinten, mehr Differentialsperre, Ich habe das Auto nicht um die engen Ecken gebracht„, erklärte der Sieger später.

Verstappen verwies auf Bottas: “Er hat immer mal wieder den Anschluss verloren und ist dann mit Leichtigkeit wieder herangefahren. Das zeigt, wie stark Mercedes wirklich war.„ Auch Sebastian Vettel warnte vor zu großer Euphorie: “Wir nehmen den zweiten Platz gerne mit, aber wir haben auch gesehen, dass uns in den Kurven der Speed fehlt.„

Mittelfeld in zwei Teile zerrissen

Trotz des frühen Safety-Cars wurde das Rennen den drei Top-Teams noch leicht gemacht. Es hätte für sie viel schlimmer kommen können. Wenn nämlich Daniel Ricciardo und sein Gefolge nach nur 10 Runden nicht schon 35,6 Sekunden Rückstand gehabt hätten.

Hätte Ricciardo als Spitzenreiter des Verfolgerfeldes nicht so große Probleme mit zu kalten Soft-Reifen gehabt, wäre das Boxenstoppfenster für Hamilton, Verstappen, Vettel und Bottas nicht groß genug gewesen, um nach dem Boxenstopp auf jeden Fall in Führung zu bleiben. Dann hätten sich die Fahrer an die Spitze gemogelt, die auf einen Boxenstopp unter SC-Bedingungen verzichtet hätten. Das wiederum hätte das ganze Feld für ziemlich lange Zeit zusammengestaucht und für zusätzliche Spannung gesorgt.

Daniel Ricciardo - Formel 1 - GP Monaco 2019
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Die beiden Renault wurden Opfer der Strategie. Nur mit Glück kam Daniel Ricciardo noch in die Punkte.

Das Mittelfeld wurde durch das Safety-Car in zwei Teile zerrissen. Daniel Ricciardo und Kevin Magnussen folgten den Spitzenreitern. Pierre Gasly, Carlos Sainz, Daniil Kvyat, Alexander Albon, Romain Grosjean, Lando Norris, Lance Stroll und Kimi Räikkönen machten das Gegenteil. Das kostete Renault und Haas viele Punkte.

War es deshalb ein Fehler, ihre Fahrer an die Box zu holen? Die Strategie-Experten sagen nein: “Sie mussten eine Wahl treffen. Es war auch für das Mittelfeld logisch, das Safety-Car zum Boxenstopp zu nutzen, weil du acht Sekunden Zeit geschenkt kriegst. Das Problem dabei ist, dass du irgendetwas machen musst, und die anderen darauf reagieren können.„

Grosjean verlor in 18 Runden 22 Sekunden

Im Rückblick wurde das müde Tempo von Ricciardo im ersten Stint bestraft. Das verschaffte den vier Fahrern an der Spitze zunächst einmal ein komfortables Loch, in das sie hineinfallen konnten und es machte es für Ricciardo auch nicht möglich durch Draußenbleiben die Spitze zu übernehmen. Was eine attraktive Option gewesen wäre.

Andererseits staute sich wegen des beschaulichen Tempos des Renault-Piloten der Rest des Feldes innerhalb so kurzer Abstände, dass ein früher Boxenstopp mit dem Risiko verbunden war, im Verkehr steckenzubleiben.

Ricciardo und Magnussen fielen hinter das Trio Norris, Stroll und Räikkönen. Die schirmten den Rest des Feldes gegen den Fünften und Sechsten des Trainings wirksam ab. Carlos Sainz gewann innerhalb von 15 Runden 22,8 Sekunden auf seine Gegner. McLaren zeigte wie schon in Barcelona taktisches Fingerspitzengefühl. Das Team ließ Lando Norris bis Runde 47 auf der Bahn, um genug Platz für Sainz zu schaffen.

Toro Rosso machte das gleiche mit Alexander Albon. Er blieb acht Runden länger auf der Strecke als Daniil Kvyat. Bei Kvyat war schon in Runde 32 das Boxenstoppfenster erreicht, um vor der Norris-Gruppe auf die Strecke zu kommen. Albon musste bis Runde 40 Tempo machen, um in das Loch vor dem zweiten McLaren zu fallen.

Mit Romain Grosjean klappte der Trick trotz starker Rundenzeiten auf alten Soft-Reifen, die am Ende 50 Runden auf der Lauffläche hatten, nur bedingt. Der Franzose schleppte die Hypothek einer 5-Sekunden-Strafe mit sich herum.

Eigentlich kein Problem, denn in der 60. Runde hatte Grosjean noch 26,6 Sekunden Vorsprung auf Ricciardo. Dann bauten die Medium-Reifen am Haas massiv ab. Körnen kostete bis zu zwei Sekunden pro Runde auf den Renault-Piloten, der das Fernduell auf den letzten Metern um 0,140 Sekunden gewann.

Fahrer-Noten GP Monaco: Alle 20 Fahrer in der Einzelkritik

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