Räikkönen vs. Hamilton - GP Österreich 2017 sutton-images.com
Startaufstellung - GP Österreich 2017 - Spielberg - Rennen
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Taktik-Check GP Österreich 2017

Ferrari opferte Räikkönen für Vettel

Das Herzstück des GP Österreich war die Aufholjagd von Lewis Hamilton vom 8. Startplatz. Doch sein Weg nach vorne wurde durch Kimi Räikkönen gebremst. Der Finne erfüllte seinen Job, wie unser Taktik-Check zeigt.

Der GP Österreich war das vierte Einstopp-Rennen in Folge. Ehrlich gesagt: Es kommt dem Sport zugute, auch wenn das Rennen in Spielberg nicht der absolute Thriller war. Doch die Anzahl der Stopps sagt nichts über die Qualität eines Grand Prix aus. Dafür aber sind die Rennen für den Normalzuschauer einfacher zu verstehen. Und der macht 90 Prozent des Publikums aus.

In Spielberg lag die Taktik auf der Hand. Neun der 16 klassierten Fahrer wählten die Reifenfolge Ultrasoft-Supersoft. Sie kamen zwischen den Runden 31 und 44 an die Box. Der geringe Unterschied in der Rundenzeit zwischen den beiden Reifentypen ergab genug taktische Spielmöglichkeiten. Die Teams wählten den Zeitpunkt für den Reifenwechsel aus den unterschiedlichsten Gründen. McLaren holte Stoffel Vandoorne in der 31. Runde an die Box, weil er hinter Jolyon Palmer versauert. Kimi Räikkönen hielt bis zur 44. Runde durch, weil es seine einzige Aufgabe war, Lewis Hamilton auf seinem Vormarsch aufzuhalten.

Räikkönen koste Hamilton 4 Zehntel pro Runde

Selten war es so offensichtlich, dass Räikkönen für Sebastian Vettel geopfert wurde. Hamilton, der nach seiner Getriebestrafe nur von Platz 8 ins Rennen ging, durfte auf keinen Fall zu Vettel aufschließen. Er sollte so viele Punkte wie möglich verlieren.

Räikkönen vs. Hamilton - GP Österreich 2017
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Hamilton kommt erst durch den Boxenstopp vorbei an Räikkönen.

In Runde 19 hatte Hamilton zu Räikkönen aufgeschlossen. Mit einem Tempoüberschuss von durchschnittlich 4 Zehntel pro Runde. Der Mercedes-Pilot war antizyklisch auf Supersoft-Reifen unterwegs. Es musste Ferrari klar sein, dass er auf Ultrasoft-Reifen wechseln und damit eine schnellere erste Runde nach dem Boxenstopp haben würde als Räikkönen, der seinerseits von Ultrasoft auf Supersoft tauschen würde. Damit lag die Gefahr eines Undercut auf der Hand.

Ferrari hätte diesen Undercut locker abwehren können. In Runde 29 war das Fenster von Räikkönen zu Sergio Perez und Romain Grosjean genügend groß, um vor beiden wieder auf die Strecke zu kommen. „Ferrari hat uns die Tür offen gelassen. Grosjean und Perez sind zwei Runden früher aus Kimis Fenster rausgefallen als bei Lewis. Als wir mit Hamilton reingerutscht sind, haben wir das Angebot angenommen. Ferrari hätte wissen müssen, dass wir es bei der erstbesten Gelegenheit mit einem Undercut versuchen. Danach war die Position für Kimi verloren.“

Das war auch der Grund, warum Ferrari seine Nummer 2 so lange wie möglich auf der Strecke ließ. Es gab gegen Hamilton nichts mehr zu gewinnen. Räikkönens einzige Hoffnung war ein Safety-Car oder Regenguss. Weder das eine, noch das andere kam. Mit Blickrichtung Titelkampf hat Ferrari richtig taktiert. Räikkönen hat Hamilton 13 Runden lang Zeit gekostet. So war sichergestellt, dass er nie in Vettels Nähe kommen würde. Und der WM-Zweite schloss so spät zu Ricciardo auf, dass ihm die Zeit ausging, den Red Bull auf der Strecke zu überholen.

Das hat Hamilton mindestens 3 Punkte gekostet. Es hätte aber noch teurer für Mercedes werden können. Hamiltons früher Boxenstopp in Runde 31 zog Daniel Ricciardo und Sebastian Vettel hinterher. Niemand konnte ahnen, dass man damit Ferrari und Red Bull einen Gefallen tat. Weil beide Autos mit den Supersoft-Reifen deutlich besser zurechtkamen als mit den Ultrasoft-Reifen.

Ein besserer Start oder eine bessere Startposition hätte Hamilton auch nichts geholfen. Die Strategen erklären warum: „Lewis lag 14 Sekunden hinter Bottas, nachdem er an Grosjean vorbei war. Im Ziel waren es 7 Sekunden. Er war der schnellste Mann auf der Strecke, aber sein Rennen war limitiert durch Kimi. Und den konnte er beim Start unmöglich überholen. Hätte er ihn früher eingeholt, hätte er noch mehr Zeit hinter ihm verloren.“

Bottas wusste nichts von Frühstart-Untersuchung

Das Duell Mercedes gegen Ferrari wurde von den Reifen bestimmt. Mercedes machte auf den Ultrasoft-Reifen das Tempo, Ferrari auf den Supersofts. Nicht zum ersten Mal in dieser Saison. Mercedes hatte mit den rot markierten Supersofts schon in Bahrain, Sotschi und Monte Carlo seine Probleme. In Melbourne und Shanghai ließ man gleich ganz die Finger von diesem Reifentyp. Ferrari und Red Bull dagegen fühlen sich auf dieser Gummimischung besonders wohl.

In Spielberg hat es jeder gesehen. Valtteri Bottas schleppte sich in den letzten Runden mit Blasen auf dem linken Hinterreifen über die Distanz. Auch Hamilton hatte Blasenbildung, allerdings eher vorne. Er fuhr zum Schluss auf den Ultrasoft-Reifen. Die Ingenieure vermuten: „Die Hinterreifen sind bei unserem Auto stärker belastet. Vielleicht sind wir die Stints ein bisschen zu schnell angegangen.“ Ferraris Reifen sahen dagegen im Ziel vergleichsweise neu aus.

Bottas stand gleich nach dem Start im Verdacht eines Frühstarts. Der Finne wusste nichts von der Untersuchung der Rennleitung. „Wir wollten ihm nicht sagen warum, aber wir haben ihn angetrieben, eine Lücke aufzufahren für den Fall, dass er eine Strafe kriegt. Unsere Leute in der Fabrik hatten zwar anhand der TV-Aufnahmen gemeldet, dass der Start okay war, aber am Ende kann man sich nie sicher sein.“

„Eine Durchfahrtstrafe hätte uns 14,5 Sekunden gekostet, und in diesem Fall wollten wir auf jeden Fall vor den Force India wieder auf die Strecke kommen. Wir haben Valtteri später gesagt, dass er 5 Sekunden Vorsprung auf Vettel halten soll. Er hat den Vorsprung dann selbst ausgebaut. Weil er sich wohl im Auto fühlte.“

Valtteri Bottas - Mercedes - GP Österreich 2017 - Spielberg - Rennen
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Bottas wechselte spät die Reifen. Dadurch konnte Vettel aufholen.

Bei Valtteri Bottas hat Mercedes mit dem Boxenstopp bis zur 41. Runde gewartet. Damit fuhr der Finne auf Pirellis Superkleber fast so lange wie Räikkönen. Aus anderen Gründen freilich, wie uns die Strategen erklären: „Wir wollten abwarten, welche Reifen die Konkurrenz benutzt und wie sie darauf unterwegs ist, bevor wir Valtteri an die Box bringen. Der einzige, der noch in unserem Fenster lag, war Kimi. Bottas ist die gleichen Zeiten gefahren, konnte aber nicht den nötigen Vorsprung heraus fahren. Als Räikkönen ohne großen Zeitverlust Palmer überrundet hatte, haben wir Valtteri an die Box geholt. Wir wollten nicht wie 2016 Vettel die Reifen bis zur Leinwand runterfahren. Da riskierst du nur einen Reifenschaden.“

Der späte Stopp kostete Bottas trotzdem 5,1 Sekunden im Vergleich zu Vettel. In Runde 33 lag der spätere Sieger 7,9 Sekunden vor dem Ferrari, in Runde 42 waren es nur noch 2,8 Sekunden. In den letzten Runden schob sich das Feld wieder zusammen. Bottas gegen Vettel, Ricciardo gegen Hamilton. Beide Angreifer scheiterten. Hamilton versuchte es ein Mal bei Ricciardo, ging aber nicht das letzte Risiko ein. „Bei mir geht es um den Titel. Mir war klar, dass Daniel beim Heimrennen von Red Bull den dritten Platz mit Zähnen und Klauen verteidigen würde.“ Vettel meinte, dass er noch eine Runde mehr gebraucht hätte, um an Bottas vorbeizugehen. Es gelang genauso wenig wie in Sotschi.

Ricciardo zu schnell in Kurven 9 und 10

Um am Red Bull-Ring zu überholen, reicht mehr Top-Speed allein nicht aus. Hamilton war auf der Geraden mit DRS um 25 km/h schneller als Ricciardo. Trotzdem kam er nicht vorbei. Die Ingenieure erklären warum: „Entscheidend ist die Rundenzeit. Ricciardo ist am Ende die zweitschnellste Rennrunde gefahren, praktisch identisch mit Lewis. Er war für uns in den Kurven 9 und 10 zu schnell. Der Red Bull hat unheimlich Abtrieb in schnellen Kurven. So konnte Lewis vor der Zielgeraden nie richtig aufschließen. Und das hat ihm auch in der zweiten DRS-Zone nach Kurve 3 gefehlt.“ Nur ein Mal wurde es eng. „Weil ich schlecht aus der ersten Kurve gekommen bin“, gab Ricciardo zu.

Bei Vettel hätte es klappen können. Während der Unterschied der schnellsten Rennrunde zwischen Hamilton und Ricciardo nur bei 0,031 Sekunden lag, fuhr Vettel am Ende im Schnitt um eine halbe Sekunde schneller als Bottas. Und der hatte wegen der Blasen am Hinterreifen auch noch ein Handikap beim Beschleunigen.

In Spielberg waren zum ersten Mal seit langer Zeit wieder alle 3 Reifentypen eine Option. Felipe Massa und Jolyon Palmer haben mit dem Soft-Reifen exzellente Erfahrungen gemacht. Beide fuhren auf der härtesten Mischung einen langen Start-Stint und wechselten dann auf Ultrasoft-Reifen. Das brachte Massa vom 18. Platz in die Punkteränge und Palmer auf Rang 11. Zum dritten Mal konnte der bislang so unglücklich operierende Engländer WM-Punkte schon riechen.

Auch Mercedes überlegte, den Soft-Reifen zu nutzen. Und das schon im Q2, um mit dem Soft-Reifen starten zu dürfen. „ Am Freitag war der Soft nur 4 Zehntel langsamer als der Ultrasoft. Aber am Samstag wurde das Delta größer. Das war zu riskant.“ Auch im Rennen hätten die gelben Reifen eine Option sein können. „Nachdem aber Ricciardo und Vettel den Supersoft-Reifen gewählt hatten, waren wir gezwungen das gleiche zu tun. Wir wussten zu wenig über den Soft-Reifen. Am Freitag haben wir die meisten Blasen auf diesem Reifentyp gesehen.“

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Das Rennen in Spielberg war kein Action-Fest.

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