Esteban Ocon - GP Portugal 2020 xpb
Carlos Sainz - GP Portugal 2020
Lewis Hamilton - GP Portugal 2020
Lewis Hamilton - GP Portugal 2020
Daniel Ricciardo - GP Portugal 2020 41 Bilder

Taktik-Check GP Portugal: Quälen statt streicheln

Taktik-Check GP Portugal 2020 Reifen quälen statt streicheln

Portimao zählt zu den wenigen Rennstrecken, auf denen der Fahrer attackieren muss um den Reifen zu nutzen. Wem es dazu noch gelang, den Soft-Reifen zu vermeiden, hatte schon halb gewonnen.

Diese Pirelli-Reifen sind eine Wundertüte. Meistens muss man sie streicheln, damit sie nicht überhitzen. In ganz wenigen Fällen ist das Gegenteil gefragt. Baku zum Beispiel. Auch Portimao war so ein Fall. Da will der Reifen gequält werden. Das liegt am Streckenlayout, den Kurvensequenzen mit einer langen Gerade zwischen zwei schnellen Kurven, dem glatten Asphalt, und auch ein bisschen an den Asphalttemperaturen, die zwischen 24 und 27 Grad schwankten.

Dieser Cocktail hatte drei Konsequenzen: Es war schwer, die Reifen auf Betriebstemperatur zu bringen und noch schwerer sie im Arbeitsfenster zu halten. Aber egal, wie hart man fuhr: Sie wurden nie zu heiß. "Sie wären es wahrscheinlich auch bei wärmeren Wetter nicht geworden", glauben die Mercedes-Ingenieure.

Die Mercedes-Fahrer lieferten das beste Beispiel, worauf es an diesem Tag ankam. Valtteri Bottas hatte seine Reifen ab der dritten Runde im Fenster, Lewis Hamilton brauchte fast doppelt so lang. 15 Runden lang bestimmte Bottas das Tempo. Dann schlug das Pendel um.

Der Finne verlor Temperatur in den Hinterreifen. Nur Hamilton war in der Lage die Reifen vorne und hinten im Wohlfühlbereich zu halten. Er flog beinahe mühelos an Bottas vorbei. Ein Zeichen, wie groß sein Reifenvorteil war.

Eigentlich hört sich die Aufgabe ganz einfach an. Wenn man keine Angst haben muss, dass die Reifen oben aus dem Fenster fallen, muss man jede Runde am Limit fahren, dass sie nicht auskühlen. Genau das wünschen sich die Fahrer ja immer. Attacke von der ersten bis zur letzten Runde.

Doch das war an diesem kühlen Herbsttag auf dem Autodromo do Algarve das Problem. Der glatte Asphalt, der über die drei Tage kaum Grip dazugewann, forderte die Reifen zu wenig. Der stramme Wind und immer mal wieder Nieselregen machten es den Fahrern schwer, konstant schnelle Runden zu drehen.

Von den fünf Kurven jenseits von 220 km/h hat nur eine einen langen Radius. Dazwischen gibt es immer wieder Passagen, in denen der Reifen auskühlen kann. Heikel war besonders der Hinterreifen, den man an den fünf Beschleunigungsstellen dringend brauchte. "Er hat die Rundenzeiten bestimmt. Wer vorne Grip verloren hat, konnte damit leben", hieß es bei Mercedes.

Je älter die Reifen, desto dramatischer jeder Temperaturverlust im Reifen. Mit weniger Gummi auf der Lauffläche lässt sich nicht mehr so einfach Hitze generieren. Deshalb ging die Schere zwischen Hamilton und Bottas ab Runde 28 erst so richtig auf.

Mercedes - GP Portugal 2020
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Lewis Hamilton hielt die Reifen besser im Fenster als Teamkollege Valtteri Bottas.

Deshalb bekam Bottas keinen Soft-Reifen

Während des Rennens stellte sich auch noch heraus, dass die weichste Mischung aus dem Pirelli-Sortiment ein unbrauchbarer Reifen war. Mercedes und Ferrari hatten das bereits bei Longruns im dritten Training festgestellt. Sie waren die einzigen, die am Samstagvormittag noch ausreichend Zeit in die Rennvorbereitung gesteckt hatten. Es zahlte sich aus.

Die Mercedes-Ingenieure wunderten sich: " Alle hatten Angst vor dem harten Reifen. Gut, der Aufwärmprozess hat etwas gedauert, aber dann war es ein guter Rennreifen. Der Soft war dagegen viel zu kritisch. Wenn du am Anfang zu aggressiv warst, ist der Reifen auseinandergefallen."

Tatsächlich hat Pirellis C3-Mischung stark gekörnt, wenn man es wie die McLaren-Piloten in der Anfangsphase übertrieb. Nach sechs Runden waren Carlos Sainz und Lando Norris Freiwild. Deshalb kam es für Mercedes auch gar nicht in Frage, Bottas den Wunsch zu erfüllen, ihm für den zweiten Stint entgegengesetzt zu Hamilton den Soft-Reifen zu geben.

"An die weiche Mischung hätten wir uns nur rangetraut, wenn wir mit dem ersten Satz bis Runde 50 gekommen wären", berichten die Strategen. Das war nicht unmöglich. Esteban Ocon schaffte 53 Runden mit den Medium-Gummis und war am Ende immer noch so schnell wie seine direkten Konkurrenten auf frischeren Reifen. "Ich hätte damit wohl bis zum Ziel durchfahren können", wunderte sich der Franzose.

Auch Hamilton hätte es bis Runde 50 geschafft. Doch der Engländer wurde an die Box gerufen, weil Bottas neue Reifen brauchte. Der Finne klagte in Runde 38 über massive Reifenvibrationen. Da musste Mercedes die Reißleine ziehen, und im Zuge der Gleichberechtigung, erwischte es auch Hamilton.

Er hatte genug Luft nach hinten, seinen Boxenstopp vorzuziehen. Da für ihn bei 26 Runden Restdistanz nur die harten Reifen in Frage kamen, musste auch Bottas harte Reifen nehmen. Alles andere wäre unfair gewesen. Bottas sah hinterher ein: "Mir hätten auch die weichen Reifen nichts genutzt. Ich war einfach zu langsam."

Max Verstappen - GP Portugal 2020
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Verstappen war mit seinen weichen Reifen schon am Start im Nachteil.

Was sollte der Soft-Reifen Perez bringen?

Andere Teams sind der Versuchung des weichen Reifens erlegen und grandios auf die Nase gefallen. Sergio Perez wurde in der 45. Runde für eine Garnitur Soft an die Boxen geholt. Das war ziemlich sinnlos, denn ihm fehlten bereits vor dem Boxenstopp 5,3 Sekunden auf Charles Leclerc. Danach waren es 31,7 Sekunden.

Racing Point durfte nicht glauben, den Ferrari-Pilot noch einzuholen. Egal mit welchen Reifen. Um Ocon musste man sich nicht kümmern, auch wenn der durch den Boxenstopp vor Perez rückte. Der Renault-Pilot musste seinen Reifenwechsel noch abspulen. Perez hätte auf harten Reifen mit einer Hand den fünften Platz sichern können. Wie erwartet brachen seine Soft-Gummis nach 15 Runden ein. Pierre Gasly und Carlos Sainz zogen mit viel mehr Grip in der Tasche vorbei.

Perez hatte noch Glück. Von den Renault in seinem Rücken ging kaum noch Gefahr aus. Daniel Ricciardos Medium-Reifen hatten am Ende 51 Runden auf der Lauffläche. Und mit Ocon machte Renault den gleichen Fehler wie Racing Point mit Perez. Der Franzose wurde mit frischen Soft-Reifen in das Finale geschickt. Obwohl die Restdistanz für Ocon nur noch zwölf Runden betrug, lieferten ihm die Soft-Gummis nie den erhofften Grip.

Ferrari fuhr mit der gleichen Strategie wie Mercedes. Auch das Team um Chefstratege Inaki Rueda ließ die Finger vom Soft-Reifen. Sebastian Vettel startete lieber auf gebrauchten Mediums. Die Ferrari-Fahrer brauchten wie üblich eine gefühlte Ewigkeit, bis sie ihre Reifen anzünden konnten. Bei Charles Leclerc war das nicht tragisch. Er machte die zwei verlorenen Positionen an Kimi Räikkönen und Daniel Ricciardo innerhalb von drei Runden wieder wett. Danach hatte der Monegasse immer freie Fahrt und hielt seine Reifen wie Hamilton eisern im Betriebsfenster.

Vettel tat sich schwerer. Er steckte fast das gesamte Rennen in einem Pulk. Konstante Rundenzeiten sind da nicht möglich. Das erklärt den riesigen Abstand zum Teamkollegen. Deshalb war sein Rennen auch ein Ritt auf der Rasierklinge. Vettel spürte mal Grip, mal keinen. In seiner schnellsten Runde war der Deutsche nur drei Zehntel langsamer als Leclerc.

Charles Leclerc - Ferrari - GP Portugal 2020 - Portimao
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Neben Mercedes verstand auch Ferrari, dass man die Hände von den weichen Reifen lassen muss.

Red Bull schießt sich ein Eigentor

Max Verstappen durfte sich bei nur 0,252 Sekunden auf die Pole Position von Hamilton berechtigte Hoffnungen für das Rennen machen. Normalerweise ist der Red Bull auf die Distanz besser als auf eine Runde. Doch Verstappen startete schon mit einem Handikap in den Grand Prix. Er wählte im Q2 die Soft-Reifen, während sich Hamilton, Bottas und Leclerc auf den Medium-Gummis für den ersten Stint qualifizierten. Verstappen hätte das locker auch gekonnt.

Red Bull haderte dazu wieder einmal mit den Soft-Reifen. Ab und an liefern sie am RB16 nicht den Zeitvorteil ab, den sie auf dem Papier bringen sollten. Alexander Albon wählte deshalb im Q3 aus purer Verzweiflung die Medium-Sohlen. Deshalb war es vielen schleierhaft, warum Verstappen partout auf Pirellis weichster Gummimixtur losfahren wollte.

Red Bull spekulierte offenbar auf den Startvorteil oder auf Regen. Trotz Soft-Reifen geriet Verstappen in der Startrunde genauso unter die Räder wie die Mercedes-Piloten. Die McLaren flogen an allen vorbei, und Perez hätte sich auch noch vor Verstappen gequetscht, wäre es nicht zu der Kollision in Kurve 4 gekommen.

Als sich das Rennen beruhigte und Red Bulls Speerspitze wieder seinen Stammplatz hinter den zwei Mercedes eingenommen hatte, bezahlte er für seine Reifenwahl einen hohen Preis. Nach 22 Runden war Verstappens Rückstand auf 14,6 Sekunden angewachsen. Wahrscheinlich wäre es besser gewesen, die Soft-Gummis früher loszuwerden. Der Medium-Reifen hatte das Potenzial 50 Runden ohne Abnutzungserscheinungen durchzustehen.

Verstappen gab hinterher zu: "Aus irgendeinem Grund funktionierte der Soft-Reifen nicht wie gewünscht. Nachdem ich auf die Mediums gewechselt hatte, stimmte das Tempo." Die Mercedes-Ingenieure sind jedenfalls überzeugt: "Wenn Verstappen wir auf Medium-Reifen losgefahren wäre, hätten wir immer noch gewonnen, doch es wäre ein wesentlich ungemütlicherer Nachmittag geworden."

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