Taktik-Check GP Russland 2018

Bottas-Sieg nur bei "normalem" Rennen

Lewis Hamilton - GP Russland 2018 Foto: sutton-images.com 67 Bilder

Wie sprachen sich die Mercedes-Piloten beim Start ab? Warum verschlief Mercedes den Undercut von Vettel? Warum war Ferrari im Rennen besser als im Training? Warum kam Renault trotz Singapur-Taktik auf keinen grünen Zweig? Wir beantworten alle Fragen.

Im letzten Jahr schrieb der GP Russland eine einfache Geschichte. Die Reifenmischungen waren zu hart für das Sochi Autodrom. Deshalb wurde das Rennen zur Prozession. Taktisch gab es vor einem Jahr auch nicht viel zu gewinnen. Das war in diesmal anders. Der Asphalt wurde in den letzten 12 Monaten eine Spur rauer. Pirelli hatte weichere Reifen mit nach Russland gebracht. Der Hypersoft war zu weich, der Ultrasoft zu unberechenbar. Als beste Rennreifen stellte sich der Soft-Reifen heraus. Jeder nutzte ihn wenigstens einmal. Vier Fahrer als Startreifen, 16 als Reifen für das Finale.

Dieser Mix machte aus dem 16. WM-Lauf eine halbwegs spannende Angelegenheit. Am hektischsten ging es an dem Kommandostand zu, der später einen Doppelsieg feiern konnte. Mercedes musste nicht nur seine beiden Fahrer gegen die Angriffe von Sebastian Vettel schützen. Der Titelverteidiger griff auch noch in die Rennregie ein. Valtteri Bottas musste in der 25. Runde Platz für Lewis Hamilton machen, und der Finne bekam die Position nicht wieder zurück.

Das Worst-Case-Szenario für Mercedes

Wäre der GP Russland „normal“ verlaufen, hätte Bottas nach dem gewonnenen Start das Rennen gewinnen dürfen. Doch der Vorsprung von einer halben Sekunde auf die Ferrari im Training war im Rennen plötzlich verschwunden. Sebastian Vettel hatte die meiste Zeit Blickkontakt mit den Mercedes. Und einmal splittete er sogar die Silberpfeile.

Damit war das Worst-Case-Szenario eingetreten. Hamilton korrigierte den Platzverlust durch Vettels Undercut zwar schon nach einer Runde, doch zu einem hohen Preis. Sein aggressives Tempo gleich zu Beginn des Stints zog den linken Hinterreifen in Mitleidenschaft. Er zog Blasen. Die Telemetrie zeigte: Beide Hinterreifen waren zu heiß.

Formel Schmidt - GP Russland 2018 - Teaser
Rennen ohne Gewinner 17:02 Min.

Damit stand Mercedes in der 25. Runde vor folgender Situation: Bottas lag nur 1,8 Sekunden hinter Max Verstappen, der antizyklisch mit Soft-Reifen ins Rennen gegangen war und mit Sicherheit nicht freiwillig Platz machen würde. Man fürchtete, dass der Holländer die Verfolger noch enger zusammenstauchen würde. Hamilton fuhr 1,5 Sekunden hinter Bottas und hatte Vettel im Genick. Der Ferrari-Pilot begann mit nur noch 1,3 Sekunden Rückstand in den DRS-Bereich aufzuschließen.

Also was tun? Hamilton hätte mit seinen Reifenproblemen mehr Mühe gehabt, Vettel in Schach zu halten als Bottas. „Der Platztausch war zum Schutz von Lewis gedacht. Es war keine Luft nach vorne. Bottas konnte wegen Verstappen nicht flüchten, und Lewis hätte es ausbaden müssen“, bestätigten die Ingenieure.

Mercedes hatte vor dem Rennen viele Szenarien besprochen, für die eine Stallregie nötig sein würde. Diese Konstellation war nicht dabei. Es war eine Entscheidung, die ad hoc an der Boxenmauer getroffen werden musste. Sie wurde am Ende auch nicht mehr rückgängig gemacht, obwohl es da gefahrlos möglich gewesen wäre.

Die Erklärung der Strategen: „Es ging nicht mehr um das Risiko. Es ging um darum, dass wir beide WM-Titel gewinnen wollen. Und der von Lewis ist noch nicht gewonnen.“ Teamchef Toto Wolff verteidigte sich mit dem gleichen Argument. „50 Punkte Vorsprung sind ein solider Vorsprung. Doch was, wenn wir in einem der nächsten Rennen wie in Österreich nicht ins Ziel kommen? Dann können uns sieben verschenkte Punkte auf den Kopf fallen.“

Darum gelang Vettel der Undercut

Der Schlüssel für den Gewissenskonflikt, in den Mercedes geschickt wurde, lag in Vettels Undercut. Der war nur möglich, weil der Ferrari-Pilot nach dem verlorenen Start nicht aus dem Rückspiegel der Mercedes weichen wollte. Dann unterliefen Mercedes aus Sicht von Hamilton zwei Fehler. Man berechnete die Macht des frühen Boxenstopps falsch, ging von 0,9 Sekunden aus und musste später feststellen, dass der Vorteil 1,8 Sekunden betrug.

Statt mit Hamilton den Undercut von Vettel vorwegzunehmen, durfte Spitzenreiter Bottas zuerst an die Box. Der Vorsprung auf Sergio Perez war groß genug. Für Verstappen hätte das Boxenstopp-Fenster nie gereicht. Das lag bei 23 Sekunden, doch der Red Bull-Pilot fuhr die gleichen Zeiten wie die Spitze und lag nur 19 Sekunden zurück. Warum Bottas zuerst? „Wir wollten seine Führung absichern“, erklärte Wolff.

Auf Bottas folgte Vettel. Hamilton blieb auf der Strecke. Mercedes glaubte offenbar an einen Overcut, so wie Hamilton bei freier Fahrt auf den Ultrasoft-Reifen loslegte. Doch der Plan wurde durch Sergey Sirotkin zunichte gemacht. Der Williams-Pilot störte im dritten Sektor Hamiltons Kreise. „Wir haben Lewis eine Runde zu spät an die Box geholt“, resümierte Wolff und gab sich gleiche selbst die Schuld. „Ich habe in der Phase gerade mit James Vowles am Funk debattiert. Wir waren abgelenkt.“ Vowles ist der Chefstratege der Silberpfeile.

Um zu zeigen, wie Vettel in das Sandwich der Mercedes geraten konnte, zeigen wir hier die IN- und OUT-Runden von Bottas, Hamilton und Vettel. Der Ferrari-Pilot gewann beide Disziplinen. Die IN-Runde mit drei Zehnteln Vorsprung, die OUT-Runde fast zwei Sekunden schneller als Hamilton. Das hatte seinen Preis. Vettel verbrauchte dafür seinen ganzen Batterievorrat. Anhand der GPS-Messungen sahen die Mercedes-Ingenieure, dass Vettel der Saft exakt in dem Moment ausging, als er Hamilton auf der Zielgerade abgewehrt hatte. Also vor der Omega-Kurve, an deren Ende ihn Hamilton überraschte.

Rundenzeiten-Vergleich

Fahrer In-Runde Out-Runde
Vettel 1.44,329 min 1.57,762 min
Bottas 1.44,763 min 1.58,780 min
Hamilton 1.44,617 min 1.59,661 min

Hamilton fand Vettels Abwehr hart an der Grenze des Erlaubten. Er beschwerte sich am Funk über zwei Spurwechsel. Die Sportkommissare sahen es anders. „Es war ein Spurwechsel mit einer Verzögerung dazwischen.“ Vettels letzte Chance wäre ein Stau hinter Verstappen gewesen, doch dazu ließ es Mercedes nicht kommen. Mit der Stallregie wurde Bottas zum Manndecker von Hamilton bestimmt, und der Finne spielte diese Rolle perfekt.

Der Start-Trick von Mercedes

Das Tempo der Ferrari im Rennen überraschte. Während man das gesamte Training über eine halbe Sekunde pro Runde auf die Mercedes verlor, konnte Vettel ihnen im Rennen folgen. Der Grund lag in der Abstimmung. Nachdem Ferrari am Freitag Mühe hatte, die Reifen über alle drei Sektoren in Schuss zu halten, wurde am Samstag ein Heckflügel mit mehr Abtrieb aus der Kiste gezogen. Der half den Ferrari-Piloten beim Reifenmanagement.

Er war im Zweikampf aber auch kontraproduktiv. Vettel hatte den besseren Start als Hamilton, schob seine Nase kurz in Führung, fiel dann aber wieder zurück. „Wir waren mit einem kleineren Flügel unterwegs. Das half. Wir mussten nur sicherstellen, dass Vettel keinen Windschatten bekommt“, erklärten die Ingenieure. Vettel bestätigte: „Valtteri und Lewis haben das perfekt gespielt.“

Toto Wolff verriet: „Wir haben den Start vorher genau abgesprochen. Für den Fall, dass einer schlechter wegkommt, sollte ihn der andere ziehen. Sobald Vettel ihnen nahe kommt, sollten sie ausschwärmen.“ Obwohl der DRS-Effekt mit dem großen Flügel stärker war, konnte Vettel davon nicht profitieren. Er kam zu selten in den DRS-Bereich, und wenn, dann hatte auch Bottas Windschatten von Hamilton.

Hätte Red Bull ohne Motorstrafe gewinnen können?

Max Verstappen - GP Russland 2018 Helmut Marko im Interview "Verstappen macht keine Fehler mehr"

Bei Red Bull musste man sich nach dem Rennen die Frage stellen, ob es nicht besser gewesen wäre, den Motorwechsel auf ein anderes Rennen zu schieben. Das Team war vom Speed seiner Auto selbst ein bisschen überrascht. Motorsportchef Helmut Marko verriet, dass man fehlgelaufene Aero-Upgrades der Vergangenheit korrigiert habe, was der Schlüssel für die gute Form auf einer Power-Strecke war. „Ich bin jetzt zuversichtlich, dass es uns mit diesem Auto in Suzuka, Austin und Mexiko noch besser geht“, meinte der Österreicher.

Verstappen konnte im ersten Stint mit den Soft-Reifen das Tempo der Mercedes und von Ferrari mitgehen. Teilweise fuhr er ihnen sogar davon. Erst auf den Ultrasoft-Reifen büßte der Holländer Zeit ein. Das lag daran, dass die mittlere Reifenmischung nicht so funktionierte wie erhofft. „Wir hätten besser einen Hypersoft genommen“, hieß es im Team. Verstappen hätte seinen Stopp auch noch ein bisschen hinauszögern können, aber nicht mehr lang. „In den letzten Runden vor dem Stopp begannen die Reifen echt abzubauen“, gab Marko zu.

Das Warten auf ein Safety-Car begann sich immer weniger auszuzahlen. „Wenn nach unserem Boxenstopp noch ein Safety-Car gekommen wäre, wären wir mit frischen Reifen auch gut dagestanden“, warf Teamchef Christian Horner ein. Hätte Verstappen ohne die Motorstrafe von einem normalen Startplatz in der dritten Reihe sogar gewinnen können? Marko: „Gewinnen nicht, aber ein Podium wäre sicher drin gelegen.“ So sahen es auch die Mercedes-Strategen: „Red Bull hätte den Ferrari und einem unserer Autos bestimmt wehtun können.“

Keine Taktik hätte Renault geholfen

Im Mittelfeld setzten sich diesmal im Gegensatz zu Singapur die Hypersoft-Starter durch. Das entscheidende Manöver fand schon in der zweiten Runde statt. Charles Leclerc überholte Kevin Magnussen. Der zweite Schlüsselmoment war der frühere Boxenstopp von Magnussen gegen die Force-India-Piloten. Der Overcut von Esteban Ocon und Sergio Perez funktionierte nicht. Sie bissen sich abwechselnd an den HaasF1 die Zähne aus. Der doppelte Platztausch wurde von der Boxenmauer aus bestimmt.

Renault ging leer aus. Auf die Frage, ob man sich nicht doch besser in den Top Ten mit Hypersoft-Reifen qualifiziert hätte, meinte Nico Hülkenberg: „Wir wären heute mit keiner Taktik in die Punkte gefahren. Dazu waren wir in allen Punkten zu langsam.“ Obwohl Hülkenberg sich bereits bis auf fünf Sekunden an das Boxenstopp-Fenster der Force India angeschlichen hatte, holte ihn Renault schon in Runde 35 an die Box. Das überraschte auch den Fahrer: „Ich hätte es schon noch ein paar Runden ausgehalten. Meine Reifen waren noch gut. Der Aufruf zum Boxenstopp kam ziemlich plötzlich, da da blieb dann auch keine Zeit zum Diskutieren mehr.“

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