Safety-Car - GP Russland 2019 xpb
Sebastian Vettel - Ferrari - GP Russland 2019 - Sochi Autodrom - Rennen
Vettel - Leclerc - Ferrari - GP Russland 2019 - Sochi Autodrom - Rennen
Lewis Hamilton - Mercedes - GP Russland 2019 - Sochi Autodrom - Rennen
Sebastian Vettel - Ferrari - GP Russland 2019 - Sochi Autodrom - Rennen 54 Bilder

Taktikcheck GP Russland 2019

Safety-Car-Poker geht auf

Ferrari hat Mercedes in Sotschi den roten Teppich ausgelegt. Der Vettel-Ausfall war die Eintrittskarte für den Doppelsieg der Silberpfeile. Er wurde aber nur möglich, weil Mercedes mit den Medium-Reifen eine antizyklische Taktik fuhr.

Vier Rennen in Folge stellte Ferrari ein Auto auf die Pole Position. Drei Mal davon hatte Mercedes am Sonntag das schnellere Auto. Diesmal musste der Titelverteidiger befürchten, dass Ferrari auch am Sonntag stark sein würde. Deshalb setzte Mercedes mit dem Medium-Reifen beim Start auf eine andere Taktik.

Mit der gleichen Strategie hätte man gegen Ferrari auf jeden Fall verloren. Auch wenn das Rennen so gelaufen wäre, wie es gelaufen ist. Ferrari hätte zur Absicherung das gleiche wie Mercedes machen können, wenigstens mit einem Auto. So musste man am Sonntag beten, dass es kein spätes Safety-Car gibt.

Mercedes spekulierte darauf. Während man dem Soft-Reifen maximal 25 Runden zutraute, war Mercedes mit dem Medium-Gummi für drei Viertel der Distanz gut aufgestellt. Chefingenieur Andrew Shovlin erklärt, warum man wegen des Speed-Vorteils der Ferrari auf den Geraden in der Defensive war:

„Wir mussten davon ausgehen, dass in der ersten Kurve zwei Ferrari in Führung sind. Selbst wenn wir von der Pole Position gestartet wären. Deshalb brauchten wir mehr taktische Optionen als sie. Für uns war ein Undercut und Overcut möglich. Wir konnten im zweiten Stint zwischen hart und soft wählen. Und wir konnten uns länger vor einem Safety-Car schützen.“ Und dann wunderte er sich: „Ich verstehe nicht, warum Ferrari den Start auf Medium-Reifen so kategorisch abgelehnt hat.“

Start - GP Russland 2019 - Sochi Autodrom - Rennen
Wilhelm
Mercedes rechnete schon vor dem Qualifying damit, dass nach dem Start zwei Ferrari vorne liegen würden. Deshalb ließ man im Q2 die Medium-Reifen aufziehen.

Soft-Reifen besser als erwartet

Teil eins der Mercedes-Annahme trat ein. Ferrari übernahm tatsächlich mit zwei Autos die Spitze. Dass Sebastian Vettel vor Charles Leclerc führte, stand nicht im Skript, änderte aber an der Ausgangslage nichts. Auch nicht, dass Ferrari mit unklaren Absprachen über den Platztausch unnötig Unruhe in eine eigentlich komfortable Konstellation brachte.

Es machte wenig Sinn, die Positionen gleich zu tauschen. Vettel hatte den Speed, den Mercedes davonzufahren. Er war auf Basis des Trainingsergebnisses der vermeintlich schwächere Fahrer. Also machte es mehr Sinn, ihn bis zum Boxenstopp zu schützen. Leclerc sagte selbst, dass ihn diese Episode nicht den Sieg gekostet hat. Aber sie hat im Team die Spannungen vergrößert, möglicherweise gegenseitiges Vertrauen gekostet.

Zu Beginn lief es für Ferrari besser als nach Plan. Die Furcht, der Medium-Reifen könnte schon nach zwölf Runden auf dem Niveau der Soft-Reifen sein, bestätigte sich nicht. Die Mercedes-Ingenieure stellten erstaunt fest, dass sie sich mit ihrer Einschätzung der Reifen geirrt hatten.

„Es gab kaum einen Unterschied zwischen Medium und Soft. Wir konnten Ferrari nicht unter Druck setzen, weil sie das schnellere Auto hatten. Lewis begann erst in Runde 20 die Lücke zu Leclerc etwas zu schließen.“ Ab da fuhr der Weltmeister eine halbe Sekunde pro Runde schneller als Leclerc und wenig später auch als Vettel.

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Der linke Hinterreifen diktierte dem Trainingsschnellsten den Boxenstopp. In Runde 22 war Leclerc fällig. Vettel hatte seine Reifen besser als der Teamkollege in Schuss gehalten. Da von Hamilton noch keine Undercut-Gefahr drohte, hielt Ferrari die Startnummer 5 so lange auf der Bahn, bis es auch da Anzeichen von starkem Reifenabbau gab. Vettel fiel wie geplant hinter Leclerc.

Und dann passierte, auf was Mercedes gewartet hatte. Ausgerechnet Vettel selbst löste die VSC-Phase auf. Hätte er seinen maladen Ferrari nicht in die Boxen retten oder 100 Meter weiter an einem sicheren Ort parken können? Ferrari nahm ihm die Entscheidung mit dem ultimativen Befehl „Stop the car“ ab. Teamchef Mattia Binotto begründete den Befehl mit Sicherheitsbedenken. „Eine Isolierung im Hybridsystem war defekt. Das Auto stand unter Strom.“

Es ist diskutabel, in wie weit eine Gefahr bestand. Für Vettel sicher nicht. „Eines war dagegen sicher“, resümierten die Mercedes-Strategen. „Wir würden unter VSC zehn Sekunden geschenkt bekommen und Lewis an Leclerc vorbeibringen.“

Man hätte Vettel auch früher bitten können, die Notbremse zu ziehen, so dass kein virtuelles Safety-Car aufgerufen wird. Die MGU-K stieg bereits eine halbe Runde vor dem Ausfall aus. Man wusste also, dass sich ein Schaden anbahnt, wenn auch nicht in dieser Dimension.

Sebastian Vettel - Ferrari - GP Russland 2019 - Sotschi - Rennen
Motorsport Images
Es entbehrte nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet der Ausfall von Vettel seinem Teamkollegen Leclerc den Sieg kostete.

Ohne VSC hätte Mercedes nicht gewonnen

Die eine Chance verpasst, die andere genommen. Als dem VSC-Signal ein echtes Safety-Car folgte, holte Ferrari Leclerc ein zweites Mal an die Box. Nach nur acht Runden auf Medium-Gummis, bekam er jetzt eine gebrauchte Garnitur Soft für die letzten 23 Runden. Bei nur 12,7 Sekunden Vorsprung auf Bottas war trotz des Gratis-Boxenstopps klar, dass Leclerc nun auch den zweiten Mercedes vor seiner Nase haben würde.

Der zweifache Saisonsieger verteidigte die Entscheidung, die Ferrari diesmal seinem Fahrer überließ: „Ich war auf acht Runden alten Medium-Reifen gegen Autos auf frische Soft-Reifen unterwegs. Ich hatte Angst, dass ich mit diesem Reifen beim Re-Start nach dem Safety-Car Probleme bekomme würde. Die härtere Mischung und mehr Laufzeit, das waren zwei Nachteile gegen mich. Wir wollten nicht mehr als eine Position verlieren.“

Tatsächlich verlor Leclerc die Position durch den Boxenstopp. Und vor Max Verstappen musste er keine Angst haben. Red Bull war an diesem Wochenende kein Gegner. Mercedes wunderte sich: „Der Medium hatte in Sotschi ein langes Leben. Leclerc musste sich keine Sorgen machen. Viel schlimmer wog der Platzverlust. Wenn er schon nicht auf der Geraden an Valtteri vorbeikommt, hätten wir es im umgekehrten Fall erst recht nicht geschafft. Auch wenn Leclerc weiter auf seinen Medium-Reifen fährt.“

Eine Frage bleibt offen. Hätte Mercedes ohne das Safety-Car eine Siegchance gehabt? Wäre der Plan A aufgegangen, Hamilton und Bottas lange fahren zu lassen, um am Ende des Rennens die Ferrari mit weicheren und frischeren Reifen in die Enge zu treiben? Oder Plan B, Bottas als Bremse und Reifenkiller für die Ferrari einzusetzen?

Teamchef Toto Wolff glaubt nicht. „Wir hätten die letzten 25 Runden Tempo gemacht, aber es wäre wahrscheinlich so ausgegangen wie in den letzten drei Rennen. Wir hätten sie eingeholt, wären aber in ihrem Getriebe steckengeblieben.“

Lando Norris - McLaren - GP Russland 2019 - Sochi Autodrom - Rennen
Wilhelm
Lando Norris und Nico Hülkenberg spulten ihren Stopp bei Renntempo ab. Sie verloren eine Position an Kevin Magnussen, der unter VSC an die Box kam.

Albon und Magnussen Nutznießer der VSC-Phase

Das VSC-Signal spielte auch im Mittelfeld den treuen Freund oder den Spielverderber. Nico Hülkenberg, Lando Norris, Carlos Sainz, Sergio Perez und Pierre Gasly spulten ihre Reifenwechsel im Rennspeed ab. Kevin Magnussen, Lance Stroll und Alexander Albon stoppten unter VSC-Tempo. Sainz konnte damit leben. Sein Vorsprung war groß genug. Er fiel nach seinem Boxenstopp so ins Feld, dass die Fahrer, die unter VSC an die Boxen kamen, nicht profitieren konnten.

Kevin Magnussen war der größte Nutznießer des perfekten Boxenstopp-Timings. Er gewann drei Positionen und machte auf Sainz immerhin 8,8 Sekunden gut. Norris, Perez und Hülkenberg fielen hinter den Haas-Piloten zurück.

Auch Albon profitierte. Der Stopp unter VSC-Bedingungen schenkte ihm 6,7 Sekunden. Als gleich danach ein echtes Safety-Car kam, war Albon mittendrin im Kampf um die Punkte. Renault nutzte die Gunst der Stunde, um Hülkenberg wie Albon, Stroll und Kvyat auf Soft-Reifen zu stellen. Es sollte sich nicht auszahlen. Hülkenberg kam an Stroll vorbei, aber nicht mehr an Norris. Trotz der weichen Reifen. Den Renault-Piloten bremste ein Motorproblem.

Perez holte sich eine Position auf der Strecke gegen Norris zurück. Gegen Alexander Albon waren alle im Mittelfeld machtlos. Der Thailänder holte sich alle seine Gegner im Zweikampf. Mit dem besseren Auto und den weicheren Reifen. Albon überholte acht Autos. Sein Teamkollege Max Verstappen erledigte die Aufgabe schon vor dem Boxenstopp. Weiter nach vorne als Platz 4 war nicht möglich. Trotz gutem Boxenstopp-Timing. „Die Ferrari und Mercedes waren zu schnell für uns.“

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