Lewis Hamilton - GP Singapur 2017 Wilhelm
Impressionen - GP Singapur 2017 - Rennen
Sebastian Vettel - Ferrari - GP Singapur 2017 - Rennen
Max Verstappen - Red Bull - GP Singapur 2017 - Rennen
Lewis Hamilton - Mercedes - GP Singapur 2017 - Rennen 61 Bilder

Taktik-Check GP Singapur 2017

Regenreifen-Start ein Fehler

Die beste Strategie für den GP Singapur wurde schon beim Start festgelegt. Wer auf das Podium wollte, musste mit Intermediates losfahren. Danach verzweigten sich die Strategien. Die drei Safety-Cars spielten nur eine geringe Rolle.

Der GP Singapur ist eines dieser Rennen, bei dem man hinterher nicht sicher ist: Wäre ein Trockenrennen nicht besser gewesen als der Start im Regen und das Ende auf trockener Fahrbahn? Normalerweise ist die Antwort klar: Gemischte Verhältnisse produzieren die besten Rennen. Doch sie haben uns diesmal einen Startcrash eingebrockt, der nach 300 Metern Sebastian Vettel, Max Verstappen, Kimi Räikkönen und Fernando Alonso aus dem Rennen riss. Und die hätten wir gerne noch länger gesehen.

Die rutschigen Verhältnisse beim Start haben zu den starken Unterschieden bei der Beschleunigung geführt. Und am Ende zu der Startkollision. Ein Trockenrennen wäre auch nicht ohne Reiz gewesen. Weil die zwei Red Bull Vettel taktisch in die Zange genommen hätten und weil Mercedes von seinen Startplätzen aus Risiko-Strategien hätte fahren können. Es gab nichts zu verlieren. Die Strategen schwankten zwischen einem und zwei Stopps. Was schon mal Stoff für ein gutes Rennen gewesen wäre.

Red Bulls Taktik-Coup richtig, aber erfolglos

Mit Vettel, Verstappen und Räikkönen als Zuschauer, lief ein anderer Film ab als geplant. Eigentlich waren es zwei Rennen. Lewis Hamilton gegen Daniel Ricciardo. Und dann der große Rest. Auch dort wurden die potenziellen Hauptdarsteller aus dem Rennen gerissen. Fernando Alonso gleich beim Start, Nico Hülkenberg später wegen eines Öllecks.

Kommen wir zu Teil 1 des GP Singapur: Ricciardo hatte nicht den Hauch einer Chance gegen Hamilton. Das Getriebeproblem, das schon in der 2. Runde auftauchte, spielte keine Rolle. „Hat uns zwei Zehntel gekostet. Wir hätten auch ohne die Getriebemalaise nicht gewonnen“, urteilt Red Bull-Chefdesigner Rob Marshall.

Safety Car - GP Singapur 2017 - Rennen
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In den Safety-Car-Phasen qualmten die Hirne der Strategen.

Red Bull versuchte es in der zweiten Safety-Car-Phase nach dem Crash von Daniil Kvyat mit einem Taktik-Coup. Ricciardo tauschte von alten auf frische Intermediates. Hamilton blieb draußen. Der Boxenstopp war gratis, weil die drei Autos hinter Ricciardo mit Regenreifen gestartet waren, Red Bull sich also sicher sein konnte, dass Nico Hülkenberg, Sergio Perez und Jolyon Palmer auf jeden Fall auch an die Box kommen würden. Und Valtteri Bottas lag bereits weit genug zurück, um Ricciardo vor dem zweiten Mercedes wieder auf die Bahn zu bringen.

Red Bulls Schachzug fand auch bei den Mercedes-Strategen Applaus, auch wenn er sich am Ende nicht auszahlte. „Aus Sicht von Red Bull macht es Sinn, mit Ricciardo das Gegenteil von uns zu tun. Wir hätten umgekehrt genauso taktiert. Als Spitzenreiter aber willst du lieber auf angefahrenen Intermediates in einen Re-Start auf einer abtrocknenden Strecke gehen. Neue Intermediates neigen zum Körnen. Für uns hatte die Position auf der Strecke Priorität. Hätten wir für frische Intermediates gestoppt, wäre Ricciardo draußengeblieben und wir hätten die Führung verloren. Lewis war auf den angefahrenen Intermediates extrem schnell. Wir hatten keine Sorge.“

Deshalb sollte Hamilton langsam fahren

Ricciardo sollte auch die dritte Safety-Car-Phase nach dem Unfall von Marcus Ericsson nicht helfen. Zu dem Zeitpunkt lag Hamilton 9,6 Sekunden vor seinem Verfolger. Ricciardos Lücke zu Bottas war aber mit 17 Sekunden zu klein, um noch einmal einen Satz Ultrasoft abzuholen. „Bottas war gerade noch im Fenster von Ricciardo. Das gab ihm keine Chance den Trick vom letzten Jahr auszupacken. Lewis konnte wegen Ricciardo nicht an die Box.“

Red Bull hatte außerdem nur noch gebrauchte Ultrasofts im Angebot. Ein weiterer Satz hätte dann bestenfalls 10 Runden weniger auf der Lauffläche gehabt als der von Hamilton. Trotzdem empfahl Mercedes in der Schlussphase seinem Mann an der Spitze, das Tempo zu drosseln, um die Lücken nach hinten nicht allzu groß werden zu lassen.

Die Taktikspezialisten erklären uns den Sinn hinter den Funksprüchen: „Wir wollten nicht, dass Lewis vorne flüchtet. Das hätte Ricciardo mitgezogen und zu große Löcher im Feld für zusätzliche Stopps für frische Reifen geschaffen. Wenn dann ein Safety-Car kommt, hast du ein Problem.“

Der Funkspruch „slow down, pack the field“ führte zu einem Missverständnis zwischen Fahrer und Kommandostand. „Lewis hat in einer Runde 2,5 Sekunden verloren. Er ging zu stark vom Gas. Dabei hätte er nur vorsichtig Tempo rausnehmen sollen.“ Hamilton verlor in der Phase noch eine weitere Runde zwei Sekunden auf Ricciardo. „Da hatte sich ein Blatt Laub an einem Vorderreifen verklebt.“

50 zu 50 bei der Reifenwahl

Das zweite Rennen ab Platz 3 war interessanter. Die wichtigste Entscheidung fiel beim Start: Regenreifen oder Intermediates. Sie fiel exakt 50 zu 50 aus. Sergio Perez, Jolyon Palmer, Stoffel Vandoorne, Esteban Ocon, Felipe Massa, Pascal Wehrlein, Kevin Magnussen, Nico Hülkenberg, Marcus Ericsson und Fernando Alonso wählten den konservativen Weg. Sie sind auf Regenreifen gestartet.

McLaren-Teamchef Eric Boullier erklärt warum: „Unsere Vorhersage lautete so: Vom ersten Regentropfen weg regnet es 40 Minuten.“ 15 Minuten vor dem Start fielen die ersten Tropfen. Somit war das Ende für 20.25 Uhr prognostiziert. Trotzdem vertrauten Mercedes, Ferrari, Red Bull, Toro Rosso und die Einzelkämpfer Lance Stroll und Romain Grosjean auf Intermediates. Das Resultat zeigt, wer Recht hatte. Die Plätze 1 bis 4 belegten nur Fahrer, die mit Intermediates losgefahren sind. Dazu noch die Ränge 8 und 9.

Für Mercedes war es keine allzu schwere Entscheidung: „Zu Beginn des Rennens war es eine Gratwanderung auf Intermediates. Die Rundenzeiten waren bei beiden Reifentypen im Vergleich ungefähr gleich schnell. Wir haben unsere Entscheidung aufgrund der Wetterentwicklung getroffen. Dieser Regen sollte nicht lange dauern. Und sobald er weg war, hatten die Intermediates ihren Vorteil. Ab Runde 6 war das der Fall. Dazu kam die hohe Chance eines frühen Safety-Cars. Wir konnten Intermediates also riskieren.“

Magnussen eröffnete den Wechsel zu Slicks

Start-Crash - GP Singapur 2017
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Das Safety-Car führte das Feld durch die Boxengasse. Bei McLaren begutachtete man den Alonso-Schaden.

Wer mit Regengummis gestartet war, bekam in Runde 11 ein kleines Geschenk in Form eines Safety-Cars. Doch es wurde kein Gratis-Boxenstopp daraus. Weil die Lücken noch nicht groß genug waren. Nico Hülkenberg und Sergio Perez verloren ihre Positionen an die Intermediate-Starter Carlos Sainz und Valtteri Bottas. Weiter hinten im Feld, wo die Lücken noch kleiner waren, fielen die Bewegungen noch stärker aus. Esteban Ocon stürzte von Rang 9 auf Platz 12 ab. Lance Stroll rückte von Platz 12 auf Rang 8 vor.

Nur Felipe Massa und Pascal Wehrlein wurden mit Regenreifen auf der Strecke gehalten, in der Hoffnung sie könnten einen Reifenwechsel komplett überspringen und direkt zu Slicks übergehen. Der kurzfristige Platzgewinn zahlte sich nicht aus. Die Strecke trocknete langsamer ab als gedacht. Dadurch wurde der Zwischenschritt zum Intermediate Pflicht.

Interessant wurde es noch einmal, als die Strecke bereit für Trockenreifen war. In dem Moment, in dem Hamilton am Funk einen Wechsel noch als zu gefährlich ablehnte, traute sich Kevin Magnussen in Runde 24 den Anfang zu machen. Direkt dahinter Felipe Massa. Keiner der beiden profitierte. Weil die anderen genug Zeit hatten zu reagieren. Es dauerte eineinhalb Runden, bis die Ultrasofts Grip hatten. Magnussens Bestzeit in Sektor 2 in Runde 26 gab den Ausschlag. In diesem Umlauf fuhr der HaasF1-Pilot mit 1.20,817 Minuten schon die viertschnellste Runde hinter Bottas, Hamilton und Vandoorne.

Das war das Zeichen zum Aufbruch. Wobei sich Spitzenreiter Hamilton am längsten Zeit ließ. Bis Runde 29. Die Mercedes-Strategen erklären warum: „Unsere Simulationen haben gesagt, dass es noch etwas zu früh war. Was für Magnussen funktionieren konnte, war für uns zu viel Risiko. Wenn du an der Spitze liegst, wartest du lieber ab.“

Die spannendste Phase des Grand Prix

Seltsam war, dass HaasF1 Romain Grosjean nicht eine Runde nach Magnussen reinholte, sondern drei Runden damit wartete. „Eine Runde zu spät“, ärgerte sich Grosjean nach dem Rennen. Er hatte mit seiner Skepsis seine Strategen aber auch dazu angesteckt. Laut den Mercedes-Ingenieuren war dieser Teil des Grand Prix die spannendste Phase des Rennens. In der Theorie: „Man stelle sich vor, einer auf Slicks crasht in seiner ersten Runde und provoziert ein Safety-Car. Dann hätte der Re-Start auf feuchter Strecke mit kalten Reifen stattgefunden. Das wäre eine heiße Nummer geworden.“

Beim Wechsel auf Slicks taktierte nur Toro Rosso mit Sainz gegen den Strom. Der Spanier wurde als einziger mit Supersoft-Reifen ins Finale geschickt. „In der Hoffnung, am Ende die besseren Karten zu haben“, erklärte Teamchef Franz Tost. Sainz bestätigte den Schachzug mit seinem 4. Platz, doch für die Top-Teams kam der Wechsel auf frische Supersofts nicht in Betracht.

Mercedes und Red Bull nahmen lieber gebrauchte Ultrasoft-Gummis. Warum? Hier die Erklärung: „Der Ultrasoft wärmt sich etwas schneller auf. Und er hält bis Rennende. Das sind die zwei Dinge, die du von ihm verlangst. Der Supersoft gibt dir drei Runden mehr Leben. Das ist kein großer Vorteil bei Boxenstopps kurz vor Runde 30. Und auf abtrocknender Strecke ist ein gebrauchter Reifen anfangs oft etwas besser als ein neuer.“

Motorsport Aktuell Stoffel Vandoorne - McLaren-Honda - GP Singapur 2017 - Rennen Sainz, Palmer und Vandoorne feiern bestes Resultat Boxenstopp-Malheur stiehlt Vandoorne Platz 6

Für Carlos Sainz, Jolyon Palmer und Stoffel Vandoorne war der GP Singapur...

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