Taktik-Check GP Spanien 2018

Stolperte Vettel über falsches Setup?

Sebastian Vettel - Ferrari - Formel 1 - GP Spanien - Barcelona - 11. Mai 2018 Foto: sutton-images.com 62 Bilder

Ein oder zwei Stopps? Das war vor dem GP Spanien die große Frage. Mercedes und Red Bull kamen mit einem Reifenwechsel über die Distanz. Ferrari brauchte zwei. Was wie ein Taktikfehler aussah, war tatsächlich bittere Notwendigkeit.

Nur 21 Boxenstopps lassen vermuten: Dieser GP Spanien war aus taktischer Sicht ein einfaches Rennen. War er aber nicht, auch wenn 10 der 14 Fahrer im Ziel mit einem Reifenwechsel über die Distanz kamen und 8 dieser 14 Fahrer die Reifenfolge soft-medium wählten.

Vor dem Rennen sah es noch nicht so eindeutig aus. Selbst Pirelli-Sportchef Mario Isola gab zu: „Auf dem Papier ist die Variante supersoft-soft-soft die schnellste Lösung. Doch dazu müsste man besser überholen können. Einige werden es wohl mit einem Stopp probieren.“ Am Ende waren es die meisten.

Das große Fragezeichen war, ab wann und wie schlimm der linke Vorderreifen körnen würde. Auch die Mercedes-Techniker waren sich uneins: „Wir wussten vor dem Rennen nicht, ob ein oder zwei Stopps besser sein würden. Am Anfang des Rennens war Körnen kein Problem. Nach 17 Runden begann es aber. Die Safety-Car-Phase hat den ersten Stint etwas verlängert und damit das Rennen mehr in die Richtung eines Boxenstopps verlagert.“

Lewis Hamilton hielt immerhin bis Runde 25 aus. Dann zog das Team die Reißleine. „Wir haben Lewis reingeholt, weil die Daten vermuten ließen, dass vorne nicht mehr viel Gummi auf der Lauffläche war. Das Risiko einer Reifenexplosion ist da zu groß. Wir mussten deshalb in Kauf nehmen, dass Lewis hinter Verstappen fällt und hinter ihm herfahren muss, bis der an die Box geht. Wir hätten Verstappen auf der Strecke nicht überholt.“

Überhol-Delta lag bei über 1,6 Sekunden

Marcus Ericsson & Carlos Sainz - Formel 1 - GP Spanien 2018 Foto: xpb
Überholen war in Barcelona schwer. Deshalb setzten die meisten Teams auf Einstopp-Strategien.

Das Delta für ein aussichtsreiches Überholmanöver lag jenseits von 1,6 Sekunden. Trotz der 950 Meter langen DRS-Zone auf der Zielgeraden. Doch bei drei Reifentypen, die höchstens zwei Zehntel voneinander getrennt haben, war es schwer, so einen Zeitunterschied auf der Strecke zu erzielen. Verstappen fuhr mit Soft-Reifen, die 25 bis 30 Runden alt waren, konstante 1.21er Zeiten. Hamilton schaffte in der Phase mit frischen Medium-Gummis nur hohe 1.20er Runden.

Red Bull ließ seine Fahrer 33 respektive 34 Runden lang auf der Strecke. Der Vorteil der frischeren Reifen brachte am Ende nicht viel. Daniel Ricciardo verlor bei einem Dreher in der VSC-Phase 8 Sekunden und war damit aus dem Geschäft. Die schnellste Rennrunde war für die Galerie.

Max Verstappen fuhr sich am Williams von Lance Stroll die linke Frontflügel-Endplatte ab und war fortan mit 15 Prozent weniger Abtrieb unterwegs. Vielleicht hätte es sonst noch gereicht, Valtteri Bottas einzuholen. Überholen wäre auch für den Holländer unmöglich gewesen. Red Bull verlor das Rennen mal wieder am Samstag in der Qualifikation. Motorsportchef Helmut Marko ärgerte sich: „Dann hängst du halt hinter Räikkönen fest, und ein riesiger Abstand reißt auf.“

Kein Taktikfehler beim zweiten Boxenstopp

Mercedes fuhr in Barcelona sein eigenes Rennen. Die Silberpfeile waren im Training 0,15 Sekunden und im Rennen im Schnitt 0,45 Sekunden schneller als die beiden Ferrari. Dazu kam, dass Mercedes ein Einstopp-Rennen riskieren konnte und es auch mit beiden Autos durchzog, obwohl es bei Bottas zur Zitterpartie wurde. Sein Satz Medium musste 47 Runden lang halten.

In den letzten Runden klagte Bottas über massive Vibrationen an der Vorderachse. „An der der Grenze“, hörten wir aus dem Mercedes-Lager. „Du kannst dir nicht vorstellen, was die Herren Ingenieure da am Funk alles diskutiert haben. Da musst du dein Rennfahrerherz sprechen lassen und durchfahren“, erzählte Niki Lauda. Teamchef Toto Wolff bescheinigte seinem Fahrer ein „perfektes Reifenmanagement“.

Sebastian Vettel - Formel 1 - GP Spanien 2018 Foto: sutton-images.com
Vettel musste in Barcelona zwei Mal bei seiner Crew vorbeischauen.

Sebastian Vettel hätte mit seinem zweiten Reifensatz noch zwei Runden länger fahren müssen als Bottas. Das trauten sich weder der Fahrer noch das Team zu. Deshalb war der vermeintliche Anfängerfehler, Vettel in der 41. Runde ein zweites Mal an die Box zu holen, auch kein Fehler. Er war pure Notwendigkeit. Ferrari wickelte ihn logischerweise in der VSC-Phase ab, weil das weniger Zeit kostet. 10,5 statt 20 Sekunden bei vollem Renntempo.

Warten hätte auch nichts genutzt. Vettel war auf dem Medium-Reifen zu langsam, um gegen Bottas und Verstappen einen 20 Sekunden-Vorsprung herauszufahren. „Ich hätte so oder so noch einmal stoppen müssen. Der Reifen hätte keine weiteren 25 Runden durchgehalten“, bestätigte Vettel.

Wenn Ferrari taktisch ein Lapsus unterlief, dann beim ersten Boxenstopp. Er wurde aber nicht bestraft. Vettels erster Reifenwechsel wurde in Runde 17 überraschend früh angesetzt. Ein Undercut gegen Hamilton kam bei 7,3 Sekunden Rückstand nicht in Frage.

Ferrari wollte einen Undercut von Bottas verhindern, hat aber eine Runde zu früh am Abzug gezogen. Vettel fiel hinter Kevin Magnussen. Darüber hinaus bestand ausreichend Verdacht, dass Barcelona wegen der geringen Zeitdifferenzen der einzelnen Reifentypen und des schwierigen Aufwärmprozesses eher ein Overcut- als ein Undercut Rennen werden würde.

Valtteri Bottas hätte zwei Runden später den Overcut geschafft, hätte er nicht wegen eines Problems mit dem rechten Hinterrad 1,2 Sekunden in der Box liegen lassen. Dazu die Mercedes-Strategen: „Wir haben mit dem Stopp so lange gewartet, bis wir glaubten vor Vettel und Magnussen rauszukommen. Das hätte auch geklappt, wenn es bei uns nicht ein Problem beim Boxenstopp rechts hinten gegeben hätte. Ohne den Zeitverlust wären wir vor Vettel gewesen auf einem Reifen, der uns alle Optionen offengelassen hätte.“

Räikkönen hätte Einstopp-Rennen geschafft

Kimi Räikkönen - Ferrari - Formel 1 - GP Spanien - Barcelona - 12. Mai 2018 Foto: xpb
Räikkönen war mit einem anderen Setup unterwegs als Vettel.

Somit bleibt die Frage, warum der sonst eher reifenschonende Ferrari diesmal plötzlich seine Reifen fraß, und das auch nur am Auto von Vettel. Kimi Räikkönen war auf dem Weg zu einem Einstopp-Rennen, bis ihn ein Problem im Antrieb aus dem Rennen warf. Lag es wirklich nur daran, dass Räikkönen in den ersten 16 Runden um 5 Sekunden langsamer fuhr als Vettel und damit schonender mit den Reifen ging? Wohl kaum.

Tatsächlich war es so, dass der Ferrari von Vettel mit einer anderen Abstimmung unterwegs war. Der WM-Zweite gab zu: „Wir hatten Mühe die richtige Balance zu finden und suchten nach Wegen, das Problem mit den Vorderreifen zu lösen.“

Barcelona belastet hauptsächlich den Vorderreifen. Schon bei den Testfahrten hatte Ferrari große Probleme mit Untersteuern. Bezahlte Ferrari im Bestreben, die Vorderreifen besser zu schützen mit Gripverlust am anderen Ende des Autos?

Vettel verlor im letzten Sektor, in dem es hauptsächlich auf Traktion ankommt, 4 Zehntel auf die Red Bull und 3 Zehntel auf Mercedes. Und er beklagte sich am Funk über das Heck, was für diese Strecke eher ungewöhnlich ist. Auf eine Runde im Training lässt sich das Problem überfahren. Im Rennen nicht. Räikkönen war ganz offensichtlich mit einem anderen Setup unterwegs. Dafür spricht auch der ungewöhnlich große Zeitabstand zwischen den Ferrari-Piloten.

Force India-Trick mit dem Soft-Reifen am Ende

Der Zeitpunkt des Boxenstopps variierte unter den Teams stark. Sebastian Vettel machte in Runde 17 den Anfang. Marcus Ericsson schloss die Serie der planmäßigen Boxenstopps im 34. Umlauf ab.

Auf die Reihenfolge im Rennen hatte das Timing der Boxenstopps praktisch keinen Einfluss. Wenn man die Ausfälle Räikkönen und Ocon rausrechnet, dann ergab sich nur ein Platztausch zwischen vorher und nachher. Und der fand auf der Strecke statt. Sergio Perez überholte Lance Stroll in der 35. Runde.

Die VSC-Phase animierte nur drei Fahrer zu einem zweiten Boxenstopp. Sebastian Vettel, Sergio Perez und Sergey Sirotkin nutzten die Gelegenheit, die sich am Ende nur für Perez auszahlte. Auch Force India war sich nicht sicher, ob der in Runde 26 aufgezogene Medium-Reifen bis zum Ende halten würde. Im Gegensatz zu Ferrari gab man Perez aber eine Garnitur Soft für die letzten 26 Runden.

Ferrari hatte keine neuen Soft-Reifen mehr vorrätig. Perez schon. Das half. Perez verlor zwar zwei Positionen an Marcus Ericsson und Lance Stroll, doch er gewann dank des Reifenvorteils drei zurück. Am Ende überholte er auch noch Charles Leclerc.

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