Max Verstappen - GP Spanien 2019 Motorsport Images

Taktikcheck GP Spanien 2019

Ferrari verschenkt Platz drei

Gegen die Überlegenheit von Mercedes hätte in Barcelona keine Strategie der Welt etwas ausrichten können. Ferrari und Red Bull haben trotzdem strategische Fehler gemacht. Welche, erklären wir in unserem Taktik-Check.

Wer so überlegen ist wie Mercedes, kann eigentlich nichts falsch machen. Ein Stopp, zwei Stopps, egal. Mercedes hätte so oder so gewonnen. Der Plan war mit einem Reifenwechsel über die Distanz zu kommen, weil es bei einem störungsfreien Rennen um 15 Sekunden schneller gewesen wäre. Die Konkurrenz und das Safety-Car nahmen Mercedes die Entscheidung ab.

Mercedes genießt den Komfort, auf die Gegner warten zu können. Eigentlich wollten die Strategen bis Runde 29 und 30 warten, aber als klar war, dass Max Verstappen und Sebastian Vettel zwei Mal stoppen würden und der vermeintliche Einstopper Charles Leclerc schon 29 Sekunden zurück lag, waren zwei Boxenstopps die sicherere Variante. Schon allein um sich gegen ein Safety-Car zu schützen, das dann auch prompt kam.

Valtteri Bottas kam kurz vor der Neutralisation an die Box. Mercedes hatte sich dazu entschlossen, weil das Boxenstoppfenster zu Charles Leclerc, Max Verstappen und Sebastian Vettel gerade groß genug war, vor allen drei Fahrern wieder auf die Strecke zurückzugehen. „So waren wir komplett auf der sicheren Seite“, erzählten die Ingenieure.

Das Geschenk für Hamilton

Dass Hamilton dann das Geschenk des Safety-Cars bekam war Pech für Bottas. Der Spitzenreiter war mit frischeren Reifen und mit freier Fahrt nach vorne perfekt für den Sturm auf die schnellste Runde gerüstet.

Der große Abstand zwischen den beiden Mercedes-Fahrern verzerrt übrigens das Bild. Ganz so überlegen war Hamilton nicht. Bottas ließ freiwillig immer mindestens 3,5 Sekunden Abstand, um nicht in den Turbulenzen seines Vordermannes fahren zu müssen. In dem Fall hätten seine Reifen zu stark gelitten, und er wäre vielleicht zu einem Zweistopp-Rennen gezwungen worden.

Die Wahl zwischen einem und zwei Boxenstopps war trotzdem nicht ganz so einfach, wie es das Geschwindigkeitsprofil auswies. „Der entscheidende Faktor war in Barcelona nicht der Gripverlust, sondern der Verschleiß. Bei einem Stopp hätte es am Ende eng werden können“, erzählen die Mercedes-Ingenieure. Und dann ein wichtiger Satz: „Wir wären die einzigen gewesen, die es bei vollem Renntempo geschafft hätten. Für die anderen wäre es schwierig geworden.“

Vorteil Mercedes also auch beim Reifenverschleiß. Das heißt im Umkehrschluss: Kein Auto generiert so viel Abtrieb und mechanischen Grip wie die Silberpfeile. Noch eine bittere Pille für die Konkurrenz: „Lewis fuhr so schnell er musste. Valtteri wusste nach dem ersten Reifenwechsel, dass sein Rennen gelaufen war. Beide wollten nur ihre Autos nach Hause bringen.“

Start - Formel 1 - GP Spanien 2019
Wilhelm
Nach dem verlorenen Start war das Rennen für Bottas schon gelaufen.

Red Bull legt Karten zu früh auf den Tisch

Für ein Zweistopp-Rennen gab es eine ideale Reifensequenz: Soft-medium-soft. Was macht Red Bull? Soft-soft-medium. Und Ferrari? Soft-medium-medium. Red Bulls Taktik mit Verstappen war insofern unglücklich, weil man a) seine Strategie den anderen mitteilte, b) sich die Möglichkeit eines Einstopp-Rennens komplett verbaute und c) sich weniger lang vor einem Safety-Car schützen konnte.

Kommen wir zu Punkt a: Als Verstappen von Soft auf Soft wechselte war allen klar, dass er ein zweites Mal stoppen musste. Schon der Regeln wegen. Damit war seine Taktik für die Konkurrenz berechenbar geworden. Jetzt zu Punkt b: Mit der Reifenfolge soft-medium hätte sich Red Bull immerhin die Möglichkeit eines Einstopp-Rennens offengehalten, auch wenn es schwierig geworden wäre.

Schließlich Punkt c: Mit einem Medium-Reifen in der Mitte hätte Verstappen den zweiten Stopp länger hinauszögern können als mit dem Soft-Gummi. Immer wichtig, wenn man auf einen geschenkten Boxenstopp bei einem späten Safety-Car aus ist. Auf den harten Reifen konnte Verstappen nicht ausweichen. Er hatte nur noch einen gebrauchten in der Hinterhand.

Ferrari wählte für Vettel die Reifensequenz soft-medium-medium. Das machte aus Sicht der Roten Sinn, denn beide Ferrari-Piloten hatten als einzige aus dem Spitzenpulk je zwei frische Garnituren Medium in der Hinterhand. Aus Sicht von Mercedes war ein Soft-Reifen am Ende aber die bessere Option: „Der Medium-Gummi war erst ab der 21. Runde der bessere Reifen. Dafür sind bei einem Zweistopp-Rennen die Stints zu kurz.“

Der zweite Medium-Reifen hat Vettel insofern nicht geschadet, weil sein direkter Gegner Verstappen am Ende auch auf einem Satz der mittleren Mischung unterwegs war. Beide waren auch gleich schnell. Den Sturm auf die schnellste Runde konnten beide vergessen. Da war Mercedes mit den Soft-Reifen besser gerüstet.

Der Ferrari von Leclerc wurde beim ersten Boxenstopp mit den harten Reifen bestückt. Mercedes musterte diesen Reifentyp schon am Freitag aus. „Der harte Reifen war für das Rennen der schlechteste. Es war unheimlich schwierig, mit ihm konstante Rundenzeiten zu fahren. Und er war auch auf die Distanz der langsamste der drei Reifen.“

Mercedes war sich ziemlich sicher, dass Leclerc auch ohne das Safety-Car ein zweites Mal hätte stoppen müssen. „Es wäre nach unseren Erfahrungen schwierig geworden, diesen Reifen bis zum Ende durchzubringen.“

Vettel & Leclerc - Formel 1 - GP Spanien 2019
Motorsport Images
Bei Ferrari zögerte man wie schon in China zu lange mit dem Platztausch.

Vettel bietet Platztausch an

Bei Ferrari wiederholte sich in Barcelona das gleiche Schauspiel wie beim GP China. Die Fahrer mussten auf Befehl der Box Plätze tauschen. Diesmal gleich zwei Mal. Und wieder wartete Ferrari viel zu lang mit dem unpopulären Befehl.

Beim ersten Mal hätte der Befehl fünf Runden früher kommen müssen, beim zweiten zehn Runden. Teamchef Mattia Binotto verteidigt sich: „Das hört sich alles so leicht an, und hinterher ist man immer schlauer. Aber einem Fahrer zu sagen, dass er Platz machen muss, ist eine sehr schwierige Entscheidung. Du musst dir schon sicher sein, dass der Fahrer dahinter wirklich schneller ist.“

Sebastian Vettel bot den ersten Platztausch sogar freiwillig an. Er hatte seinen Renningenieur schon kurz nach dem Start informiert, dass er links vorne einen Bremsplatten hatte. „Das hat mich ungefähr eine Sekunde pro Runde gekostet.“ Doch lange blieb es am Ferrari-Funk still. Irgendwann kam die vorsichtige Frage vom Kommandostand: „Geht es schneller bei Dir?“ Darauf das Angebot von Vettel: „Ihr könnt Charles vorbeilassen.“

Beim zweiten Mal war es ähnlich. Leclerc sollte auf harten Reifen ein Einstopp-Rennen probieren. Vettel hatte mit seinem Satz Medium diese Option eigentlich nicht. Somit waren beide auf unterschiedlichen Strategien unterwegs. Und in diesem Fall muss man beide optimieren.

Offensichtlich glaubte Ferrari, Vettel könne vielleicht auch mit seiner zweiten Reifengarnitur durchfahren. So muss man die Funksprüche deuten. Es gab Verwirrungen zwischen den Renningenieuren, die eine Zeitlang davon ausgingen, ihre beiden Fahrer seien auf einem Einstopp-Rennen unterwegs.

Max Verstappen - Formel 1 - GP Spanien 2019
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Verstappen fuhr ungefährdet aufs Podium. Ferrari verpasste die Chance, den Holländer stärker unter Druck zu setzen.

Strategen anderer Teams sind sich sicher, dass Ferrari in der Kombination beider hinausgezögerter Befehle den 3. Platz verschenkt hat. „Beide Situationen waren schnell klar. Es bringt nichts, sie an der Boxenmauer lange zu diskutieren. Diese Taktikmuster muss man vor dem Rennen festlegen.“ Um es klar zu sagen: Das Rennen hätte Ferrari auch mit der besten Taktik der Welt nicht gewonnen. Aber man hätte Verstappen mehr unter Druck setzen können.

Leclerc fuhr nach dem ersten Positionswechsel im Schnitt um 0,91 Sekunden schneller als Vettel. Der Monegasse zeigte in den darauffolgenden Runden bis zum Boxenstopp, dass er Verstappens Speed mitgehen konnte. Er wäre so taktisch in einer wesentlich besseren Ausgangslage gewesen.

Im Mittelstint das gleiche Spiel. Kaum war Vettel an Leclerc vorbei, nahm er seinem Teamkollegen in vier Runden vier Sekunden ab. Kurz vor seinem zweiten Boxenstopp lag Vettel 10,5 Sekunden hinter Verstappen. Hätte Ferrari Vettel schon in Runde 26 vorbeigelotst, hätte der Abstand zu dem Red Bull vielleicht nur zwei oder drei Sekunden betragen. Mit der Chance auf einen Undercut.

Kluge Safety-Car-Strategie bei Haas und McLaren

Im Mittelfeld bestimmten die Startrunde und das Safety-Car die Positionen. Vor der Serie der ersten Boxenstopps in den Runden 19 bis 28 sah die Reihenfolge hinter den drei Top-Teams wie folgt aus: Grosjean-Magnussen-Kvyat-Albon-Sainz-Ricciardo-Perez-Stroll. Danach exakt gleich, außer dass Nico Hülkenberg mittendrin steckte.

Der Renault-Pilot war aus der Boxengasse auf Medium-Reifen gestartet und hielt bis zur 35. Runde durch. Eine Runde später schob sich Kvyat zwischen die beiden Haas-Piloten. Eines der wenigen echten Überholmanöver. Magnussens Reifen hatten kurz Temperatur verloren.

Carlos Sainz - Boxenstopp - Barcelona 2019
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McLaren wartete mit dem Stopp von Sainz in der Safety-Car-Phase eine Runde, um nicht von Lewis Hamilton überrundet zu werden.

Erst die Kollision von Lando Norris und Lance Stroll mit der Safety-Car-Phase danach sorgte für ein bisschen Durcheinander im Mittelfeld. Es gab Opfer und Profiteure. Toro Rosso verschenkte Punkte. Wegen eines Missverständnisses zwischen der Boxenmauer und der Reifenwechsel-Crew lagen die falschen Reifen bereit.

Die Konfusion entstand dadurch, dass Alexander Albon planmäßig an die Box kommen sollte. Das Safety-Car war aber auch für den besser platzierten Daniil Kvyat das Zeichen, die Boxen anzusteuern. Die Mechaniker warteten auf Albon, aber Kvyat tauchte als erster auf. Und Albon gleich dahinter. Beide verloren jeweils 15 Sekunden in dem Reifenchaos.

Haas bewies in der einzig kritischen Phase des Rennens Übersicht. Man holte zuerst den schlechter platzierten Kevin Magnussen an die Box, um ihn gegen die Toro Rosso zu schützen und dann einen Umlauf später Romain Grosjean, der keinen direkten Gegner hinter sich hatte.

Der Franzose behielt zwar seinen 7. Platz, doch er hatte nun Teamkollege Magnussen direkt im Rückspiegel. Rückblickend hat ihn das drei Positionen gekostet, weil er beim Re-Start von Magnussen sofort unter Beschuss genommen wurde. Der Däne brachte seine Reifen schneller auf Temperatur.

Auch McLaren passte bei der Safety-Car-Phase genau auf und bewies, dass man das ABC der Rennstrategie in Perfektion beherrscht. Carlos Sainz wurde mit der Verzögerung einer Runde an die Box geholt. Das bewahrte den Spanier davor, überrundet zu werden. So rutschte er vor Albon, der wegen des Boxenstopp-Chaos bei Toro Rosso genau diese Runde verlor. Der Thailänder durfte sich zwar zurückrunden, lag aber trotzdem noch hinter Sainz.

Bitter für Toro Rosso: Beim Re-Start schluckte Sainz auch noch Kvyat. Am Ende machte Haas beiden ein Geschenk. Da Grosjean nach Ausweichmanövern im Kampf gegen Magnussen zwei Mal durch die Auslaufzone von Kurve 1 gefahren war, verloren seine Reifen Temperatur. Rechtzeitig vor Albons Angriff waren sie wieder im Fenster.

GP Spanien 2019: Die Highlights vom Rennen

Hamilton, Bottas & Zetsche - Formel 1 - GP Spanien 2019
Hamilton, Bottas & Zetsche - Formel 1 - GP Spanien 2019 Start - Formel 1 - GP Spanien 2019 Lewis Hamilton - Formel 1 - GP Spanien 2019 Start - Formel 1 - GP Spanien 2019 50 Bilder
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