Taktik-Check GP Ungarn 2017

Hamilton für Platztausch instruiert

Lewis Hamilton - GP Ungarn 2017 Foto: Wilhelm 63 Bilder

Der GP Ungarn war ein taktisches Rennen. Die Stallregie würzte den elften Saisonlauf. Wir haben bei den Strategen nachgefragt und erklären die heiklen Entscheidungen vom Kommandostand.

Der GP Ungarn zählt zu den Rennen, die früher ein klassisches Zweistopprennen waren. 2013 war der Sieger sogar mit 3 Reifenwechseln unterwegs. Pirelli packte die Reifenmischungen Supersoft, soft und medium aus. Ein Zeichen dafür, dass dem Reifen auf dem Hungaroring doch einiges abverlangt wird.

Doch seit die Formel 1 auf breiten Reifen rollt und Pirelli die Gummimischungen härter auslegt, ist nichts mehr wie es war. Der Medium-Reifen kam in Ungarn nur für Installationsrunden zum Einsatz. Rückblickend musste Pirelli-Technikchef Mario Isola zugeben: „Hier wäre auch der Ultrasoft-Reifen möglich gewesen.“

Dieses Jahr war der GP Ungarn ein echtes Einstopp-Rennen. Trotz Asphalttemperaturen von bis zu 55 Grad. Die beiden Zweistopper aus dem Sauber-Lager mussten nur deshalb zwei Mal die Boxen aufsuchen, weil sich Marcus Ericsson nach dem Start einen Reifen eckig bremste und weil bei Pascal Wehrlein ein Reifenschaden vorlag. Vermutlich war der Deutsche über Trümmer gefahren.

14 Fahrer mit der Reifenfolge Supersoft-soft

Für die Strategen war der Lauf auf dem Hungaroring ein einfaches Rennen. 14 der 17 Fahrer in Wertung kamen mit der Reifenfolge Supersoft-soft über die Distanz. Als erster stand Lance Stroll in Runde 29 in der Box. Als letzter Jolyon Palmer in Runde 46.

Kevin Magnussen - HaasF1 - GP Ungarn 2017 - Budapest Foto: Wilhelm
Hülkenberg steckte fast das ganze Rennen im Verkehr.

Auf dem Papier waren zwei Stopps bis zu 15 Sekunden schneller. Doch das Überholproblem und der überraschend geringe Verschleiß und Abbau der Reifen hielt die Strategen davon ab, das Risiko mit zwei Reifenwechseln zu gehen. Dafür hätte man immer eine freie Bahn gebraucht. Nico Hülkenberg konnte ein Lied davon singen, was passiert, wenn man einen vor der Nase hat. „Es war unmöglich andere Autos zu überholen. Als ich endlich freie Bahn hatte, war ich gleich eine Sekunde pro Runde schneller als vorher.“

Auf dem Hungaroring stören die Turbulenzen des vorausfahrenden Autos, selbst wenn der Abstand 1,5 Sekunden beträgt. Man konnte es an der entscheidenden Qualifikationsrunde von Lewis Hamilton sehen. Er schloss zum Schluss der Runde so nah auf Kimi Räikkönen auf, dass er in der Zielkurve einen kleinen Wackler hatte. Dabei war der Ferrari schon rum um die Kurve.

Mercedes wollte Ferrari in langen Soft-Stint zwingen

Das Überholproblem bestimmte auch die Stallregie der beiden Top-Teams. Ferrari konnte Sebastian Vettel getrost an der Spitze lassen, obwohl die Nummer 1 im Team ab der 25. Runde gut eine halbe Sekunde pro Runde verlor. Im Verlauf des Rennens passte sich Vettel dann Schritt für Schritt an die schief stehende Lenkung an. Sie zeigte nach links, was besonders in Linkskurven nervte, weil der Lenkeinschlag variierte. Der Zeitverlust aber lag hauptsächlich daran, dass Vettel auf Anweisung der Ingenieure den Randsteinen fernbleiben musste.

Mercedes erfuhr von Vettels Problemen in Runde 20. Da schnappten die Spione aus dem silbernen Lager die ersten Funksprüche auf, die auf die Lenk-Malaise hinwiesen. Beeinflusst hat es die Mercedes-Taktik nicht. Zu dem Zeitpunkt hatte Vettel einen Vorsprung von 2,6 Sekunden auf Räikkönen, 9,2 Sekunden auf Valtteri Bottas und 13,8 Sekunden auf Lewis Hamilton, der hinter Max Verstappen festhing. Neun Runden später hatten sich die Abstände nur leicht verkürzt. Bottas fehlten 7,4 Sekunden auf Vettel, bei Hamilton waren es 11,2 Sekunden.

Valtteri Bottas - Mercedes - GP Ungarn 2017 - Budapest - Rennen Wie viel Stallregie darf sein? Fairplay könnte sich für Mercedes rächen

Da zog Mercedes den Stecker, holte in Runde 30 zuerst Bottas und eine Runde später Hamilton an die Box. Das war mehr oder weniger geplant, wie die Strategen erzählen. „Wir konnten auf den Supersoft-Reifen trotz der Schwierigkeiten von Vettel kaum Fortschritte erzielen. Deshalb wollten wir Ferrari auf einen möglichst langen Stint auf die Soft-Reifen zwingen. Und Lewis aus dem Verkehr rausbringen, weil wir wussten, dass Verstappen lange fahren und am Ende unser Gegner werden könnte. Bei Valtteri waren nur noch 3 Runden Leben im Reifen. Der frühere Stopp sollte ihn näher an die Ferrari ranbringen.“

Zu dem Zeitpunkt gab es noch kaum Informationen, ob der Undercut oder der Overcut die bessere Lösung sein würde. Das brachte Ferrari intern in eine schwierige Lage. Die Mercedes waren keine Gefahr, doch man wusste, dass Vettels Auto angeschlagen war. Für ihn konnte ein Undercut und ein Overcut gefährlich sein. Beim Undercut für Vettel hatte man die bessere Kontrolle die gewünschte Reihenfolge einzuhalten.

Deshalb bog der Spitzenreiter in Runde 32 mit einem Vorsprung von 1,415 Sekunden auf Räikkönen an die Boxen ab. Eine Runde später zog Räikkönen nach. Hätte Räikkönens Crew autark entscheiden können, hätte sie ihren Fahrer auf der Strecke gelassen. Räikkönen war auf gebrauchten Supersoft-Reifen deutlich schneller als Vettel auf frischen Soft-Reifen. Zum Vergleich die IN-Runden, also die jeweilige Runde in die Box: Bei Vettel betrug sie 1.25,390 Minuten, bei seinem Teamkollegen 1.23,776 Minuten. Noch Fragen?

Räikkönen bettelte vier Mal um einen Platztausch

Der Rest des Rennens war eine Verfolgungsjagd. Die Undercuts der Mercedes und Vettels langsame Fahrweise hatten die zwei roten und zwei silbernen Autos schon in der 40. Runde praktisch zusammengeschweißt. Vettel lag 1,8 Sekunden vor Räikkönen, 3,5 Sekunden vor Bottas und 5,0 Sekunden vor Hamilton.

Räikkönen hatte von Vettels genauen Problemen keine Ahnung. Er ging davon aus, dass der Teamkollege seine Reifen schonen wollte und deshalb so langsam fuhr. Räikkönen warnte seinen Renningenieur vier Mal davor, dass der Druck durch die Mercedes immer stärker würde und dass er sich im Windschatten von Vettel die Reifen ruiniere. Standardantwort von Renningenieur Dave Greenwood: „Copy, Kimi.“ Soll heißen: Verstanden, doch es wird sich nichts ändern.

Bei Mercedes wurde da schon eifrig diskutiert. Bottas durfte 5 Runden lang Räikkönen unter Beschuss nehmen. Nichts passierte. In der Zwischenzeit meldete sich Hamilton mit dem Hinweis am Funk: „There is a lot of pace in the car, but I can‘t use it. Why is Ferrari so slow?“ Übersetzt hieß das: Lasst mich an Bottas vorbei, damit ich die Ferrari unter Feuer nehmen kann.

Doppelter Platztausch bei Mercedes wichtig

Lewis Hamilton - Mercedes - GP Ungarn 2017 - Budapest - Rennen Foto: Wilhelm
Mercedes tauscht die Reihenfolge - am Ende ohne Erfolg.

In Runde 46 vollzog Mercedes den Platztausch. Hamilton und Bottas wussten, was das hieß. Es wird ihnen bei jeder Strategiesitzung drei Stunden vor dem Rennen erklärt. Der vermeintlich schnellere Fahrer bekommt den Vortritt, darf es eine bestimmte Zeit lang versuchen, und wenn er es nicht schafft, dann muss er die Position wieder zurückgeben. Ein Ingenieur erklärt warum der doppelte Platztausch so wichtig ist: „Wir haben zwei Fahrer, die um den Titel kämpfen. Deshalb können wir nicht einen favorisieren. Hätten wir die Positionen nicht mehr getauscht, hätte das bei Bottas den Eindruck erweckt, dass wir an seine WM-Chancen nicht mehr glauben.“

Doch in Ungarn wurde Mercedes das Fairplay durch die Umstände besonders schwierig gemacht. Die Lücke zwischen Hamilton und Bottas wuchs innerhalb von vier Runden wegen Überrundungen von 4,9 auf 7,8 Sekunden an. Max Verstappen wurde im Rückspiegel von Bottas immer größer. Und immer mehr Überrundete trennten die beiden Mercedes. Trotzdem entschloss sich Mercedes zur Wiedergutmachung.

Hamilton hätte sie aus taktischen Gründen noch ablehnen können, erzählen die Ingenieure. Das bestätigte auch Teamchef Toto Wolff: „Wir haben uns mit der Unterstützung von Lewis dazu entschlossen, auf Teamplay zu setzen.“

Nicht ganz ohne Risiko, wie wir von den Strategen hören. „Es hätte schief gehen können. Aber für uns war es wichtiger den Fahrern zu zeigen, dass wir sie gleich behandeln. Es gab ein Risiko, aber es war kalkuliert. Lewis wusste, was er zu tun hatte, und er hat es clever gemacht. Wir haben ihm gesagt, wie viel Zeit er abgeben muss und dass er bis zur langsamen Sektion am Ende der Runde warten soll, um es mit möglichst wenig Risiko zu tun. Hätte er geglaubt, das Risiko sei zu hoch, hätte er vorne bleiben dürfen.“

Red Bull verschenkte viele Punkte

Ferrari hatte auf dem Hungaroring das schnellere Auto. Mercedes musste beim GP Ungarn mehr auf Red Bull aufpassen. Im Q3 hielt man sich Max Verstappen und Daniel Ricciardo mit Extra-Power vom Leib. Im Rennen wäre das schwieriger geworden, wie ein Techniker verriet: „Wir waren froh, dass die Red Bull sich in der ersten Runde ins Auto gefahren sind.“

Für Red Bull war die Kollision in Kurve 2 fatal. Ricciardo fiel aus, Verstappen bekam eine 10-Sekunden-Strafe. Red Bull-Teamchef Christian Horner fand die Strafe zu hart: „Bottas hat nichts dafür gekriegt, dass er in Barcelona Max und Räikkönen abgeschossen hat.“

Die Strafe zwang Red Bull die Taktik auf, Verstappen so lange wie möglich auf der Strecke zu halten, um Tempo zu machen. Als die zwei Ferrari und zwei Mercedes ihre Reifenwechsel abgespult hatten, fuhr Verstappen 8 Runden lang an der Spitze und war dabei praktisch so schnell wie die Verfolger auf frischen Reifen. Mit 16 Sekunden Rückstand auf die Mercedes ging der Holländer wieder auf die Strecke. Das Rennen beendete er im Getriebe der Silberpfeile. „Daran sehen wir, was möglich gewesen wäre“, bedauerte Horner.

Im Feld bestimmten zwei schlechte Boxenstopps die Reihenfolge. Sergio Perez hätte Sechster werden können, doch der Mexikaner verlor zwei Sekunden in den Boxen. Ein neuer Mann in der Boxencrew versemmelte den Reifenwechsel rechts hinten. Nico Hülkenberg büßte gleich 10 Sekunden beim Boxenstopp ein. Es gab Probleme mit einem Schlagschrauber und einer Radmutter. Dadurch verlor der Renault-Pilot drei Positionen. Er fiel hinter Kevin Magnussen, der ihn später neben die Strecke schickte. Da gingen sichere WM-Punkte in der Box verloren.

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