Taktik-Check GP Ungarn 2018

Fünf Gründe für Mercedes-Sieg

Lewis Hamilton - GP Ungarn 2018 Foto: Wilhelm 68 Bilder

Der GP Ungarn war ein Rennen, das Ferrari hätte gewinnen müssen. Doch am Ende hieß der Sieger wieder Mercedes. Fünf Faktoren halfen Lewis Hamilton zu seinem sechsten Ungarn-Sieg. Der Taktik-Check.

Ferrari hatte das schnellste Auto am Hungaroring. Die Überlegenheit in den freien Trainingssitzungen war teilweise erschreckend. Wieder fuhr Ferrari auf den Geraden allen davon. Die sind am Hungaroring mit 790 und 400 Meter nicht einmal sonderlich lang. Trotzdem gewann Ferrari auf Mercedes auf den Geraden vier Zehntel, auf Red Bull fast das doppelte.

Die erste Startreihe schien nur Formsache. Und mit ihr der Sieg im Rennen. Lewis Hamilton gab zu: „Wären die Ferrari aus der ersten Reihe gestartet, wären sie am Horizont verschwunden. Sie haben im Moment das schnellere Paket. Ohne die Pole Position hätte ich nicht gewinnen können.“ Tatsächlich mussten noch ein paar Umstände mehr zusammenkommen, damit Mercedes einen Sieg auf Ferrari-Land feiern konnte. Insgesamt waren fünf Faktoren dafür verantwortlich.

Faktor #1: Regen hilft Mercedes

Auf trockener Bahn wäre Mercedes nicht in die erste Startreihe gefahren. Im Q1 war Sebastian Vettel eine halbe Sekunde schneller. Es war die einzige Quali-Runde, in der mit Ultrasoft-Reifen gefahren wurde. „Auf den Regenreifen waren wir stärker“, urteilt Mercedes-Teamchef Toto Wolff. Kleine Einschränkung. Kimi Räikkönen hätte das Mercedes-Duo splitten können, wenn ihm im entscheidenden Versuch nicht Romain Grosjean im Wegs gestanden wäre.

Faktor #2: Doppelführung beim Start

Mercedes überlegte lang, mit welchen Reifen man seine beiden Fahrer ins Rennen schicken sollte. Angesichts der Startstärke der Ferrari war die Wahl eigentlich klar. Zwei Mal Ultrasoft. Die geben beim Start den besten Grip, machen auf 618 Meter Wegstrecke bis zu 8 Meter aus. „Wir durften nicht einmal zulassen, dass einer der Ferrari zwischen unsere Autos fährt“, forderten die Strategen.

Sebastian Vettel - Ferrari - GP Ungarn 2018 - Budapest - Rennen Foto: Wilhelm
Vettel fuhr auf Soft los, Räikkönen auf Ultrasoft. Mercedes rechnete mit dem Split der Strategie.

Bei Mercedes rechnete man damit, dass Ferrari die Taktik splitten würde. Der wahrscheinlichere Fahrer für den Soft-Reifen am Start war Sebastian Vettel. „Seine einzige Chance war, etwas anders zu machen.“ Nachdem Vettel in den Runden auf den Startplatz zwischen den Mischungen Ultrasoft und Soft hin- und herwechselte, sah man sich beim Gegner in seinem Verdacht bestätigt. Kein Grund die eigene Taktik zu ändern.

Um Ferraris Strategie endgültig zu kennen, hätte man den Check in der Startaufstellung machen müssen. Doch dann zu reagieren ist höchst riskant, wie Mercedes-Ingenieure bestätigen. „Ferrari zieht üblicherweise 6:10 Minuten vor dem Start seine Reifen auf. Selbst wenn wir sofort erkennen würden, welche Reifen sie wählen, blieben uns nur 45 Sekunden um bis zum Fünfminuten-Signal Zeit zu reagieren. Das ist mit nur zwei Schlagschraubern auf dem Startplatz zu riskant, wenn du außerhalb der fünf Minuten bleiben willst. Du musst dich vorher festlegen.“ Lewis Hamilton und Valtteri Bottas verteidigten die Doppelführung bis in die erste Kurve. Trotzdem hatten sie nicht den besten Start. Der gehörte Vettel. Obwohl er als einziger in seinem Umfeld auf Soft-Reifen losfuhr, kam er den vor ihm gestarteten Autos näher.

Faktor #3: Bottas spielt den Manndecker

Ferrari war so stark in Budapest, dass Mercedes zu unpopulären Maßnahmen greifen musste. Schon vor dem Rennen gab es Stallregie. Wer immer den Start gewinnt, wird auf Sieg gespielt. Der Zweite muss den Teamkollegen gegen die Ferrari abschirmen. Und zwar so effektiv, dass der Spitzenreiter mit genug Luft nach hinten die Reifen managen kann. Mercedes hatte in den Freitags-Longruns festgestellt, dass die Hinterreifen in den Kurvenfolgen zu heiß wurden. Es fehlten die Abkühlphasen dazwischen.

Es hätte auch Hamilton als Manndecker treffen können. Das ist kein leeres Lippenberkenntnis. „Der Fahrer-Titel ist wichtig, aber die Konstrukteurs-WM genauso. Die größte Chance auf einen Sieg war, dass der Führende schnell flüchten kann. Für die Teamwertung ist es egal, ob Bottas oder Hamilton gewinnt. 25 Punkte sind 25 Punkte.“

Das Rennen des Wasserträgers war damit von vornherein mit Kompromissen behaftet. Sobald der erste Ferrari-Fahrer zum Reifenwechsel an die Box kommt, musste Bottas mitziehen. Vielleicht nicht gleich eine Runde nach Kimi Räikkönen, aber spätestens zwei Runden später. Ferrari holte Räikkönen an die Box, um Bottas mit einem möglichen Undercut zu einer Reaktion zu zwingen und Platz für Vettel zu schaffen.

Nachdem der Finne 5,1 Sekunden stand, weil sich Gummischnipsel in die hinteren Bremsbelüftungen verirrt hatten, hätte Mercedes nicht zwingend sofort reagieren müssen. „Wir haben diskutiert, eine Runde länger draußen zu bleiben, aber dann haben wir uns gesagt: Was ist, wenn wir auch ein Problem beim Boxenstopp bekommen“, heißt es vom Kommandostand.

Der zweite Reifensatz von Bottas musste 55 Runden lang durchhalten. Immerhin zwang der eine Finne den anderen zum Gasgeben. Räikkönen holte 5,5 Sekunden Rückstand innerhalb von 14 Runden auf. Weil er dann hinter Bottas festhing, entschied sich Ferrari zu einem zweiten Boxenstopp. Damit fiel Räikkönen als taktische Waffe zunächst aus. Vettel musste für sich selbst schauen.

Faktor #4: Vettels Boxenstopp-Timing unglücklich

Als Hamilton in Runde 25 seine Soft-Reifen abholte, ging Vettel automatisch in Führung. In den folgenden 10 Runden schwankte der Abstand zwischen 12,9 und 14,4 Sekunden. Die Phase war für Mercedes brandgefährlich. Bei einem Safety-Car hätte Vettel die Führung behalten. Mit einem virtuellen Safety-Car wäre es knapp geworden. Für einen Boxenstopp unter Renntempo betrug der Mindestvorsprung 21 Sekunden. „Es war klar, dass Ferrari Vettel so lange wie möglich draußen lassen würde. In der Hoffnung auf ein Safety-Car und um den Schluss-Stint mit Ultrasoft-Reifen so kurz wie möglich zu halten“, hieß es bei Mercedes.

Valtteri Bottas - Mercedes - GP Ungarn 2018 - Budapest - Rennen Foto: sutton-images.com
Vettel kam nach seinem Stopp hinter Bottas auf die Strecke. Das hätte nicht passieren dürfen.

Doch auch Ferrari hatte mit Vettels Taktik seine Zwänge. Bottas durfte nicht näher aufschließen als 21 Sekunden. In Runde 34 lag Vettel mit 25,2 Sekunden Polster auf Bottas noch dick im grünen Bereich. Doch dann lief der WM-Zweite auf die überrundeten Carlos Sainz, Romain Grosjean und Esteban Ocon auf. Das war der Moment, in dem Bottas die Order erhielt, Gas zu geben.

Der Finne, der bis dahin nicht unter 1.23 Minuten gekommen war, legte plötzlich zwei 1.22er und zwei 1.21er Runden auf den Asphalt. Vettel büßte bis zur 38. Runde 4,5 Sekunden seines Vorsprungs ein. Ferrari konnte nicht damit rechnen, dass ihr Starpilot soviel Zeit im Verkehr verlieren würde, aber ein Boxenstopp eine Runde früher hätte die Situation spürbar entspannt.

Bei einem normalen Boxenstopp wäre es zu einem Dragster-Rennen zwischen Vettel und Bottas in die erste Kurve gekommen. Doch der Deutsche verlor weitere 1,7 Sekunden in den Boxen. Der Mechaniker links vorne musste zwei Mal ansetzen. So blickte Vettel wieder in den Auspuff des zweiten Mercedes. Die ersten Angriffsversuche verpufften. Das war endgültig der Matchwinner für Hamilton. Vettel entschloss sich zu warten. „Ich wusste ja von meinem ersten Stint, wann die Soft-Reifen einbrechen würde.“ Das Delta zum Überholen betrug 1,5 Sekunden. In Runde 65 war es groß genug. Wenn auch mit Feindkontakt.

Faktor #5: Gutes Reifenmanagement

Anders als bei den Freitags-Longruns hielt Hamilton trotz Asphalttemperaturen von bis zu 58 Grad seine Hinterreifen in Schuss. Als Spitzenreiter mit einem Vorsprung von schnell 6 Sekunden war das ein ganzes Stück einfacher als in dem Probelauf am Freitag. „Ich halte ja eh nichts von dieser Testerei. Aber der Freitag ist selten ein guter Maßstab für den Sonntag. Entweder fährst du langsamer oder schneller. Irgendwie lässt es sich nie richtig übertragen“, erzählte Hamilton.

Seine Verfolger taten sich schwerer. Sie hingen im Verkehr fest, mussten Attacke machen, als es vielleicht nicht so gut für die Reifen war. Das spürten auch die Ferrari-Piloten. Toto Wolff glaubt deshalb nicht, dass Vettel gewonnen hätte, wäre er schon in Runde 45 an Bottas vorbeigekommen. „Einholen ja, überholen eher unwahrscheinlich. Aber er hätte uns alle mehr zittern lassen.“

Vettel war überzeugt: „Ich hatte den Speed zu gewinnen.“ Auf der Zielgeraden reichte Vettels Top-Speed von 319,2 km/h nicht, Bottas zu überholen. Er musste ihn ausgangs Kurve 1 in ein Beschleunigungsduell zwingen, dass er dank besserer Traktion (frischere, weichere Reifen) gewann und in Kurve 2 ausnutzte.

So kam Ricciardo nach vorn

Daniel Ricciardo - Red Bull - GP Ungarn 2018 - Budapest - Rennen Foto: xpb
Ricciardo war nach seiner schlechten Quali-Leistung der Überholkönig von Ungarn.

Das zweite belebende Moment neben Vettels Kampf gegen zwei Mercedes war die Aufholjagd von Daniel Ricciardo. Der Australier wurde im Startgetümmel von Marcus Ericsson angerempelt. „Danach hatte der Reifen einen Schlag. Die Aufhängung war zum Glück in Ordnung. Aber ich habe bei der Aktion drei Plätze verloren.“

Ricciardos Vormarsch begann auf Platz 15. Der Red Bull-Pilot steuerte exakt die Hälfte aller 22 Überholmanöver bei. Perez (Runde 3), Ocon (4), Vandoorne (6), Alonso (9), Grosjean (11), Hülkenberg (13), Hartley (14), Sainz (16), Magnussen (21), Gasly (27) und Bottas (70) hatten das Nachsehen.

Taktisch musste Red Bull seinen Fahrer nur lange genug auf der Strecke lassen. Als Ricciardo in Runde 44 auf Ultrasoft-Reifen bekam, da war er schon Vierter, verlor aber eine Position an Räikkönen. Auf den Ultrasoft-Reifen funktionierte der Red Bull nicht mehr ganz so gut wie auf den Soft-Gummis. Obwohl Ricciardo die schnellste Runde fuhr und vier Runden unter 1.21 Minuten schaffte, schrumpfte der Rückstand auf Räikkönen nur von 32 auf 26 Sekunden.

Der Durchhalte-Trick von McLaren

In der Rangliste der schnellsten Rennrunden lagen Fernando Alonso und Stoffel Vandoorne nur auf den Plätzen 8 und 15. Die McLaren waren auch im Renntrim in der absoluten Rundenzeit nicht sonderlich schnell. Sie waren es aber in Relation zu den direkten Gegnern zum richtigen Zeitpunkt. Die Konkurrenz hatte zwischen den Runden 22 und 32 ihre Reifenwechsel hinter sich gebracht. Hauptsächlich von Ultrasoft auf Soft. McLaren ließ seine beiden Fahrer bis Runde 39 und 40 auf der Strecke. Und genau in dieser Phase gaben Alonso und Vandoorne Gas.

Ihr Glück: Sie steckten kaum im Verkehr. Ihre Gegner schon. Alonso und Vandoorne fuhren 13 aufeinanderfolgende Runden mit 1.23er Zeiten. Das war für diese Liga zu diesem Zeitpunkt des Rennens schon ziemlich flott. Und es brachte Alonso von Platz 12 auf Rang 8, Vandoorne von Platz 13 auf Rang 9. Während Alonso zum achten Mal in die Punkte fuhr, war es Vandoorne wieder nicht vergönnt. Der Belgier strandete mit einem Getriebeschaden, dem vierten in dieser Saison. McLaren ist offenbar nicht in der Lage, das Problem zu lösen.

Neues Heft
Top Aktuell Charles Leclerc - Sauber - GP Russland - Sotschi - Formel 1 - Freitag - 28.9.2018 Das Strafregister der Formel 1 Nur Leclerc mit weißer Weste
Beliebte Artikel Lewis Hamilton - Mercedes - GP Ungarn 2018 - Budapest - Rennen F1-Noten GP Ungarn 2018 Hamilton auch nach Noten Spitzenreiter Max Verstappen - Red Bull - GP Ungarn 2018 - Budapest - Rennen F1-Fotos GP Ungarn - Rennen Verstappen flucht bei Hamilton-Sieg
Anzeige
Sportwagen Toyota Supra - Sportcoupé - Fahrbericht Toyota GR Supra (2019) Premiere in Detroit Lexus RC F Track Edition Lexus RC F Track Edition (2019) Mit 500 PS auf die Piste
Allrad Porsche Macan, Facelift 2019 Porsche Macan (2019) Facelift Scharfes Heck, starke Motoren Audi SQ5 3.0 TFSI Quattro, Exterieur, Heck SUV Neuzulassungen November 2018 Audi und Porsche unter Druck
Oldtimer & Youngtimer Porsche 911 (996) Carrera Coupe Porsche 911 (996) Kaufberatung Probleme des Schnäppchen-Elfer Aston Martin Heritage EV Concept Aston Martin Heritage EV Concept Elektroantrieb für Klassiker