Max Verstappen - Lewis Hamilton - GP Ungarn 2019 Motorsport Images
Verstappen -Hamilton - GP Ungarn 2019 - Budapest - Rennen
Lewis Hamilton - Mercedes - GP Ungarn 2019 - Budapest - Rennen
Lewis Hamilton - Mercedes - GP Ungarn 2019 - Budapest - Rennen
Start - GP Ungarn 2019 - Budapest - Rennen 61 Bilder

Taktik-Check GP Ungarn 2019

Verfolger mit Taktik-Vorteil

Der GP Ungarn war ein Taktikpoker auf höchstem Niveau. Mercedes hielt die besseren Karten in der Hand, weil Lewis Hamilton Zweiter war. Red Bull konnte nur reagieren. Bei umgekehrter Reihenfolge hätte Mercedes das gleiche gemacht.

So schwer wie das Chaosrennen von Hockenheim zu lesen war, so klar ist das Bild des GP Ungarn. An der Spitze haben wir es mit zwei klassischen Duellen zu tun. Max Verstappen gegen Lewis Hamilton. Charles Leclerc gegen Sebastian Vettel. Am Ende gewann in beiden Fällen der Fahrer, der die meiste Zeit des Rennens Zweiter war. Und der seine Reifen besser in Schuss hielt. Ab Platz 5 gab es eine einfache Regel. Je später der Boxenstopp, desto besser die Chancen.

Auch in Budapest bescherte uns das Wetter einen unterhaltsamen Grand Prix. Der Regen am Freitag reduzierte die Vorbereitung auf effektiv 30 Minuten. Das dritte Training wurde von den meisten nur zur Vorbereitung auf die Qualifikation genutzt. Der Startplatz ist am Hungaroring einfach zu wichtig. Kaum ein Team spulte einen Dauerlauf ab.

Die wenigsten Piloten hatten Erfahrung mit den harten Reifen. Hamilton und Vettel sind ihn kurz gefahren, Verstappen und Leclerc nie. Anhand der eingeschränkten Erfahrung war nur eines sicher: Bei über 40 Runden Laufzeit wird es mit dem harten Reifen kritisch. Zumindest wenn man das Tempo der Spitze fährt.

Erneut hat sich gezeigt, dass der Mangel an Daten und Vorbereitung dem Rennen gut tut. Weil am Ende die Erfahrung, der Instinkt und der Mut zur unpopulären Entscheidung den Unterschied ausmacht. Eine Zweistopp-Strategie war in Ungarn die schlechtere Wahl. Und doch gewann sie Hamilton das Rennen. Weil sie aus der Situation heraus zum Joker wurde.

Ferrari hat dabei kräftig mitgeholfen. Wären die roten Autos nicht so langsam gewesen, hätte es noch mehr Unbekannte in dem Spiel gegeben. Doch Leclerc und Vettel fielen schon nach 24 Runden aus dem Boxenstopp-Fenster der Spitzenreiter. Damit hatten Red Bull und Mercedes freie Wahl beim Boxenstopp.

Lewis Hamilton - GP Ungarn 2019
Motorsport Images
Ohne den Extra-Stopp wäre Hamilton wohl nicht an Verstappen vorbeigekommen.

Für Verstappen kam der erste Stopp zu früh

Das Duell zwischen Verstappen und Hamilton war Schach mit wenig Bedenkzeit. Hamilton hatte zwei Chancen. Er musste am Start an Verstappen vorbei oder beim Boxenstopp. Weder das eine, noch das andere funktionierte. Red Bull nahm das vorweg, was Mercedes machen wollte. Sobald Verstappen aus dem Boxenstopp-Fenster der beiden Ferrari gefahren war, kam er zum Reifenwechsel an die Box.

Hätte Red Bull gezögert, hätte Mercedes eine Runde später den Undercut gewagt. Im Lager der Silberpfeile wurden sogar schon Überlegungen angestellt, ob der Undercut auch dann Erfolg gehabt hätte, wenn Hamilton zwischen beide Ferrari fällt. „Der Vorteil des früheren Boxenstopps lag bei einer Sekunde. Die hätten wir wahrscheinlich verloren, bis Lewis an Leclerc vorbei gewesen wäre.“

Verstappens Pech lag darin, dass ihm die Ferrari so früh die Einladung machten, den Undercut abzuwehren. Sein Stopp in Runde 25 bedeutete eine Restlaufzeit von 45 Runden für den zweiten Reifensatz. Wäre das Boxenstopp-Fenster erst in Runde 30 aufgegangen, hätte er bessere Chancen gehabt, das Rennen zu gewinnen.

Mercedes hätte nicht anders gehandelt als Red Bull. „Wenn Max nicht an die Box kommt, stehen wir eine Runde später da. Das Geschenk des Positionsgewinns ist in dem Augenblick größer als das Problem, dass dir später die Reifen eingehen. Es hätte ja auch noch ein Safety-Car kommen können, und dann ärgerst du dich, den Platzgewinn ausgeschlagen zu haben.“

Nach Verstappens Boxenstopp lag die Taktik für Hamilton auf der Hand. So lange wie möglich fahren, um am Ende des Rennens von einem möglichst großen Reifen-Delta zu profitieren. Der Mercedes mit der Startnummer 44 parkte schließlich in der 31.Runde vor seiner Box. Sechs Runden Differenz sind eine Menge Holz. Die Pirelli-Reifen haben die Eigenschaft, von einer Runde zur nächsten einzubrechen, wenn genug Lauffläche verschlissen ist.

Hamilton kehrte mit einem Rückstand von 4,9 Sekunden auf die Strecke zurück. Innerhalb von nur drei Runden hing er im Heck des Red Bull. Plan A war ein Überraschungsangriff. Der scheiterte. Plan B sollte Verstappen dazu treiben, seine Reifen möglichst noch schneller zu ruinieren. Deshalb hielt Hamilton den Druck hoch.

Lewis Hamilton - Mercedes - GP Ungarn 2019 - Budapest - Rennen
Wilhelm
Das Überholmanöver gegen Verstappen war am Ende nur Formsache. Mit 17 Sekunden Vorsprung rollte Lewis Hamilton über die Linie.

Das letzte Ass war Plan C

Inzwischen reifte am Mercedes-Kommandostand der Plan, das letzte Ass aus dem Ärmel zu ziehen. Man hätte abwarten und auf das Beste hoffen können. Dass Verstappen die Reifen einbrechen. Dass Hamilton doch noch auf der Strecke vorbeikommt. Doch alles war mit zu vielen Unsicherheitsfaktoren belastet. Ein einziges Safety-Car hätte Verstappen gerettet.

Nach sieben Runden abwägen, gab Chefstratege James Vowles grünes Licht für den zweiten Boxenstopp. Die Rechenmodelle zeigten Mercedes, dass Verstappen ab Runde 65 Probleme mit seinen harten Reifen bekommen würde. Dazu wurde Verstappens erster Stint auf Medium-Reifen als Maßstab hergenommen, um die Lebensdauer der harten Mischung auf dem gegnerischen Autos zu kalkulieren.

Interessant war die Wahl der Runde für Hamiltons zweiten Stopp. Nicht zu früh, um die Laufzeit der Reifen möglichst kurz zu halten. Nicht zu spät, damit Hamilton noch genügend Zeit hat, einen 19-Sekunden-Rückstand aufzuholen. Die Wahl fiel auf Runde 48.

„Es wäre auch eine Runde früher oder später noch gegangen. Bei zwei Runden hin oder her hätte es wahrscheinlich schon nicht mehr funktioniert“, erklären die Strategen. Somit ergab sich folgende Konstellation: Hamilton trat mit einem frischen Medium-Reifen gegen Verstappen auf einem Reifensatz der harten Mischung an, der bereits 23 Runden auf der Lauffläche hatte.

Hamilton legte sofort los wie die Feuerwehr. Doch in der 53. Runde begann sein Vorwärtsdrang plötzlich zu stocken. Nicht nur, weil überrundete Fahrer im Weg stand und Verstappen die Leistung seines Honda-Motors hochdrehte. Am Mercedes wurden die Bremsen zu heiß, und auch unter der Motorabdeckung gab es Alarm.

Das überrascht. Der Hungaroring ist für die Bremsen eine eher einfache Strecke. Und mit 25 Grad war es nicht sonderlich heiß. Teamchef Toto Wolff erklärt: „Wir mussten abwägen zwischen ein paar Millisekunden Rundenzeit oder mehr Komfort bei Bremsen und Kühlung. Wir haben uns für die Rundenzeit entschieden.“

Valtteri Bottas - Formel 1 - GP Ungarn 2019
Motorsport Images
Mercedes ging mit dem Auto ans Limit. Red Bull zwang das Silberpfeil-Team zum Risiko.

Mercedes hatte das schnellere Auto

Über einen Zeitraum von vier Runden konnte Hamilton nur eine Sekunde auf seinen Gegner gutmachen. In seinem Marschplan stand eine Sekunde pro Runde. Als Renningenieur Pete Bonnington Hamilton auch noch die Rundenzeiten von Verstappen vorbetete, da machte sich im Cockpit des Mercedes Frust breit. Hamilton begann am Funk an der Taktik zu zweifeln.

Wolff wies seine Ingenieure an: „Sagt ihm bitte nur noch, dass er aufholt.“ Die Notlüge zeigte Wirkung. Kaum waren die Temperaturen wieder im grünen Bereich, holte Hamilton mit Riesenschritten auf. In der 65. Runde hatte er sein Opfer gestellt. Das Überholmanöver war nur noch Formsache.

Hätte sich Red Bull dagegen wehren können? Nur schwer. Wenn Verstappen mit einem zweiten Boxenstopp freiwillig die Führung herschenkt, wäre Hamilton auf der Strecke geblieben. Die Red Bull-Strategen wussten, dass Hamiltons Reifensatz mehr Reserven hatte als der ihres Fahrers. Und sie konnten am ersten Stint erkennen, dass der Mercedes die Reifen generell besser schonte als der Red Bull.

Der Coup von Mercedes konnte nur aus zwei Gründen aufgehen. Der Silberpfeil war an diesem Tag das schnellere Auto. Und Hamilton ist einer der wenigen Fahrer im Feld, die so eine Taktik auch erfolgreich exekutieren können.

Sebastian Vettel - Charles Leclerc - Ferrari - GP Ungarn 2019 - Budapest
Wilhelm
Im Ferrari-Duell setzte sich Sebastian Vettel mit der Hamilton-Taktik durch.

Vettel mit der Hamilton-Taktik

Das Duell der Ferrari-Piloten lief nach einem ähnlichen Schema ab. Charles Leclerc war 18 Runden lang der schnellere Mann im roten Cockpit. Da war sein Vorsprung auf Sebastian Vettel auf 3,1 Sekunden angewachsen. Dann schloss sich die Lücke wieder. Bis zu Leclercs Boxenstopp in der 27. Runde auf 1,2 Sekunden. Leclerc musste an die Box. Seine Hinterreifen waren verschlissen.

Es war das alte Bild. Weil der SF90 vorne zu wenig Abtrieb generiert, muss die Hinterachse schwach gemacht werden, damit das Auto ausbalanciert ist. Das geht schon über eine Runde nicht gut. In der Qualifikation verloren die Ferrari in den letzten drei Kurven eine halbe Sekunde. In der Dauerbelastung des Rennens multiplizieren sich die Probleme.

Vettel hielt seine Reifen besser in Schuss. Sobald Leclerc an die Boxen abgebogen war, fuhr er mit dem Hamilton-Plan. Ohne zweiten Stopp natürlich. Das Reifen-Delta zu Leclerc sollte so groß wie möglich ausfallen. Und Vettel wollte den zweiten Stint so verkürzen, dass er das Risiko mit Soft-Reifen eingehen konnte. Beide Ferrari-Fahrer hatten eine frische Garnitur Soft in der Hinterhand.

In der 39. Runde machte Draußenbleiben keinen Sinn mehr. Die Rundenzeiten waren in den 1.23er Bereich abgedriftet, und damit wurde auch der Rückstand auf den Teamkollegen immer größer. Als Vettel mit frischen Soft-Reifen zurück ins Rennen ging, fehlten ihm 20,2 Sekunden auf Leclerc. Zehn Runden vor Schluss war der Abstand auf 6,1 Sekunden geschrumpft.

Leclerc erlebte das gleiche Szenario wie im ersten Stint. Die Hinterreifen an seinem Ferrari waren am Ende. Drei Runden vor Schluss hatte ihn Vettel eingeholt. Der erste Überholversuch gelang. Vettels Freude über den dritten Platz hielt sich in Grenzen. 61 Sekunden Rückstand auf den Sieger bei einem Boxenstopp weniger sind eine Ohrfeige. Sie zeigen, wie weit Ferrari auf diesem Typ Strecke der Konkurrenz hinterherhinkt.

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Räikkönen traf selbst die Reifenwahl

Die Schlacht im Mittelfeld war eigentlich schon nach der Startrunde entschieden. Carlos Sainz nahm seinen Platz hinter den vier Autos der Top-Teams ein. Der Spanier musste seinen ersten Reifensatz nur so lange wie möglich konservieren, um den zweiten Stint so kurz wie möglich zu gestalten.

Sainz hielt mit den Soft-Reifen bis Runde 29 durch. Der McLaren-Pilot demonstrierte erneut, dass er ein Reifenflüsterer ist. Kimi Räikkönen kam genauso weit. Von dem Finnen wissen wir, wie pfleglich er mit den Reifen umgehen kann.

Während Sainz mit den harten Reifen für den zweiten Stint die logische Wahl traf, überzeugte Räikkönen seine Ingenieure am Funk, dass für ihn Medium-Reifen besser wären. Der Veteran behielt Recht. Die weichere Mischung war am Ende des Rennens die Lebensversicherung gegen den anstürmenden Valtteri Bottas.

Den einen Platz gewonnen, den anderen verloren. Pierre Gasly schaffte gegen Räikkönen den Undercut. Eine Runde früher reichte. Beide hatten Glück, dass Lando Norris durch einen verpatzten Boxenstopp aus dem Spiel war. Der Engländer stand wegen eines Problems mit einem Schlagschrauber 4,5 Sekunden länger als üblich. Das kostete drei Positionen.

Auch das Duell um den letzten WM-Punkt wurde durch das Timing des Boxenstopps entschieden. Sergio Perez kam schon in Runde 18 an die Box. Der aggressive Undercut brachte dem Mexikaner zwei Positionen. Doch er kostete am Ende den zehnten Platz.

Alexander Albon hatte 10 Runden später als Perez von Medium auf Hart gewechselt. In der 64.Runde ging der Thailänder an dem Racing Point vorbei. Mit rustikalen Methoden. „Er hat mein Auto getroffen. Danach war die Aufhängung verbogen“, klagte Perez. Auf eine Strafe für Albon hoffte er umsonst. Die Sportkommissare blieben ihrer Politik der lockeren Leine auch in Ungarn treu.

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