Valtteri Bottas - GP Ungarn 2020 xpb
Start - GP Ungarn 2020
Lewis  Hamilton - GP Ungarn 2020
Max Verstappen - GP Ungarn 2020
Valtteri Bottas - Mercedes - Formel 1 - GP Ungarn - Budapest - 18. Juli 2020 22 Bilder

Taktikcheck GP Ungarn 2020

Dritter Bottas-Stopp richtig?

Der GP Ungarn war ein Spiegelbild des Steiermark-GPs. Vorne Lewis Hamilton allein auf weiter Flur. Dahinter das Duell Max Verstappen gegen Valtteri Bottas um Platz 2. Diesmal gewann Verstappen. Hatte Mercedes die falsche Taktik?

Das könnte eine Blaupause dieser Saison werden: Lewis Hamilton stürmt vorneweg. Dahinter duellieren sich Max Verstappen und Valtteri Bottas um den zweiten Platz. Um den zweiten Mercedes überhaupt in Gefahr zu bringen, muss der allerdings schon mit einem Handikap ins Rennen gehen.

Beim GP der Steiermark war es Regen im Qualifying, der Bottas auf Startplatz vier zurückwarf. Es dauerte sechs Runden, bis sich der Finne freigeschwommen hatte. Da hatte Bottas schon 4,4 Sekunden Rückstand auf den Red Bull.

Diesmal kam dem WM-Zweiten ein schlechter Start dazwischen. Bottas fühlte sich abgelenkt, weil im entscheidenden Moment auf seinem Display rote Lichter auftauchten und wieder verschwanden. Nach einer Runde war er nur Sechster.

Diesmal dauerte es 36 Runden, bis Bottas endlich Minus-Signale auf Verstappen gezeigt wurden. Zu dem Zeitpunkt betrug der Abstand bereits 7,2 Sekunden. Bottas bekam für die zweite Rennhälfte einen gebrauchten Satz Medium, Verstappen drei Runden später eine frische Garnitur harten Gummi.

Den Zeitpunkt des zweiten Boxenstopps des Mercedes-Piloten bestimmte das Wetter. Mercedes wartete so lange, bis klar war, wie stark die zweite Regenfront sein würde. Als sich herausstellte, dass es nur für eine Runde nieseln würde, wurde Bottas zum Service gerufen.

"Wir wollten den Undercut gegen Stroll maximal ausschlachten. Im leichten Regen hatte Valtteri mit einem frischen Satz Medium gegen den Racing Point auf alten Reifen den größtmöglichen Vorteil", erklärten die Strategen.

Max Verstappen - GP Ungarn 2020
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Bottas fehlten im Ziel ein paar Meter auf den Red Bull von Max Verstappen.

Bottas eine Runde zu spät dran

Es dauerte nur neun Runden, bis Bottas die Lücke zu Verstappen zugefahren hatte. Der saß in einem Red Bull, der nach der eiligen Reparatur am Startplatz nicht mehr optimal eingestellt war. "Es ist unmöglich, dass ohne Vermessung Radsturz, Spur und Nachlauf noch die gleichen waren wir vorher", urteilten Experten.

Bottas schloss auf, kam aber nicht vorbei. "Dazu war das Reifen-Delta zu gering", urteilten die Mercedes-Ingenieure. Also zauberte man die Taktik aus dem Hut, die Lewis Hamilton im Vorjahr im Kampf mit Verstappen zum Sieg verholfen hatte. Ein dritter Boxenstopp bedeutete zwar plötzlich wieder 21,6 Sekunden Rückstand, dafür aber Reifen, die um 13 Runden jünger waren.

Mercedes zog in der 49. Runde die Reißleine. Prinzipiell war der Schachzug richtig, auch wenn er diesmal nicht zum Erfolg führte. "Valtteri lag auf der Marschroute, bis er auf Nachzügler traf." Tatsächlich lagen fünf Autos zwischen dem Red Bull und dem Mercedes.

Das Überholen von Russell, Latifi, Grosjean, Norris und Ocon kostete Bottas die zwei Sekunden, die ihm am Ende fehlten, um im Finale noch einen Angriff zu starten. "Das Rennen hätte eine oder zwei Runden länger dauern müssen", bedauerte der Finne. Die Preisfrage lautet, ob Runde 49 der optimale Zeitpunkt für den dritten Stopp war.

Aus heutiger Sicht würden die Mercedes-Ingenieure eine Runde früher stoppen. "Man kann nicht so einfach sagen, dass jede Runde früher besser ist, weil dann mehr Zeit bleibt, den Rückstand aufzuholen. Mit jeder Runde früher gibt man auch etwas von seinem Reifen-Delta auf. Und das braucht man, um auf einer Strecke wie dem Hungaroring eine Überholchance zu haben. Runde 44 wäre also sicher falsch gewesen. Mit Runde 48 hätten wir aber wahrscheinlich eine etwas bessere Chance gehabt."

Kevin Magnussen - GP Ungarn 2020
Haas
Haas holte seine beiden Fahrer schon vor dem Rennen an die Box. Trotz 10-Sekunden-Strafe war es die richtige Entscheidung.

Der Coup vom Nürburgring 2007

Die Taktiker der Teams waren diesmal schon vor dem Rennen gefragt. Ein heftiger Regenguss hatte die Strecke bis 45 Minuten vor dem Start anständig gewässert. Doch dann half die Sonne rasend schnell beim Abtrocknen mit.

Nachdem die Rennleitung die Teams über eine "Änderung der klimatischen Bedingungen" informiert hatte, waren die Fahrer in den Top Ten frei in ihrer Reifenwahl. Sie konnten entweder auf Regenreifen, Intermediates oder dem Reifentyp starten, auf dem sie sich im Q2 qualifiziert hatten. Doch nach Verstappens Abflug in der Fahrt auf den Startplatz war ein Start auf Slicks allen zu heiß.

Ein Team dachte zumindest ernsthaft darüber nach. Haas erinnerte sich an einen Coup, der 2007 am Nürburgring dem GP-Debütanten und Spyker-Piloten Markus Winkelhock zu einigen Führungsrunden verholfen hatte. Kevin Magnussen und Romain Grosjean bogen gleich nach der Formationsrunde in die Boxengasse ab und tauschten ihre Regenreifen (Magnussen) und Intermediates (Grosjean) gegen je einen Satz Medium.

Trotz der heiklen Grip-Situation auf der Strecke war man bei dem US-Team so schlau, die Finger von den Soft-Reifen zu lassen. Von denen war bekannt, dass sie nur eine kurze Lebensdauer haben würden.

Haas dachte richtig und machte trotzdem einen Fehler. Die Box instruierte seine Fahrer über Funk an die Boxen zu kommen. Das ist seit 2017 in der Formationsrunde verboten. Damit wollte die FIA verhindern, dass die Piloten beim Konditionieren ihrer Autos in der letzten Runde vor dem Start von ihren Ingenieuren ferngesteuert werden. Der Fauxpas brachte beiden Haas-Piloten jeweils zehn Sekunden Zeitstrafe ein. Magnussen kostete das am Ende einen WM-Punkt.

Insgesamt lässt sich aber festhalten, dass es sicher besser war, die Strafe in Kauf zu nehmen als von hinten zu starten. Neben den Haas-Piloten hatte übrigens auch Daniil Kvyat in der Formationsrunde gemerkt, dass die Zeit schon reif für Trockenreifen ist. Doch die mehrfachen Anfragen des Russen nach einem Boxenstopp blieben aus Angst vor der Strafe unbeantwortet.

Sebastian Vettel - GP Ungarn 2020
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Sebastian Vettel konnte mit einem Undercut Albon überholen. Doch der Thailänder schnappte sich den Ferrari am Ende zurück.

Vier Verlierer im Boxenchaos

Der Rest des Feldes merkte schnell, dass Haas mit seiner Strategie goldrichtig lag. Die macht natürlich nur für Fahrer aus dem hinteren Feld Sinn. "Die Strecke trocknete viel schneller ab, als wir erwartet hatten", erzählte Sebastian Vettel hinterher.

Die Teams hatten jetzt die Qual der Wahl. Wann sollten sie ihre Intermediates loswerden? Lieber früher als später? Von den Rundenzeiten her gibt es kein eindeutiges Bild. Runde 1 war so gut wie Runde 4. Der Andrang an der Box bestimmte den besten Zeitpunkt. Der schlechteste jedenfalls war die dritte Runde.

Sebastian Vettel verlor 6,7 Sekunden, weil Ferrari verzweifelt eine Lücke im Verkehr in der Boxengasse suchte, Carlos Sainz büßte aus dem gleichen Grund 5,6 Sekunden ein. Das Chaos war so groß, dass Sainz von Nicholas Latifi getroffen wurde, weil Williams nicht aufgepasst hatte. Es konnte einen aber auch noch in der vierten Runde dumm erwischen. Esteban Ocon ließ 2,7 Sekunden liegen.

Hier kurz die Verteilung der Boxenstopps in der Anfangsphase:

  • Runde 0: Magnussen, Grosjean (2)
  • Runde 1: Kvyat (1)
  • Runde 2: Bottas, Leclerc (2)
  • Runde 3: Hamilton, Vettel, Stroll, Albon, Perez, Sainz, Räikkönen, Latifi, Gasly (9)
  • Runde 4: Verstappen, Ricciardo, Norris, Ocon, Giovinazzi, Russell (6)

Gewinner der hektischen ersten Runde waren Magnussen mit einem Gewinn von 13 Positionen, Grosjean (14), Kvyat (4) und Räikkönen (5). Vettel dagegen verlor vier Plätze. Auch für Sainz (4), Perez (3) und Latifi (10) ging die Reise rückwärts.

Entscheidend aber war nicht nur der Zeitpunkt, sondern auch die Reifenwahl. Leclerc, Kvyat, Gasly, Giovinazzi, Russell und Latifi zogen mit dem Soft-Reifen eine Niete. Bei Mercedes war aufgrund der Erfahrungen von 2019 schon im Freitagtraining klar: Finger weg von den rot markierten Reifen. Die Mercedes-Piloten verzichteten deshalb auch auf Longruns mit den Soft-Gummis.

Charles Leclerc - GP Ungarn 2020
Wilhelm
Alle Piloten waren überrascht, wie schnell die Strecke in Budapest abtrocknete.

Es hatte einen Grund, warum Renault seine Piloten im Q2 auf Medium-Reifen losschickte. Man wollte seinen Fahrern den Soft-Reifen im Rennen ersparen. Im Gegensatz zum Mercedes und zum Racing Point fehlt den Renault aber der Speed, um damit durchzukommen.

Man konnte Pirellis weichste Mischung nur im Finale brauchen, wenn man auf die schnellste Runde losgehen wollte. Auf der grünen Strecke und bei den gestiegenen Temperaturen dauerte es keine fünf Runden, bis der linke Vorderreifen massiv zu körnen anfing. Sogar der Medium-Gummi zeigte noch diese Tendenz. Robust war nur der harte Reifen, der im Rückblick der beste Reifen für das Rennen war.

Man kann von Glück reden, dass der GP Ungarn kein komplettes Trockenrennen war. Die Mercedes und Racing Point wären geschlossen am Horizont verschwunden. "Die Fahrer, die auf Soft-Reifen gestartet wären, hätten spätestens in Runde 12 an die Box kommen müssen. Und dann hätte es für sie nicht zu einem Einstopprennen gereicht", sind die Mercedes-Strategen überzeugt.

Die Fehler von Ferrari

Leclerc schaffte auf seiner Garnitur Soft immerhin 18 Runden. Schon nach zehn Runden ruderte er chancenlos auf dem vermeintlichen Superkleber von Pirelli herum. Das zwang Leclerc zu einem frühen zweiten Stopp und einem langen Stint auf den harten Reifen. Mindestens 15 Runden zu lang.

Der Monegasse verlor im Schlussabschnitt 20 Sekunden auf Magnussen. Sein Rennen war in dem Moment vorbei, an dem sich Ferrari für die Soft-Reifen entschied. Vettel bestand dagegen auf Medium-Reifen. Das war der Schlüssel zu acht WM-Punkten. Sonst wäre Ferrari ganz leer ausgegangen. Auch Vettels zweiter Stopp erfolgte zu früh.

Ferrari versuchte den Undercut gegen Alexander Albon und Romain Grosjean. Der gelang zwar, doch Vettel bezahlte die Zeche am Ende. Albon kam fünf Runden später an die Box. Das gab ihm am Ende das nötige Reifen-Delta, um Vettel in einen Fehler zu hetzen.

Charles Leclerc - Ferrari - Formel 1 - GP Ungarn - Budapest - 18. Juli 2020
Wilhelm
Die Soft-Reifen waren am Rennsonntag die falsche Wahl.

Der Deutsche hatte Glück, dass der Grand Prix nicht noch zwei Runden länger ging. Dann wäre es auch gegen Sergio Perez und Daniel Ricciardo eng geworden. Perez musste nach seinem zweiten Stopp einen 8,5 Sekunden Rückstand auf Vettel wettmachen. Bei Ricciardo waren es 16,2 Sekunden. Beide schlossen rasend schnell auf.

Renault hatte eindeutig zu lange mit dem Boxenstopp gewartet. Runde 40 wäre besser als Runde 43 gewesen. So kam Renault zum dritten Mal in Folge nur auf dem achten Platz ins Ziel. Ricciardo ärgerte sich: "Ich weiß, dass größere Punkte für uns nur um die Ecke liegen."

Das beste Timing erwischte Racing Point mit Perez. Der Mexikaner stoppte in der 35. Runde für harte Reifen und gewann zwei Positionen. Interessant war noch die Taktik von Kvyat. Der Alpha Tauri bekam schon in der 18. Runde eine Garnitur harte Sohlen verpasst und fuhr damit durch. Im Ziel lag er nur 4,8 Sekunden hinter Leclerc. Ein Zeichen dafür, dass der Alpha Tauri schonender mit den Reifen umging als der Ferrari.

Diskussionen um Hamiltons dritten Boxenstopp

Am Ende gab es noch Aufregung um den Sieger. Hamilton wäre nicht Hamilton, wäre er nicht auch noch auf den Extra-Punkt der schnellsten Runde losgegangen. Die Diskussion mit dem Kommandostand begann zwölf Runden vor Schluss. Da die Lücke zu Verstappen bereits groß genug war, wollte Mercedes seinen Weltmeister sowieso an die Boxen holen. Nicht nur wegen der schnellsten Runde.

Seit man im ersten Spielberg-Rennen ein spätes Safety-Car verpasste, sind die Strategen super sensibel geworden. Man wollte Hamilton genau gegen dieses Szenario absichern. "Man stelle sich vor, das Safety-Car kommt, alle anderen schließen auf und Lewis muss sich mit einem angefahrenen linken Vorderreifen wehren."

Zwölf Runden vor Schluss war aber noch nicht ganz klar, welchen Reifentyp man Hamilton mitgeben sollte. Für den Soft war es zu früh. Dem harten Reifen traute man eine Rekordrunde nicht zu. Der Vorsprung auf Verstappen war mit 24,3 Sekunden noch zu knapp.

Mit einem normalen Boxenstopp verliert man rund 22 Sekunden. Ein kleiner Fehler, und Hamilton wäre hinter Verstappen auf die Piste gegangen. Außerdem suchten die Strategen eine Lücke im Verkehr, in die Hamilton nach seinem Boxenstopp hineinfallen sollte. In der 66. Runde war es so weit. Jetzt war es auch Zeit für die Soft-Gummis. Und der Vorsprung war auf beruhigende 27,5 Sekunden angewachsen.

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