Esteban Ocon - Alpine - GP Ungarn 2021 - Budapest - Rennen Wilhelm
Perez - Bottas - Verstappen - Norris - GP Ungarn 2021 - Budapest - Rennen
Valtteri Bottas - Mercedes - GP Ungarn 2021 - Budapest - Rennen
Lewis Hamilton - Mercedes - GP Ungarn 2021 - Budapest - Rennen
Fernando Alonso - Alpine - GP Ungarn 2021 - Budapest - Rennen 56 Bilder

Taktik-Check GP Ungarn 2021

Taktik-Check GP Ungarn 2021 Die fünf Helfer des Siegers

GP Ungarn

Beim GP Ungarn drehte sich alles um zwei Fragen: Wie konnte Lewis Hamilton dieses Rennen verlieren, und wie konnte es Esteban Ocon gewinnen? Fernando Alonso und Nicholas Latifi spielen dabei wichtige Nebenrollen.

Esteban Ocon hatte bei seinem ersten GP-Sieg viele Helfer. Valtteri Bottas und Lance Stroll, die ihm als Auslöser der beiden Startcrashs direkt einige Konkurrenten aus dem Weg räumten und dem Franzosen die Tür öffneten von Platz 8 auf Rang 2 vorzufahren. Dazu noch der Mercedes-Kommandostand, der entschied, dass Lewis Hamilton nicht wie alle anderen Piloten zum Reifenwechsel in die Boxengasse abbog, was den Weltmeister auf den letzten Platz zurückwarf.

Nicholas Latifi half ebenfalls tüchtig mit, als er hinter Ocon und Sebastian Vettel eine 17-Sekunden Lücke aufriss, die Carlos Sainz und Fernando Alonso aller Siegchancen beraubte. Und dann natürlich Fernando Alonso, der seinem Teamkollegen gleich zwei Mal zur Seite sprang.

Das erste Mal unfreiwillig. Alonso musste beim Massenansturm auf die Boxengasse am Ende der Formationsrunde Platz zu Ocon schaffen, weil er sonst beim Boxenstopp auf den Franzosen hätte warten müssen und dadurch Positionen verloren hätte. Das half vor allem Latifi und Tsunoda, die deswegen Plätze gutmachten und später ein Puffer für Ocon wurden.

Alonsos zweiter Einsatz im Sinne des Teams war noch spektakulärerer. Der Veteran wehrte sich zwölf Runden lang mit einem schlechteren Auto auf älteren und härteren Reifen gegen Hamiltons wütende Angriffe. Dabei musste er alle Tricks auspacken. Auch Alpine-Technikchef Marcin Budkowski gab zu: "Fernando hat Esteban das Rennen gewonnen."

Fernando Alonso - Alpine - GP Ungarn 2021 - Budapest - Rennen
Motorsport Images
Alonso gab in Ungarn den Teamplayer. Ohne ihn hätte Ocon nicht den Premierensieg gefeiert.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Als Hamilton den Alpine in der 65. Runde endlich knackte und zwei Runden später noch an Sainz vorbeiflog, brauchte er nur drei Runden um eine 9,2 Sekunden Lücke zu Ocon und Vettel zu schließen. "Zwei Runden mehr, und Lewis hätte es geschafft. Alonso hat seinem Team einen guten Dienst erwiesen. Er hatte absolut das Recht dazu sich so zu verteidigen, auch wenn es manchmal ein bisschen aggressiv aussah. Er ist trotz seiner 40 Jahre noch ein unglaublicher Rennfahrer", applaudierten selbst die Mercedes-Ingenieure.

Die beiden Startunfälle bestimmten, wer später um den Sieg fahren würde. Der erste Boxenstopp von Intermediates auf Slicks legte fest, wer nicht für den obersten Platz auf dem Treppchen in Frage kam.

Esteban Ocon, Sebastian Vettel und Carlos Sainz hatten nach dem Start das Glück, zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle gewesen zu sein. Nämlich innen. Dort öffnete sich eine Tür, als Stroll den Ferrari von Charles Leclerc in Daniel Ricciardos McLaren schob. Wer außen um das Chaos kurvte wie Ricciardo, Alonso oder Gasly hatte eine Niete gezogen.

Die skurrilste Szene des Rennens hatte sich die Regie für den Re-Start aufgehoben. 14 Fahrer bogen in die Boxengasse ab, einer blieb draußen. Lewis Hamilton stand mutterseelenallein auf seinem Startplatz.

Ihm dämmerte schon da, dass da seinem Team da wohl ein größerer Fehler unterlaufen sein musste. Auch wenn er ohne Konkurrenz souverän in Führung ging und er am Ende der 4. Runde immer noch als Erster über den Zielstrich ging. Diesmal in der Boxengasse. Doch als der Mercedes das Rennen wieder aufnahm, war er Letzter. Mit 3,4 Sekunden Rückstand auf den Vorletzten.

Lewis Hamilton - Formel 1 - GP Ungarn 2021
Wilhelm
Von Platz eins bis ans Ende des Feldes - Hamilton erlebte in der Anfangsphase eine Achterbahnfahrt.

Hamilton in der Zwickmühle

Von außen schien alles klar. Die Strecke war trocken genug, um die Medium-Reifen aufzuziehen. Auch Hamilton empfand es so und funkte in der Runde hinter dem Safety-Car, dass der Grip in allen Kurven ausreichte. Budkowski erwiderte: "An der Box waren wir trotzdem im Zweifel. Es konnte sich einfach keiner vorstellen, dass die Strecke in einer Runde abtrocknet. Aber die Informationen unserer Fahrer waren so klar, dass nichts anderes in Frage kam."

Mercedes spricht von einer richtigen Entscheidung, die sich erst im Nachhinein als Fehler herausstellte. Nur so viel vorneweg. Hamilton wäre auch dann nicht in Führung geblieben, wenn er wie der Rest am Ende der Formationsrunde in die Boxengasse abgebogen wäre. Mercedes schätzt, dass es irgendetwas zwischen Platz 6 und 9 geworden wäre.

Ein Problem von Mercedes war die Lage der Box. Der Weltmeister hat gleich die erste Garage vor Red Bull, McLaren, Aston Martin, Alpine und Ferrari. Williams liegt ganz am Ende. Das ist für solche Situationen am günstigsten. Hamilton hätte zwar als Erster gestoppt, hätte aber mit der Ausfahrt warten müssen, bis die ganze Schlange hinter ihm vorbeigefahren wäre.

"Dann hätten wir nur die überholt, die einen langsamen Boxenstopp hatten, selbst bei der Ausfahrt aufgehalten worden wären oder auf den Teamkollegen hätten warten müssen. Das sind erfahrungsgemäß nur fünf oder sechs Leute", hieß es bei Mercedes.

George Russell - Williams - GP Ungarn 2021 - Budapest - Rennen
Wilhelm
Selbst wenn Hamilton auch an die Box abgebogen wäre, hätte er die Führung nicht verteidigen können.

Zu viel Risiko für Mercedes

Der Titelverteidiger wollte aus verschiedenen Gründen kein Risiko eingehen. Es war schon vor dem Re-Start klar, dass WM-Gegner Max Verstappen in einem schwer verwundeten Auto fahren musste. Mit diesem Geschenk im Rucksack geht man selbst lieber auf Nummer sicher.

Die Ingenieure hatten aber auch noch andere Bedenken: "Wir haben letztes Jahr bei einem ähnlichen Massenansturm an die Boxen gesehen, was passieren kann. Die Boxengasse ist nur fünf Meter breit, alle kommen gleichzeitig, du musst dein Auto so lange festhalten, bis du keinen behinderst. Williams bekam 2020 eine Strafe. Die Chance, dass du einen Frontflügel oder ein Vorderrad verlierst, ist riesig. Siehe Mazepin gegen Räikkönen."

Mercedes rechnete auch nicht mit so vielen Pokerspielern im Feld. "Wir dachten, dass die anderen ihre Strategie splitten würden und nur etwa 50 Prozent des Feldes an die Boxen kommen würde. Nach dem Re-Start sind alle auf Intermediates auf die Strecke gegangen. Das war ein Indiz dafür, dass alle auf der vorsichtigen Seite bleiben wollten. Außerdem gab es eine hohe Wahrscheinlichkeit für ein weiteres Safety-Car, von dem wir wieder profitiert hätten."

Lewis Hamilton - GP Ungarn 2021
xpb
Mercedes timte die letzten beiden Boxenstopps von Hamilton perfekt.

Red Bull verschenkt Punkte

Im Rest des Rennens machte der Kommandostand von Mercedes alles richtig. Hamilton tauschte in Runde 19 von Medium auf Hart. Er lag zu dem Zeitpunkt 2,2 Sekunden hinter Max Verstappen und 4,3 Sekunden hinter Daniel Ricciardo. Mit dem Undercut schnupfte der Weltmeister sowohl den Red Bull als auch den McLaren auf, obwohl beide eine Runde später konterten. Das Undercut-Fenster lag bei rund zwei Sekunden.

Hamilton spielte in die Karten, dass Verstappen und Ricciardo in stark beschädigten Autos saßen und auf ihren alten Reifen 3,5 Sekunden langsamer waren als der Champion auf frischen harten. Mercedes hatte sich nach dem Lapsus in der Formationsrunde bewusst auf ein Zweistopp-Rennen fokussiert. Man wartete relativ lange mit dem ersten der beiden Stopps, um die Gegner im Unklaren zu lassen, ob Hamilton noch einmal reinkommt oder nicht.

Die Reaktion von Red Bull mit Verstappen verwunderte, weil man sehen konnte, dass Ricciardo vor ihrer Nase in die Boxen abbog. Die Hoffnung, den McLaren-Piloten mit dem schnelleren Reifenwechsel zu schlagen, war ein bisschen zu vage. "Da musst du das Gegenteil von den anderen machen", hieß es bei der Konkurrenz.

So blieb Verstappen hinter seinem früheren Teamkollegen und brauchte bis zur 60.Runde, bis er den McLaren endlich geknackt hatte. Gemessen an seiner schnellsten Rundenzeit von 1.20,945 Minuten hätte er bei freier Fahrt auf jeden Fall noch Yuki Tsunoda, Nicholas Latifi und George Russell hinter sich lassen können. Das waren sechs verschenkte Punkte.

Wenigstens holte ihm Pierre Gasly noch einen Zähler für das Red Bull-Imperium zurück. Der Alpha Tauri-Pilot wurde in der Schlussphase mit Soft-Reifen darauf angesetzt, Hamilton die schnellste Runde abzujagen. Was er relativ locker mit vier Zehnteln Vorteil schaffte. 25 Sekunden Vorsprung auf Teamkollege Tsunoda schafften den Platz für einen zusätzlichen Boxenstopp.

Esteban Ocon - Alpine - GP Ungarn 2021 - Budapest
xpb
Vettel konnte den Undercut gegen Ocon lange Zeit nicht wagen, weil sich Fernando Alonso noch in seinem Boxenstopp-Fenster befand.

Alonsos hilft gegen Vettel und Hamilton

Während Hamilton im ersten Stint nur mühsam nach vorne kam, ging es auf den harten Reifen danach besser. Der Titelverteidiger flog an Mick Schumacher, Nicholas Latifi und Yuki Tsunoda vorbei, bis er sich hinter Carlos Sainz erst einmal wieder festfuhr. Beim dritten Boxenstopp 23 Runden vor Schluss verlor Hamilton dann nur noch eine Position. Der Rückstand auf Alonso betrug nach dem Wechsel zurück auf Medium-Reifen 14,3 Sekunden.

Eigentlich beruhigend, denn Alonsos harte Sohlen waren zu dem Zeitpunkt auch erst acht Runden alt. Doch Hamilton brauchte nur sieben Umläufe, um in den DRS-Bereich des Alpine zu kommen. Er machte im Schnitt zwei Sekunden pro Runde gut. Das Überhol-Delta lag bei 1,4 Sekunden.

Auf dem Papier also ein einfacher Fall. Doch Alonso machte sich für Hamilton extra breit. Der Mercedes-Pilot schaffte es erst zwölf Runden später an dem blauen Auto vorbei. Dazwischen lag ein Rad-and-Rad-Kampf auf höchstem Niveau. Hätte sich Alonso nicht eingangs der 65. Runde vor der ersten Kurve verbremst, wäre das Duell wohl noch länger gegangen.

Alpine setzte den Altmeister ganz bewusst als Schützenhilfe für Ocon ein. Alonso bestimmte das Timing des Boxenstopps von Verfolger Vettel. Die beiden Spitzenreiter lagen in der 35. Runde immer noch komfortabel vor der Gruppe mit Sainz, Hamilton, Tsunoda und Latifi, und ihre tiefen 1.23er Zeiten waren noch nicht alarmierend langsam. Aus der Sicht von Aston Martin lag aber dieser Alonso mit 15 Sekunden Rückstand im Boxenstopp-Fenster.

Ocon hielt ab der 30. Runde das Undercut-Fenster zu Vettel zwischen 2,0 und 2,6 Sekunden und wusste Alonso als treuen Helfer hinter sich. Der Spanier hätte seinen ehemaligen WM-Gegner notfalls so lange aufgehalten, dass Ocon genug Luft für einen Boxenstopp haben würde.

Auch die Angst vor einem Safety-Car fuhr immer noch mit. Ocon reichte es auch so. Er konterte direkt nach Vettel, weil der sich beim Reifenwechsel unsauber vor der Aston Martin-Box eingeparkt hatte und dadurch 1,1 Sekunden verlor.

Hamilton - Sainz - GP Ungarn 2021 - Budapest - Rennen
Wilhelm
Alonso hatte gehofft, dass ihm Sainz freiwillig DRS gibt, um die Angriffe von Hamilton gemeinsam abzuwehren. Doch das war dem Ferrari-Piloten zu riskant. So verloren am Ende beide die Position.

Sainz war der Verlierer der Boxenstopps

So wie Mercedes und Hamilton einem Sieg nachtrauerten, hatten auch Ferrari und Sainz allen Grund dazu. Sainz war der Verlierer der Boxenstopps nach der Formationsrunde. Der Spanier verlor zwei Plätze, weil Ferrari ihn wegen Verkehr in der Boxengasse zurückhalten musste. Sainz verlor 3,7 Sekunden auf Latifi und 2,0 Sekunden auf Tsunoda und hatte an der Boxenausfahrt beide vor der Nase.

Latifi kostete Sainz auch den Anschluss an das Führungsduo und trieb ihn am Ende des Rennens in die Hände von Hamilton. Alpine versuchte Ferrari dazu zu animieren, dass Sainz einen DRS-Zug hinter sich aufbaut, um Alonso gegen Hamilton zu schützen und sich selbst gegen beide. Doch Sainz hatte zu viel Respekt vor seinem Landsmann. Man darf Alonso keine Chance geben. Zum Schluss überholt er den Ferrari und nutzt Sainz dann als Geleitschutz gegen Hamilton.

Der Ferrari verlor im letzten Streckensektor zu viel Zeit und war deshalb auf der Zielgerade verwundbar. Deshalb ging Hamilton auch relativ mühelos an Sainz vorbei. Außerdem musste der Spanier Sprit sparen. Er war damit nicht allein. Der Hungaroring ist eigentlich keine Strecke, die viel Benzin kostet, doch die Teams hatten wohl wegen des Starts auf nasser Piste mit weniger Verbrauch kalkuliert und die Tankmenge zu knapp bemessen.

Auch George Russell und Sebastian Vettel bekamen Schwierigkeiten mit dem Verbrauch. Russell wurde angewiesen, gleich hinter der Ziellinie zu stoppen. Das hätte Aston Martin besser auch mit Vettel gemacht. Das Team dachte, man hätte ausreichend Sprit im Tank, doch was ist ausreichend? Die 1,7 Liter, die man berechnet haben will, sind es sicher nicht. Zumal die Förderpumpe schon in der letzten Runde auf Unterdruck lief. Das hätte die Techniker misstrauisch machen sollen. Egal wie der Fall ausgeht. Das war einfach zu viel Risiko.

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