Taktik-Check GP USA 2018

Mercedes-Gier kostet Platz 2

Lewis Hamilton - Formel 1 - GP USA - Austin - 2018 Foto: sutton-images.com 58 Bilder

Das hatten wir schon lange nicht mehr. Ferrari hat bei der Strategie alles richtig gemacht, und Mercedes stolperte über ein Puzzle von kleinen Fehlern. Einer davon war der, dass die Taktiker unbedingt das Rennen gewinnen wollten.

Es war ein komplizierter Grand Prix mit vielen Chancen Fehler zu machen. Den Teams blieb nach Dauerregen am Freitag nur eine Trainingssitzung, sich für das Rennen vorzubereiten. Das dritte Training fand bei 21 Grad Asphalttemperatur statt. Am Sonntag wurden 9 Grad mehr auf dem Streckenbelag gemessen. Und Pirelli hatte den Teams aus Angst vor Reifenschäden hinten 1,5 PSI mehr Luftdruck verordnet. „Wenn du aus nur sechs Runden Longrun im dritten Training Rückschlüsse auf eine Renndistanz von 56 Runden ziehen musst, können Fehler passieren“, hieß es bei Mercedes.

Das galt natürlich für alle. Doch diesmal hat Ferrari die besseren Schlüsse aus der eingeschränkten Datenflut gezogen. Kimi Räikkönen fuhr das fast perfekte Rennen. Er gewann den Start dank des Gripvorteils der Ultrasoft-Reifen gegen Lewis Hamilton, der auf Supersoft-Gummis unterwegs war. Und Räikkönen kam mit einem Stopp über die Renndistanz. Weil sein Ferrari trotz des hohen Tempos die Reifen besser in Schuss hielt als der Mercedes von Hamilton.

Sichtbares Zeichen waren Blasen auf den Hinterreifen des Silberpfeils. Und zwei Boxenstopps statt einem. „Es war auf Messers Schneide, ob ein oder zwei Stopps das schnellere Rennen bringen würden. Uns war nur klar, dass ein Stopp sehr schwierig werden würde“, erzählten die Mercedes-Strategen. Unmöglich war das Einstopp-Rennen auch für Mercedes nicht. Valtteri Bottas zeigte es. Er war über 56 Runden allerdings auch 22 Sekunden langsamer als sein Teamkollege.

Mehr Luftdruck, weniger Überholmanöver

Die VSC-Phase in den Runden 11 und 12 stellte die Strategen vor eine erste Probe. Die Verlockung dabei: Ein Boxenstopp bei verlangsamten Tempo sparte in Austin 9,5 Sekunden im Vergleich zu einem Reifenwechsel bei Renntempo. Die Gefahr: Wer so früh stoppt, verpflichtete sich automatisch auf ein Zweistopprennen.

Es war nicht anzunehmen, dass die Soft-Reifen mit den erhöhten Drücken 45 Runden ohne Blasenbildung überstehen würden. Das wusste man auch bei Mercedes. „Unsere Rechnung war, dass man mindestens bis Runde 20 kommen musste, um ein Einstopp-Rennen zu wagen.“

Trotzdem bog Hamilton in die Boxengasse ab. „Wir wollten mit Lewis das Gegenteil von Kimi tun. Wäre er an die Box gekommen, wären wir draußen geblieben“, so die Strategen. Der Entscheidung lagen zwei Umstände zu Grunde. Räikkönen konnte auf den Ultrasoft-Reifen länger schnelle Runden fahren als gedacht. Und Mercedes sah wenig Chancen, den Ferrari auf der Strecke zu überholen. Die Silberpfeile litten im Verkehr.

Kimi Räikkönen - GP USA 2018 Räikkönen beendet Durststrecke Erste Pirelli-Kappe für die Kids

Das hatte mit den erhöhten Luftdrücken der Hinterreifen zu tun. Um das Auto auszubalancieren, musste der Frontflügel flacher gestellt oder die Bodenfreiheit vorne durch entsprechend mehr Luftdruck in den Vorderreifen erhöht werden. Die Autos waren somit anfälliger in den Turbulenzen.

Hamilton erzählte hinterher, dass er die schlechte Luft schon ab einem Rückstand von 5 Sekunden gespürt hatte. Dass davon nicht nur Mercedes betroffen war, zeigt die relativ geringe Zahl von 29 Überholmanövern, und dazu steuerte die Aufholjagd von Sebastian Vettel allein 10 Positionswechsel bei. Vor einem Jahr wurde in Austin 44 Mal überholt.

Für Hamilton war das Risiko eines frühen Boxenstopps relativ gering. Er fiel nur hinter seinen Teamkollegen Valtteri Bottas, der ihn ohne Zeitverlust gleich wieder passieren ließ. „Wir waren damit in der gleichen Position im Rennen wie vorher, nur mit frischeren Reifen.“ Doch Hamilton musste jetzt einen Rückstand von 8,2 Sekunden auf Räikkönen aufholen. Trotz des Boxenstopps war der Engländer noch im gleichen Rennen wie der spätere Sieger. Ferrari informierte Räikkönen umgehend, dass auch Hamilton noch einen weiteren Boxenstopp brauchen würde.

Drei Runden lang fuhr Räikkönen für Vettel

In Runde 19 lief Hamilton auf Räikkönen auf. In den nächsten drei Runden musste der Finne Arbeit für Sebastian Vettel verrichten, der nach seinem Dreher weit ins Feld zurückgefallen war und nur mühsam nach vorne kam. In der 19. Runde trennten Vettel noch 16,9 Sekunden von der Spitze. Für Ferrari ging es zunächst einmal nur darum, andere Autos vor Hamilton zu bringen, um dem Engländer Punkte wegzunehmen. Räikkönen erfüllte die Aufgabe brillant.

Als Räikkönen mit Hamilton im Rückspiegel in Runde 21 an die Boxen abbog, war Max Verstappens Rückstand auf die Spitzenreiter von 8,1 auf 3,8 Sekunden geschrumpft, der von Vettel von 16,9 auf 12,6 Sekunden. Das Timing von Räikkönens Boxenstopp war richtig gewählt. Jede weitere Runde länger auf der Strecke hätte auch ihn zu viel Zeit gekostet.

Ferrari war längst klar, dass ihr alter Mann auf Sieg fahren musste. Vettel lag zu weit zurück. Mit 10 Runden frischeren Soft-Reifen hatte Räikkönen kein Problem, das Tempo von Hamilton zu halten, ohne selbst die Reifen zu stark zu strapazieren. Er musste sie ja noch über 35 lange Runden bringen. Hamilton dagegen musste angasen, ein Delta von 20 Sekunden schaffen, um nach einem zweiten Stopp vor Räikkönen zu bleiben.

Fotos GP USA - Sonntag
High-Noon im Wilden Westen

Mercedes stellte schnell fest, dass dieser Plan nicht aufgehen würde. In Runde 30 geriet Hamilton in die Turbulenzen des Toro Rosso von Brendon Hartley. Die Rundenzeiten kletterten sofort auf über 1.40 Minuten. Der Mercedes begann immer mehr rutschen, die Hinterreifen wurden immer heißer und die Blasen auf der Lauffläche immer größer.

Hamiltons Gegner war jetzt Max Verstappen. Doch damit rechnete am Mercedes-Kommandostand keiner, weil sich niemand vorstellen konnte, dass Verstappen mit Supersoft-Reifen 34 Runden überstehen würde. Nicht einmal Red Bull selbst. „Wir haben mit einem weiteren Stopp gerechnet“, gab Teamchef Christian Horner zu. Man hatte unterschätzt, dass der Supersoft-Reifen wegen seines höheren Verschleißes weniger zur Blasenbildung neigt. Weniger Gummi, weniger Hitze in der Lauffläche.

Mit Stopp in Runde 32 auf Platz 2

So knobelte Mercedes immer noch an einer Taktik herum, wie man Räikkönen vielleicht doch noch von der Spitze verdrängen könnte. Alles drehte sich jetzt um den Zeitpunkt des zweiten Boxenstopps. Und hier unterlief Mercedes der entscheidende Fehler. Zumindest mit Blickrichtung maximale Punkteausbeute.

Hamilton und Bottas hätten Zweiter und Vierter werden können. Sie wurden Dritter und Fünfter. „Weil wir das Rennen unbedingt gewinnen wollten. Wir waren zu gierig“, gaben die Männer am Kommandostand zu. Im Rückblick kam Bottas eine Runde und Hamilton fünf Runden zu spät zu ihrem letzten Stopp in die Box. Und beide Male profitierte Verstappen davon.

Wäre Hamilton vor Runde 32 zum zweiten Reifenwechsel an die Box gekommen, wäre er vor Verstappen wieder ins Rennen gegangen. Doch das war Mercedes zu früh. Man wollte Hamilton mit möglichst frischen Soft-Reifen in die entscheidende Schlacht gegen Räikkönen schicken. Supersoft war keine Alternative. Mercedes hatte nur noch gebrauchte Garnituren im Lager.

Bottas & Hamilton - Formel 1 - GP USA - Austin - 2018 Mercedes sucht den Fehler Auto nicht richtig ausbalanciert

Die Ingenieure rechneten vor: „Bei einem Boxenstopp in Runde 32 wären wir bestenfalls Zweiter hinter Kimi geworden. Wir wollten aber mehr.“ Als Hamilton schließlich in Runde 37 seinen dritten Reifensatz abholte, da war der Vorsprung auf Räikkönen, Verstappen und Bottas so weit geschrumpft, dass der angehende Weltmeister sich nur auf Platz 4 ins Feld einreihte. Jetzt musste er 12,1 Sekunden auf Räikkönen gutmachen.

Auch die zweite Aufholjagd forderte ihren Tribut. Als Hamilton die beiden Gegner an der Spitze einholte, waren seine Reifen in keinem viel besseren Zustand als die von Räikkönen und Verstappen. Bei Mercedes ist man überzeugt: „Wären Räikkönen und Verstappen weiter auseinander gelegen, hätten wir noch beide geholt. So aber hatte auch Verstappen DRS, und Lewis musste die Turbulenzen von zwei Autos schlucken.“

Dazu kam, dass die Mercedes ihre Reifen generell schneller verschlissen als die Konkurrenz. Ob es am falschen Setup lag oder daran, dass die Radlasten aufgrund eines Gewichtsdeltas zwischen links und rechts nicht gleich balanciert waren, muss noch eine Analyse klären.

Es gab nur eine Chance, als sich Verstappen in Runde 54 am Ende der Geraden verbremste. Der Holländer wehrte den Angriff von Hamilton über acht Kurven mit seiner üblichen Härte und Schlitzohrigkeit ab. Hamilton ging allerdings auch kein übermäßiges Risiko ein. Er kennt seinen Gegner, weiß, dass der nie nachgibt und dass ihm die WM-Träume von Hamilton und Vettel herzlich egal sind. Der Titelverteidiger bewies einmal mehr Rennintelligenz: „Du verschenkst einen WM-Titel nicht durch dumme Manöver. Wäre ich direkt mit Vettel im Clinch gelegen, hätte ich mehr riskiert.“

Renault hatte das viertschnellste Auto

Das Rennen in der zweiten Hälfte des Feldes war bestimmt durch mehrere Kollisionen in der ersten Runde. Romain Grosjean, Charles Leclerc, Fernando Alonso und Lance Stroll eliminierten sich gegenseitig und hinterließen so viele Trümmer auf der Strecke, dass viele ihrer Kollegen mit Blessuren an ihren Unterböden das Rennen fahren mussten. Dazu zählten Lewis Hamilton, Pierre Gasly, Sergey Sirotkin und Stoffel Vandoorne.

Die beiden Renault kamen unbeschädigt und auf den Spitzenpositionen im Mittelfeld durch die erste Runde. Das war der Schlüssel zu 14 Punkten, die dem französischen Werksteam möglicherweise den Weg zu Platz 4 in der Konstrukteurs-WM geebnet haben. Renault hat aber nicht nur von einer perfekten ersten Runde profitiert. Die gelben Autos hatten auch später den nötigen Speed.

Sebastian Vettel - Formel 1 - GP USA - Austin - 2018 Foto: Wilhelm
In den S-Kurven wurden in der Startrunde jede Menge Trümmer verteilt.

Hülkenberg lag in Runde 20 bereits 9 Sekunden vor den beiden Force India und Kevin Magnussen im HaasF1. Als Esteban Ocon in Runde 22 seine Ultrasoft-Reifen gegen Soft-Gummis eintauschte, folgten ihm die Renault-Piloten jeweils eine Runde später. An einen Undercut war gar nicht zu denken. Nicht einmal gegen Carlos Sainz, der noch eine Fünfsekunden-Strafe absitzen musste.

Force India dagegen wartete mit dem Boxenstopp von Sergio Perez zu lange. Der Mexikaner kam drei Runden nach Ocon an die Box, verlor wieder einmal 1,5 Sekunden beim Reifenwechsel und fiel mitten in den Verkehr. Sirotkin, Vandoorne und Gasly kosteten Perez so viel Zeit, dass Magnussen profitierte. Der HaasF1-Pilot hatte noch einmal fünf Runden länger gewartet, um seine Supersoft-Reifen loszuwerden.

Nach dem Rennen gab es Punkte frei Haus. Ocon und Magnussen flogen aus der Wertung. Der eine wegen Überschreitens der Durchflussmenge von 100 kg/Stunde zwischen Kurve 9 und Kurve 14 in der Startrunde, der andere, weil er mehr als die erlaubten 105 Kilogramm Kraftstoff verbrannt hatte. In beiden Fällen liegt der Fehler zu einem großen Teil beim Team und zu einem kleinen beim Fahrer.

Ocon hatte vergessen, rechtzeitig vom Start- in den Rennmodus zu schalten, Magnussen hätte an seinem Display ablesen können, dass er im Minus ist. Selbst, wenn er deshalb Perez hätte passieren lassen müssen, wäre er noch mit einem Punkt belohnt worden. Brendon Hartley auf Platz 11 lag zu weit zurück.

Neues Heft
Top Aktuell Hamilton & Bottas - GP Russland 2018 F1-Tagebuch GP Russland Wieder ein Pokal an Mercedes
Beliebte Artikel Bottas & Hamilton - Formel 1 - GP USA - Austin - 2018 Mercedes sucht den Fehler Auto nicht richtig ausbalanciert Hamilton vs. Räikkönen - Formel 1 - GP USA - Austin - 2018 Rennanalyse GP USA Mercedes-Poker geht nicht auf
Anzeige
Sportwagen Jaguar Land Rover Fahrdynamik Advertorial Auf Knopfdruck: Sport Mehr Fahrspaß durch Technik Porsche 911 (992) Cabrio Erlkönig Erlkönig Porsche 911 Cabrio (992) Offener Elfer startet 2019
Allrad Toyota RAV 4 2018 New York Sitzrobe Toyota RAV4 (2018) SUV-Neuauflage ab 29.990 Euro Porsche Macan, Facelift 2019 Porsche Macan (2019) Facelift Scharfes Heck, starke Motoren
Oldtimer & Youngtimer Porsche 911 (996) Carrera Coupe Porsche 911 (996) Kaufberatung Probleme des Schnäppchen-Elfer Aston Martin Heritage EV Concept Aston Martin Heritage EV Concept Elektroantrieb für Klassiker