Taktik-Check GP Abu Dhabi 2018

VSC-Stopp schenkt Hamilton 6 Sekunden

Lewis Hamilton - GP Abu Dhabi 2018 Foto: sutton-images.com 57 Bilder

Mercedes riskierte mit Lewis Hamilton in Abu Dhabi eine alternative Strategie. Man kann nicht sagen, dass der frühe Stopp in der VSC-Phase das Rennen gewonnen hat. Er hat es aber auch nicht verloren. Der Taktik-Check.

Manchmal hilft ein Blick in die Vergangenheit. Erinnern Sie sich noch an den zweiten Grand Prix in Abu Dhabi im Jahr 2010, als Sebastian Vettel zum ersten Mal Weltmeister wurde? Da löste ein Unfall zwischen Michael Schumacher und Vitantonio Liuzzi in der Startrunde eine Safety-Car-Phase aus. Sechs Fahrer haben sofort gestoppt und dann auf den harten Reifen problemlos den Rest des Rennens abgespult. Für Nico Rosberg, Vitaly Petrov und Jaime Alguersuari zahlte sich der Coup aus. Sie wurden Vierter, Sechster und Neunter.

Die Erfahrung lehrte auch spätere Generationen, dass man in Abu Dhabi mit den härteren Mischungen eine ganze Renndistanz zurücklegen kann. Das deutete sich auch schon bei den Longruns am Freitag an. Der Supersoft-Reifen war ein Dauerbrenner. Er stand locker 55 Runden durch. Er hatte für Asphalttemperaturen zwischen 32 und 35 Grad den günstigeren Arbeitsbereich, und er fühlte sich für die Fahrer in den Kurven vom Seitenhalt her stabiler an. Deshalb wechselte im zweiten Stint auch kein Mensch auf Ultrasoft.

Es gab bei der zehnten Ausgabe des GP Abu Dhabi zwei Chancen zu einem frühen Boxenstopp. Das Safety-Car in der ersten Runde nach der Kollision zwischen Nico Hülkenberg und Romain Grosjean. Und das virtuelle Safety-Car, als Kimi Räikkönen in der 7. Runde auf der Zielgerade ausgerollt war.

Nur drei Fahrer nahmen VSC-Geschenk an

Das erste Geschenk nahm keiner an. Die Mercedes-Strategen wunderten sich. „Für die Fahrer am Ende des Feldes hätte es sich gelohnt. Für uns noch nicht. Wir brauchten für den Boxenstopp ein Feld, das schon ein bisschen auseinandergerissen war.“ Die Fahrer von Mercedes, Ferrari und Red Bull wären sonst zu tief ins Feld gefallen. Sauber-Teammanager Beat Zehnder zweifelt: „Mit den Supersoft-Reifen das ganze Rennen durchfahren, das wäre für uns schon am Limit gewesen.“

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Doch dann gab es noch diese zweite Chance. Die VSC-Phase schenkte denen, die in der 7. Runde stoppten, zwischen sechs und elf Sekunden Rennzeit. Die Expertenmeinungen gehen da stark auseinander. Nur drei Fahrer aber kamen an die Box. Lewis Hamilton, Charles Leclerc und Romain Grosjean. Hamilton fiel auf Platz 5, Leclerc auf Rang 14 und Grosjean an die 18. Stelle zurück.

Es unterstreicht ein weiteres Mal das Armutszeugnis der Formel 1, dass drei schnelle Runden nach dem Safety-Car ausreichten, dass Hamilton nur auf Platz 5 zurückfiel. Für Hamilton sollte sich der frühe Stopp lohnen. Er feierte seinen 11. Saisonsieg. Der Weltmeister hätte aber vermutlich auch mit der Hausfrauentaktik gewonnen. Sein Mercedes hatte den Speed. „Lewis hat sein Tempo kontrolliert“, stellte auch Vettel fest.

Doch die Mercedes-Strategen schränkten ein: „Wenn wir nicht gestoppt hätten und einer unserer direkten Konkurrenten doch, hätten wir verlieren können.“ Deshalb staunte man am Mercedes-Kommandostand nicht schlecht, dass keines der Top-Teams dem Beispiel folgte. Bei nur zwei Nachahmern kamen sogar Zweifel auf. „Das sind die Momente, wo du dich fragst, ob du vielleicht nicht doch falsch liegst.“

Vettel verliert beim Boxenstopp 1,2 Sekunden

Hätte sich der Reifenwechsel unter der VSC-Phase auch für Sebastian Vettel, Max Verstappen und Daniel Ricciardo gelohnt? Vettel hätte er sicher nicht geschadet. Doch Ferrari traute sich und den Reifen nach Problemen bei der Rennsimulation am Freitag nichts zu. Deshalb wollte man mindestens bis Runde 15 kommen.

Vettel hatte vor Hamiltons Boxenstopp einen Rückstand von 4,1 Sekunden auf den Mercedes-Piloten, danach einen Vorsprung von 7,1 Sekunden. Als der Vize-Weltmeister in der 15. Runde an die Box ging, betrug sein Vorteil gegenüber seinem Widersacher immer noch 6,6 Sekunden. Hamilton konnte in der Zeit kaum Boden gutmachen, weil er hinter Verstappen festhing.

Sebastian Vettel - Formel 1 - GP Abu Dhabi 2018 Foto: Ferrari
Ferrari traute den Reifen nach Problemen am Trainingsfreitag wenig zu.

Jetzt kommt aber der VSC-Vorteil ins Spiel. Nach seinem Reifenwechsel fehlten Vettel plötzlich 15,4 Sekunden auf Hamilton. Er hat also gegenüber dem frühen Boxenstopp unter VSC über 11 Sekunden hergeschenkt, die er später im Rennen gut hätte gebrauchen können. Vielleicht wäre alles anders gelaufen, wenn Vettel beim Boxenstopp nicht 3,7 Sekunden hätte liegenlassen. Mercedes zog mit Valtteri Bottas eine Runde später nach und fertigte den Finnen in 2,5 Sekunden ab. So konnte Ferraris geplanter Undercut nicht funktionieren und Vettel blieb hinter Bottas stecken.

Bottas schon wieder Manndecker für Hamilton

Die 18 Runden hinter dem zweiten Mercedes haben Vettel viel Zeit gekostet. Kaum war er vorbei, fuhr er eine knappe Sekunde pro Runde schneller. Mercedes machte kein Geheimnis daraus, dass man Bottas erneut als Manndecker für Hamilton eingesetzt hat.

Bei drei Sekunden Differenz zwischen den beiden Mercedes-Piloten hätte man auch einen Doppelstopp unter VSC riskieren können. „Das hätte aber aus unserer Sicht wenig Sinn gemacht. Er wäre weiter ins Feld gefallen als Lewis, und wir hätten keine zweite Karte spielen können. So konnten wir das Rennen kontrollieren und Valtteri an die Box holen, wann immer es für uns gut war.“

Red Bull ging von den Startplätzen 5 und 6 mit der Brasilien-Taktik ins Rennen. Lang fahren, dann den Vorteil der frischeren Reifen nutzen. Davon wich man auch nicht ab, als das VSC-Signal zum Boxenstopp einlud. Zu dem Zeitpunkt lagen Ricciardo und Verstappen noch hinter Leclerc. Sie hätten sich nach dem Boxenstopp also auch wieder hinter dem Sauber im Feld eingereiht. Ricciardo auf Rang 15, Verstappen an letzter Stelle hinter Romain Grosjean. Das klang wenig verlockend.

Verstappen vs. Hamilton - GP Abu Dhabi 2018 Foto: sutton-images.com
Max Verstappen wehrte sich nach Hamiltons Stopp gegen den Weltmeister.

Red Bull hoffte, dass die langsame Anfangsphase Verstappen vielleicht doch noch einen Joker in die Hand spielen würde. Der Holländer konnte den Hypersoft-Vorteil in der ersten Runde nicht ausspielen, weil die Leistung des Motors wegen zu hohem Wasserdruck heruntergeregelt wurde.

Doch ab der 9. Runde mit gesundem Motor spielte der weiche Gummi Verstappen mehr Grip in die Hand. Das hielt aber nur bis Runde 13 an. Dann war Ricciardo auf seinen Ultrasoft-Reifen wieder schneller, und weil der Australier in seinem letzten Rennen für Red Bull nie Platz für den Teamkollegen gemacht hätte, holte man Verstappen in der 17. Runde an die Box.

Ricciardo wurde Schritt für Schritt an die Spitze gespült. Dort durfte er auch 17 Runden lang bleiben. Das lange Warten machte aus zwei Gründen Sinn. Die Lücke zu Carlos Sainz auf Platz 7 war groß genug. Red Bull spekulierte auf ein Safety-Car oder noch besser auf den drohenden Regen. Der hätte Ricciardo einen Boxenstopp geschenkt. Wenn alle Fahrer auf Intermediates hätten wechseln müssen, wäre Ricciardo in Führung geblieben. Tatsächlich hat es nur ein paar Runden lang an vereinzelten Stellen der Strecke genieselt.

Sainz macht mit spätem Stopp Plätze gut

Der leichte Regen wurde für Ricciardo eher zum Problem. Nachdem er auf trockener Strecke mit seinen abgefahrenen Ultrasoft-Sohlen Hamilton sogar davongefahren war, schrumpfte der Vorsprung in der Regenphase von 6,9 auf 2,8 Sekunden.

Red Bull ließ durchblicken, dass Ricciardo vielleicht nicht der beste Nassfahrer ist, doch da tut man dem Australier unrecht. Bei feuchten Bedingungen bremst den Fahrer nichts mehr als eine dünne Gummiauflage. Dadurch kühlt sich der Reifen auf den feuchten Stellen schneller aus. Man hat das gleiche Phänomen im Vergleich Charles Leclerc gegen Fernando Alonso gesehen. Leclerc kam 19 Runden lang nicht an Alonso vorbei. Kaum setzte der Regen ein, war es soweit. Alonso rutschte auf seinen abgefahrenen Ultrasoft-Reifen mehr herum als Leclerc.

Charles Leclerc - Sauber - Formel 1 - GP Abu Dhabi  -24. November 2018 Starker Sauber-Schlussspurt Nur Renault war besser

Stichwort Sauber: Die Schweizer rätselten am Ende des Rennens immer noch, ob sich für sie das Experiment des frühen Boxenstopps unter VSC gelohnt hat. „Wir müssten das Rennen noch einmal mit einem späten Stopp fahren, um den Unterschied zu sehen“, meinte Teammanager Zehnder. Leclerc steckte zunächst lange auf Platz 14 hinter Alonso fest. Der Monegasse hatte sich die Vorderreifen bei zwei Überholmanövern gleich nach dem Boxenstopp ruiniert. Es dauerte ewig, bis die Temperaturen wieder im Fenster waren.

Genau in der Zeit machte Carlos Sainz die entscheidende Zeit gut. Der Renault-Pilot hatte immer freie Fahrt. Als der Spanier in Runde 37 zum Boxenstopp abbog, da hatte er ein Polster von 23,5 Sekunden auf Leclerc. Genug, um vorne zu bleiben. Unter dem Strich war der Renault auf dieser Strecke wohl auch das schnellere Auto.

Bei Romain Grosjean war der VSC-Stopp schon grenzwertig. Der Franzose steckte bis zur 32. Runde im Verkehr fest. Das kostete die entscheidende Zeit auf die beiden Force India. Ocon lag zum Zeitpunkt der VSC-Phase hinter Grosjean. Deshalb entschied der Force India-Kommandostand, den Franzosen auf der Strecke zu lassen. Das ersparte Ocon elf Runden lang Fahren im Verkehr.

Für Sergio Perez kam ein früher Wechsel sowieso nicht in Frage. Der Mexikaner war auf Ultrasoft-Reifen losgefahren mit dem Ziel länger auf der Strecke zu bleiben als die Hypersoft-Konkurrenz. „Wir hätten unseren Plan aufgegeben, wenn wir Sergio früh hätten stoppen lassen“, erklärte Einsatzleiter Tom McCullough.

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