Hamilton - Vettel - Verstappen - GP Australien 2019 - Melbourne Motorsport Images

Taktikcheck GP Australien

Ferrari-Fehler lockt Mercedes in die Falle

Sebastian Vettels früher Boxenstopp war eine Verzweiflungstat. Und ein Fehler. Mercedes ließ sich mit Lewis Hamilton in die Falle locken, was auch ein Fehler war. Das schenkte Max Verstappen den dritten Platz und ebnete Valtteri Bottas den Weg zu einem leichten Sieg.

Ferrari stand unter Druck. Nach der deutlichen Trainingsniederlage hoffte man, dass sich das Bild wenigstens im Rennen drehen würde. So wie 2017. Doch Ferrari war auch am Sonntag zu langsam. Sebastian Vettel verlor in den ersten 13 Runden im Schnitt 0,573 Sekunden pro Runde auf Valtteri Bottas und 0,293 Sekunden pro Umlauf auf Lewis Hamilton. Als sich Ferrari in Runde 14 für einen Boxenstopp entschied, war das ein Akt der Verzweiflung. Vettels Rundenzeiten waren stabil. Es gab noch kein Anzeichen für einen Abbau der Reifen. Seine 13. Runde war seine bislang schnellste im Rennen, vier Zehntel besser als zuvor.

Ferrari wollte mit seinem frühen Reifenwechsel einfach nur Mercedes aus der Reserve locken. Für einen Undercut war der Rückstand eigentlich schon zu groß. 3,8 Sekunden holt man auch mit frischen Reifen nicht in einer Runde auf. Der Stopp in Runde 14 macht noch aus einem zweiten Grund wenig Sinn. Keiner hatte genug Erfahrung mit den Reifen, wie die sich bei Asphalttemperaturen von 43 Grad im Dauerlauf verhalten würden. Zu dem Zeitpunkt konnte keiner die Frage beantworten: Ist der frische Medium-Reifen schneller als der gebrauchte Soft-Gummi? Und wenn ja, um wie viel?

Man hätte sich aber eine Referenz verschaffen können. Kimi Räikkönen kam schon in Runde 12 an die Box, weil die Bremstemperaturen hinten in den roten Bereich gestiegen waren. Ferrari hätte also locker zwei, drei Runden abwarten können, um am Beispiel des Alfa-Sauber zu beobachten, wie er mit neuen C3-Reifen gegen die direkte Konkurrenz dasteht, die mit ihrem ersten Reifensatz weitergefahren sind. Man hätte dabei erkannt, dass der Zauber des Gripvorteils schnell verschwunden war. Nach drei Runden fuhren Lance Stroll und Daniil Kvyat schneller als ihre Kollegen mit frischen Reifen. Das hätte auch für die Spitze ein Fingerzeig sein können.

Vettel und Hamilton: angezogene Handbremse

Mercedes reagierte mit Lewis Hamilton gleich in der Runde nach Vettels Boxenstopp. Im Rückblick ein Fehler, geben die Mercedes-Strategen zu. „Wir hätten ein paar Runden länger warten und die Situation neu bewerten können. Aber da Vettel loslegte wie die Feuerwehr, wollten wir kein Risiko eingehen. Wir wussten nicht, wie sich der Reifen am Ferrari entwickeln würde. Es bestand die Gefahr, dass Vettel mit mehr Hitze im Reifen weiter zulegen würde, und wir wollten uns nicht in eine Situation bringen, wo wir plötzlich eine Sekunde pro Runde auf ihn verlieren.“

Valtteri Bottas - GP Australien 2019
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Die frühen Boxenstopps von Vettel und Hamilton verzerrten das wahre Bild des Rennens. Bei Vettel war der Zauber nach fünf Runden vorbei. Dann begann sich die Balance zu verschieben, die Reifen ließen stark nach. „Er ist den Stint zu aggressiv angegangen“, stellte man bei Mercedes fest. Hamilton ging es nicht viel besser. Beide fuhren ein Rennen mit ungewissen Ausgang. Da sie nicht wussten, ob ihre Reifen bis zum Ende halten würden, nahmen sie früh Tempo aus ihrer Fahrt. Das erklärt den großen Rückstand von Hamilton auf Teamkollege Valtteri Bottas, der in Runde 23 zum optimalen Zeitpunkt die Reifen wechselte. Und das erklärt auch, warum Vettel gegen den Angriff von Max Verstappen wehrlos war. Der Ferrari-Pilot fuhr da längst im Reifenschon-Modus.

Verstappen wartet bei Hamilton ab

Hinterher ist man immer schlauer. Die Taktik von Charles Leclerc mit dem Stopp in Runde 28 ermöglichte Ferrari das schnellere Rennen. Leclerc schnupfte mit den harten C2-Reifen innerhalb von 20 Runden einen Rückstand von 10,1 Sekunden auf seinen Teamkollegen auf. Der Ferrari war auf Pirellis härtester Gummimischung wie verwandelt. Die Order, Positionen zu halten, ist verständlich. Ferrari wollte Vettel nicht dafür bestrafen, dass man ihm die riskantere und im Rückblick schlechtere Taktik aufs Auge drückte.

Red Bull ließ Max Verstappen bis Runde 25 auf der Strecke. Der Kommandostand erkannte schnell, dass nach hinten keine Gefahr drohte und Verstappen an Hamilton und Vettel nur mit einer klugen Taktik vorbei kommen würde. Red Bull spielte zwei Karten. In der ersten versuchte Verstappen so viel Vorsprung herauszufahren, dass er vor seinen beiden Gegnern wieder auf die Strecke gehen würde. In Runde 21 sah es kurz danach so aus, als könnte Plan A gelingen. Verstappen lag mit leicht steigender Tendenz 18,521 Sekunden vor Hamilton und 20,419 Sekunden vor Vettel. Bei 21,5 Sekunden Abstand drohte Mercedes und Ferrari Gefahr.

Als die Lücke wieder schrumpfte, packte Red Bull Plan B aus. Warten bis Runde 25, um dann mit den mittleren C3-Reifen zur Attacke zu blasen. Sie waren 10 respektive 11 Runden frischer als die von Vettel und Hamilton. In der 31. Runde waren Vettels Hinterreifen bereits so verschlissen, dass er am Kurvenausgang gegen den Red Bull kein Land mehr sah. Verstappen ging ohne großes Drama vorbei. Mit Hamilton hätte er es gleich im Anschluss probieren müssen. Je weiter das Rennen fortschritt, umso mehr traute sich der Engländer wieder seine Reifen zu belasten.

Giovinazzi als taktischer Bremsklotz

Im Verfolgerfeld wiederholte sich das Spiel, das an der Spitze von Vettel ausgelöst wurde, eine Liga darunter von Kimi Räikkönens. Der Reifenwechsel des Finnen in der 12. Runde löste einen Massenansturm an die Boxen aus. Dabei war Räikkönen nicht einmal in Not mit seinen Reifen. Er hatte ein Abreißvisier aus dem Cockpit geworfen, dass sich dummerweise in einem der hinteren Bremsbelüftungsschächte verfing und die Bremstemperatur in die Höhe schnellen ließ. Die Konkurrenz ahnte nichts davon und ging von einem taktisch motivierten Reifenwechsel aus.

In den nächsten drei Runden erschienen auch Nico Hülkenberg, Sergio Perez, Kevin Magnussen, Alexander Albon, Romain Grosjean und Lando Norris an der Box. Für HaasF1 wurde der doppelte Boxenstopp zum Verhängnis. Bei Grosjean verkantete die Radmutter, wurde wieder gelöst und ein zweites Mal auf die Radnabe gehämmert. Das war zu viel. 14 Runden später brach die Radmutter.

Romain Grosjean - Haas - GP Australien 2019
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Alle Räikkönen-Opfer landeten hinter dem zweiten Alfa-Sauber von Antonio Giovinazzi. Und der wurde bewusst als Bremsklotz eingesetzt. Der Italiener hielt Magnussen so lange in Schach, bis Hülkenberg und Räikkönen auf den Haas aufgeschlossen hatten. Dann ließ er die drei schnell vorbei. Teamkollege Räikkönen sollte ja nicht zu viel Zeit verlieren. Kaum war der Sauber mit der Nummer 7 vorbei, machte Giovinazzi wieder dicht. Norris, Grosjean, Albon und Perez holten sich bis Runde 25 eine blutige Nase. Alle flogen aus den Punkterängen.

Lance Stroll, Daniil Kvyat und Pierre Gasly waren noch immer auf ihrem ersten Reifensatz unterwegs und konnten unbedrängt schnelle Runden drehen. Das gab ihnen ab Runde 26 das Boxenstoppfenster, um vor der Gruppe mit Straßensperre Giovinazzi wieder auf die Strecke zu kommen. Hülkenberg und Magnussen hätte das gleiche passieren können. Sie hatten das Glück, dass Räikkönen in ihrer Gruppe war. Und der durfte natürlich nicht aufgehalten werden.

Doppelstopp für Ferrari?

Eigentlich war das Rennen mit dem letzten Boxenstopp von Pierre Gasly gelaufen. Wenn da nicht der Extra-Punkt für die schnellste Rennrunde gewesen wäre. Der trieb die Fahrer mehr um als die Ingenieure. Bottas machte seinem Renningenieur mehrmals klar, dass er diesen Zusatz-Punkt unter allen Umständen wollte. Max Verstappen bot mit. Der Holländer hatte aber schlechtere Voraussetzungen. Er befand sich noch im Duell mit Hamilton. Das hätte ihm drei Punkte extra bringen können. Bottas konnte in den Runden 55 und 56 in aller Ruhe die Batterien seines Mercedes aufladen, dann auf den Power-Modus schalten und eine Zeit auf den Asphalt nageln, die unschlagbar war. Wenigstens mit alten Reifen.

Die Ingenieure am Mercedes-Kommandostand schwitzten Blut und Wasser. Sie denken nicht wie Rennfahrer. Ihr Job ist es, die Autos in möglichst guter Position sicher ins Ziel zu navigieren. Den einen Punkt gibt es nicht umsonst, warnen die Strategen: „Du verbrauchst mit jedem Versuch einen Motor-Zyklus in hohem Power-Modus. Und du riskierst auf der Strecke. Wenn die schnellste Runde zwischen mehreren Fahrern hin und herfliegt, erhöht sich dieses Risiko.“

Ferrari hatte das Polster nach hinten, einen extra Boxenstopp für frische Reifen einzulegen. Mit dem Problem, dass es keine frischen Soft-Gummis mehr gab, nur noch gebrauchte. Man wird das wohl in Zukunft in die Reifen-Logistik mit einbeziehen. Ein Versuch bei Ferrari wäre es dennoch wert gewesen, meinen Experten, und so hätte er ausgesehen. Um nicht in Konflikt mit der Stallorder zu geraten, hätte man Leclerc zuerst einbremsen und dann an die Box holen müssen. Danach wäre Vettel an der Reihe gewesen. So hätten beide eine faire Chance gehabt, sich die schnellste Runde zu holen, ohne sich gegenseitig in die Haare zu kriegen. Teamchef Mattia Binotto winkte ab: „Zu viel Risiko. An schlechten Tagen musst du deine zwei Autos wenigstens sicher ins Ziel bringen.“

GP Australien 2019: Das Rennen in Bildern

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