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Der tiefe Fall von Williams

Reicht die große Evolution für 2020?

Die besten Tage liegen lange hinter Williams. Der Traditionsrennstall ist tief gefallen. In Grove wurde deshalb umstrukturiert. 2020 will Williams zumindest wieder den Kontakt zum Mittelfeld herstellen.

Es war ein Jahr der Tiefschläge für Williams. Und ein peinliches obendrein. Die Liste der Unpässlichkeiten schmerzt den Rennstall, der hinter Ferrari die meisten Weltmeisterschaften gewonnen hat. Neun Stück an der Zahl. Doch 2019 werden die Verantwortlichen um Teamchefin Claire Williams schnellstens vergessen wollen: zu spät bei den Wintertests, ein zu langsames Auto, Qualitätsprobleme, ein WM-Punkt, letzter WM-Platz.

Nur in einer Statistik mischte Williams oben mit. Nur Red Bull wechselte über 21 Rennen gesehen schneller die Reifen. In der DHL-Statistik sammelte Williams 439 Punkte. Claire Williams und George Russell haben noch etwas Positives ausgemacht. Der Teamgeist in Grove sei außergewöhnlich für die Umstände. „Die Widerstandskraft ist außerordentlich“, findet die Teamchefin.

Ihr Pilot berichtet: „Es ist unglaublich, wie diese Jungs trotz allem an jedem Rennwochenende ein Lächeln auf dem Gesicht tragen. Diese Gruppe hat einst um Podestplätze gekämpft. Trotzdem lassen sie sich nicht hängen. Ich spüre eine große Motivation, sich aus dem Sumpf zu befreien. Das Team arbeitet wahrscheinlich härter als je zuvor, um die Probleme zu lösen.“

Niedergang in den letzten Jahren

Die Probleme hatten sich über die letzten Jahre aufgebaut. 2013 erlebte Williams schon einmal eine Saison der Pleiten. Am Ende hatte man fünf WM-Punkte gesammelt. Dann kam 2014, ein neues Regelwerk, neue Motoren. Und mit Williams ging es wieder bergauf. Das Team wurde WM-Dritter mit 320 Punkten. Williams profitierte damals vom überlegenen Mercedes-Motor. Bis 2017 blieben die Ergebnisse respektabel. Ergebnisse, die blendeten. Doch man sah auch schon in dieser Zeit, dass es mit dem Rennstall bergab geht.

Je mehr der Motorenvorteil schwand, je mehr die Gegner an Leistung fanden, desto geringer fiel die Ausbeute aus. 257 Punkte 2015. 138 in 2016. 83 in 2017. 2018 fiel Williams in den einstelligen Bereich. Da dachte eigentlich niemand daran, dass es noch schlimmer kommen könne. Weit gefehlt. Williams verschlechterte sich 2019. Nur in Hockenheim gab es einen Zähler. Und das auch nur, weil beide Alfa-Sauber mit Zeitstrafen belegt wurden.

Williams wusste schon vor den ersten Metern, dass es eine schwierige Saison werden würde. Der FW42 tauchte mit einer Verspätung von zweieinhalb Tagen bei den Wintertests in Barcelona auf. „Ab diesem Moment wussten wir, dass wir im ersten Halbjahr leiden werden“, sagt Russell.

George Russell - Williams - F1-Test - Abu Dhabi - 3. Dezember 2019
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Der FW42 war eine große Baustelle. 2020 verspricht Williams große Fortschritte.

Umstrukturierungen in letzten 14 Monaten

Der FW42 war nicht nur das langsamste Auto im Feld. Auf die Konkurrenz fehlte im Schnitt mehr als eine Sekunde. Es gab außerdem ein Qualitätsproblem. Auf Randsteinen oder Bodenwellen lösten sich Fahrzeugteile. Das ist nicht Formel-1-Niveau. Technikchef Paddy Lowe musste gehen. Zudem herrschte Ebbe im Ersatzteillager. Fahrer und Team scheuten das Risiko scheuen. Sonst hätte vielleicht in Hockenheim mehr herausspringen können.

Der GP Deutschland hätte der Wendepunkt sein sollen. Williams tauchte mit einem Upgrade-Paket auf. Es bestand unter anderem aus einem neuen Unterboden und überarbeiteten Bargeboards. Das Update brachte nicht den erhofften Erfolg. Williams konnte die Lücke zum Mittelfeld nicht schließen. „Das Team glaubte, es sei ausreichend, damit wir zumindest kämpfen können. Ab Deutschland wussten wir, dass wir bis zum Ende des Jahres hinten bleiben werden“, erklärt Russell.

Aus der Entwicklungsabteilung kam danach noch ein neuer Frontflügel. Ansonsten konzentrierte sich Williams auf die Entwicklung des nächstjährigen Autos. Und nutzte die Trainings, um Experimente durchzuführen. Mit der Aerodynamik, dem Fahrwerk, den Reifen.

Nach den Dürrejahren 2018 und 2019 muss es für Williams in der nächsten Saison wieder aufwärts gehen. Es ist nicht auszudenken, was passiert, wenn Williams sich nicht steigert oder – noch schlimmer – sogar weiter absackt. Dann droht der Zerfall. Denn finanziell ist Williams nicht auf Rosen gebettet. Im Geschäftsjahr 2018 machte die Formel-1-Sparte einen Umsatz von 130,7 Millionen Pfund. Die Einnahmen werden sinken. Für den zehnten Platz 2018 gab es 2019 weniger Geld von der Ausschüttung der Rechteinhaber. Das wird sich im kommenden Geschäftsbericht zeigen. Und es wird auch 2020 nicht besser. Weil Williams wieder Letzter wurde. Deshalb braucht das Traditionsteam einen Fahrer wie Nicholas Latifi, der Millionen einbringt.

Da schmerzt jede notwendige Investition, die das Team tätigen muss, um voranzukommen, Die Teamchefin verspricht trotz allem Besserung. „Wir haben vor 14 Monaten damit begonnen, uns neu aufzustellen und umzustrukturieren. So ein Prozess braucht Zeit. Es wird nicht von heute auf morgen besser. Aber so langsam werfen die Umstrukturierungen die ersten Früchte ab.“

Windkanal lässt hoffen

Ein Hauptgrund des Niedergangs war die fehlerbehaftete Korrelation zwischen Windkanal und Rennstrecke. Was die Fabrik versprach, kam an der Rennstrecke nicht an. Der Windkanal leitete die Ingenieure fehl. Es dauerte, bis das Team die Probleme identifizierte. „Wir mussten an das Grundgerüst des Autos heran. Da gab es Aspekte, die grundlegend falsch waren“, führt Russell aus.

„Es stimmte etwas nicht mit der Aerodynamik. Der Anpressdruck lag nicht konstant an. Die Strömung war nicht sauber. Es gab Phasen in 2018, in denen Lance und Sergey wie aus dem Nichts verunfallt sind. Weil es ein Problem mit dem Auto gab. Wir mussten große Rückschläge verkraften beim Anpressdruck und fast von null beginnen. Aber seitdem sind wir auf einem sehr guten Weg.“ Lance Stroll wechselte zu Racing Point. Sergey Sirotkin musste sein Cockpit räumen. Stattdessen kamen George Russell und Robert Kubica. Doch trotz der talentierten Fahrer verschlechterte sich Williams. Kein einziges Mal schaffte es ein Williams in den zweiten Durchgang der Qualifikation. Nur selten hatte Williams im Rennen Kontakt zum vorletzten Auto.

Diesen Negativ-Trend will der Rennstall, der in der Vergangenheit 114 Siege und 128 Pole-Positions sammelte, im kommenden Jahr stoppen. Über den FW43 für 2020 sagt Russell: „Es wird eine große Evolution. Wir haben uns Ende 2018 auf eine Strategie festgelegt. Es hat ein bisschen gedauert, das Fundament des Autos wieder zu errichten. Wir hatten im Windkanal über eine lange Zeit keine Fortschritte beim Abtrieb gesehen. Aber der Trend ist jetzt ein anderer. Die Fortschritte im Windkanal für 2020 sehen vielversprechend aus. Wir werden definitiv stark zulegen.“

George Russell - Williams - GP Abu Dhabi - Formel 1 - Donnerstag - 28.11.2019
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George Russell ist eines der größten Talente der Formel 1.

Russell, der Motivator

Auch die Teamchefin ist optimistisch. „Wir haben uns Ziele gesetzt und werden sie erreichen.“ Doch ob eine Evolution ausreicht, um zum Mittelfeld aufzuschließen? Russell, der 2019 als einziger Fahrer punktelos blieb, gibt sich zurückhaltend. „Ich erwarte, dass wir öfters mit unseren Gegnern kämpfen können. Wie weit es nach oben geht, kann ich nicht abschätzen. Realistisch gesehen wird es eine weitere knifflige Saison für uns. McLaren gelang von 2018 auf 2019 ein großer Schritt. Wenn uns ein ähnlicher Schritt gelingt, und Haas, Racing Point und Toro Rosso stehenbleiben, sind wir in einer sehr starken Position. Wenn sie alle eine Sekunde finden, oder zwei Sekunden, dann bleiben wir, wo wir 2019 waren.“

Letzteres scheint Ex-Teamkollege Robert Kubica zu befürchten. „Ich habe meine Meinung, behalte sie aber für mich.“ Da muss man zwischen den Zeilen lesen. Die Gerüchteküche meint es wieder nicht gut mit Williams. Es war beim letzten Saisonrennen in Abu Dhabi zu hören, dass das neue Auto nicht im Zeitplan sei. Auch von einem personellen Aderlass in den letzten Monaten ist die Rede.

Russell treibt sein Team an. Der junge Engländer, Formel-2-Meister von 2018 und Mercedes-Nachwuchsfahrer, ist wöchentlich in der Fabrik, um sein Team zu motivieren. „Ich wohne 20 Minuten entfernt. Ich frage die Ingenieure und Designer nach dem Stand, zeige mein Gesicht, schaue nach, ob sie noch motiviert sind. Was sie sind.“

Der 21-Jährige lebt Motivation vor. „Jedes Mal, wenn ich auf der Strecke bin, will ich mich als Fahrer verbessern. Ich will in jeder Qualifikation die perfekte Runde fahren, die Reifen und das Auto perfekt konditionieren“, sagt er. Was in der Formel 1 eine Kunst für sich ist. „Die Materie ist extrem komplex. Du kannst die perfekte Runde nur fahren, wenn die Reifen im perfekten Fenster sind.“

Russell erklärt es aus der Fahrerperspektive. „In der Qualifikation verbraten wir oft drei Reifensätze. Beim ersten Versuch sind Auto, Reifen und Bremsen meist zu kalt. Im zweiten Run ist alles heißer. Das Auto und die Bremsen. Wenn du die Reifen aufschnallst, heizen sie schneller auf als beim ersten Mal. Entsprechend musst du anders herangehen. Im dritten Run ist alles noch heißer. Dann kommt vielleicht noch Verkehr dazu. Dann musst du vielleicht andere Fahrer vorbeilassen. Jedes Mal ist es anders im Auto. Deshalb ist es so schwer, alles zu optimieren. Nach einer Saison habe ich die Informationen gesammelt. Ich muss mich jetzt anpassen. Du kannst nicht einfach rausfahren, und sagen: Ich fahre jetzt genau auf diese Art. Die Windrichtung ändert sich vielleicht. 10 km/h Gegenwind oder 10 km/h Seitenwind machen einen massiven Unterschied. Du musst dann an anderen Stellen bremsen. Das sind alles die kleinen Sachen, die du als Rookie lernst.“

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