Toto Wolff & Pascal Wehrlein - F1 2016 xpb
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Toto Wolff im Interview

„Wir wollten Pascal nicht verbrennen“

Mercedes-Sportchef Toto Wolff spricht im Interview über die Verpflichtung von Valtteri Bottas, den Rücktritt von Nico Rosberg und die Pläne zur Nachfolge von Paddy Lowe.

Valtteri Bottas ersetzt Nico Rosberg. Ist Mercedes mit einem blauen Auge davongekommen?

Wolff: Generell ist es besser, wenn es eine Planbarkeit gibt. Wenn dich einer deiner Fahrer in letzter Minute vor neue Tatsachen stellt, die so gar nicht absehbar waren, dann bedeutet das für uns, das wir uns entsprechend schnell anpassen müssen. Das ist für uns eine Herausforderung. Aber ich sehe das positiv für die Mannschaft. Wir sind gezwungen, uns an neue Situationen anzupassen. Das kann uns nur stärker machen. Wir haben alle nicht erwartet, dass wir so einen Dezember haben werden und mussten uns überlegen: Was bedeutet das für uns? Wofür stand Nico? Welche Qualitäten hat er ins Spiel gebracht? Wie können wir diese Vorzüge mit einem anderen Fahrer ausgleichen? Da geht es nicht nur um seinen Speed, sein technisches Verständnis, sondern auch um die Dynamik mit Lewis und den Entwicklungs-Input. Ich glaube, wir kommen gestärkt aus der Situation heraus.

Toto Wolff & Valtteri Bottas - F1 2017
Mercedes
Toto Wolff weiß, wie schwer die Aufgabe für Valtteri Bottas ist.
Welche Gefahren birgt so ein später Fahrerwechsel?

Wolff: Die Qualitäten der Fahrer und ihre Rolle innerhalb des Teams wägen wir sehr sorgfältig ab. Jetzt wurde aus einem funktionierenden System ein Klötzchen herausgezogen. Umso mehr mussten wir versuchen, dass wir das neue Klötzchen so einfügen, dass unser System genauso gut weiter funktioniert. Vielleicht auf eine andere Weise. Ich sehe das schicksalhaft. Die Dinge passieren, wie sie passieren müssen. Wer weiß? Vielleicht bekommen wir einen neuen Champion, der die Möglichkeit sieht sich zu beweisen. Ob das mittelfristig Valtteri Bottas, Pascal Wehrlein oder Esteban Ocon ist, werden wir sehen.

Sind die Schuhe, in die Bottas tritt, nicht ein bisschen zu groß für ihn?

Wolff: Valtteri steht vor dem Mount Everest. Er kommt spät in das Team, er kennt weder das Auto, noch die Technik, noch die Leute. Wir kennen seine Stärken nicht und müssen sie uns erst erarbeiten. Er tritt in die Schuhe des Weltmeisters, der eine wichtige Rolle in diesem Team hatte. Und er hat wahrscheinlich den stärksten Teamkollegen der Formel 1-Neuzeit, der noch dazu eine ganz spezielle Spezies ist. Valtteri weiß, was auf ihn zukommt. Ich habe ihm die nackte Wahrheit präsentiert. Es ist eine große Herausforderung für ihn, und ich wünsche mir nicht, in einem Jahr ein Gespräch zu führen, wie es mit Kvyat oder Kovalainen in der Vergangenheit passiert ist. Er hat eine Riesen-Chance, aber gleichzeitig auch eine sehr große Aufgabe vor sich.

Braucht Lewis Hamilton überhaupt einen Antreiber?

Wolff: Generell sind zwei schnelle Teamkollegen wichtig. Wenn du dich mit einem Setup verrennst oder der Meinung bist, dass dein Auto aus irgendeinem Grund nicht schnell genug ist, und dein Teamkollege fährt trotzdem schneller, dann kannst du dich anhand der Daten und Referenzwerte wieder dorthin arbeiten. Wir hatten Wochenenden, an denen Nico der schnellere Mann war. Das hat Lewis gezeigt: Da geht noch was. Genauso umgekehrt. Der schnelle Teamkollege ist ein wichtiger Baustein in der Team-Leistung.

Wehrlein oder Bottas: Hat Bottas gewonnen, weil er 77 gegen 21 GP-Starts und 9 gegen null Podiumsplatzierungen hat?

Wolff: Auch das. Aber wir wollen Pascal nicht verbrennen. Wir haben einen Entwicklungspfad, der dahin zielt, dass es zwei bis drei Jahre braucht, bis ein Fahrer fehlerfrei richtig abschätzbar wird. Davon wollen wir nicht abweichen, nur weil jetzt diese Situation entstanden ist. Wir brauchen neben Lewis einen erfahrenen Piloten, der schnell ist, so wenig Fehler wie möglich macht und von der Dynamik her eine gute Kombination mit Lewis darstellt und somit den Nico-Faktor ausgleicht. Das ist mit Valtteri zum jetzigen Zeitpunkt sicher mehr gewährleistet als mit Pascal.

Macht die Regeländerung 2017 die Aufgabe noch schwerer?

Wolff: Ich finde, es ist leichter. Alle beginnen bei Null, was die Performance des Autos betrifft. Für einen Rookie wäre die Aufgabe schwieriger gewesen, weil ihm die Referenzwerte fehlen. Die Erfahrung hat da auch für Valtteri gesprochen.

Wie hat Rosberg Ihnen eigentlich erzählt, dass er zurücktritt?

Wolff: Wir sind die ganze Nacht im Flugzeug gesessen, auf dem Weg von unserem Petronas-Termin in Kuala Lumpur zurück nach Frankfurt und haben da viel geplaudert. Nach unserer Ankunft haben in Frankfurt um 6 Uhr morgens in der Lounge sogar noch zusammen gefrühstückt, bevor er weiter nach Wiesbaden ist und ich nach Stuttgart, um dort Dieter Zetsche und Niki Lauda zu treffen. Ich bin aus der Lounge raus, Richtung Bus, und da klingelt mein Handy. Nico war dran, emotional aufgewühlt, und hat plötzlich erzählt, dass er nicht mehr will. Er traute sich nicht, es mir direkt ins Gesicht sagen. So sehr hat ihn die Sache aufgewühlt. Auf meine Frage, was er damit meint, hat er gesagt: Ich trete zurück. Ich wollte sofort zurück zu Nico, aber er hat gemeint, dass er seinen Entschluss getroffen habe. Es war zu viel, zu intensiv, und er hat erreicht, was er erreichen wollte. Nach einer Minute ist mir klar geworden. Nico meint es ernst. Es ist zwecklos, ihn zum Bleiben zu überreden. Fast gleichzeitig schoss mir durch den Kopf: Das ist jetzt eine echte Herausforderung für das Team. Ich habe versucht, sofort das Positive darin zu sehen.

Also keine Schockstarre?

Wolff: Ganz im Gegenteil. Solche Situationen im Leben musst du meistern. Jetzt müssen wir beweisen, dass wir uns anpassen können. Das ist wie überall im Leben ein ganz wichtiger Leistungsfaktor.

Die Welt hat auf Rosbergs Rücktritt mit Bewunderung oder Unverständnis reagiert: Wo stehen Sie?

Wolff: Ich finde es beeindruckend, wenn es einer schafft, sich am Höhepunkt seiner Karriere aus diesem Hamsterrad von mehr Erfolg und mehr Geld und mehr Macht zu lösen. Wir alle glauben doch, dass wir unersetzbar sind. Jeder will eine Marke sein und ist von sich total überzeugt und will besser sein als die anderen. Dass Nico zum besten Zeitpunkt als Weltmeister zurücktritt, finde ich persönlich inspirierend. Da gibt es einen, der das nicht mehr will, der nicht dem Ruf des Geldes folgt und lieber zwei Jahre eine ruhige Kugel schiebt, statt diesem Selfie-Wahn und der Selbstvermarktung bis zur Grenze der Übelkeit zu folgen. Er hat einen Schlussstrich gezogen. Und das verdient Respekt.

Hat sich im Rückblick dieses Ausgebranntsein angedeutet? Gab es da vielleicht doch Indizien für den Rücktritt?

Wolff: Überhaupt nicht. Nico hat das bis zum Ende eiskalt durchgezogen. Er ist im letzten Rennen ja noch mal in das Sandwich zwischen Hamilton und Vettel und Verstappen, die von hinten gedrückt haben, gekommen, und ist nicht eingebrochen. Das zeigt seine unheimliche mentale Stärke. Das erste Mal, wo sich vielleicht ein Anzeichen ergab, dass etwas anders ist als vorher, war auf dem Zubringer-Flug von Kuala Lumpur nach Singapur. Da saßen wir nebeneinander. Irgendwie gab es da das Gefühl, dass irgendetwas ist. Er hat vorgeschlagen, auf dem Flug nach Frankfurt etwas zu essen. Das war so gar nicht der Nico, wie ich ihn kannte.

Es haben nach Rosbergs Rücktritt fast alle Fahrer bei Ihnen angerufen. Auch die mit Vertrag. Wollten die einfach nur plaudern oder gab es da konkrete Wünsche?

Wolff: Es ist schon in Ordnung, wenn du dich als Fahrer in so einer Situation informierst. Und wenn es nur um die Frage geht, ob diese Vakanz nur für ein Jahr besteht, oder ob es im Jahr darauf vielleicht auch noch eine Möglichkeit gibt. Wir haben klar gemacht, dass wir als Mercedes-Benz nicht nach alter Schule auf Konfrontation gehen und Fahrer aus ihren Verträgen mit anderen Teams herausbrechen werden. So funktioniert die moderne Welt nicht mehr. Für uns waren die Gespräche interessant, weil wir jetzt die vertragliche Situation der Fahrer auf dem Markt besser einschätzen können. Wir hatten zwar den Fahrermarkt unter Beobachtung, aber das ging nicht so weit, dass wir die Details kannten.

2018 sind Vettel, Alonso, Perez und Sainz frei. Ein gewisses Ruhekissen?

Wolff: Natürlich. Trotzdem wünschen wir uns, dass die Variante Bottas klappt und sich die Frage nach einem neuen Fahrer nicht mehr stellt. Wie man bei Nico sieht, kann morgen die Situation eine andere sein als heute. Wir werden schauen, wie sich Bottas im Vergleich zu Lewis schlägt, und wie die die anderen Fahrer unterwegs sind. Auch unsere eigenen Kids bei Sauber und Force India. Es gibt eine Menge Optionen und Spielvarianten ab 2018. Nach dem Spontan-Erlebnis mit Nico dürfen wir bei Fahrern nie mehr davon ausgehen, dass etwas nachhaltig ist.

Toto Wolff & Paddy Lowe - F1 2016
Wilhelm
Wer kommt für Technikchef Paddy Lowe zu Mercedes?
Das Team hat sich von Paddy Lowe getrennt. Welche Rolle hatte er am Erfolg von Mercedes?

Wolff: Paddy hatte wie viele andere im Team einen großen Anteil am Erfolg. Aber die Formel 1 ist nicht das Spiel einer einzelnen Person. Es ist die geballte Power aller Leute in dem Unternehmen. Und Paddy war ein wichtiger Baustein davon. Wenn er sich bei einem anderen Team mit einer anderen Mannschaft gut einfügen kann, wird er dort seinen Beitrag leisten.

Wann präsentiert Mercedes einen Nachfolger für Lowe?

Wolff: Wir haben eine ganz starke Mannschaft im Technikbereich. Es geht also um eine Ergänzung, um eine Person, die sich in die Struktur gut einfügen kann. Wir wollen uns im Teamgefüge weiter entwickeln. Es geht nicht darum, einen Superstar von außen in dieses funktionierende Gefüge hineinzudrücken, der uns erklärt wie das geht.

Heißt der Nachfolger James Allison?

Wolff: Da müssen wir abwarten. Natürlich muss James für jedes Top-Team auf dem Radar sein.

Ihre Gegner freuen sich bereits, dass Mercedes vor dem Hintergrund völlig neuer Autos möglicherweise geschwächt in diese Saison geht. Freuen Sie sich da zu früh?

Wolff: Neues Spiel, neues Glück. Wir haben als Team die Ambition, dass wir trotz der massiven Regeländerung konkurrenzfähig bleiben. Wir haben eine gute Mannschaft, die notwendigen technischen Ressourcen uns auf so eine Situation einzustellen. Ich bin optimistisch, dass wir eine starke Performance abliefern werden. Ob sie gut genug ist, Red Bull, Ferrari oder irgendeinen anderen, der vielleicht den goldenen Schuss gesetzt hat, zu schlagen, werden wir erst in Melbourne oder einem der weiteren Rennen sehen. Aber ich habe größtes Vertrauen in unsere Mannschaft.

Red Bull-Technikchef Adrian Newey behauptet, dass der Motor weiter eine große Rolle spielt, weil mit mehr Abtrieb mehr Volllast gefahren wird. Sehen Sie das auch so?

Wolff: Es heißt ja Motorsport. Der Motor ist ein wichtiger Bestandteil. Am Ende der Saison lag der Unterschied zwischen den beiden Aggregaten auf einer Power-Strecke nur noch bei eineinhalb Zehnteln. Wir sprechen nicht mehr von einer Welt. Jeder Logik folgend reduziert sich der Vorsprung über die Zeit. Die Motoren werden bei einem gleichbleibenden Reglement enger zusammenrücken. Wenn er letztes Jahr bei eineinhalb Zehnteln war, dann fällt er in dieser Saison vielleicht unter ein Zehntel. Dann geht es wieder mehr um das Chassis. Alles, was jetzt zu dem Thema gesagt wird, müssen wir in das Kapitel Erwartungs-Management einreihen. Adrian hat das in seiner Aussage ganz gut betrieben.

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