Trainingsanalyse GP Kanada 2018

Hat Mercedes zu wenig Hypersoft bestellt?

Lewis Hamilton - GP Kanada 2018 Foto: sutton-images.com 80 Bilder

Mercedes dominierte die Rennsimulation in Vorbereitung auf den GP Kanada. Doch der Titelverteidiger ließ als einziges Team die Finger von den Hypersoft-Reifen. Der Grund ist kurios: Man hat zu wenig von Pirellis Superkleber bestellt.

Ginge es nach der schnellsten Runde, hätte Max Verstappen den GP Kanada schon gewonnen. Der Holländer lag in beiden Trainingssitzungen vorne. Mit seiner Nachmittags-Bestzeit von 1.12,198 Minuten blieb der Niederländer allerdings noch 7 Zehntel über der Pole Position aus dem Vorjahr.

Die 2017er Bestmarke von Lewis Hamilton wird den Samstag nicht überleben. Die Teams drehen ihre frischen Motoren erst am Samstag auf. Mercedes musste seine betagten Triebwerke am ersten Tag ebenfalls schonen. Und die Silberpfeile sind noch keine einzige Runde auf den Hypersoft-Reifen gerollt. Die Weltmeister-Truppe hatte nur jeweils 5 Garnituren von Pirellis weichster Gummimischung bestellt. Alle anderen Teams deckten sich mit mindestens sieben Satz Hypersoft pro Fahrzeug ein.

Laut Pirelli bringt der Hypersoft-Reifen auf eine Runde einen Vorteil von 1,1 Sekunden gegenüber der zweitweichsten Mischung. Würde man diese Zeit von Hamilton schnellster Runde mit 1.12,777 Minuten abziehen, wäre der Engländer locker Bestzeit gefahren. Wie stark die Mercedes in Montreal sind, deutete sich in den Rennsimulationen bereits an. Auf den Ultrasoft-Reifen und den Supersoft-Gummis liegen Lewis Hamilton und Valtteri Bottas jeweils im Doppelpack vorne. Auf Ultrasoft 4 Zehntel vor Ferrari-Pilot Kimi Räikkönen, auf den härteren Supersofts 6 Zehntel vor Max Verstappen.

Red Bull-Motorsportchef Helmut Marko erwartet trotzdem ein enges Rennen zwischen den drei Top-Teams. Er lässt sich von Hamiltons starken Longrun-Zeiten nicht beirren. „Der Hamilton war sauschnell, aber sein erster Reifensatz sah am Ende fürchterlich aus. Komischerweise sind seine Rundenzeiten nicht eingebrochen.“ Red Bull rechnet im Rennen wieder mit den Qualitäten des Autos beim Reifenschonen. Ein Blick auf die Wettervorhersage auf dem Handy hellte Markos Miene auf. „24 Grad am Sonntag. Je heißer, desto besser für uns.“

Sechs Dinge, die Sie zum Trainingstag in Montreal wissen müssen:

1) Hat Mercedes mit der Reifenbestellung verzockt?

Lewis Hamilton - Mercedes - Formel 1 - GP Kanada - Montreal - 8. Juni 2018 Foto: xpb
Mercedes war am Freitag nur auf ultrasoft und supersoft unterwegs.

Mercedes hat Ende Februar bei Pirelli je drei Satz supersoft, fünf Garnituren Ultrasoft und fünf Satz Hypersoft bei Pirelli für seine beiden Fahrer bestellt. Alle anderen Teams deckten sich mit mindestens sieben Satz von Pirellis Superkleber ein. Ferrari und Red Bull haben sogar acht Garnituren für ihre Fahrer geordert. Für Mercedes bedeutete das: Finger weg vom Hypersoft am ersten Trainingstag.

„Wir werden einen Satz Hypersoft im dritten Training fahren und dann jeweils vier in der Qualifikation“, erklärt Teammanager Ron Meadows. Damit hätte Mercedes aber keinen frischen Satz Hypersoft für das Rennen. Das könnte die Silberpfeile taktisch einschränken. Laut Pirelli fährt man das schnellste Rennen mit der Kombination Hypersoft-hypersoft-ultrasoft.

„Im Nachhinein haben wir einen Fehler gemacht“, kritisiert Niki Lauda. „Wir hätten mehr von den Hypersofts bestellen sollen, aber die Entscheidung fiel schon früh im Jahr.“ Die starken Longrun-Zeiten seiner Fahrer versöhnten den Mercedes-Außenminister wieder: „Wir sind guter Dinge.“ Die Fahrer fühlten sich in den Dauerläufen auf dem Supersoft-Reifen am wohlsten. Hamilton und Bottas knackten in ihren Longruns als einzige die 1.15er Marke.

2) Warum hat Ricciardo keinen Longrun

Daniel Ricciardo legte im zweiten Training nur 17 Runden zurück. Max Verstappen war im Vergleich dazu 39 Runden auf der Bahn. Während sein neuer Renault V6-Turbo klaglos funktionierte, knatterte Ricciardo vier Runden lang mit Aussetzern und verminderter Leistung um den Kurs. Dann folgte ein längerer Garagenaufenthalt.

„Wir haben alle Teile getauscht, die keine Strafe bedeuten“, verrät Marko. Also Zündkerzen, Zündspulen, Kabel. Nach einer 54-minütigen Reparatur drehte Ricciardo noch 13 Runden, konnte aber keinen geregelten Longrun mehr abspulen. Am Ende des Trainings war auch der Verkehr auf der Strecke am stärksten.

3) Warum war Vettels Rennsimulation so kurz?

Sebastian Vettels zweites Training begann mit fast 15 Minuten Verspätung. Der Grund: „Ich bin am Morgen an der Mauer in Kurve 4 angedozzt.“ Das ist Hessisch und heißt angeschlagen. Dabei ging ein Querlenker der rechten Vorderradaufhängung zu Bruch. Reparaturen an der Vorderachse sind bei den modernen Formel-1-Autos ein komplexer Eingriff.

Danach musste auch noch das ganze Auto vermessen werden. So ging Vettel die Zeit für ein ausgedehntes Longrun-Programm aus. Er schaffte immerhin noch 6 Runden mit den Hypersoft-Reifen und lag knapp hinter Teamkollege Kimi Räikkönen, der mit 1.16,321 Minuten die Longrun-Bestzeit für Hypersoft-Reifen aufstellte. Vettels Kommentar: „Ich bin zufrieden.“

4) Ist Red Bull stärker als Ferrari?

Max Verstappen - GP Kanada 2018 Foto: xpb
Verstappen war im zweiten Training nur einen Hauch schneller als Räikkönen im Ferrari.

Es wird eine ganz enge Kiste. Vergleichswerte gibt es nur auf den Hypersoft-Reifen. Da war Verstappen zwar 4 Zehntel langsamer als Räikkönen, aber der Holländer fuhr auch fast doppelt so lange. Red Bull hofft, dass sein reifenschonendes Auto im Rennen wieder zur Trumpfkarte wird. „Wenn wir es in die zweite Startreihe schaffen, fahren wir mit um den Sieg“, glaubt Teamchef Christian Horner.

Auch im Mittelfeld ist die Lage wieder unübersichtlich. Force India fährt wie erwartet stark und liegt knapp vor Renault und McLaren. Fernando Alonso teilte seinen Ultrasoft-Longrun in zwei Portionen zu je 7 Runden. Die zweite war trotz bereits angefahrener Reifen im Schnitt um 7 Zehntel schneller. Im ersten Teil musste Alonso wegen Verkehr zu oft vom Gas.

HaasF1 hat sich nach der Monaco-Pleite wieder erholt. „Nur auf den Ultrasoft-Reifen müssen wir noch schneller werden. Unsere Fahrer erzählen, dass sie keinen Grip gefunden haben“, erklärte Teamchef Guenther Steiner.

Eine ganz starke Vorstellung gaben die Sauber-Piloten ab. „Punkte sind möglich. Wir waren auf allen Reifentypen gut unterwegs“, lobte Marcus Ericsson, der mit seinem Hypersoft-Longrun auf Platz 4 landete. Teamchef Frédéric Vasseur erzählt: „Das Streckenlayout passt dem Auto besser als Monte Carlo. Und wir kommen auch gut über die Randsteine. Das war vorher noch ein Fragezeichen.“

5) Was taugen die neuen Motoren?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir die Qualifikation und das Rennen abwarten. Am ersten Trainingstag fuhren alle Teams noch mit gedrosselter Leistung. Honda soll mit seinem neuen Verbrennungsmotor 20 PS gefunden haben. Auch Renault ist ein 20 PS-Sprung gelungen, allerdings in zwei Raten. Eine kleine mit neuem Benzin in Barcelona, eine größere mit dem Spec2-Motor.

Weil Red Bull anderen Kraftstoff fährt, ist nur etwa die Hälfte des Leistungsgewinn beim WM-Dritten angekommen. Man spricht von einem bis eineinhalb Zehntel hochgerechnet auf die Rundenzeit, im Fall des Werksteams von drei Zehntel.

Ferrari soll Gerüchten zufolge ebenfalls 10 PS gefunden haben. Wie im Fall von Honda ist nur der Verbrennungsmotor neu. Mercedes wird es verschmerzen können. Der Spec 1-Motor ist immer noch das Maß aller Dinge. Inzwischen weiß man auch, was die Weltmeister kurzfristig umdisponieren ließ. Am Dienstag ging eines der neuen Triebwerke auf dem Prüfstand nach 3.700 Kilometer Laufleistung kaputt. Mercedes verspricht: Bis zum GP Frankreich ist das Problem im Kurbelgehäuse aus der Welt geschafft.

6) Hält der Hypersoft-Reifen im Rennen?

Das Delta von einer Sekunde zwischen Hypersoft und Ultrasoft wird es schwer machen, das Q2 mit einem Ultrasoft-Reifen zu überstehen. Damit müssen die Top Ten vermutlich mit der weichsten Gummimischung starten. Doch wie lange hält der Hypersoft-Reifen, bevor das Körnen auf den Hinterreifen die Traktion frisst? „Das Ziel sind 10 bis 12 Runden“, sagt Force India-Technikchef Andy Green.

Das Körnen beginnt je nach Fahrweise bei vier bis spätestens acht Runden. Die längsten Longruns auf dem Hypersoft-Gummi haben Max Verstappen und Romain Grosjean mit jeweils 12 Runden geschafft. Die Marathon-Männer auf den Ultrasoft-Sohlen waren Nico Hülkenberg und Marcus Ericsson mit jeweils 16 Runden. Charles Leclerc spulte mit 22 Runden auf dem Supersoft-Reifen fast ein Drittel der Renndistanz ab.

Longrun-Analyse GP Kanada 2018

Fahrer Ø längster Longrun Runden Reifen
1. Räikkönen 1.16,321 7 hypersoft
2. Vettel 1.16,465 6 hypersoft
3. Verstappen 1.16,724 12 hypersoft
4. Ericsson 1.17,200 6 hypersoft
5. Perez 1.17,452 11 hypersoft
6. Hülkenberg 1.17,652 6 hypersoft
7. Gasly 1.17,675 5 hypersoft
8. Hartley 1.17,998 17 hypersoft
9. Magnussen 1.18,052 11 hypersoft
10. Grosjean 1.18,199 12 hypersoft
11. Sirotkin 1.18,647 7 hypersoft
1. Hamilton 1.16,283 15 ultrasoft
2. Bottas 1.16,319 7 ultrasoft
3. Räikkönen 1.16,675 13 ultrasoft
4. Hülkenberg 1.17,325 16 ultrasoft
5. Alonso 1.17,484 7 ultrasoft
6. Hartley 1.17,533 5 ultrasoft
7. Ericsson 1.18,433 16 ultrasoft
8. Sirotkin 1.18,475 14 ultrasoft
9. Grosjean 1.18,804 4 ultrasoft
1. Hamilton 1.15,652 6 supersoft
2. Bottas 1.15,861 9 supersoft
3. Verstappen 1.16,244 9 supersoft
4. Ocon 1.17,017 13 supersoft
5. Perez 1.17,392 10 supersoft
6. Gasly 1.17,396 16 supersoft
7. Magnussen 1.17,482 9 supersoft
8. Leclerc 1.17,618 22 supersoft
9. Stroll 1.17,817 16 supersoft
Neuester Kommentar

Mercedes macht immer mehr Fehler. Zudem wird es ihnen an Leistung fehlen. Aber mit den falschen Reifen kann man das Manko vertuschen. Die beiden Oberpfadfinder bei den Silbernen werden sicher eine entsprechende Ausrede haben nach dem Rennen.

Wernilein 9. Juni 2018, 16:45 Uhr
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