Trainingsanalyse GP Belgien 2021
Heckflügel als Erfolgsfaktor?
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Das WM-Duell geht im gleichen Stil weiter, wie es vor der Sommerpause geendet hat. Mercedes und Red Bull trennen nur Kleinigkeiten. Entscheidet am Ende die Wahl des Heckflügels über Sieg und Niederlage?

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Die erste Runde geht an Red Bull-Honda. Mit einem Vorsprung von 0,041 Sekunden auf Mercedes. Das zeigt, wie eng es im Titelkampf weiter zugeht. Auch die Hochgeschwindigkeitsstrecke von Spa macht da keine Ausnahme. Red Bull und Mercedes kamen mit unterschiedlichen Mitteln zum Ziel. Mercedes war mit weniger Abtrieb unterwegs und dominierte auf den Geraden. Red Bull fuhr allen im Mittelsektor davon.

Mercedes fuhr seine schnellsten Runden mit dem Medium-Reifen. Max Verstappen war auf seiner schnellsten Runde mit den Soft-Reifen unterwegs. Der Red Bull-Pilot verbesserte sich gegenüber dem Medium-Gummi nur um eine Zehntelsekunden. Pirelli hatte ein Delta von einer halben Sekunde kalkuliert. "Der weiche Reifen ist hier zu weich", begründete ein Mercedes-Ingenieur den geringen Unterschied.

Max Verstappen hatte bis auf einen Crash ganz am Ende einen sorgenfreien Tag. Der Holländer konnte sich zwischen dem ersten und zweiten Training steigern. Bei Valtteri Bottas lief es ähnlich gut. Lewis Hamilton dagegen klagte noch über Balance-Probleme. Der WM-Spitzenreiter warnt davor, mit dem Setup des Autos zu viel zu riskieren. "Jeder Abstimmungsschritt will hier wohl überlegt sein."

Die Wahl des Flügels könnte dieses Rennen entscheiden. Weil keiner mit Bestimmtheit vorhersagen kann, wann und wie lange es regnet. Je nach Wetterlage hat der eine oder der andere eine Niete gezogen. Alle Teams wollen sich bis zur letzten Minute beide Flügeloptionen offenhalten. Da das Wetter nach allen Prognosen unberechenbar bleiben wird, werden die Teams am Ende zu dem Setup greifen, das ihnen die schnellsten Trocken-Runden garantiert. Damit kann man auch im Regen leben.

Hinter den WM-Kontrahenten machte Alpine die beste Figur. Der Ungarn-Sieger stellte die schnellsten Autos auf den Geraden und im ersten Sektor. Zum Glück für Fernando Alonso und Esteban Ocon blieb die Strecke am Nachmittag weitgehend trocken. Wenn der Regen kommt, wäre der französische Rennstall, mit dieser Fahrzeugabstimmung aufgeschmissen. Sie ist ein bisschen zu extrem, wie uns ein Alpine-Techniker erzählt: "Was heute gut aussieht, kann morgen ein Problem werden, wenn es regnen sollte."

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Mercedes setzte in Spa auf wenig Abtrieb. Zumindest bei Valtteri Bottas.

Sechs Dinge, die Sie wissen müssen

1) Red Bull oder Mercedes?

Der Sieg auf eine Runde ging an Red Bull. Doch Max Verstappens Vorsprung auf die beiden Mercedes ist mit 0,041 Sekunden auf Valtteri Bottas und 0,072 Sekunden auf Lewis Hamilton für eine 7,004 Kilometer lange Runde minimal. Verstappen war der König des Mittelsektors. Da nahm er Hamilton drei und Bottas fünf Zehntel ab. "Max fährt Pouhon absolut voll", lobt Sportchef Helmut Marko. "Unser Mexikaner tastet sich da noch dran." Sergio Perez bastelt noch an der Balance.

Marko geht mit vorsichtigem Optimismus in das weitere Wochenende: "Ich glaube, wir haben den Motor weniger aufgedreht als Mercedes. Vom Motor liegt noch eine halbe Sekunde drin. Wir wissen aber nicht, was Mercedes noch in der Hinterhand ab, weil sie mal mit mehr, mal mit weniger Power gefahren sind." Mercedes-Chefingenieur Andrew Shovlin bestätigt: "Der Power-Modus macht auf dieser Strecke einen großen Unterschied aus." Teamchef Toto Wolff fürchtet: "Ich fürchte, dass Honda ein bisschen mehr Power in der Hinterhand hat als wir. So ein bis zwei Zehntel."

Christian Horner räumt ein, dass Red Bull mit etwas mehr Abtrieb unterwegs ist als Mercedes. "Das könnte uns einen Vorteil in die Hand spielen, wenn es im Rennen zwischendurch mal regnet." Red Bull hat zwar seinen Baku-Flügel im Heck, doch das Auto baut besonders in der Highspeed-Konfiguration wegen seiner starken Anstellung generell etwas mehr Luftwiderstand auf.

Die Mercedes dominieren wieder auf den Geraden. Zwischen La Source und Les Combes gewinnen die Silberpfeile bis zu drei Zehntel. Auf der Vollgaspassage auf der anderen Seite der Strecke zwischen Stavelot und der Busstop-Schikane beträgt der Vorsprung auf Red Bull nur 0,074 Sekunden. Im Topspeed verliert Verstappen 8,6 km/h auf Hamilton.

Was die Diskussionen wieder anheizen wird, ob Honda Leistung verloren oder Mercedes Leistung gewonnen hat. Toto Wolff winkt ab: "Der Topspeed-Unterschied hat nichts mit den Motoren, sondern der Flügeleinstellung zu tun." Wer in Spa mit frischen Motoren antritt, kann bis zu einem Zehntel gewinnen. Aber nicht nur Hamilton und Bottas haben eine neue Antriebseinheit im Heck. Auch die von Sergio Perez ist neu.

Max Verstappen beendete das Training mit einem Unfall. Der Niederländer verlor in Kurve 7 das Heck und beschädigte seine Aufhängungen auf der linken Seite. Verstappen war trotzdem zufrieden. "Es lief von Anfang an gut. Wir haben zwischen den Trainingssitzungen nur etwas Feintuning betrieben." Im Longrun war der WM-Zweite schneller als Hamilton und knapp besser als Bottas. "Wir hatten allerdings das Gefühl, das Bottas in diesen Runden den Motor aufgedreht hat", meinte Marko. Hamiltons Longrun wurde durch Vibrationen an der Vorderachse beeinträchtigt. Wobei wir nicht wirklich von Dauerläufen sprechen können. Die meisten gingen nur über zwei Runden und waren wenig aussagekräftig.

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Max Verstappen ing nach dem zweiten Training am Abschlepphaken.

2) Ferrari oder McLaren?

Die zwei Teams, die normalerweise hinter Mercedes und Red Bull ihr eigenes Rennen um Platz 3 austragen, haben sich am ersten Testtag versteckt. McLaren und Ferrari verschwanden im Mittelfeld. McLaren-Teamchef Andreas Seidl war trotzdem zufrieden: "Wir scheinen auf einer Höhe mit Ferrari zu liegen und sind da, wo wir am Freitag immer liegen. Lando hat auf dem Soft-Reifen einen Fehler gemacht, und Daniel hat die erste Runde mit den weichen Reifen nicht zusammengebracht. Dafür war er auf den Mischungen Medium und hart sehr stark."

Ferrari hat noch viel Arbeit vor sich. Nicht nur, weil die Mechaniker wieder einmal einen Unfallschaden reparieren müssen. Charles Leclerc hatte sein Auto in Kurve 7 in den Reifenstapel gefeuert. Die Ingenieure müssen der Frage nachgehen, warum die beiden SF21 am Morgen besser unterwegs waren als am Nachmittag. "Dabei haben wir zwischen beiden beiden Sitzungen nur wenig am Auto geändert", wunderte sich Leclerc.

Carlos Sainz rechnet mit einem schwierigen Wochenende: "Wir sind definitiv nicht so stark wie in Silverstone oder Budapest. Im Moment bewegen wir uns an der Grenze zu den Top Ten. Das Auto fühlte sich noch nicht richtig an. Ich sehe noch viel Spielraum für Verbesserung." Sainz fürchtet jedoch, dass die Wetterbedingungen Ferrari nicht gerade in die Karten spielen. "Bei der Kälte leiden wir unter unseren Problemen mit den Vorderreifen. Dann ist es schwierig, die richtige Balance zu finden."

Seidl warnt davor, die anderen Mittelfeld-Teams zu unterschätzen. "Die Alpine und Alpha Tauri sehen wirklich stark aus." Alpha Tauri hat wie Alpine den richtigen Griff in die Setup-Kiste gemacht. Pierre Gasly lobte: "Das Auto fühlte sich sofort gut an. Die Basisabstimmung scheint zu funktionieren. Wir müssen aber flexibel bleiben, für den Fall, dass es morgen regnet."

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Bei Charles Leclerc lief es im zweiten Training auch nicht nach Plan.

3) Profitiert Alpine vom Ungarn-Sieg?

Siege machen vieles einfacher. Alpine schwimmt noch auf der Welle des Erfolges von Budapest. Das lassen die Plätze 4 und 7 für Fernando Alonso und Esteban Ocon jedenfalls vermuten. Doch Vorsicht: Alpine ist am Freitag immer stärker als am Samstag. Und die beiden A521 sind auf extrem wenig Abtrieb getrimmt. Das zeigen die Topspeed-Rekorde von 335 km/h für Ocon und 333 km/h für Alonso. Aus Angst, das Power-Defizit der Renault-Motoren könnte einen zu großen Nachteil ausmachen, reduzierte Alpine die Flügelanstellung auf ein Minimum.

Die starke Vorstellung am ersten Trainingstag zeigt aber auch, dass der Alpine für schnelle Strecken ein effizientes Auto hat. Das unterstreichen die Sektorzeiten. Im ersten Abschnitt stellten Ocon und Alonso überlegene Bestzeiten auf. Alonso war im dritten Sektor Vierter zwischen Hamilton und Perez. Im kurvigen Mittelabschnitt bezahlten die Alpine-Piloten. Alonso kam nur auf Platz 12, Ocon auf Rang 14. Sollte es regnen, fällt Alpine der Highspeed-Poker auf den Kopf. Alonso meinte deshalb vorsichtig: "Solange es trocken bleibt, bin ich guter Dinge..."

Die Gegner sind nicht weit weg. Pierre Gasly und Lance Stroll rangieren zwischen den französischen Autos. Und mit Ferrari und McLaren muss man immer rechnen, wenn es um die Startplätze und um Punkte geht.

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Alpine machte vor allem viel Zeit in Sektor 1 und 3 gut.

4) Wie sind die Chancen von Vettel?

Platz 7 im ersten Training, Rang 8 im zweiten. Das Spa-Wochenende ließ sich für Sebastian Vettel gut an. Trotzdem war der Aston Martin-Pilot nicht ganz zufrieden. "Im zweiten Training lief es weniger gut als im ersten. Ich habe mich mit den harten Reifen verbremst. Da fehlte mir dann das Gefühl für die weichen Reifen. Morgen muss noch mehr von mir und meinem Auto kommen. Wir wissen, was das Auto braucht, aber wir müssen es auch finden."

Im Topspeed lagen beide Aston Martin noch im unteren Drittel. Dafür lief es im Mittelsektor umso besser. Hier liegt noch Spielraum für Feintuning. Doch Vettel erwartet einen wesentlich hektischeren Samstag. "Heute waren die Bedingungen noch weitgehend stabil und die Bahn trocken. Es soll am Samstag wechselhafter werden. Da liegt der Schlüssel darin, die Bedingungen richtig zu lesen und zur richtigen Zeit auf den richtigen Reifen unterwegs zu sein. Ich hätte nichts gegen Mischwetter. Weil da immer etwas drin liegt, besser zu sein als normal. Bei trockenen Bedingungen müssen wir mit den Positionen vom Freitagstraining zufrieden sein."

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Sebastian Vettel hofft auf Mischbedingungen.

5) Wenig oder viel Flügel?

Es ist eine der schwierigsten Fragen überhaupt. Welchen Flügel nimmt man für Qualifikation und Rennen? Lewis Hamilton probierte im ersten Training den Flügel für mehr Abtrieb, Valtteri Bottas den für weniger. Am Nachmittag wählte Mercedes die Variante von Bottas. Red Bull fuhr den ganzen Tag mit seinem Baku-Flügel.

Die meisten Teams entschieden sich für weniger Abtrieb und weniger Luftwiderstand. "Der größere Flügel gibt dir bei Regen einen Vorteil, aber er macht dich auch auf der Gerade verwundbar", erklärt Aston Martin-Einsatzleiter Tom McCullough. Wenn man sich verteidigen muss. Für den Angriff kann der größere Flügel von Vorteil sein. Weil der DRS-Effekt größer ist. Bei der Frage, welchen Preis man für die falsche Flügelwahl bezahlt, sei es bei Regen oder trockener Fahrbahn, einigen sich die Ingenieure auf zwei Zehntel pro Runde.

Valtteri Bottas berichtet, in welcher Zwickmühle Fahrer und Ingenieure stecken. Da er fünf Startplätze verlieren wird, braucht er ein Auto mit dem er überholen kann: "Wir scheinen mit unserer Flügeleinstellung auf den Geraden recht schnell zu sein. Im Rennen wird es für mich wichtig sein, im ersten und dritten Sektor schnell zu sein, um dort überholen zu können. Falls es aber regnen sollte, möchte man dort mehr Abtrieb haben. Jetzt müssen wir von Session zu Session sehen, wie es sich entwickelt."

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Welchen Flügel wird man im Quali und Rennen fahren?

6) Was macht das Wetter?

Die Tiefdruckgebiete kreisen über Spa. Das macht das Wetter so unvorhersehbar. "Du weißt, dass Regen kommt, aber du weißt nicht wann", erzählt Alfa Sauber-Teammanager Beat Zehnder. Die Prognosen sprachen von einer 90 prozentigen Regenwahrscheinlichkeit am Freitag. Das ist eingetreten. Am Samstag soll es zu 85 Prozent regnen, am Sonntag wieder zu 90 Prozent. Weil zwischen den Schauern immer wieder die Sonne scheint, trocknet die Strecke extrem schnell ab. Typisch für Spa ist, dass man früher als auf anderen Strecken auf Slicks wechseln kann. Weil das Gripniveau generell sehr hoch ist.

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