Esteban Ocon - Renault - GP Abu Dhabi 2020 xpb
Charles Leclerc - Ferrari - Formel 1 - GP Abu Dhabi - Freitag - 11.12.2020
Sebastian Vettel - Ferrari - Formel 1 - GP Abu Dhabi - Freitag - 11.12.2020
Sebastian Vettel - Ferrari - Formel 1 - GP Abu Dhabi - Freitag - 11.12.2020
Alexander Albon - Red Bull - Formel 1 - GP Abu Dhabi - Freitag - 11.12.2020 60 Bilder

Trainingsanalyse GP Abu Dhabi 2020: Mittelfeld-Krimi

Trainingsanalyse GP Abu Dhabi 2020 Der Mittelfeld-Krimi

Abu Dhabi ist eine Mercedes-Strecke. Seit der Hybrid-Ära gingen alle Siege auf dem Yas Marina Circuit an die Silberpfeile. Die Überlegenheit von Mercedes war auch diesmal erdrückend. Viel spannender dagegen ist der Kampf im Mittelfeld. Acht Autos liegen innerhalb von 178 Tausendstel.

Man muss kein Prophet sein, wenn man heute schon den Trainingsschnellsten und den Sieger tippen will. Beide Pokale werden an einen Mercedes-Fahrer gehen. Die Frage ist nur: an wen. Valtteri Bottas fuhr von der ersten Runde an mit dem Messer zwischen den Zähnen, um die Pleite von Bahrain vergessen zu machen. Er hätte sich am liebsten bei George Russell revanchiert, doch der sitzt beim Saisonfinale wieder im Williams. Also bekommt jetzt der von seiner Corona-Erkrankung wiedergenesene Lewis Hamilton den Zorn des Teamkollegen zu spüren.

Bottas schneller als Hamilton

Die Mercedes-Fahrer waren haushoch überlegen, und sie fuhren ihre schnellsten Runden auf den Medium-Reifen. Die Versuche mit den Soft-Gummis gingen schief. Bottas baute gleich in Kurve 1 einen Fehler ein und brach ab. Hamiltons Runde wurde wegen Überschreitens der Streckenlimits in Kurve 21 gestrichen. Es wäre eine Runde von 1.36,097 Minuten gewesen. Also nur zwei Zehntel schneller als der Bottas-Bestwert mit den härteren Reifen. Max Verstappen fehlten auf dem Medium-Gummi knapp acht Zehntel. Die Quali-Runde mit dem Soft brach er im dritten Sektor ab, weil Sergio Perez im Weg stand.

Wer glaubt, der Medium-Longrun des Red Bull-Piloten gebe Anlass zur Hoffnung, sollte sich nicht zu früh freuen. Verstappen war im Schnitt 2,1 Sekunden schneller als Bottas. Doch eine rote Flagge und Longruns auf Pirellis 2021er Reifen verzerrten das Bild. Mercedes packte den C4-Reifen, der nächstes Jahr zum Einsatz kommen soll, noch einmal mitten im Training aus, um einen repräsentativen Dauerlauf damit zu fahren. Da waren die anderen Teams schon längst wieder bei ihrem Standard-Programm. Wegen Problemen mit dem Bremspedal bei Hamilton und dem Gaspedal bei Bottas konnten die Mercedes-Piloten nicht die geplanten Runden abspulen und mussten ihre Dauerläufe nicht so abspielen wie gewünscht.

Die Spannung kommt auch diesmal aus dem Verfolgerfeld. Zwischen Platz 5 und 12 lagen weniger als zwei Zehntel. Die Longruns sind nicht so aufschlussreich wie sonst. Auf den Soft-Reifen machten Lando Norris und Charles Leclerc eine überproportional gute Figur, was darauf schließen lässt, dass weniger Sprit an Bord war als bei Daniil Kvyat, Daniel Ricciardo und Carlos Sainz. Mit den Medium-Reifen stach der Longrun von Daniel Ricciardo heraus. Und auf den harten Gummis bestimmten Carlos Sainz und Sergio Perez das Tempo in den Rennsimulationen.

Lewis Hamilton - Mercedes - Formel 1 - GP Abu Dhabi - Freitag - 11.12.2020
F1/FIA
Lewis Hamilton muss sich nach seiner Pause erst noch auf den Mercedes einschießen.

Sechs Dinge, die Sie wissen müssen

1) Warum ist Mercedes so überlegen?

Der Yas Marina Circuit ist die perfekte Strecke für Mercedes. Es zählt der goldene Mittelweg zwischen Motorleistung für die drei langen Geraden, Anpressdruck in den mittelschnellen Kurven, guter Traktion aus den vielen 90 Grad-Ecken raus und der Kunst, die weichen Reifen für die ganze Runde am Leben zu halten. "Der Soft-Reifen ist diesbezüglich etwas heikel", gibt Chefingenieur Andrew Shovlin zu. Das Spektrum der Kurventypen ist breiter aufgestellt als beispielsweise das von Mugello. Der Mercedes W11 kann alle vier Disziplinen gut. Die anderen bestenfalls zwei. Auf dem gleichen Reifentyp konnte Max Verstappen nicht mithalten. Seinen Soft-Versuch fuhr er wegen Verkehrs nicht zu Ende. Der wäre auf Mercedes-Niveau gewesen.

Bei Weltmeister geht man davon aus, dass der Vorsprung auf Verstappen am Samstag noch schrumpfen wird. Im letzten Jahr lag er bei dreieinhalb Zehntel. Die Analyse der Sektorzeiten und Topspeeds verrät, dass Red Bull seine Autos auf wenig Abtrieb getrimmt hat. Deshalb konnte Verstappen in den ersten beiden Sektoren noch ganz gut mit den Mercedes mithalten, verlor aber im letzten Abschnitt mit den vielen Kurven.

Hamilton wirkte nach seiner Zwangspause in der ersten Trainingssitzung noch etwas angerostet, fand aber nach eigener Aussage bei Halbzeit der zweiten Session wieder seinen gewohnten Rhythmus. Auch das Auto passte wieder: "Es fühlte sich zu Beginn des Trainings anders an als ich es gewohnt war. Wir haben uns Schritt für Schritt wieder an die Balance hingearbeitet, mit der ich mich wohlfühle." Vergleicht man die Idealzeiten aus der Addition der besten Sektorwerte, schlägt er Bottas um 17 Tausendstel.

2) Ist Ferrari so schlecht wie befürchtet?

Sebastian Vettel hatte schon eine böse Vorahnung: "Hier war Ferrari noch nie stark." Eigentlich müsste die Strecke mit ihren 21 Kurven dem Ferrari ja liegen, weil die Autos auf relativ viel Abtrieb getrimmt sind. Der Yas Marina Circuit ist trotzdem nicht mit dem Hungaroring zu vergleichen. "Die Geraden sind länger." Und da schlägt sich der Ferrari wieder mit seinem Power-Defizit und der schlechten Effizienz. Charles Leclerc landete trotzdem mittendrin im großen Mittelfeld. Auf eine Runde.

Der Longrun auf den Soft-Reifen gibt auf dem Papier Hoffnung, lässt aber vermuten, dass er mit weniger Benzin an Bord erkauft wurde. Außerdem wurden Leclerc am Nachmittag ganze sechs Runden wegen Überschreitens der Streckenlimits aberkannt. Aus dem Mittelfeld war nur Lando Norris schneller. Der Abstand zum Rest ist ungewöhnlich groß. Da spricht Vettels Dauerlauf auf den härtesten Reifen eine ehrlichere Sprache. McLaren, Racing Point, Renault und Alpha Tauri waren schneller. Am Ferrari ließen die Reifen früher nach als bei der Konkurrenz. Da droht im Rennen möglicherweise der gleiche Absturz wie in Bahrain.

Bei Vettel lief es nicht nicht mal auf eine Runde rund. Dem scheidenden Ferrari-Piloten fehlten 0,690 Sekunden auf den Teamkollegen. Das lag zum einen daran, dass er im ersten Training den Großteil der Testarbeit für den 2021er Unterboden am Hals hatte und in der zweiten Sitzung seine schnellste Runde erst im dritten Anlauf schaffte. Leclerc bracht seine Garnitur Soft nach einer Aufwärmrunde in das Fenster.

Lando Norris - McLaren - Formel 1 - GP Abu Dhabi - Freitag - 11.12.2020
Motorsport Images
Zwischen Platz 5 und 12 lagen am Freitag 0,178 Sekunden.

3) Gibt es im Mittelfeld einen Favoriten?

Der Yas Marina Circuit ist 5,554 Kilometer lang und hat 21 Kurven. Bein Rundenzeiten von über 1.36 Minuten eigentlich genug Gelegenheit, Zeit zu gewinnen oder zu verlieren. Das gilt nicht für das Mittelfeld. Zwischen Lando Norris auf Platz 5 und Carlos Sainz auf Rang 12 lag die Winzigkeit von 0,178 Sekunden. Neben zwei McLaren lagen noch zwei Racing Point, zwei Renault, ein Ferrari und ein Alpha Tauri in diesem Paket. Ein echter Favorit ist da nicht auszumachen Jedenfalls nicht auf eine Runde.

Die Longruns stiften eher Verwirrung als dass sie eine Antwort auf die Frage liefern. Selbst innerhalb der Teams. Daniel Ricciardo war mit seinem Renault zufrieden: "Wir hatten eine Punktlandung. Wenn wir noch zwei kleine Dinge ändern, sind wir gut dabei." Teamkollege Esteban Ocon klagte: "Ich bin mit meinen Longruns noch nicht zufrieden. Da liegt noch Arbeit vor uns." Der Franzose reihte sich bei den Dauerläufen mit der harten Mischung zwischen Pierre Gasly und Lando Norris ein.

Carlos Sainz führte die Rangliste der Longruns auf den harten Reifen an. Dafür verlor er auf den weichen Gummis 1,1 Sekunden pro Runde auf Norris im anderen McLaren. Sergio Perez konzentrierte sich auf die beiden härteren Gummimischungen und legte auf Pirellis C3-Mischung zwei Stints à acht und fünf Runden zurück. Der Plan liegt auf der Hand. Perez startet wegen eines Motorwechsels von hinten. Er soll im ersten Stint so lange wie möglich fahren, sich freischwimmen und dann im Finale Attacke machen.

4) Warum will keiner die weichen Reifen im Rennen?

Wer es sich leisten kann, wird im Q2 mit Medium-Reifen fahren. Nach derzeitigem Stand sind das die beiden Mercedes und vielleicht noch Max Verstappen. Oder Fahrer, die gar nicht so scharf darauf sind, mit den weichen Reifen in den Top Ten zu starten. Ein Sergio Perez zum Beispiel, der wegen des Motortauschs sowieso von hinten starten wird. Oder auch einer der Alpha Tauri-Piloten. Teamchef Franz Tost prophezeit: "Platz elf mit freier Reifenwahlkönnte besser sein als ein Platz im Q3." Die Soft-Reifen bauen zu schnell ab. Das könnte die Soft-Starter in einen zweiten Boxenstopp zwingen.

Auf eine Runde ist der Soft-Reifen nach Berechnungen von Pirelli vier bis fünf Zehntel schneller als die Medium-Mischung. Außerdem besteht für die Vorderreifen die Gefahr von Körnen. Pirelli-Sportchef Mario Isola erklärt den Hintergrund: "Das Setup ist darauf ausgelegt, den Hinterreifen vor Überhitzen zu schützen. Wenn man es übertreibt, beginnen die Vorderreifen zu körnen."

5) Schimpfen die Fahrer immer noch über die neuen Pirelli-Reifen?

Diesmal hielten sich die Fahrer mit Kritik an den 2021er Pirelli-Reifen zurück. Pirelli hat ihnen mittlerweile erklärt, dass die neue Konstruktion eine Sicherheitsmaßnahme ist und nicht dafür entwickelt wurde, den Fahrer einen besseren Komfort oder schnellere Runden zu ermöglichen. Mit der Erfahrung von Bahrain haben die Teams ihre Setups an Pirellis neue Sohlen angepasst. Und schon war es nicht mehr ganz so schlimm.

Mercedes hat wie schon in Bahrain am ausgiebigsten die neuen Reifen getestet. Im direkten Vergleich waren die Rundenzeiten mit dem 2021er Produkt durchschnittlich 1,5 Sekunden langsamer. Valtteri Bottas fuhr mit den Testreifen 1.37,8 Minuten, mit den aktuellen Pirelli-C4-Sohlen 1.36,2 Minuten. Lewis Hamilton kam mit den 2021er Reifen auf 1.37,9 Minuten, mit den 2020ern auf 1.36,4 Minuten.

Pietro Fittipaldi - Haas - Formel 1 - GP Abu Dhabi - Freitag - 11.12.2020
xpb
Ferrari, Red Bull und Haas testeten Vorläufer des 2021er Unterbodens.

6) Was haben die Teams für 2021 getestet?

Ferrari und Red Bull traten bereits mit Vorläufern des 2021er Unterbodens an. Während Charles Leclerc das Experimentalteil nach einem Stint wieder los wurde, drehte Vettel mit einem Ferrari seine Runden, der mit Messgittern vollgestopft war. Wegen eines Sensorproblems dauerte der Vergleichstest länger als geplant. Vettel sollte hauptsächlich Daten sammeln, um Windkanal, CFD-Simulation und Rennstrecke für die Entwicklungsarbeit besser korrelieren zu können. "Vom Gefühl her kann ich nicht viel sagen. Dazu war ich zu langsam unterwegs."

Leclerc verlor im schnellen Vergleich zum Standard-Unterboden 1,9 Sekunden. Bei Alexander Albon waren es 2,6 Sekunden. Mercedes hat übrigens auf die Fleißaufgabe verzichten. "Wir entwickeln im Windkanal", hieß es beim Weltmeister.

Longrun-Analyse GP Abu Dhabi 2020

Fahrer ∅Rundenzeit Runden Reifentyp Stint
Verstappen 1.41,936 min 4 soft 1
Räikkönen 1.42,772 min 4 soft 1
Albon 1.42,824 min 6 soft 1
Norris 1.43,052 min 5 soft 1
Leclerc 1.43,312 min 5 soft 1
Kvyat 1.43,811 min 4+6 soft 1+2
Ricciardo 1.43,935 min 5 soft 1
Sainz 1.44,199 min 7 soft 1
Latifi 1.44,221 min 6 soft 2
Fittipaldi 1.44,788 min 4 soft 1
Magnussen 1.45,297 min 5 soft 2
         
Verstappen 1.41,913 min 5 medium 2
Albon 1.42,164 min 6 medium 2
Ricciardo 1.42,669 min 6 medium 2
Perez 1.43,773 min 9 medium 1
Bottas 1.44,006 min 6 medium 2
Giovinazzi 1.44,931 min 6 medium 1
Stroll 1.44,042 min 4+6 medium 1+2
Latifi 1.44,770 min 9 medium 1
Magnussen 1.44,887 min 5 medium 1
         
Sainz 1.42,533 min 6 hart 2
Perez 1.42,669 min 8+5 hart 1+2
Gasly 1.42,910 min 5+5 hart 1+2
Ocon 1.43,093 min 6 hart 1
Norris 1.43,815 min 6 hart 2
Vettel 1.44,088 min 6 hart 1
Russell 1.44,374 min 6 hart 1
         
Hamilton 1.43,022 min 7 Test 2021 1
Bottas 1.43,219 min 6 Test 2021 1
Fahrer ∅Rundenzeit Runden Reifentyp Stint
Verstappen 1.41,936 min 4 soft 1
Räikkönen 1.42,772 min 4 soft 1
Albon 1.42,824 min 6 soft 1
Norris 1.43,052 min 5 soft 1
Leclerc 1.43,312 min 5 soft 1
Kvyat 1.43,811 min 4+6 soft 1+2
Ricciardo 1.43,935 min 5 soft 1
Sainz 1.44,199 min 7 soft 1
Latifi 1.44,221 min 6 soft 2
Fittipaldi 1.44,788 min 4 soft 1
Magnussen 1.45,297 min 5 soft 2
         
Verstappen 1.41,913 min 5 medium 2
Albon 1.42,164 min 6 medium 2
Ricciardo 1.42,669 min 6 medium 2
Perez 1.43,773 min 9 medium 1
Bottas 1.44,006 min 6 medium 2
Giovinazzi 1.44,931 min 6 medium 1
Stroll 1.44,042 min 4+6 medium 1+2
Latifi 1.44,770 min 9 medium 1
Magnussen 1.44,887 min 5 medium 1
         
Sainz 1.42,533 min 6 hart 2
Perez 1.42,669 min 8+5 hart 1+2
Gasly 1.42,910 min 5+5 hart 1+2
Ocon 1.43,093 min 6 hart 1
Norris 1.43,815 min 6 hart 2
Vettel 1.44,088 min 6 hart 1
Russell 1.44,374 min 6 hart 1
         
Hamilton 1.43,022 min 7 Test 2021 1
Bottas 1.43,219 min 6 Test 2021 1
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