Trainingsanalyse GP England 2015

Ferrari muss Toro Rosso fürchten

Max Verstappen - Toro Rosso - GP England - Silverstone - Freitag - 3.7.2015 Foto: xpb 92 Bilder

Die Rennsimulationen lassen ein enges Rennen zwischen Mercedes, Ferrari, Red Bull und ToroRosso vermuten. Doch bei genauer Trainingsanalyse ist Mercedes wieder Favorit. Vor Ferrari und den beiden Red Bull-Teams. Toro Rosso könnte sogar Ferrari gefährlich werden.

Nico Rosberg dominierte mit zwei Bestzeiten den ersten Trainingstag. Obwohl er am Morgen wegen eines Hydrauliklecks im Getriebe 1,08 Stunden verlor. Teamkollege Lewis Hamilton fand den ganzen Tag nicht das Vertrauen in sein Auto. Man merkte es an diversen Ausrutschern. Mentor Niki Lauda meinte vorsichtig: "Lewis kämpfte mit dem Setup und dem Rhythmus. Das Auto liegt nicht. Wir haben sogar Aero-Farbe aufgesprüht, um das Problem zu finden. Lewis hat sich über den Geruch beklagt, wollte erst aussteigen, dann wieder doch nicht." Man könnte die Aufzählung auch so umschreiben: Das Problem sitzt im Kopf.

Der Befindlichkeiten von Hamilton führten dazu, dass der WM-Spitzenreiter keinen verwertbaren Longrun absolvierte. Aus den vier Runden mit einem Schnitt von 1.39,726 Minuten ließ sich nichts herauslesen. Mehr schon aus dem Mittelwert von Rosbergs Dauerlauf. Über 6 Runden kam Hamiltons Herausforderer auf ein Mittel von 1.38,893 Minuten, über die gesamten 13 Runden auf 1.38,796 Minuten.

Mercedes kann Power hochdrehen

Damit lag Mercedes in der Longrun-Tabelle nur an dritter Stelle. Klar geschlagen von den beiden Toro Rosso-Piloten, dicht gefolgt von Sebastian Vettel und den zwei Red Bull-Fahrern. Nach der Erkenntnis der beiden letzten Rennen wissen wir, dass die Freitagsergebnisse in Bezug auf Mercedes nicht viel bedeuten müssen. Ferrari-Chef Maurizio Arrivabene vermutete, dass die Silberpfeile am Freitag mit mehr Benzin unterwegs sind und sich deshalb erst im Rennen das wahre Bild zeigt.

Nach Durchsicht aller Daten ist Vettel anderer Meinung: "Wir fahren am Freitag nicht leicht. Viel schwerer geht gar nicht. Unser Verdacht ist, dass Mercedes am Samstag und Sonntag bei der Motorleistung stärker zulegen kann als alle anderen." Ohne Einrechnung des Mercedes-Faktors wären 0,347 Sekunden Rückstand von Kimi Räikkönen auf die Bestzeit auf der Aerodynamik-Strecke von Silverstone gar nicht so schlecht. Gleiches gilt für Vettels Longrun: 1.38,946 Minuten über 6 Runden, 1.38,771 Minuten über 10 Runden. Das Upgrade war offenbar von Erfolg gekrönt. Ferrari präsentierte einen neuen Frontflügel, neue Bremshutzen vorne und hinten und einen modifizierten Diffusor.

Verstappen und Sainz sind die Longrun-Könige

Auch bei Mercedes geht man fest davon aus, dass sich die Schere an den nächsten beiden Tagen wieder öffnet. Silverstone ist wegen der schnellen Kurven das ideale Terrain für das Auto mit dem meisten Abtrieb. Und keiner bringt die harten Reifenmischungen so einfach in ihr Arbeitsfenster wie die Silberpfeile. Ein Ingenieur verrät: "Die hohen Temperaturen heute haben den Gegnern geholfen. Weil sie einfacher in das Grip-Fenster der Reifen gekommen sind. Wir bewegen uns da schon an der oberen Grenze. In den nächsten beiden Tagen soll es um bis zu acht Grad kühler werden. Das spielt uns in die Karten."

Die größte Überraschung aus Sicht der Mercedes-Strategen waren die beiden Red Bull-Teams. Allen voran Toro Rosso. Max Verstappen und Carlos Sainz fuhren auf den Medium-Gummis die schnellsten Longrun-Zeiten. Mit 1.38,554 Minuten für Verstappen und 1.38,701 Minuten für Sainz ließ Red Bulls Junior-Team sogar Mercedes hinter sich.

Wie wohl sich der Toro Rosso in den flüssigen Kurven fühlt, zeigte sich auch beim Dauerlauf auf der härteren Reifenmischung. Verstappen und Sainz belegten mit 1.39,375 respektive 1.39,632 Minuten die Plätze 8 und 9. Pirelli bezifferte den Unterschied zwischen den beiden Reifenmischungen auf acht bis neun Zehntel. Sportchef Paul Hembery erwartet kein simples Einstopp-Rennen: "Der Abbau der Reifen ist beachtlich. Ich kann mit vorstellen, dass dies die Teams zu unterschiedlichen Strategien animiert."

Daran hat auch das A-Team Red Bull zu knabbern. Auch wenn Daniil Kvyat mit 1.39,242 Minuten der schnellste Mann auf den harten Reifen war. Daniel Ricciardo kam mit den weicheren Sohlen nur auf 1.39,293 Minuten. Chefdesigner Adrian Newey machte trotz der verbesserten Form seiner Autos einen etwas angesäuerten Eindruck. Nichts ist schlimmer für ihn, als wenn das Schwesterteam das Tempo vorgibt. Immerhin gibt er zu: "Der Motor spielt nicht ganz so die dominante Rolle wie in Montreal und Spielberg. Aber vernachlässigbar ist er auch nicht." Teamchef Christian Horner ergänzte: "Wir verlieren nur auf den Geraden sieben Zehntel auf die Mercedes." ToroRosso aber auch.

Neuer Force India aus dem Stand schnell

Nico Hülkenberg zeigte sich von den Toro Rosso beeindruckt: "Die sind ja geflogen." Trotzdem freute sich der Le Mans-Sieger über den Einstand des neuen Autos: "Aus dem Stand besser. Deutlich mehr Grip an der Hinterachse. Wo früher Übersteuern kam, hält das Auto jetzt durch. Damit können wir mehr Speed mit durch die Kurve tragen. Wir sind jetzt auf einem Streckentyp bei der Musik, die vorher unsere Achlles-Ferse war." Hülkenberg landete mit 1.39,643 Minuten im Einzugsbereich des Williams von Felipe Massa. Force India-Technikchef Andy Green bittet um Geduld: "Es wird zwei Wochenenden dauern, bis wir das Maximum aus dem Paket herausholen können."

Eine Enttäuschung waren die Lotus, Sauber und vor allem McLaren. Bei Lotus verlor Romain Grosjean nach einem Ausflug ins Kiesbett 53 Minuten Zeit. Dafür war sein Dauerlauf-Durchschnitt mit 1.39,985 Minuten noch respektabel. Die Sauber kamen nicht unter die 1.40er Marke. Hier macht sich das Abtriebsmanko klar bemerkbar. Das ist auch mit Ferrari-Power nicht zu kaschieren.

Noch dramatischer war die Vorstellung der McLaren-Piloten. Fernando Alonso kam wegen diverser Problem und Ausflüge neben die Strecke nicht zu einer vernünftigen Rennsimulation. Jenson Buttons Mittelwert von 1.41,662 Minuten lag über eine Sekunde über der Longrun-Zeit von Felipe Nasr. Nur noch die Manor waren langsamer.

Seit diesem Jahr bieten wir Ihnen einen noch besseren Longrun-Service an. In der unten stehenden Tabelle vergleichen wir zwei Longruns. Den jeweils längsten, und dann aus diesem herausgelöst den Schnitt einer Minimumzahl von Runden, die jeder Fahrer zurückgelegt hat.

In Silverstone waren das je 6 Runden für den harten und den medium-Reifen. Dieser Wert ist für den Speed des Autos unter Rennbedingungen repräsentativer, da der Abbau der Reifen sich auf die gleiche Rundenzahl bezieht. Sie finden ihn in der ersten Spalte. Dazu liefern wir Ihnen noch die bei der Rennsimulation verwendete Reifensorte.

 

GP England Longrun-Vergleich

Fahrer Ø bester 6 Runden Longrun Ø längster Longrun Runden Reifen
Verstappen 1.38,554 1.38,600 10 medium
Sainz 1.38,701 1.38,740 10 medium
Rosberg 1.38,839 1.38,746 13 medium
Vettel 1.38,946 1.38,771 10 medium
Kvyat 1.39,242 1.38,638 9 hart
Ricciardo 1.39,293 1.39,294 10 medium
Massa 1.39,331 1.39,101 10 medium
Verstappen 1.39,375 1.39,512 11 hart
Sainz 1.39,632 1.39,881 12 hart
Hülkenberg 1.39,643 1.39,693 10 medium
Bottas 1.39,908 1.39,904 10 hart
Räikkönen 1.39,941 1.39,898 10 hart
Grosjean 1.39,985 1.39,986 9 medium
Perez 1.40,240 1.40,240 9 medium
Hülkenberg 1.40,438 1.40,438 6 hart
Nasr 1.40,493 1.40,494 9 hart
Maldonado 1.40,713 1.40,876 9 hart
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