Charles Leclerc - GP Kanada 2019 Motorsport Images

Trainingsanalyse GP Kanada 2019

Ferrari nur schnell auf eine Runde

Die Qualifikation könnte ein Thriller werden. Im Rennen droht wieder eine Mercedes-Show. Die Silberpfeile sind in den Longruns wieder einmal haushoch überlegen. Ferrari ist nur auf eine Runde schnell.

Das Ergebnis des ersten Trainingstages liest sich vielversprechend. Zwei Ferrari vor einem Mercedes. Und ein McLaren auf Platz 4, nur 0,376 Sekunden von der Bestzeit entfernt. Auch auf der Strecke war Action angesagt. Lewis Hamilton und Max Verstappen küssten die Mauer. Für Hamilton mit Folgen. Sein Training war nach 25 Minuten beendet.

Ferrari präsentierte sich wie erwartet in besserer Form als zuletzt in Barcelona und Monte Carlo. Die Strecke kommt dem Aerodynamik-Konzept des SF90 entgegen. Charles Leclerc und Sebastian Vettel waren auf den Geraden eine Macht. Und der Verlust in den Kurven hielt sich in Grenzen.

Im Moment sieht es so aus, als hätte Mercedes im Kampf um die Pole Position einen Gegner bekommen. Auf längere Distanz sind die Silberpfeile konkurrenzlos. Von allen Unwägbarkeits-Faktoren bereinigt, war Mercedes im Longrun pro Runde mindestens eine halbe Sekunde schneller.

Die beiden Autos ließen sich allerdings nur auf den Soft-Reifen vergleichen. Ferrari ließ die Finger von Pirellis härtester Mischung, weil Vettel und Leclerc jeweils nur eine Garnitur der harten Reifen in der Hinterhand haben. Und die werden für das Rennen aufgehoben.

Bei Mercedes fehlt ein Medium-Longrun in der Datensammlung. Für die Rennsimulation auf der mittleren Mischung war Hamilton eingeteilt. Und der landete nach acht Runden in der Mauer.

Red Bull versteckte sich in der Zeittabelle nur im Mittelfeld. Max Verstappen traf bei einem Versuch einer schnellen Runde in der Wall of Champions die Mauer. Beim zweiten Anlauf blieb er im Verkehr stecken. Pierre Gasly haderte mit seinem Auto. In den Longruns sieht es besser aus. „Da kämpfen wir mit Ferrari“, ist Sportdirektor Helmut Marko überzeugt.

Und vielleicht auch mit McLaren. Die Papaya-orangenen Autos waren die große Überraschung des ersten Trainingstages. Auf eine Runde und auf die Distanz. „Im Longrun waren wir fast noch besser“, freute sich Teamchef Andreas Seidl. Auf den Soft-Reifen hatten die McLaren weniger mit Abnutzung zu kämpfen als der Rest des Feldes.

Sebastian Vettel - Ferrari - GP Kanada - Montreal - 7. Juni 2019
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Ferrari fuhr nur auf einer schnellen Runde auf Mercedes-Niveau.

Sechs Dinge, die Sie zum Trainingsfreitag in Montreal wissen müssen:

Hat Ferrari in der Qualifikation eine Chance?

Im Rennen um die besten Startplätze könnte es eng werden. Charles Leclerc war auf eine Runde um 0,134 Sekunden schneller als Valtteri Bottas. Auch Sebastian Vettel schob sich noch vor den einsamen Mercedes, warnt aber: „In der Zeitentabelle sind wir vorne, aber wir sind nicht die schnellsten. Wenn man die Zeiten genauer analysiert, stellt man fest, dass die Lücke zu Mercedes noch groß ist.“

Ferrari hatte am Freitag noch Motor Nummer 1 im Heck, der fünf GP-Wochenenden und ein Freitagstraining auf dem Buckel hat. In der Nacht kommt wieder Motor Nummer 2 in die Autos. Da ist am Samstag noch ein Leistungssprung zu erwarten. Mercedes hatte bereits die neuen Motoren im Auto, wird aber in der Qualifikation noch die Power hochfahren.

Das hat nach GPS-Messungen Ferrari schon am Freitag gemacht. „Als Ferrari auf Soft-Reifen gegangen ist, wurden sie allein vom Motor her vier Zehntel schneller“, berichten Mercedes-Ingenieure. Red Bull-Sportchef Helmut Marko macht sich da wenig Hoffnungen: „Der Party-Modus unserer Gegner ist leider noch größer als unserer.“

In den Longruns kämpften die Ferrari-Piloten mit starker Abnutzung der Reifen. Obwohl es Vettel gemächlich angehen ließ. Am Ende seines 14-Runden Stints mit den Soft-Reifen war der Ex-Champion um 2,4 Sekunden langsamer als zu Beginn. Bottas stieg aggressiver in seinen Longrun ein. Seine erste Runde war um 1,4 Sekunden schneller als die von Vettel, die letzte um 1,7 Sekunden.

Der Finne drehte allerdings auch fünf Runden weniger auf Pirellis weichster und heikelster Mischung. Leclercs Rennsimulation auf den Medium-Reifen ist auch nicht berauschend, wenn man ihn mit den Rundenzeiten von Daniil Kvyat im Toro Rosso und Daniel Ricciardo im Renault vergleicht. Da muss ein Ferrari schneller sein.

Wo macht Mercedes seine Zeit?

Wie immer in den Kurven. Bottas verliert auf den Geraden eine halbe Sekunde auf die Ferrari. Der Top-Speed von Leclerc ist um 13 km/h höher als der des Mercedes. In den Kurven macht der Mercedes zwischen 5 und 10 km/h auf die Ferrari gut. Beispiel Kurve 3: Da ist Bottas um 7 km/h schneller als Leclerc.

Legt man beide Runden übereinander liegt Bottas bis zum Ausgang der Haarnadel vor Leclerc. Dann schupft ihn der Ferrari auf der 1,2 Kilometer langen Gerade auf und verliert in der Schikane vor Start und Ziel nicht mehr entscheidend auf den Silberpfeil.

Max Verstappen - GP Kanada 2019
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Max Verstappen traf die Mauer in der Zielschikane.

Wie stark ist Red Bull?

Red Bull machte sich selbst das Leben schwer. Max Verstappen fuhr in seiner ersten schnellen Runde zu dicht auf Teamkollege Pierre Gasly auf , bekam Untersteuern und traf mit dem rechten Vorderreifen den Beton der Wall of Champions. 15 Minuten verstrichen, bis alles am Auto gecheckt war.

Die Schuld traf Gasly. Marko ärgerte sich „Entweder gibt Gasly früher Gas und verschwindet nach vorne, oder er lässt Max vor der Schikane vorbei. Wir haben ihm die genauen Abstände zum anderen Auto am Funk mitgeteilt.“

Bei Verstappen reichte es nur noch für einen Mini-Longrun mit den harten Reifen. Marko schloss daraus: „Wir kämpfen mit Ferrari. Gegen Mercedes hat keiner eine Chance.“ Gaslys Rennsimulation war kein Maßstab. Der Franzose kam mit seinem Auto nicht zurecht. „Übersteuern auf allen Reifen.“

Warum ist McLaren so schnell?

McLaren mischte das Mittelfeld auf und bewegte sich verdächtig nah an den Topteams. Auf eine Runde und in den Dauerläufen. Auf den harten Reifen war Carlos Sainz sogar schneller als Bottas. Wir gehen davon aus, dass weniger Benzin im Tank war. Die letzten drei Runden des Longruns waren in drei Portionen unterteilt. Sainz übte Starts.

Doch warum waren die McLaren so schnell? Teamchef Andreas Seidl klärt auf: „Wir haben ein sehr effizientes Auto. Das hilft uns auf den schnellen Strecken. Deshalb waren wir auch in Bahrain und in Baku stark.“ Dazu kommt ein Aero-Upgrade mit neuem Spiegel und Unterboden, das voll eingeschlagen ist. „Die Korrelation zwischen Rennstrecke, CFD und Windkanal stimmt“, freut sich Seidl.

Haas deutete mit der fünftschnellsten Zeit für Kevin Magnussen an, dass man die Aufwärmproblematik für die Reifen im Griff hat. „Auf den Longruns müssen wir noch an unserem Reifenmanagement arbeiten.“ Auf eine Runde war der US-Ferrari schneller als die Renault. Über die Distanz sahen die französischen National-Renner besser aus.

„Ich bin zufrieden mit meinem Auto“, rapportierte Nico Hülkenberg. „Auf den weichen Reifen waren wir etwas eher auf der Strecke als unsere Konkurrenten. Der Rückstand geht vielleicht auf das Konto der Strecke, die immer schneller wurde.“ Ricciardo ergänzt: „Unser größtes Problem ist Körnen auf den weichen Reifen.“

GP Kanada 2019: Die Bilder vom Freien Training

Nico Hülkenberg - Renault - GP Kanada - Montreal - 7. Juni 2019
Nico Hülkenberg - Renault - GP Kanada - Montreal - 7. Juni 2019 Lando Norris - McLaren - GP Kanada - Montreal - 7. Juni 2019 Sebastian Vettel - Ferrari - GP Kanada - Montreal - 7. Juni 2019 Lando Norris - McLaren - GP Kanada - Montreal - 7. Juni 2019 64 Bilder

Wirft der Hamilton-Crash Mercedes zurück?

Lewis Hamilton feuerte seinen Mercedes ausgangs von Kurve 8 in die Mauer. Beim Mauerkuss ging mehr kaputt als nur die rechte hintere Felge. „Wir müssen die komplette hintere Ecke tauschen“, berichtet ein Ingenieur. Hamiltons zweites Training war nach 8 Runden beendet.

„Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal eine gesamte Session verpasst habe. Es fühlt sich an, als ob man beim Schulleiter im Büro sitzt und sich wünscht, wieder in den Klassenraum zurück zu dürfen. Es war ein einfacher Fehler. Ich bin mehrere Runden auf dem Medium-Reifen gefahren und habe versucht, das Limit zu finden. Leider bin ich darüber hinausgeschossen.“

Was bedeutet das für Ingenieure und Fahrer? „Wir mussten auf einem Longrun mit den Medium-Reifen verzichten und haben jetzt weniger Daten. Lewis hat seine erste Qualifikations-Simulation auf Soft-Reifen verloren. Jetzt muss er alles im dritten Training nachholen“, erzählen die Ingenieure.

Wie lange halten die weichen Reifen?

Es ist nicht die Frage, wie lange sie halten, sondern wie lange sie Grip liefern. Die Soft-Gummis bauen in jeder Runde gleichmäßig ab. Erst ab der 10. Runde erholen sie sich etwas, um kurz darauf wieder abzustürzen. Im Rennen werden die Teams die Soft-Gummis so schnell wie möglich ablegen. „Medium und Hart sind die besseren Rennreifen“, erklären die Ingenieure.

Wegen der engen Zeitabstände werden es auch die Top-Teams nicht riskieren können, im Q2 mit Medium-Reifen zu pokern. Wenn sie gezwungen sind, auf Soft-Reifen zu starten, fallen sie beim ersten Boxenstopp möglicherweise in das Feld derer, die ab Platz 11 freie Reifenwahl haben und auf die Soft-Reifen komplett verzichten. Das sorgt für Extra-Spannung.

Longrun-Zeiten GP Kanada 2019

Fahrer Schnitt Runden Reifentyp
Bottas 1.17,293 min 9 soft
Hülkenberg 1.17,396 min 8 soft
Norris 1.17,693 min 14 soft
Sainz 1.17,749 min 15 soft
Ricciardo 1.17,814 min 10 soft
Kvyat 1.17,835 min 8 soft
Gasly 1.18,096 min 8 soft
Stroll 1.18,555 min 9 soft
Vettel 1.18,601 min 14 soft
Perez 1.18,759 min 12 soft
Räikkönen 1.18,948 min 12 soft
Magnussen 1.19,277 min 18 soft
Grosjean 1.19,379 min 14 soft
Albon 1.19,755 min 6 soft
Kubica 1.19,987 min 3 soft
              
Leclerc 1.17,651 min 19 medium
Vettel 1.17,762 min 6 medium
Kvyat 1.17,970 min 13 medium
Ricciardo 1.18,015 min 13 medium
Grosjean 1.18,109 min 7 medium
Räikkönen 1.18,448 min 9 medium
Albon 1.19,690 min 15 medium
Kubica 1.20,916 min 16 medium
               
Sainz 1.16,345 min 11+3 hart
Bottas 1.16,584 min 18 hart
Verstappen 1.17,106 min 6 hart
Hülkenberg 1.17,324 min 11+10 hart
Stroll 1.17,356 min 7 hart
Perez 1.17,498 min 8 hart
Gasly 1.17,629 min 9 hart
Magnussen 1.17,857 min 4 hart
Giovinazzi 1.18,172 min 5 hart
Russell 1.18,684 min 15 hart
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