Max Verstappen - Red Bull - GP 70 Jahre F1 - Silverstone xpb
Max Verstappen - Red Bull - GP 70 Jahre F1 - Silverstone
Bottas - Hamilton - GP 70 Jahre F1 - Silverstone
Sebastian Vettel - Ferrari - GP 70 Jahre F1 - Silverstone
Lewis Hamilton - Mercedes - GP 70 Jahre F1 - Silverstone 61 Bilder

Überraschungssieg von Verstappen

Reifenmanagement als Schlüssel

Silverstone ist Mercedes wie auf den Leib geschneidert. Nicht aber, wenn die Reifen zu weich sind. Da blühte plötzlich Max Verstappen auf und siegte. Nach dem ersten Saisonerfolg will Red Bull Mercedes in der Weltmeisterschaft einheizen.

Die ersten vier Rennen ließen Schlimmstes befürchten. Mercedes degradierte die Konkurrenz zu Statisten. Manch einer argwöhnte gar, dass der Titelverteidiger mit seinem überlegenen Auto in dieser Saison alle Rennen gewinnen würde. Doch der Durchmarsch wurde beim fünften Saisonrennen gestoppt. Von Max Verstappen und Red Bull.

Es war ein Rennsonntag ganz nach dem Geschmack des 22-Jährigen aus den Niederlanden und der Mannschaft aus Milton Keynes. Der RB16 war perfekt ausbalanciert, und erlaubte es dem Fahrer, Reifen zu konservieren und trotzdem schneller zu fahren als die Mercedes.

Während der Red Bull die Reifen streichelte, überhitzten die schwarzen Sohlen an den schwarzen-lackierten Autos und warfen Blasen vorn und hinten. Am dunkelblauen Auto war davon nichts zu sehen. "Unsere Reifen waren übersät von Blasen, bei Max sahen sie hingegen super aus im Ziel", urteilten die Mercedes-Piloten. Verstappen brachte die Krafteverhältnisse auf den Punkt. "Wir hatten einen richtig guten Tag mit Auto und Reifen, Mercedes einen gebrauchten." Das sah auch Teamchef Christian Horner so: "Wir haben das Maximum herausgerollt, Mercedes hat die Leistungen der vergangenen Rennen nicht abgerufen."

Max Verstappen - Red Bull - GP 70 Jahre F1 - Silverstone
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Red Bulls Plan mit den harten Reifen ging voll auf.

Schachzug: harte Reifen am Start

Es war schon verblüffend, mit welcher Leichtigkeit Verstappen den Überfliegern folgte. Und wie er nach seinem ersten Boxenstopp Valtteri Bottas in der 27. Runde in Brooklands stehen ließ. "Eigentlich wären wir schon vor ihm gelegen, hätte es nicht beim Wechsel an einem Rad geklemmt. Ich wusste, ich muss mir Bottas sofort schnappen. Ich war auf neuen Reifen, er auf alten."

In diese Position hatte sich Red Bull mit einem klugen Schachzug in der Qualifikation gebracht. Die Herausforderer mussten etwas anderes tun, um den übermächtigen Rivalen zu stürzen. Als einziger Fahrer zog Verstappen deshalb mit dem harten Reifen in den dritten Teil ein – und durfte damit auf dem besten Rennreifen starten. "Uns hat es verwundert, dass wir die einzigen waren, die das gemacht haben. Der harte Reifen war letzte Woche der Medium und schon ein guter Rennreifen. Anders als der heutige Medium, der letzte Woche der Soft war", meinte Horner. Pirelli hatte für das zweite Rennen in Silverstone weichere Mischungen mitgebracht.

Auf den harten Reifen konnte der nun neunmalige GP-Sieger sofort Gas geben. Die Mercedes-Piloten mussten hingegen bereits ab der dritten Runde ihre Reifen schonen und Speed in den Highspeed-Kurven herausnehmen. Verstappen musste nur ein Hindernis überwinden. Nico Hülkenberg qualifizierte sich vor ihm und hätte ihm im ersten Stint im Weg stehen können. Der Holländer löste das Problem direkt auf den ersten Metern, obwohl der harte Reifen auf dem Papier einen Gripnachteil hatte. "Der Start war sehr wichtig. Dadurch konnte ich mich sofort auf die Jagd nach den Mercedes machen", bilanzierte der Sieger.

Verstappen will nicht warten

Es dauerte bis zur fünften Runde, bis Verstappen erstmals schneller war als die Spitze. Im zehnten Umlauf war er erstmals im DRS-Fenster, um hinter Hamilton den Flügel umzuklappen. Da versuchte sein Renningenieur, ihn an die heiklen Pirelli-Reifen zu erinnern.

Die Strategen glaubten, es sei nicht der richtige Moment für eine Attacke. Verstappen hielt am Funk dagegen. "Ich habe hinter Lewis gesehen, wie sich die Lauffläche seiner Hinterreifen aufgelöst hat. Das hatte ich erwartet, weil die Reifen mit vollen Tanks noch mehr leiden. Ich hasse es, einfach hinterherzufahren und zu warten. Mein Auto war gut genug, und die Reifen in Schuss, um ihnen einzuheizen. Ich konnte das tun, ohne mir die Reifen zu ruinieren."

Verstappen zog es vor, anzugreifen. Auch, weil beim Hinterherfahren der Frontflügel unsauber angeströmt wird und der Abtrieb dadurch fällt. Beinahe hätte Verstappen hinter Hamilton sogar sein Auto verloren. "Ich hatte einen heiklen Moment in Kurve 13." Das ist die schnelle Becketts-Kurve, die mit über 220 km/h genommen wird.

Als Mercedes mit früheren Boxenstopps die Bahn freimachte, steigerte Verstappen das Tempo. Und er war auf den gebrauchten Reifen sogar schneller als die Silberpfeile auf den neuen. "Das war der Moment, als wir an den Sieg glaubten", wirft Horner ein. So schaffte Red Bull fast den Overcut, einen längeren ersten Stint, um trotz späterem Reifenwechsel vorne zu bleiben. "Es war der Schlüssel, dass wir den ersten Boxenstopp so lange rauszögern konnten", befand Verstappen. Weil er danach mit frischen Reifen dem Mercedes sofort im Heck klebte – und Bottas direkt überholte. Danach war es sein Rennen.

Max Verstappen - Red Bull - GP 70 Jahre F1 - Silverstone
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Kurzer Zwischensprint: Den Mediumreifen fuhr Verstappen nur für sechs Runden.

Red Bull will mehr

Auf das Manöver folgte ein kurzer Zwischensprint auf dem Mediumreifen, den Verstappen bereits in Runde 32 wieder ablegte. Parallel zu Bottas. "Danach war es ein Rennen bis zur Zielflagge. Bottas hätte mich schon auf der Strecke überholen müssen." Weil auch Hamilton gezwungen war, ein zweites Mal zu stoppen, wurde es hinten heraus ein ungefährdeter Sieg.

Es gibt mehrere Gründe für Red Bulls Siegesfahrt. Die weicheren Reifen im Vergleich zur Vorwoche schmeckten den dunkelblauen Autos besser. So paradox es klingt. Weniger Abtrieb strapaziert die sensiblen Pirellis weniger. Das Auto mit dem höchsten Anpressdruck litt am meisten: Das ist der Mercedes. So konnten Hamilton und Bottas auch nicht ihren Vorteil in schnellen Kurven ausspielen. Sie mussten vom Gas, um die Reifen nicht über die Grenze hinaus zu belasten.

Im Renntrimm stören Red Bull auch weniger die Strömungsabrisse, mit denen sich das Team seit Saisonbeginn herumschlägt. Weil die Kurvengeschwindigkeiten sinken. Und dann wäre da noch der Motor. Honda hat für das fünfte Rennen des Jahres in beiden Autos eine neue Antriebseinheit eingesetzt. Die Japaner haben die Zuverlässigkeit abgesichert. Positiver Nebeneffekt: Damit können die Fahrer länger mit mehr Leistung fahren. Gleichzeitig schrumpft der Mercedes-Leistungsvorteil ohnehin im Renntrimm. Den Nachbrenner können die Weltmeister nur selten zünden.

Red Bull will mehr. Sportchef Helmut Marko kündigt an. "Da kommt noch einiges von unserer Seite." Gemeint sind Upgrades in den kommenden Wochen, um die Aero-Probleme zu lösen und den RB16 schneller zu machen. "Die WM ist noch nicht vorbei für uns." Red Bull hofft auf einen besonders heißen Sommer. Und darauf, dass die Reifen öfters das Zünglein an der Waage spielen. An den Reifen allein will Red Bull den Sieg aber nicht festmachen. "Wir waren heute einfach schneller als Mercedes."

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