Valtteri Bottas - GP Russland 2017
Valtteri Bottas - GP Russland 2017
Vettel & Bottas - GP Russland 2017
Valtteri Bottas - GP Russland 2017
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Verkehrte Reifenwelt in Sotschi

Mercedes überrascht sich selbst

Alles sprach beim GP Russland für einen Ferrari-Sieg. Doch dann gewann Mercedes. Den Siegern und Verlierern fehlten die Worte, weil sich die Reifen wieder einmal so verhielten, wie es keiner erwartet hatte.

Man kann dieser Tage als Experte ziemlich dumm dastehen. Die Formel 1 hält sich nicht ans Drehbuch. Die Reifen machen, was sie wollen. Und da sehen dann auch die Profis in diesem Geschäft alt aus. „Ich habe jedem vor dem Rennen erzählt, dass Ferrari gewinnt“, gab Niki Lauda zu, nur um nach dem GP Russland zuzugeben: „So getäuscht habe ich mich noch nie. Es war ein Wunder, wie Bottas die Mini-Chance genutzt hat, um mit vollen Tanks in das Reifenfenster zu kommen, und danach auch dringeblieben ist.“

Was hatten wir aus den ersten drei Grand Prix gelernt? Mercedes gewinnt am Samstag und Ferrari am Sonntag. Falsch. Ferrari stand zum ersten Mal seit 166 Rennen mit zwei Autos in der ersten Startreihe. Mercedes drehte im Rennen die Reihenfolge schon beim Start um. Ferrari ist schnell zu Beginn des Rennens, und Mercedes wacht erst in der zweiten Rennhälfte auf. Auch falsch. Mercedes dominierte bis zu den Boxenstopps und musste am Ende noch um den Sieg zittern.

Bottas nahm Hamilton 36 Sekunden ab

Mercedes hat ein Problem mit den weichen Reifenmischungen und kommt erst mit den harten Gummis auf Tempo. Nicht richtig. Beim GP Russland war es genau umgekehrt. Bottas fuhr auf den Ultrasoft-Sohlen Sebastian Vettel bis zu 5,5 Sekunden davon. Erst Überrundete dampften den Vorsprung wieder auf 3 Sekunden ein. Dafür machte Ferrari auf den Supersoft-Reifen richtig Dampf. Bottas rettete nur einen Vorsprung von 0,6 Sekunden ins Ziel.

Noch so eine Erkenntnis dieser Saison: Mercedes bringt die Reifen sofort in ihr Arbeitsfenster, fällt aber unter bestimmten Bedingungen oben wieder raus. Sotschi hat auch das widerlegt. Nur Ferrari brachte Vorderreifen und Hinterreifen schnell und gleichzeitig in das Arbeitsfenster. Deshalb der Trainingssieg. Mercedes brauchte dafür manchmal bis zu 3 Runden. Dafür blieben die Hinterreifen am Leben. Trotz 40 Grad auf dem Asphalt.

Zum Schluss noch eine andere Expertenmeinung: Lewis Hamilton ist im Rennen konstanter als Valtteri Bottas. Schnee von gestern. Bottas nahm seinem Teamkollegen im Training eine halbe Sekunde und über 52 Runden 36 Sekunden ab. Hamilton kämpfte im Rennen mit den gleichen Problemen wie im Training. Vorder- und Hinterreifen waren nur phasenweise im Fenster. Der WM-Zweite verlor vor allem in den 90 Grad-Kurven auf Bottas.

Ferrari bringt Reifen stabiler ins Fenster

Mercedes-Teamchef Toto Wolff versuchte Ordnung in die Unordnung zu bringen: „Wir haben wieder gelernt, wie schwer es ist, die Reifen in das Arbeitsfenster zu bringen. Valtteri hat es geschafft, Lewis nicht. Das kann viele Gründe haben und je nach Strecke unterschiedlich ausfallen. Der Fahrstil, die Fahrzeugabstimmung, die Balance, der Asphalt, die äußeren Temperaturen spielen da mit hinein.“

Obwohl Mercedes im Duell mit Ferrari ausgeglichen hat, sehen Wolff und Lauda beim Reifenmanagement immer noch Vorteile beim Gegner. „Ferrari bringt die Reifen zuverlässiger ins Fenster. Wir müssen es schaffen, dieses Fenster für uns zu vergrößern.“ Das wird ein harter Lernprozess. Weil jede Strecke anders ist. „Der Asphalt in Sotschi war glatt wie eine Glasplatte. Da hat das Lernen bei Null angefangen. Beim nächsten Rennen in Barcelona wird es besser. Die Strecke kennen wir von den Testfahrten“, macht sich Lauda Mut.

Gewisse Rätsel lassen sich durch die Vorgeschichte des GP Russland erklären. Mercedes hatte Mühe, die Vorderreifen aufzuheizen, weil man sich nach den schlechten Erfahrungen mit den Hinterreifen bei den Rennen zuvor mehr darum gekümmert hatte, die hinteren Walzen am Leben zu halten. Ferrari hat die Vorderreifen mit einem einfachen Trick ins Fenster gebracht. Man wählte mehr Radsturz und bezahlte im Rennen mit Blasenbildung auf den weichen Reifen.

Hamilton ist einfach falsch abgebogen

Auch für die plötzliche Stärke auf den Ultrasoft-Reifen und den Zeitverlust mit den Supersoft-Walzen gibt es eine plausible Einschätzung der Ingenieure. Nachdem sich die weichste Gummimischung vom Freitag weg als das Sorgenkind entwickelte, konzentrierte sich Mercedes mehr auf diesen Reifentyp und vernachlässigte die Longruns auf den Supersoft-Reifen. Nur Hamilton fuhr am Freitag einen 11-Runden-Stint auf Supersoft. Bei Ferrari waren beide Fahrer bei der Generalprobe auf den Supersofts unterwegs.

Valtteri Bottas bekam mit der härteren Mischung hauptsächlich im Verkehr Probleme. Der Mercedes ist ganz offensichtlich von Turbulenzen mehr betroffen als der Ferrari. „Hinter den Überrundeten sind die Vorderreifen ausgekühlt. Dann habe ich mir einen Bremsplatten geholt. Das hat für ein paar Runden meinen Rhythmus gebrochen. Erst als ich frei fahren konnte, gelang es mir die Reifen wieder anzünden“, erzählte der Sieger.

Pirelli-Technikchef Mario Isola versteht die Nöte der Teams nicht. Von einem zu kleinen Fenster will er nichts wissen. „Die Reifen verhalten sich einfach anders, weil sie durchweg härter sind als im Vorjahr. Also muss man sie auch behandeln wie früher harte Reifen. Es ist etwas schwerer, sie zum Arbeiten zu bringen, aber wenn man sie mal so weit hat, dann bleiben sie auch in ihrem Fenster.“

Auch Niki Lauda glaubt, dass die Reifenfrage bald ihre Antworten finden wird. „Irgendwann verstehst du es. Die Frage ist, wer das schneller schafft.“ Das gilt auch für die Fahrer. „Lewis ist beim Setup einfach irgendwo falsch abgebogen“, resümierte Toto Wolff. „Das haben wir aber auch bei anderen Teams gesehen. Bei dem einen Fahrer war die Leistung sehr gut, beim anderen nicht.“

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