Ferrari holt Vettel zu früh an die Box

Bottas auch ohne Safety Car Siegkandidat

Sebastian Vettel - Formel 1 - GP Aserbaidschan - 29. April 2018 Foto: sutton-images.com 72 Bilder

Ferrari hat Mercedes eingeladen, den GP Aserbaidschan zu gewinnen. Statt wie Mercedes und Red Bull auf ein Safety Car zu warten, holte man Sebastian Vettel früh an die Box. Bottas hätte auch ohne Safety Car eine Siegchance gehabt.

Die Fehler am Kommandostand häufen sich. Mercedes-Teamchef Toto Wolff hatte Recht mit seiner Prophezeiung, dass der Dreikampf an der Spitze mehr Variablen in den Taktikpoker wirft und damit auch mehr Möglichkeiten für Fehler. Diesmal machte Mercedes alles richtig, Red Bull und Ferrari dagegen alles falsch.

Hamilton unplanmäßig an Box

Eigentlich wäre es ein einfaches Rennen für Ferrari gewesen, nachdem Sebastian Vettel den Start gewonnen hatte. Der zweifache Saisonsieger hielt Lewis Hamilton auf Respektabstand. Der schwankte zwischen 2,2 und 4,5 Sekunden. Bis sich Hamilton zu Beginn der 22. Runde in der ersten Kurve massiv verbremste. „Der Wind hat mich fortgeblasen“, verrät der Weltmeister. Die Datenanalyse fand heraus. Zuerst blies Hamilton der Wind mit 25 km/h ins Gesicht. Dann kam er plötzlich mit 15 km/h von hinten. Der Mercedes-Pilot landete im Notausgang, verlor dabei 3,6 Sekunden und in den folgenden zwei Sektoren noch einmal zwei Sekunden, weil er sich die Reifen eckig gebremst hatte.

Lewis Hamilton - Mercedes - Formel 1 - GP Aserbaidschan - 29. April 2018 Foto: xpb.cc
Lewis Hamilton gab bei einem heftigen Verbremser Rauchzeichen.

Hamiltons Fehler diktierte ihm die zweitbeste Taktik. Er musste unplanmäßig an die Box. Bei 29 Runden Restdistanz blieb Mercedes nichts anderes übrig, als dem Engländer für die zweite Rennhälfte Soft-Reifen zu geben. Ein Nachteil, weil sich der Supersoft-Reifen als Geheimwaffe für den ersten Stint erwies. Man konnte ohne erkennbaren Gripverlust beinahe ewig damit fahren und für den kurzen Schluss-Stint Ultrasoft-Reifen aufziehen. Damit stand auch die Strategie für Hamiltons Gegner fest: Solange durchhalten, bis man sich den Wechsel auf Ultrasoft-Reifen würde leisten können und bis man sicher sein konnte, dass einem ein Safety Car nicht das Rennen verhagelt.

Ferrari konzentrierte sich zu viel auf Hamilton

Knapp nach Halbzeit des Rennens führte Vettel komfortabel 9,4 Sekunden vor Valtteri Bottas und 28,3 Sekunden vor Hamilton. Die Mercedes-Ingenieure trauten ihren Augen kaum, als Ferrari seinen Spitzenreiter in Runde 30 an die Boxen rief, und ihm natürlich eine Garnitur Soft-Reifen mitgeben musste. Man war im roten Lager so auf Hamilton fixiert, dass man die viel größere Gefahr durch Bottas gar nicht erkannte. Der Finne hatte die Lücke in den acht Runden davor um 2,2 Sekunden schließen können, sah aber aus Sicht von Ferrari nicht wie ein Siegkandidat aus.

Der frühe Boxenstopp von Vettel brachte Bottas wieder ins Spiel. Und nicht nur den. Auch Lewis Hamilton und die Red Bull-Piloten durften sich plötzlich wieder eine kleine Siegchance ausrechnen. Sie brauchten dazu nur ein Safety Car. Das auch prompt kam. Der Red Bull-Crash raubte Vettel die Führung und schloss die Lücke zwischen Vettel und Hamilton. Alle hinter dem Ferrari mit der Startnummer 5 bekamen quasi einen Boxenstopp geschenkt. Vettel stellte sich trotzdem hinter seine Strategen: „Wir hatten Angst, dass Lewis so weit aufholen würde, dass er bei einem späten Boxenstopp von mir nur noch drei bis vier Sekunden hinter mir liegt. Dann hätte er auf der langen Geraden vom Windschatten profitiert und jede Runde vier Zehntel geschenkt bekommen.“

Valtteri Bottas - Mercedes - Formel 1 - GP Aserbaidschan - 29. April 2018 Foto: sutton-images.com
Bottas bekam seinen ersten und einzigen Stopp während der Safety Car-Phase geschenkt.

Der Hintergrund: Wegen des starken Gegenwinds auf der Zielgeraden war der Windschatten-Vorteil und der DRS-Effekt stärker als sonst. Die Lokomotive im Zug bekam den ganzen Wind ab. Der Rest konnte sich dahinter verstecken, selbst wenn er mit 300 Metern Abstand fuhr. „Es war unglaublich“, berichtete Vettel. „Schon bei sechs Sekunden Abstand zum Vordermann hast du erste Auswirkungen vom Windschatten gespürt. Bei vier Sekunden hast du den Verfolger regelrecht gezogen. Wir hatten die Befürchtung, dass der Mercedes mit den härteren Reifen besser zurechtkommt. Deshalb wollten wir uns gegen Lewis absichern.“

Bottas hätte Vettel mit Ultrasoft-Reifen schnell eingeholt

Und dabei verlor Ferrari Bottas völlig aus dem Auge. Mercedes ist überzeugt, dass der Finne auch ohne Safety Car eine Chance gehabt hätte. „Wir hätten bis Runde 40 mit dem Boxenstopp gewartet und wären dann auf Ultrasoft-Reifen gegangen.“ Der Mercedes-Computer hatte längst eine Prognose für ein Szenario ohne Safety Car erstellt. Bottas wäre rund sechs Sekunden hinter Vettel auf die Strecke gekommen, hätte dann aber elf Runden lang voll mit den Ultrasoft-Sohlen attackieren können.

„Valtteri hätte Seb mit dem Vorteil der weicheren Reifen innerhalb von fünf oder sechs Runden eingeholt und noch genug Zeit gehabt, ihn zu überholen.“ Was bei dem Topspeed-Vorteil der Mercedes kein großes Kunststück gewesen wäre. Ferrari hatte für das Rennen auf mehr Abtrieb gesetzt als der WM-Gegner. Gut für die Rundenzeit, schlecht für den Topspeed. Das Delta betrug schon ohne Windschatten und DRS 8 km/h zugunsten von Mercedes.

Es kam nicht so weit. Beim zweiten Re-Start hatte Vettel den Mercedes mit der Startnummer 77 vor seiner Nase und den anderen im Genick. Bottas zog das Tempo viel früher als Vettel beim ersten Re-Start an und lief am Ende der Zielgeraden prompt in die Windschatten-Falle. Wenigstens hatte er den Vorteil der sauberen Linie. Bottas zwang Vettel nach links, wo Spätbremsen ein Risikospiel ist. „Die Referenzpunkte für das Anbremsen der ersten Kurve sind alle auf der rechten Seite der Strecke, doch da war mir die Sicht durch die zwei Mercedes verdeckt“, erklärte Vettel seinen Verbremser.

Der Ferrari-Pilot musste nach Gefühl in die Eisen, spät, aber nicht dramatisch viel zu spät: „Auf der normalen Linie hätte es gereicht. Aber innen hat es da ein paar Bodenwellen. Das Auto war kurz in der Luft, die Vorderräder haben blockiert, ich bin kurz runter von der Bremse, dann wieder drauf, und dann ging mir einfach der Platz aus.“ Innerhalb weniger Meter hatte der Spitzenreiter der ersten 30 Runden zwei Mercedes und Kimi Räikkönen vor der Nase, und eine Runde später war er auch noch gegen den Angriff von Sergio Perez machtlos, weil sich die gequälten Vorderreifen erst wieder erholen mussten.

Vettel beim Anti-Aggressionstraining

Nach dem Rennen traf man einen Vettel in aufgeräumter Stimmung an. Trotz eines verschenkten Sieges versuchte der Beinahe-Sieger die positiven Seiten des Rennens zu sehen und die Enttäuschung über die Launen des Schicksals auszublenden. Diese neue Qualität konnte man schon in Shanghai erkennen. Vettel reagierte gelassen auf Max Verstappens Rammstoß und Fernando Alonsos optimistisches Überholmanöver. Noch vor einem Jahr wäre der vierfache Champion im und außerhalb des Autos auf die Palme gegangen.

Sebastian Vettel - Ferrari - Formel 1 - GP Aserbaidschan - 28. April 2018 Foto: xpb.cc
Sebastian Vettel zeigte sich wie in China recht ausgeglichen.

Es hat fast den Anschein, als hätte Vettel über den Winter an einem Anti-Aggressionstraining teilgenommen. Der 30-jährige Wahlschweizer braucht keinen Anstoß von außen. Er ist intelligent genug zu erkennen, dass ihm die emotionalen Ausbrüche im Endeffekt geschadet haben. Wenn es denn eine Schwäche war, dann hat sie Vettel ausgebügelt. Auch nach dem Rennen in Baku meinte er fast fröhlich: „Wir wissen jetzt, dass wir überall ein schnelles Auto haben. Ein Auto, mit dem wir aktiv um den Sieg kämpfen können und nicht ständig einem Rückstand hinterherlaufen müssen.“

Das Geheimnis des Ferrari SF71H ist, dass es keines gibt. Das Auto war schon bei den Wintertestfahrten eine Granate, nur konnte es Ferrari nicht zeigen, weil es zu lange dauerte, bis man die neue Aerodynamik verstand. Vettel bestätigt: „Wir haben an unserem Auto seit den Testfahrten praktisch nichts verändert, eher ein bisschen zurückgebaut, um die Probleme zu verstehen. Jetzt bewegen wir uns langsam wieder an den Stand hin, den wir am Anfang hatten. Dazu haben wir die Fahrzeugabstimmung optimiert.“ Die Mercedes-Ingenieure geben Vettel Recht: „Wir haben bei den Testfahrten Normalform gezeigt. Ferrari hat sich unter Wert präsentiert. Stand heute müssen wir sagen, dass Ferrari das bessere Auto hat. Auch wenn wir im Reifenfenster sind.“

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