Vettel gewinnt GP England 2018 in Silverstone

Ferrari-Sieg auf Mercedes-Hausstrecke

Sebastian Vettel - Ferrari - GP England 2018 - Silverstone Foto: sutton-images.com 69 Bilder

Sebastian Vettel verpasste die Pole-Position nur um Haaresbreite. Doch das korrigierte der Ferrari-Pilot gleich am Start. Unterschiedliche Reifenstrategien warfen ihn gegen Rennmitte hinter Valtteri Bottas. Mit dem Vorteil der Softreifen schnappte sich Vettel gegen Rennende noch den größten Pokal in Silverstone.

Es ist wie ein Auswärtssieg im Fußball. Ferrari gewinnt beim Heimspiel von Mercedes. Sebastian Vettel schlägt Lewis Hamilton auf einer Strecke, die der Engländer in den letzten vier Jahren fest in der Hand hatte. Hamilton landete zwischen 2014 und 2017 Heimsiege in Silverstone. Ein Sieg gegen alle Vorhersagen: Alle Experten sprachen vor dem Wochenende von einer Mercedes-Paradestreck, von einem Must-Win für die Silberpfeile. Damit war spätestens nach dem Qualifying Schluss. Im Abschlusstraining verfehlte Vettel die Pole-Position nur um 44 Tausendstel. Schon da witterte der viermalige Champion die Chance, den vierten Saisonsieg einzufahren. Obwohl der Nacken zwickte.

Die Probleme waren spätestens mit dem Rennstart ausgeräumt. „Gott sei Dank war alles okay. Ich hatte vor dem Start schon ein bisschen Muffe. Aber als das Adrenalin kam, spürte ich keine Schmerzen mehr“, berichtete der Mann, der durch den 51. Karrieresieg in der ewigen Bestenliste mit Alain Prost gleichzog. Zur Sicherheit hatte Ferrari die Kopfstütze mit zusätzlichen Schaumpolstern versehen.

Ferrari taktiert anders

Der GP England 2018 war ein Rennen, das mit einem Knall in der dritten Kurve begann und mit einem grandiosen Endspurt endete. Vettel fasst es knackig zusammen. „Super Start, super Rennen, Hammer-Finish.“ Auf den ersten Meter überflügelte Vettel seinen Hauptrivalen, sicherte sich die Spitze und verlor diese nur für einen Umlauf wegen eines früheren Reifentauschs. Das Rennen nahm nach dem Unfall von Sauber-Pilot Marcus Ericsson in der 32. Runde und dem fälligen Safety Car weiter an Dynamik zu. Und an Dramatik. Ferrari entschied, den Führenden zum zweiten Reifentausch zu bitten. Die Mechaniker bestückten den SF71H mit der Startnummer 5 mit einem frischen Satz der Garnitur Soft.

Sebastian Vettel - Ferrari - GP England 2018 - Silverstone Foto: sutton-images.com
Ein Sieg auf der Mercedes-Hausstrecke: Vettel kam vor Hamilton ins Ziel.

Mercedes machte das Gegenteil. Valtteri Bottas und Lewis Hamilton blieben auf ihren 12 beziehungsweise acht Runden alten Medium-Reifen auf der Strecke. Was Hamilton vom fünften auf den dritten Platz spülte, weil Max Verstappen und Kimi Räikkönen wie Vettel eine neue Softgarnitur abholten. Bottas erbte die Spitzenposition. Vettel war plötzlich in der Verfolgerrolle. Auf einer Strecke, auf der man etwa 1,4 Sekunden schneller sein muss, um den Vordermann zu überholen. Jedoch mit dem Vorteil neuer und weicherer Reifen. „Die Entscheidung einen zweiten Stopp zu machen, war richtig“, hielt Vettel fest. „Es war eine 50:50-Entscheidung. Wir haben das Gegenteil von Ferrari gemacht. Uns war die Position auf der Strecke wichtiger als ein neuer Reifen“; begründete Mercedes-Teamchef Toto Wolff.

Eine Attacke aus dem Hinterhalt

Beim ersten Restart in Runde 38 kochte Bottas seinen Hintermann ab. „Ich habe gepennt und die Reifen drehten durch“, erklärte Vettel. Im selben Umlauf krachten Carlos Sainz und Romain Grosjean zusammen und lösten das zweite Safety Car aus. In Runde 42 gab Rennleiter Charlie Whiting den Grand Prix wieder frei. „Diesmal war ich aufmerksam und ließ Valtteri nicht entwischen.“ Vettels erste Attacken wehrte Bottas noch ab. Es dauerte vier Runden, bis der 31-Jährige den Silberpfeil knackte. „Ich hatte mehr Grip. Aber auf dieser Strecke ist es schwer, dran zu bleiben mit den vielen schnellen Kurven“, spricht Vettel den Abtriebsverlust in den Verwirbelungen an.

Die Entscheidung fiel in der 46. Runde in Brooklands. Vettel spielte den Reifenvorteil aus, Bottas fuhr nach eigenen Aussagen wie auf Eis. Vettels Überholmanöver in Kurve 6 verdiente sich den Zusatz Extraklasse. Es war eine Attacke aus dem Hinterhalt. Ganz nach dem Vorbild seines alten Red Bull-Teamkollegen Daniel Ricciardo. „Der Überraschungseffekt war der Schlüssel“, meinte Vettel. „Ich wusste, ich darf nicht zu lange hinter Valtteri bleiben, sonst drohen meine Reifen, zu überhitzen. Ich habe spät gebremst und bin innen reingestochen. Ich wusste nicht, ob ich die Linie halten kann.“ Er konnte. Der WM-Führende enteilte seinem Verfolger mit Siebenmeilenstiefeln. Das zeigt der Vergleich der Rundenzeiten im 47. Umlauf. Vettel erzielte in 1:30.696 Minuten die schnellste Runde des Rennens. Bottas kroch dagegen in 1:33.411 Minuten um die 5,891 Kilometer lange Bahn.

Mercedes war sich nach dem Rennen sicher, dass Vettel vom Safety Car profitierte. „Valtteri hatte das bessere Reifenmanagement. Am Ende des ersten Stints schloss er zu Vettel auf. Und auch auf den Mediums verkleinerte er die Lücke“, sagte Wolff. Vettel gab zu, dass er nach dem gewonnen Start die Softreifen zu sehr rannahm. „Ich habe zu viel aus den Reifen herausgedrückt.“ Ob Vettel bei einem normalen Rennverlauf mit den Mediums gegen Rennende in Reifenprobleme geschlittert wäre, ist Spekulation. So oder so baute er seine WM-Führung aus. Im Duell Vettel-Hamilton steht es 171 zu 163 nach WM-Punkten. Ferrari hat im Mercedes-Land Silverstone einen Wirkungstreffer gelandet.

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