Vettels Defektserie

Reifenschaden ein Rätsel, Getriebedefekt geklärt

Sebastian Vettel GP Brasilien 2011 Foto: Red Bull 60 Bilder

Sebastian Vettels fast makellose Saison endete mit zwei Defekten. Der Reifenschaden von Abu Dhabi warf ihn nach 500 Metern aus dem Rennen. Das Getriebe in Brasilien überlebte. Mit dem letzten Tropfen Öl. Es war eine Rettungsaktion, bei der Vettel über Funk ferngesteuert wurde.

Das Ziel von Red Bull und Sebastian Vettel, ohne einen Defekt durch die ganze Saison zu kommen, wurde im letzten Moment verfehlt. In Abu Dhabi brachte ihm ein Reifenschaden die einzige Nullrunde ein. Zwei Wochen später kam der Weltmeister im Finale von Brasilien mit Glück und viel Zittern über die Distanz. Sein kränkelndes Getriebe hätte keine drei Runden mehr überlebt.

Vettel inspiziert persönlich das Getriebe

Vettel wäre nicht Vettel, wenn er nicht jedem noch so kleinen Problem auf den Grund ginge. Die anderen Fahrer hatten das Fahrerlager von Interlagos schon längst verlassen, da stand der Heppenheimer immer noch mit seinen Ingenieuren über das Getriebe gebeugt in der Red Bull-Garage.

Erst hatte man nach der Rückkehr der Autos aus dem Parc fermé vergeblich versucht, die Renault-Motoren hochzujagen - eine alte Formel 1-Tradition - dann ging es an die Ursachenforschung. Die Mechaniker öffneten die Karbonglocke der Kraftübertragung und Vettel schaute geduldig dabei zu. Die Abschlussparty in der Stadt musste warten. Der Champion wollte wissen, was ihn ab Runde 13 gebremst hatte.

Da erhielt er den ersten von vielen Funksprüchen von seinem Ingenieur Guillaume Rocquelin. Der warnte ihn vor steigenden Öltemperaturen und sinkendem Öldruck im Getriebe. Normalerweise befinden sich zwischen anderthalb und zwei Litern Schmierstoff in einem Formel 1-Getriebe. Das Sezieren von Vettels Schaltbox brachte ein Leck zu Tage, durch das sich das Öl praktisch vollständig verflüchtigte. Vettel grinste: "Da war fast nichts mehr drin."

Ingenieure raten Vettel zur Aufgabe

Die Getriebespezialisten im Telemetrieraum rieten dem Kommandostand zur Aufgabe, weil sie sich nicht vorstellen konnten, dass Vettel dieses Rennen zu Ende fahren würde. Doch der 21-fache GP-Sieger ist ein Kämpfer. Ingenieur "Rocky" assistierte, Vettel fuhr ferngesteuert 58 Runden lang wie auf rohen Eiern ins Ziel.

Das Geheimnis: Früher hochschalten, die Kurven einen Gang höher nehmen. Zum Schluss wurde der zweite Gang nicht mehr angerührt. Vettel passte Schritt für Schritt seinen Fahrstil an und war trotz der Malaise noch schneller als die McLaren- und Ferrari-Piloten. Auch Teamkollege Mark Webber machte anfangs nur zwei bis drei Zehntel gut. "Ich habe Mark dann vorbeigelassen, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass ich es bis ins Ziel schaffe", rapportierte Vettel. "Es wäre sinnlos gewesen, Mark mit einem Zweikampf Zeit zu stehlen. Da musst du an das Team denken, und das will das Rennen gewinnen."

Es wurde ein Doppelsieg daraus, obwohl die Telemetriedaten des Getriebes eigentlich schon jenseits von Gut und Böse lagen. Normal ist ein Öldruck von 2,1 bar. "Bei einem Wert unter eins haben unsere Ingenieure gesagt, dass Fahren nicht mehr möglich ist", wunderte sich Teamchef Christian Horner. Dann verrät er noch: "Im Ziel war der Druck auf 0,4 bar gefallen."

Vettel nicht viel langsamer als Webber

Teamberater Helmut Marko fügte hinzu: "Wir haben für die Schlussphase Strategien entwickelt, wie Vettel den Druck einigermaßen hochhalten konnte. Unter den Umständen ist er unglaubliche Rundenzeiten gefahren." Vettel schwächte ab: "Als Fahrer passt du deinen Fahrstil laufend den Problemen an. Ich bin dort schnell gefahren, wo ich durfte. In den Kurven. Und habe dort aufgepasst, wo ich musste. In den Beschleunigungszonen auf den Geraden."
 
Dass er trotzdem hin und wieder sogar Webbers Rundenzeiten unterbot, erklärte der Australier so. "Erst dachte ich, bei Seb lassen die Reifen nach oder er bekommt ein KERS-Problem. Dann hat mich mein Ingenieur über seine Getriebeschwierigkeiten informiert. Da war mir klar, dass es für ihn ein langer Weg bis ins Ziel werden würde. Meine Referenz waren deshalb die anderen Autos. Hin und wieder habe ich den Faden verloren und zu viel Fahrt rausgenommen, um den Reifen die Chance zur Erholung zu geben."
 
Vettels Getriebe war nach dem Ausfall in Abu Dhabi eine brandneue Einheit. "Gottseidank, sonst hätte es nicht bis zum Ende durchgehalten", atmete Marko auf. Da liegt er wahrscheinlich falsch. Besagtes Getriebe machte schon beim Einbau am Freitagabend Zicken. Es gab Probleme mit den Toleranzen. Für die Mechaniker und Ingenieure wurde es eine lange Nacht. Sie hätten besser daran getan, Teile eines Getriebes mit weniger kritischen Komponenten zu nehmen.

Reifenschaden bleibt weiter ein Rätsel

Während der Getriebeschaden noch am gleichen Abend geklärt werden konnte, bleibt der Reifenschaden, der Sebastian Vettel 14 Tage zuvor aus dem Rennen warf, ungeklärt. Pirelli untersuchte die Reste im Labor und schloss strukturelle Schäden aus. Mehr ließen die Gummifetzen nicht zu.

"Wir haben ungefähr 90 Prozent des Reifens sichern können, aber die waren teilweise so zerstört, dass wir den genauen Verlauf des Schadens nicht mehr nachvollziehen konnten", erzählte Pirelli-Sportchef Paul Hembery. "Der Druckverlust kam so schnell, dass eine massive Beschädigung vorgelegen sein musste." Auf Vettels Einwand, man habe gewisse Verdachtsmomente, meinte Helmut Marko: "Alles Sterndeuterei."

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