Vettels Überraschungssieg in Australien

VSC und Mercedes beschenken Ferrari

Sebastian Vettel - Ferrari - GP Australien 2018 - Melbourne - Rennen Foto: xpb 66 Bilder

Mercedes hatte in Australien das schnellste Auto. Trotzdem gewann Ferrari. Weil sich bei Mercedes ein Rechenfehler einschlich, der sich in einer virtuellen Safety-Car-Phase böse auswirkte. Trotz des Erfolgs weiß Vettel: Ferrari muss sich deutlich steigern.

Auf die Klatsche am Samstag folgte der Sieg am Sonntag. Sebastian Vettel hat wie im Vorjahr den GP Australien gewonnen. Es ist sein dritter Sieg im Melbourner Albert Park und der 48. der Laufbahn. Es war einer der glücklicheren.

Denn eigentlich hatten Mercedes und Lewis Hamilton den ersten großen Pokal der Saison fest für sich beansprucht. Zunächst mit einer Machtdemonstration im Qualifying, als man Ferrari rund sieben Zehntelsekunden aufbrummte. Dann mit einem souveränen ersten Rennabschnitt. Hamilton gewann den Start und setzte sich bis zur 18. Runde um über drei Sekunden von Kimi Räikkönen ab. Vettel lag schon über 7,5 Sekunden zurück. „Ich geriet in Reifenprobleme. Deshalb verlor ich den Anschluss an die beiden.“

Glücksfee entscheidet sich für Ferrari

Auch wenn Ferrari sich nicht wie in der Qualifikation abhängen ließ, schien der Sieg für Hamilton ungefährdet. Selbst als Räikkönen den Weltmeister mit einem Boxenstopp in Runde 18 zu einem Reifentausch einen Umlauf später zwang. Den Mercedes-Strategen waren die Hände gebunden. Hätten sie nicht auf Ferraris Undercut reagiert, hätte Räikkönen mit den frischeren Reifen die Führung übernommen. Ferrari seinerseits, hat den strategischen Vorteil clever ausgespielt. Da rächte sich der Fehler von Valtteri Bottas im Qualifying doppelt. Mit zwei Eisen im Feuer war Mercedes für Ferrari verwundbar. „Kimi fuhr super. Aber in meinen Gedanken bin ich gegen Sebastian gefahren. Deshalb habe ich auf den Vorsprung zu ihm geachtet. Ich ahnte, dass Ferrari mich gegen Sebastian mit Kimi ausspielen möchte“, erzählte Hamilton.

Kimi Räikkönen - Ferrari - GP Australien 2018 - Melbourne - Rennen Foto: sutton-images.com
Im ersten Rennteil sah Vettel noch den Auspuff von Kimi Räikkönen.

Hamiltons Reifenwechsel spülte Vettel in Führung. Allerdings nur mit einem Abstand von rund 12 Sekunden zum silbernen Verfolger. Ein normaler Boxenstopp dauert in Melbourne ungefähr 22,5 Sekunden. Was Vettel wieder hinter Hamilton und Räikkönen geworfen hätte. Dann entschied sich die Glücksfee für Ferrari und verhexte Mercedes. HaasF1 befestigte den linken Vorderreifen an Romain Grosjeans Auto nicht ordnungsgemäß. Der Franzose parkte deshalb seinen Rennwagen mit losem Rad nach der zweiten Kurve. Die Rennleitung rief das virtuelle Safety Car aus. Die große Chance für Vettel und Ferrari. „Das VSC spart dir zehn Sekunden gegenüber einem normalen Boxenstopp“, rechnet Christian Horner die Kalkulationen von Red Bull vor.

Fehlerhaftes Mercedes-Strategieprogramm

„Ich hatte dafür gebetet“, berichtet Vettel. „Als ich sah, dass das virtuelle Safety Car ausgerufen wurde, schoss das Adrenalin durch den Körper. Alles musste perfekt passen beim Boxenstopp. Ich wusste, es kann gegen Lewis sehr eng werden. Erst als ich die Box verließ, habe ich gesehen, dass ich vorne bin.“ Ferrari maximierte seine einzige Möglichkeit, Mercedes zu überlisten. Das Weltmeister-Team hingegen patzte. Das Strategieprogramm hatte den Silberpfeilen vorgerechnet, dass die Lücke zu Ferrari kleiner sein muss als 15 Sekunden, damit Hamilton im Fall eines VSC die Spitzenposition übernimmt. In der Runde vor dem Boxenstopp betrug Vettels Vorsprung nur 11,306 Sekunden. Die Sicherheitsmarge von fast vier Sekunden hätte für Mercedes also reichen müssen.

Trotzdem reihte sich Vettel vor seinem Rivalen ein. Das Rechenprogramm hatte die Mercedes-Strategen getäuscht. „Es war irgendein Bug in der Software oder ein Fehler im Algorithmus“, erzählte Mercedes-Teamchef Toto Wolff. Vermutlich hat Vettel zwischen der ersten und zweiten Safety Car-Linie entscheidende Zeit gutgemacht. Dieser Abschnitt beginnt kurz vor der Boxeneinfahrt und endet kurz nach der Boxenausfahrt. Es ist der einzige Bereich, in dem die Fahrer während einer VSC-Phase voll angasen dürfen. Heißt: Vettel absolvierte im Prinzip einen Boxenstopp unter Renngeschwindigkeit, während Hamilton sich auf der Strecke an das vorgegebene Tempo in jedem Mini-Sektor halten musste. „Im letzten Jahr hatten wir in solchen Situationen Pech. Dieses Mal hatten wir eben Glück“, hielt Vettel fest. Der vierfache Weltmeister bezieht sich auf den GP China und GP Spanien 2017, als das virtuelle Safety Car jeweils einen möglichen Sieg raubte.

Ferrari schnell auf den Geraden

In Führung spielte Vettel die Qualitäten des Ferrari SF71H aus. Auf den Geraden ist das rote Auto dem silbernen ebenbürtig. Ferrari verliert seine Zeit gegenüber Mercedes in den Kurven. Doch das spielte keine Rolle mehr. Weil die 2018er Fahrzeuggeneration überholen noch schwerer macht. In Melbourne sprachen die Strategen von einem Minimum-Delta von 1,8 Sekunden, um am Vordermann vorbeiziehen zu können. „Ich durfte mir keinen Fehler leisten und musste konstant bleiben. Ich hatte die frischeren Reifen als Lewis. Er war zwar ein paar Mal in meinem DRS-Fenster, konnte mich aber nie ernsthaft gefährden.“

Vettel fühlte sich auf den Softreifen deutlich wohler als auf den Ultrasofts im ersten Rennstint. Eine fehlerlose Leistung führte ihn zu den ersten 25 Punkten der Saison. Trotzdem bleibt der Heppenheimer auf dem Boden. Weil Mercedes sowohl in Qualifying als auch Rennen das schnellere Auto hatte. „Lewis war im ersten Teil des Rennens schneller und auch im zweiten. Auf uns wartet Arbeit. Wir müssen uns in der Qualifikation und im Rennen verbessern.“ Man könnte den Rennsonntag auch so zusammenfassen: Mercedes hat Ferrari ein Geschenk angeboten und die Roten haben es ausgepackt. Weitere Fehler dieser Art dürfte sich Mercedes in dieser Saison nicht mehr leisten.

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