George Russell - Williams - GP Ungarn 2021 - Budapest xpb
Williams - Formel 1 - GP Portugal 2021
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Williams-Fahrer George Russell im Interview

George Russell im Interview Was ein Fahrer überhaupt nicht will

George Russell gilt als einer der Superstars der Zukunft. Im Interview spricht der (Noch-) Williams-Fahrer über zähe Jahre am Tabellenende, seine Zauberrunden in einem schlechten Auto, den Umgang mit Frust und seine Erwartungen zum Neustart der Formel 1 ab 2022.

Endlich, Ihre ersten Punkte im Williams.

Russell: Mir fehlen ein bisschen die Worte. Mein letzter Stint war wahrscheinlich der beste meiner Karriere. Ich habe wie verrückt gekämpft, um Ricciardo und Verstappen hinter mir zu halten. Nach einer Zeit des Malochens, dreieinhalb Jahre für das Team und zweieinhalb für mich, bin ich einfach nur glücklich für jeden Einzelnen.

Sind Punkte mit Williams so wertvoll wie Ihre Leistung für Mercedes 2020 in Bahrain?

Russell: Damals wurde ich ins kalte Wasser geworfen. Es waren unglaublich schwierige Umstände. Aber ich wusste, dass ich das Auto habe, um etwas Gutes zu leisten. In meinem Kopf glaubte ich sofort daran. Jetzt weiß ich, dass wir alles perfekt hinbekommen müssen, und selbst dann sind Punkte ein bisschen außer Reichweite. Es fühlt sich an wie ein Sieg. Punkte mit Williams sind wohl die größere Errungenschaft.

George Russell - Williams - GP Ungarn 2021 - Budapest
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Endlich in den Punkten: Williams jubelt in Budapest für Latifi und Russell.

Bis auf Ungarn sind Sie im Qualifying immer mindestens bis in den zweiten Teil (Q2) vorgestoßen. Im Rennen fallen Sie oft zurück. Wo ist der Unterschied?

Russell: Zwischen Qualifikation und Rennen besteht ein großer Unterschied. Die Autos reagieren ganz anders. In der Qualifikation sind die Reifen brandneu und am unteren Ende der Temperaturskala. Du kannst aggressiv sein. Die Temperatur steigt in der fliegenden Runde zwar, wird aber nie bedrohlich hoch. Im Rennen ist das anders. Der Tank ist voll, du folgst anderen Autos, du rutschst herum. Die Temperaturen sind am Limit. Deshalb ziehen die Topautos immer weg. In sauberer Luft lässt es sich schön fahren. Alles wird leichter. Schaut euch nur die Fahrer aus dem Mittelfeld an. Wenn die ein super Qualifying hatten und unter den Top 4 starten, fallen sie im Rennen immer zurück. Am Ende sind sie 30 Sekunden hinter Red Bull und Mercedes. Es ist dasselbe für uns, wenn wir uns weit oben klassifizieren. Wir fallen aus dem Mittelfeld nach hinten. Am Ende sind wir 30 Sekunden hinter der Mittelfeldgruppe. Im Rennen werden die Reichen reicher und die Armen ärmer.

Man gewinnt den Eindruck, dass Sie besonders in der Startphase im Verkehr leiden und zurückfallen.

Russell: Ich habe schon oft darüber gesprochen, wie schwer es mit unserem Auto bei Wind ist. Dass unser Auto da sehr sensibel reagiert. Im Pulk trifft dich die turbulente Luft. Nicholas und ich haben damit sehr zu kämpfen. Als Team haben wir diese Schwäche erkannt. Wir sind vielleicht in eine Richtung gegangen, die das Auto schneller gemacht hat, wenn wir freie Bahn haben. Aber das Auto ist schwieriger zu fahren. Wir werden die Philosophie dahingehend im nächsten Jahr ändern. Die Regeln 2022 sollten es ohnehin erleichtern. Es sollte für uns alle allgemein aufregender werden.

War es ein Fehler, die Aerodynamik so spitz ausgelegt zu haben? Das Team musste eigentlich erwarten, in der Quali zwischen Platz 15 und 20 zu landen, und im Rennen dann massiven Turbulenzen ausgesetzt zu sein.

Russell: Was ist richtig, was ist falsch? Wenn wir in eine etwas andere Richtung gegangen wären, hätte uns das etwas Speed in der Qualifikation gekostet. Beispiel Silverstone: Wir haben uns für den achten Startplatz qualifiziert. Nach der ersten Runde war ich Zehnter. Wenn wir in die andere Richtung entwickelt hätten, wären wir in der Qualifikation Zwölfter geworden, und nach dem Start vielleicht Elfter gewesen. Also eine Position dahinter. Als Fahrer willst du ein Auto, das dich nicht dumm aussehen lässt. Du willst eines, das einfach zu fahren ist. Eines, das nicht Fehler fördert. Im Moment haben wir ein Auto, mit dem Fehler sehr einfach passieren. Es ist sehr einfach, die Räder zu blockieren. Das willst du als Fahrer nicht. Aber wenn es schnell ist, nimmst du es in Kauf. Wir haben einen großen Schritt bei der Performance gemacht. Wahrscheinlich einen größeren als alle anderen.

Was war härter: der Defekt im ersten Österreich-Rennen oder im zweiten von Alonso kurz vor Ende aus den Punkten geworfen zu werden?

Russell: Der Defekt war härter. Weil es überhaupt nicht in meiner Verantwortung lag, und auch nicht in den Händen der Mehrzahl des Teams. Wenn wir im zweiten Rennen vielleicht ein bisschen was anders gemacht hätten, hätte es funktionieren können. Aber Fernando hat mich ein paar Runden vor Schluss überholt und ist mir dann noch um fünf Sekunden davongefahren. Er war einfach so viel schneller. Ich war deshalb nicht so enttäuscht. Er hat sich den zehnten Platz verdient, wir nicht. In Imola war es anders. Da hätten wir es verdient gehabt. Wir waren schnell, hatten eine gute Qualifikation, eine gute Geschwindigkeit im Rennen. Das war das echte Bild. Genauso wie im ersten Österreich-Rennen. Da lagen wir auf dem achten Platz, und hatten das wegen unserer Pace verdient.

George Russell - Williams - GP England 2021 - Silverstone
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Quali-Spezialist: In Österreich und England rast Russell sogar ins Q3.

Was war besser: Q3 auf Mediumreifen in Spielberg oder Q3 in Silverstone?

Russell: Ich habe völlig vergessen, dass ich es in Österreich auf dem Mediumreifen in Quali 3 geschafft habe. Beide Erlebnisse waren aus verschiedenen Gründen unglaublich. Ich denke, Silverstone war spezieller, weil es vor Heimpublikum passiert ist. Die Runde kam aus dem Nichts. Ich war auf dem zweiten Reifensatz sechs Zehntel schneller. Es fühlte sich überall fantastisch an. In Österreich wussten wir, dass es eng werden würde. Es auf den Mediumreifen zu schaffen, mich vor ein paar Fahrern auf der weichen Mischung zu qualifizieren, war auch ein irres Gefühl.

2019 und 2020 fuhren sie mehr oder weniger hinterher. Sie haben jetzt ein besseres Auto, können kämpfen. Wie schärft das die Rennfahrer-Sinne?

Russell: Es hilft sehr, überhaupt in der Lage zu sein, gegen andere Fahrer zu kämpfen. Im Mittelfeld diese Erfahrung zu machen. Aber es ist nichts, wo ich das Gefühl hatte, es verloren zu haben oder verpasst. Das kannst du wie Radfahren. Beim Kartfahren ab dem achten Lebensjahr gab es fünf Läufe jedes einzelne Rennwochenende. Ein Vor-Finale, ein Finale. Ich bin so früh so viele Rennen gefahren. Formel 4 drei Rennen pro Wochenende. Formel 3 drei Rennen pro Wochenende. 2019 konnte ich nicht kämpfen. 2020 gab es etwas Racing. Wenn das Auto gut ist, bin ich sofort wieder bereit.

In einem schlechten Auto, wie haben Sie sich da Ziele gesteckt?

Russell: Die letzten zwei Jahre waren sehr schwer zu verkraften, weil wir wussten, so weit weg zu sein vom Rest. Es gab keine wirklichen Performance-Ziele, sondern nur allgemeine. Sicherzustellen, dass du den bestmöglichen Job machst. Sicherzustellen, dass du nach dem Rennwochenende zufrieden bist. Auch wenn du dich als 19. qualifizierst, weißt du, ob es eine gute Runde war oder nicht. Nach dem Rennen weißt du, ob es gut war oder nicht. Es ging immer darum, das Maximum aus dem Auto zu pressen. Dieses Jahr sind die Ziele andere. Ich will immer Q2 erreichen und Punkte holen. Das ist ein klares Ziel.

Wo sehen Sie nach der Sommerpause die größten Chancen?

Russell: Vielleicht in Zandvoort, weil es eine neue Strecke ist. Das wird für alle eine neue Erfahrung. Vielleicht auch Monza. Zu unserer Überraschung waren wir dort die letzten zwei Jahre schnell, obwohl wir ein sehr ineffizientes Auto hatten. Dieses Jahr haben wir ein effizientes. Deshalb könnten wir in Monza gut aussehen. Andererseits: In Silverstone waren wir schnell, obwohl die Strecke zu den fünf schlechtesten für uns zählen sollte. Und wir waren dort besser als überall sonst. Seltsam.

Fernando Alonso ist ein großer Fan von Ihnen. Hat er Ihnen das gesagt oder haben Sie das aus den Medien erfahren?

Russell: Ich habe es aus den Medien gehört. Das bedeutet mir sehr viel, so etwas von jemanden wie Fernando zu hören. Er ist einer der größten Rennfahrer jemals. Ich habe eine Statistik gesehen, dass ihm nur zehn Punkte oder so fehlen würden, um viel mehr Titel zu haben. Zwei Weltmeisterschaften sind eine große Leistung, aber er war so nah dran an noch viel mehr. Es ist immer schön, von Fahrern gelobt zu werden, die du sehr respektierst.

Wie gehen Sie mit Frust um?

Russell: Ich versuche immer, das Positive herauszuziehen, und dann weiterzumachen. Ich habe in den letzten Jahren viel Erfahrung mit Frust gesammelt. Wenn ich an Imola 2020 denke, an Sakhir, das Rennen in Imola in dieser Saison, an Österreich. Auch Hockenheim 2019 war so eine Sache. Robert hat mich in drei von 21 Rennen oder so in der damaligen Saison geschlagen, unter anderem dort. Und dann kommen nur elf Autos ins Ziel. Jeder sagt danach, Robert hat gepunktet und du nicht. Aber wie oft sind in den letzten Jahren nur elf Autos ins Ziel gekommen? Und mit den Punkten hat es auch nur geklappt, weil Alfa Romeo disqualifiziert wurde. Typisch, du verlierst nur drei Mal im Jahr, und einmal davon besteht die Chance, zu punkten.

George Russell - Williams - GP Ungarn 2021 - Budapest
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Im Verteidigungsmodus: Russell hält Ricciardo und Verstappen in Schach.

Das ist ärgerlich.

Russell: Aber ich habe gelernt, das Positive mitzunehmen. Nach meinem einzigen Rennen für Mercedes war ich natürlich unglaublich enttäuscht. Aber: Ich hätte schlechte Arbeit abliefern, Fehler machen und Dritter werden können. Ich bin glücklicher über das Wochenende, das ich hatte, weil die Leistung stimmte, als Dritter oder Zweiter zu werden und nicht abgeliefert zu haben. Ich will Weltmeister werden. Da kannst du es nicht zulassen, dass dich Enttäuschung runterzieht, weil es das nächste Rennen beeinflussen würde. Und das danach. Du musst konstant abliefern, immer am Limit operieren. Du kannst die Vergangenheit nicht ändern. Ich lebe in der Gegenwart und denke an die Zukunft.

Werden die neuen Regeln ab 2022 wirklich zu Veränderungen führen oder gewinnen am Ende mit Mercedes und Red Bull die üblichen Verdächtigen?

Russell: Im Sport geht es um Talent. Das Talent des Fahrers, der Ingenieure, der Designer. Wir haben in der Vergangenheit gesehen, dass Teams riesige Budgets hatten, aber nichts daraus gemacht. Ich würde sagen, das Team mit dem meisten Talent, der größten Motivation und dem größten Feuer wird oben stehen. Aber wenn ein Reglementswechsel so eklatant ausfällt, wer weiß? Wir haben es 2009 und 2014 gesehen. Alles kann sich drehen. Aber Mercedes, Red Bull und Ferrari werden in den Top 5 sein.

Wie gut kann Williams sein?

Russell: Ich glaube wirklich daran, dass Williams Plätze gutmachen wird. Sie murksen nicht herum, sondern packen richtig an, investieren, wo sie es müssen. Untersuchen, wo sie die Struktur im Team verbessern müssen. Schaut euch an, wie viel wir uns verbessert haben in einem Jahr mit einem stabilen Reglement. Weil die Prozesse und alles andere in der Fabrik etwas besser werden. Williams will gewinnen. Das klingt verrückt, wenn man hier sitzt und bedenkt, dass wir die letzten drei Jahre Letzter geworden sind. Aber dieses Team hat Ambitionen und packt an. Vielleicht werden sie nicht direkt im nächsten Jahr da sein, aber sie werden definitiv im Mittelfeld mitfahren. Und vielleicht in ein paar Jahren um Podestplätze und Siege.

Erwarten Sie, dass die Fahrer ihren Stil stark anpassen werden müssen? Die 2022er Autos bringen schließlich den Ground Effect zurück.

Russell: Ich bin bis jetzt eine Version im Simulator gefahren, und nicht das 2022er Auto. Eine Version, von der wir annehmen, wo es ungefähr hingehen wird. Es wird einfach ein weiteres Rennauto. Es wird anders, aber es ist dieselbe Umstellung wie von der Formel 4 in die Formel 3, von der Formel 3 in die Formel 2 und dann in die Formel 1. Als Fahrer lernst du, dich anzupassen. Du gewöhnst dich daran. Wie an einem Rennwochenende, wenn es mal wärmer ist, mal windiger.

George Russell - Williams - GP Steiermark - Spielberg - Formel 1 - 25. Juni 2021
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2022 wird Russell aller Voraussicht nach für Mercedes an den Start gehen.

Wie analysieren Sie ein Rennen? Schauen Sie sich bestimmte Sequenzen noch einmal an? Zum Beispiel den Verstappen-Hamilton-Unfall, um auch daraus zu lernen?

Russell: Den Zwischenfall habe ich 100 Mal angeschaut, wie jeder andere auch. Für mich war das ein Rennunfall. Da steckte nichts Bösartiges dahinter. Lewis ist einer der saubersten und fairsten Fahrer überhaupt. Ich schaue mir immer meine Videos an, checke die Daten, stöbere nach Highlights. Einfach um zu verstehen, was abging. Wenn du dein eigenes Rennen fährst, weißt du nicht, was passiert. Als ich um Copse fuhr, habe ich Max nicht einmal im Reifenstapel gesehen. Dass sich Sebastian die Kurve zuvor gedreht hatte, wusste ich nicht. Ich bin an ihm vorbeigefahren, habe die gelbe Flagge gesehen, etwas Staub in der Luft. Als ich danach die Daten checkte, habe ich gemerkt, dass es Vettel war, der sich drei Positionen vor mir drehte. Das ist interessant. Du konzentrierst dich so auf deinen Job, dass du manchmal klare Sachen verpasst.

Sind Rennen in der Formel 1 viel komplizierter als in der Formel 2?

Russell: So viel mehr, weil die Aerodynamik so ausgeklügelt ist. Alles ist am Limit. In den Juniorkategorien besteht immer etwas Spielraum. Es gibt keine Probleme mit den Bremsen. Sie sind immer im Fenster. Es gibt kein Problem mit der Kühlung. Da gibt es ein Level, das für alle gleich ist. Wenn es in der Formel 1 heißer ist als erwartet, du mit der Kühlung in Schwierigkeiten kommst, musst du Tempo herausnehmen. Hauptsächlich macht aber die Aero den Unterschied. Das Rennfahren ist zu schwierig damit geworden. Deshalb bin ich so gespannt auf 2022.

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