Der Irrtum der Winter-Testfahrten

Ferrari unter Wert geschlagen

Ferrari vs. Mercedes - GP China 2018 Foto: sutton-images.com 26 Bilder

Die Winter-Testfahrten haben alle Experten in die Irre geführt. Da sah Mercedes noch wie der klare Favorit aus, und Ferrari steckte in Schwierigkeiten. Nach vier Rennen ist es umgekehrt. Wir erklären, wie die Wende zustandekam.

Nach den Wintertestfahrten, ja selbst nach dem GP Australien, hätten viele Experten noch ihr ganzes Geld verwettet: Mercedes wird zum fünften Mal in Folge Weltmeister. Nach vier Grands Prix in dieser Saison sind wir schlauer. Die neue Nummer 1 ist Ferrari. Und Mercedes wird sich anstrengen müssen, den Titel zu verteidigen. Weil mit Red Bull ein dritter Kandidat mit im Spiel ist.

Doch wie konnte sich das ganze Fahrerlager so täuschen? Gewiss, Mercedes-Teamchef Toto Wolff hat schon nach den Testfahrten vor Ferrari und Red Bull gewarnt, doch das haben wir unter der Rubrik Zweckpessimismus abgehakt. Jetzt stellt sich heraus, dass Wolff Recht hatte. Wahrscheinlich hat er sich in dieser Deutlichkeit selbst ein bisschen überrascht. Mercedes hat im Augenblick nur das drittschnellste Auto im Feld.

Die Ingenieure aus Brixworth gehen mit der Wahrheit inzwischen auch ziemlich schonungslos um. „Wir hatten über viele Jahre das schnellste Rennauto. Das haben wir nicht mehr. Auch wenn wir das Reifenfenster treffen. Ferrari hat das schnellere Paket. Auf allen Strecken, bei kaltem, warmem, windigem, windstillem Wetter. Unter manchen Bedingungen ist der Unterschied größer, unter manchen kleiner. Zurzeit helfen uns höhere Temperaturen mehr als tiefe.“

Enges Reifen-Fenster nur ein Teilproblem

sutton-images.com Power Ranking GP Aserbaidschan Ferrari bleibt die Nummer 1

Interessanterweise hat sich seit den Testfahrten wenig geändert. Weder Mercedes, noch Ferrari und Red Bull haben ihre Autos äußerlich groß verändert. Die ersten echten Upgrades sind für den GP Spanien in Barcelona avisiert. Deshalb hätten sich eigentlich die bei den Testfahrten gezeigten Leistungen auch bei den ersten 4 Rennen wiederspiegeln müssen. Doch nur Australien erinnerte entfernt an die Prognosen nach den Wintertests. In Bahrain und Baku hatte Ferrari das schnellste Auto, in Shanghai Red Bull.

Zunächst erklärte man sich bei Mercedes die ungewöhnliche Reihenfolge damit, dass auch der neue W09 in einem sehr engen Arbeitsfenster die Reifen optimal nutzt. Doch inzwischen gab es alle Arten von Bedingungen und alle möglichen Streckentypen, und das Bild bleibt dennoch gleich. Auf eine Runde hat Ferrari das schnellste Auto. Im Renntrimm ist auch noch Red Bull eine echte Gefahr. Weil der RB14 die Reifen besser schont als die Konkurrenz.

Für die Mercedes-Ingenieure bleibt es ein kniffliges Puzzlespiel, die Silberpfeile so abzustimmen, dass sie das Reifenfenster treffen. Das führt dann zu Kompromissen, wenn sich die Wetterbedingungen ändern wie in China oder wenn die Anforderungen an das Auto im Training und Rennen so unterschiedlich sind wie in Aserbaidschan. Für eine schnelle Runde im Training braucht man Abtrieb, im Rennen Top-Speed. Mercedes setzt auf wenig Luftwiderstand. Ferrari konnte sich mehr Abtrieb leisten, stand im Training vorne und hätte das Rennen auch gewonnen, hätte man Sebastian Vettel nicht zu früh an die Box geholt.

Ferrari baute Auto kurzfristig zurück

Mercedes vs. Ferrari - GP China 2018 Mercedes rüstet zurück Darum hat Ferrari mehr Power

Schlussfolgerung: Eigentlich ist der Widerspruch gar keiner. Mercedes präsentierte sich bei den Wintertestfahrten an seinem Optimum. In der zweiten Testwoche waren die Wetterbedingungen stabil. Man hatte genug Zeit, das Auto optimal einzustellen. Ferrari dagegen war neben der Spur. Der SF71H machte nicht, was er sollte. Das Auto untersteuerte, war nicht in die Kurven zu bringen.

Die Mercedes-Techniker zeichnen das gleiche Bild: „Ferrari hat sich bei den Testfahrten unter Wert verkauft. In Melbourne ist Lewis eine Traumrunde gelungen. Jede andere Runde an diesem Wochenende war nicht so sehr viel besser als die der Konkurrenz. Heute wissen wir: Wir müssen unser Auto schneller machen.“

Sebastian Vettel bestätigt, dass Ferrari zunächst damit beschäftigt war herauszufinden, wo genau der Fehler lag. „Wir haben an unserem Auto seit den Testfahrten praktisch nichts verändert, eher ein bisschen zurückgebaut, um die Probleme zu verstehen. Jetzt bewegen wir uns langsam wieder an den Stand hin, den wir am Anfang hatten. Dazu haben wir die Fahrzeugabstimmung optimiert.“

Genau das macht Vettel so zuversichtlich für den weiteren Verlauf der WM: Ferrari fährt jetzt praktisch mit dem Stand, den man sich schon in Melbourne erwartet hatte. Jetzt, wo das Auto verstanden ist, lässt es sich auch viel zielgerichteter entwickeln.

Ein weiterer Vorteil für Ferrari ist, dass Mercedes keinen Motor-Vorteil mehr hat. Im Gegenteil. Ferrari investiert sein Leistungsplus bei Bedarf bereits in zusätzlichen Anpressdruck. Deshalb kommt dem Rennen in Montreal eine besondere Bedeutung zu. Da bringen alle vier Hersteller ihre Ausbaustufen. Da wird sich dann vielleicht auch zeigen, ob es bei 3 Motoren pro Saison bleibt oder ob man nicht doch lieber eine Startplatzstrafe in Kauf nimmt, um eine weitere Entwicklungsstufe dazu zu gewinnen.

Lewis Hamilton jedenfalls will sich nicht weiter auf glückliche Umstände oder Fehler der anderen verlassen. Er führt die WM-Wertung nicht an, weil er der schnellste Fahrer der ersten vier Rennen war. Bestenfalls der konstanteste. „Es ist schön, die WM anzuführen, aber wir dürfen uns bei den restlichen 17 Rennen nicht auf Glück oder die Fehler anderer verlassen. Wir brauchen ein besseres Auto.“

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